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Filmklassiker: Des Teufels Lohn

Mittwoch, 02.09.2020

In seinem auch als politischer Kommentar lesbaren Western „Des Teufels Lohn“ (1957) holte der „B-Film“-Spezialist Jack Arnold die Vorgaben des Genres in die 1950er-Jahre.

Diskussion

In seinem Western „Des Teufels Lohn“ (1957) holte der „B-Film“-Spezialist Jack Arnold die Vorgaben des Genres in die 1950er-Jahre. Die Auseinandersetzung zwischen einem aufrechten Sheriff und einem selbstherrlichen Rancher, der einen Mexikaner töten lässt, hat archetypischen Charakter und lässt sich nicht zuletzt politisch als Warnung vor einem System der Gewalt mit faschistoiden Zügen deuten. Der Film ist in Deutschland erstmals auf Blu-ray erschienen.


Über Jack Arnold zu schreiben, heißt Eulen nach Athen tragen – auch wenn ihn die „seriöse“ Filmgeschichtsschreibung, vor allem in Amerika, kaum zur Kenntnis nimmt. Außer in Ephraim Katz’ „The Film Encyclopedia“ findet sich in den maßgeblichen Film- und Regisseurslexika kein Eintrag. Das ist schon ein starkes Stück! Immerhin gilt Arnold, neben Joseph H. Lewis oder Edgar G. Ulmer als einer der wichtigsten B-Film-Regisseure Hollywoods. Wenig Geld, viel Einfallsreichtum – so entstanden kleine Meisterwerke wie Gefahr aus dem Weltall, Der Schrecken vom Amazonas, Tarantula! und vor allem Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.. Deutsche Cineasten erinnern sich noch gern an die Reihe „Jack Arnold erzählt“, in der der Regisseur ab Ende 1983 im WDR, später dann in den anderen Dritten Programmen im Anschluss an die Ausstrahlung seiner Filme Auskunft über sich und die Dreharbeiten gab. Doch Arnold hat nicht nur Horror- und Science-Fiction-Filme gedreht, sondern auch Western, vier Stück immerhin, und einer von ihnen ist Des Teufels Lohn.

Das kritische Porträt einer Stadt, die im 20. Jahrhundert noch nicht in der Zivilisation angekommen ist.
Das kritische Porträt einer Stadt, die im 20. Jahrhundert noch nicht in der Zivilisation angekommen ist.

Ein A-Western, von Universal produziert, in Schwarz-weiß und Cinemascope. Doch ist der Film wirklich ein Western? Immerhin ist ein wichtiger Aspekt der Genre-Definition, die zeitliche Verortung im 19. Jahrhundert, nicht erfüllt. „Des Teufels Lohn“ spielt in den 1950er-Jahren. „Der Westen ist zwar nicht mehr wild, aber noch immer ziemlich gewalttätig. Auch wenn die last frontier schon längst erreicht und die Pferde durch Autos ersetzt wurden, die Cowboyromantik den trostlosen Lebensbedingungen mexikanischer Landarbeiter weichen musste, die Colts nicht umgeschnallt, sondern in der Schublade verwahrt werden, und die Rancher ihren Besitz eingezäunt haben, ohne dass dies noch jemanden stören würde: eigentlich hat sich nichts geändert“, schreibt Klaus-Peter Koch im einzigen deutschsprachigen Buch über Jack Arnold.

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Ein Mord auf einer gewaltigen Ranch

Noch vor dem Vorspann sieht der Zuschauer, wie zwei Männer einen jungen Mexikaner abends aus einer Schlafbaracke zerren und in einer Werkstatt verprügeln. Plötzlich ist der junge Landarbeiter tot, erschlagen mit einer Spitzhacke. Beobachtet hat die Tat ein alter, gebrechlicher Mann, auch er Mexikaner und darum nicht besonders glaubwürdig in den Augen der Bürger. Trotzdem erstattet er bei Sheriff Ben Sadler, dargestellt von Jeff Chandler, Anzeige. Der Mord geschah auf einer Ranch namens „Golden Empire“, ihr Besitzer ist Virgil Renchler, den Orson Welles in einer Mischung aus Selbstherrlichkeit und Skrupellosigkeit, mit der schieren Präsenz seines gewichtigen Körpers, spielt. Sein Hank Quinlan, der böswillige Cop aus Im Zeichen des Bösen, lässt sich hier schon erahnen. „Wissen Sie eigentlich, dass es in Europa fünf oder sechs Länder gibt, die nicht so groß sind wie diese Ranch?“ fragt er Sadler.

Sheriff Sadler (Jeff Chandler, rechts) wird mit einem scheinbar übermächtigen Gegner konfrontiert.
Sheriff Sadler (Jeff Chandler, rechts) wird mit einem scheinbar übermächtigen Gegner konfrontiert.

Renchler macht sich sein eigenes Recht, die Gesetze der nahegelegenen Stadt Spurline interessieren ihn nicht, dem Sheriff verwehrt er auf der „Golden Empire“ jegliche Verfügungsgewalt. Doch Sadler weigert sich, den Fall aufzugeben. Er ist ein aufrechter, dickköpfiger Mann, der für Recht und Ordnung sorgen will. Allerdings steht er allein auf weiter Flur, die feigen Bürger der Stadt helfen ihm – ähnlich wie in Zwölf Uhr mittags – nicht, im Gegenteil: Sie sind wirtschaftlich von Renchler abhängig, der im Ort Lebensmittel und Benzin kauft und sein Vieh im Bahnhof verlädt. Die Verladestation könnte er auch nach Sonora verlegen – dann wäre es in Spurline noch trister, noch staubiger, noch langweiliger. Doch als Renchlers Vorarbeiter den Sheriff an einem Laster hängend durch die Stadt schleifen, ist die Grenze zum Terror überschritten.

Der Kriminalfall bleibt im Hintergrund

Arnold interessierte sich kaum für den Kriminalfall. Der Zuschauer ist Zeuge der Tat und kann die beiden schuldigen Männer später als Handlanger Renchlers identifizieren. Das Motiv – der Tote hat mit Renchlers junger Tochter geturtelt – ist bekannt. Einmal sichert Sadler bei einer Hausdurchsuchung ein Beweisstück, ohne dass der Zuschauer das Laborergebnis erführe. Dass die Mörder behaupten, das Opfer versehentlich an einer dunklen Kreuzung mit dem Laster überfahren zu haben, könnte der zu Rate gezogene Gerichtsmediziner klären. Doch so weit denkt hier niemand.

Arnold ging es um etwas anderes, um den Antagonismus seiner beiden Hauptfiguren: Hier der langweilige, hartnäckige Sheriff, für den die Pflicht über alles geht, dort der füllige, arrogante Rancher, der für die Maximierung des Profits seine Macht missbraucht. Einige Kritiker haben diese Konstellation, nicht zuletzt wegen der bewaffneten Handlanger und der feigen Spießbürger als Allegorie auf den Faschismus verstanden. Doch wenn ein italienischer Friseur, mit dem Sadler befreundet ist, Renchler mit Mussolini gleichsetzt, ist dies ein Kurzschluss. Schlüssiger ist hier die Problematisierung des alltäglichen Rassismus: Die „Wertlosigkeit“ des Lebens der mexikanischen Landarbeiter wird offen und unbestraft verhandelt: Warum ihretwegen den Wohlstand im Ort gefährden? Die gedankliche Brücke zu einem US-Präsidenten, der an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen will, ist dann gar nicht mehr so fern.




Anmerkung: Die Blu-ray enthält außer dem US-Kinotrailer und einer Bildergalerie keine besonderen Extras.

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