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Filmliteratur: „Nazis können nicht lieben. Drei Filme aus Deutschland“

Mittwoch, 26.08.2020

Wolfgang Jacobsen spürt den Methoden der NS-Propaganda nach, Unterhaltungsfilme in den Dienst ihrer verbrecherischen Ideologie zu stellen

Diskussion

In einer Passage durch zeitgeschichtliche Dokumente und Filme spürt Wolfgang Jacobsen in einem schmalen Bändchen den subtilen Methoden der NS-Propaganda nach, Unterhaltungsfilme in den Dienst ihrer verbrecherischen Ideologie zu stellen.


„Habe ich als Junge Filme aus der NS-Zeit gesehen?“, fragt sich der Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen zu Beginn seiner Recherche „Nazis können nicht lieben. Drei Filme aus Deutschland“. Seine persönlichen Erinnerungen sollen ihm dabei helfen zu verstehen, „wie Filme nationalsozialistische Ideologie unter die Leute brachten. Die diese zu glauben bereit waren.“ Es geht Jacobsen also nicht um die üblichen Verdächtigen von Leni Riefenstahl bis zu Veit Harlan, sondern um die „stille Propaganda“ in Kriminalfilmen wie „Alarm“ (1940; Regie: Herbert B. Fredersdorf), Kriegsfilmen wie „Die Degenhardts“ (1944, Regie: Wolfgang Klingler) oder in einem Gerichtsfilm wie „Ich klage an“ (1941; Regie: Wolfgang Liebeneiner), der die Euthanasie legitimierte.


Mikrogeschichten und NS-Selfies

Sie alle verbinde ein „schwarzes Band des Todes“, so Jacobsen. Mit welchen Mitteln diese „Mikrogeschichten“ und „NS-Selfies“ erzählt wurden, das erfährt man entlang einer Fülle erhellender Abschweifungen und kulturhistorischer Verweise. Etwa, dass „Ich klage an“ aus dem Jahr 1941 beinahe zu einem Star-Vehikel geworden wäre. Auf der potenziellen Besetzungsliste standen Heinrich George, Paula Wessely, Olga Tschechowa oder Emil Jannings. Jacobsen analysiert das perfide Plädoyer für das Töten „unwerten Lebens“ bis ins kleinste Detail der manipulativen Inszenierung, nicht ohne festzustellen, dass es ohne den Regisseur Wolfgang Liebeneiner noch viel schlimmer hätte kommen können, denn dieser nahm sich Frank Capras „Es geschah in einer Nacht“ von 1934 zum Vorbild, was in den Augen der nationalsozialistischen Wächter der reinen Lehre einer Provokation glich.

Immerhin, so erläutert Jacobsen, kam die Anregung zu „Ich klage an“ direkt aus der „Kanzlei des Führers“. Bis Ende August 1941 waren bereits 70 000 Menschen Opfer der Politik zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und zum „Schutz der Erbgesundheit des Volkes“ geworden. Auf die Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen den Mord sollte mit einem Spielfilm reagiert werden, der die Einwände in der Bevölkerung im Sinne des NS-Regimes beeinflussen sollte. Liebeneiner mischte sich in die wechselnden Drehbuchfassungen ein und sorgte dafür, dass die „Thematik indirekter formuliert“ wurde. Alle politisch erkennbaren Statements ließ er streichen. Die Beeinflussung sollte geschmeidig daherkommen, mit einem „feinen, weit gespannten Netz der Suggestionen“, bis jedem Zuschauer einleuchtete, dass die an multipler Sklerose erkrankte Hauptfigur trotz ihrer Jugend den Tod auf Verlangen freiwillig wählt.


Keiner wagte von „Euthanasie“ zu sprechen

Eine „ideale und idealistische Stellvertreterin des Staates“ nennt Jacobsen diese Selbstmörderin, deren Opfer „die tausendfache Tötung ohne Verlangen rechtfertigen“ sollte. Eine Gerichtsverhandlung gegen den Sterbehelfer dekliniert nochmals die Argumente durch mit dem Ziel, „einen demokratischen Rechtsdiskurs vorzugaukeln“. Ein Manöver ganz nach dem Geschmack von Goebbels, der einen Tag vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion schrieb, der Film sei „großartig gemacht und ganz nationalsozialistisch“. Im Anschluss gewann dieser die „Coppa della Biennale“ in Venedig und ließ in Deutschland das Publikum in Massen in die Kinosäle strömen, während kein einziger Filmkritiker das Wort „Euthanasie“ zu benutzen wagte.

Jacobsen lässt noch textliche Echos folgen, von dem Buch „Die Belasteten“ von Götz Aly bis zu „Die Fahrt ins Blaue“ von Alfred Döblin, bevor er das Morden in allen grausamen Etappen beschreibt und zum Schluss an seinen in der Gaskammer der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg ermordeten Großvater erinnert.


In Bilder und Sprachen hineingekrochen

Ähnlich funktionieren die anderen beiden Kapitel: Die Szenenanalyse wird eingebettet in ein filmhistorisches Netzwerk der Bezüge, das sowohl die mitunter erstaunlich flexiblen Biografien der Beteiligten umfasst, als auch die Aktivitäten des für Film zuständigen Apparats im NS-Staat. Man erfährt, warum die Traditionslinie des Kriminalromans verpönt war, der 3D-Film dagegen förderungswürdig erschien und wie die „Helden in Uniform“ doch noch für die Verharmlosung von Gestapo-Methoden herhalten konnten. In den Filmdialogen von „Die Degenhardts“ meint Jacobsen sogar Paraphrasen über den Holocaust zu erkennen und fragt danach, wie das Ideologische in das Verhältnis von Bild und Sprache „hineinkriecht und so das kompakte Unterholz für Verbrechen bildet?“

Es lohnt sich, ihm bei diesem sich unablässig mit Gedanken verdichtenden Abstieg zu folgen, vorbei an Dantes Inferno aus der „Göttlichen Komödie“, wo im zweiten Kreis – der erste ist Hitler, Goebbels & Co. vorbehalten – die willigen und nichts ahnenden Helfer, Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler schmoren.


Literaturhinweis

Nazis können nicht lieben. Drei Filme aus Deutschland. Von Wolfgang Jacobsen. Filit-Reihe, Band 18. Verbrecher Verlag, Berlin 2020. 158 S., 16,00 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.


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