© Fox (aus „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“)

Zum Tode von Diana Rigg

Freitag, 11.09.2020

Ein Nachruf auf die britische Schauspielerin (20.7.1938-10.9.2020)

Diskussion

Berühmt wurde Diana Rigg (20.7.1938-10.9.2020) in den 1960er-Jahren als selbstbewusste Agentin in der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“, doch die Ambitionen der britischen Darstellerin gingen über die einer Stilikone weit hinaus. Auf der Leinwand, im Fernsehen und insbesondere im Theater schätzte sie vor allem abgründige Rollen, bei denen ihre Attraktivität und ihr leicht ironischer Ausdruck in die Irre führen und Boshaftigkeit, Sarkasmus, aber auch Verlorenheit verraten konnten.


Wohl keine Schauspielerin verfügte über solch markante Grübchen wie Diana Rigg, die einerseits ihre Attraktivität ausmachten, gegen die sie andererseits auf gewisse Weise jedoch auch zeit ihres Lebens anzuspielen schien. Zusammen mit ihren katzenhaft leuchtenden Augen erweckten die Grübchen oft den Eindruck, als würde Diana Rigg sich in ihren Rollen köstlich amüsieren, womöglich aber auch diese und die Welt um sie herum nicht recht ernst nehmen. Für die seriöse Darstellerin, die sie sein wollte, konnte dies nicht unbedingt erstrebenswert sein, für ihren Durchbruch und den Aufstieg zur Ikone war es zunächst ideal: Als sie 1965 zur britischen Erfolgsserie „The Avengers“ dazustieß, definierte sie das Verhältnis der wechselnden weiblichen Hauptfiguren zum Serien-Fixpunkt, dem eleganten Agenten John Steed (Patrick Macnee), grundlegend neu. Trotz des recht sexistischen Namens Emma Peel (abgeleitet von „M(an)-Appeal“) und hautenger Lederkluft, verschaffte sich Diana Rigg in der Rolle den gebotenen Respekt, indem sie auch ihren Partner in seiner typisch britischen Unerschütterlichkeit und Höflichkeit immer leicht spöttisch zu betrachten schien.

Der durchaus inspirierte deutsche Serientitel „Mit Schirm, Charme und Melone“ fasste ihren Umgang treffend zusammen: Schirm und Melone waren Patrick Macnees Attribute, den Charme hingegen steuerte in den rund 50 gemeinsamen Folgen Diana Rigg bei. Egal, ob mit den legendär gewordenen Kampftritten oder mit Emma Peels intelligentem Vorgehen bei ihren Undercover-Einsätzen schien sie die wahre Herrin der Lage zu sein, für Steed blieb da oft nur die Funktion, für einen runden Abschluss der Ermittlung zu sorgen oder seiner Partnerin in den gefährlichsten Situationen beizustehen. Was auch ein reiner Blickfang für männliche Zuschauer hätte sein können, wurde durch die Interpretation von Diana Rigg zu einer feministischen Vorreiterin – dass sie auch hinter der Kamera gegen die Ungleichbehandlung bei ihrer Gage kämpfte, verstand sich da im Grunde von selbst.

Diana Rigg als Gaststar in „Der große Muppet-Krimi“ (© Walt Disney)
Diana Rigg als Gaststar in „Der große Muppet-Krimi“ (© Walt Disney)

Der ironische Blick begleitete die Schauspielerin, die ihre darstellerische Weihe ab Ende der 1950er-Jahre in der Royal Shakespeare Company erlebt hatte, auch auf die Leinwand. Nach ihrem Kinodebüt in der schwarzen Komödie Mörder GmbH (1968) war sie die Frau an der Seite von Überagent James Bond (George Lazenby) in Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969), ein Auftritt, für den sich der Begriff des „Bond-Girls“ verbietet. Denn weit entfernt von den unbedarften und schutzbedürftigen Betthäschen, mit denen die Filmreihe vor allem ab den 1970er-Jahren ein antiquiertes Frauenbild pflegte, war Diana Rigg als Tracy di Vicenzo (wie auch schon ihre Vorgängerinnen Ursula Andress in Dr. No und Honor Blackman in Goldfinger) eine selbstbewusste Frau mit höheren Ansprüchen auch an Männer. Ihr Auftreten macht es fast unumgänglich, dass sogar ein Frauenverschwender wie James Bond hier am Schluss vor den Traualtar tritt; ebenso folgerichtig ist, dass Tracy das Ende des Films nicht überleben kann, damit die Reihe wieder in die erprobten Bahnen zurückfinden konnte.

Der vor allem wegen der umstrittenen Bond-Interpretation von George Lazenby lange unterschätzte Agentenfilm machte Diana Rigg gleichwohl auch im Kino zum Star, wo sie sich in ihrer weiteren Laufbahn aber erstaunlich rarmachte. Gerade einmal 17 Spielfilme weist ihr Lebenslauf auf, ihren letzten, den für 2021 angekündigten Thriller „Last Night in Soho“ von Edgar Wright, mitgezählt. Vieles, was sie fürs Kino drehte, war überdies Routine – Nebenrollen als Adlige, Dame der Gesellschaft oder Äbtissin –, das ihre Ambitionen kaum befriedigen konnte, die letztlich in einem anderen Medium lagen: 1938 geboren, war Diana Rigg Teil der „goldenen“ Generation britischer Bühnen-Darstellerinnen, die ebenfalls diesem Jahrzehnt entstammen. Während aber bei Judi Dench, Maggie Smith, Eileen Atkins, Glenda Jackson und Vanessa Redgrave die tiefe Verwurzelung im Theater schon früh unübersehbar war, hatte Diana Rigg schwerer für ihre Anerkennung zu kämpfen. Zu ihren Bewährungsproben und Triumphen auf der Bühne wurden die großen zwielichtigen, schurkischen und zerrissenen Frauenrollen der Theatergeschichte: Medea, Lady Macbeth, Phaedra, Mutter Courage, Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Auch im Fernsehen suchte sie sich gern ähnliche saftige Gastauftritte, etwa als unergründliche Mordzeugin gegen ihren eigenen Ehemann in Zeugin der Anklage (1982), King Lears Tochter Regan in der Fernsehversion des Shakespeare-Stücks mit Laurence Olivier (1983), geheimnisumwobene Lady Dedlock in „Bleak House“ (1985) nach Charles Dickens oder „Emmy“-gekrönt als missgünstige Haushälterin Mrs. Danvers im Rebecca“-Remake (1997). In all diesen dankbaren und vielfach preisgekrönten Darbietungen setzte Diana Rigg darauf, hinter Grübchen und Sexikonen-Status Abgründe aufscheinen zu lassen, den ironischen Blick ließ sie dabei gekonnt ins Sarkastische, manchmal auch ins Verlorene umkippen.

Eine ihrer späten Charakterrollen im Fernsehen: Mrs. Danvers im „Rebecca“-Remake (© WVG Medien)
Eine reife Charakterrolle im Fernsehen: Mrs. Danvers im „Rebecca“-Remake (mit Emilia Fox als geplagter zweiter Mrs. de Winter) (© WVG Medien)

Als ihren liebsten eigenen Film bezeichnete Diana Rigg Theater des Grauens (1972), in dem sie als Tochter eines Shakespeare-Mimen (Vincent Price) dessen blutigen Rachefeldzug gegen feindlich gesinnte Theaterkritiker unterstützt – meist verkleidet und dank ihrer rauchigen Stimme auch glaubhaft als Beatnik mit Perücke und Bart. Auch wenn Diana Rigg später selbst böswillige Verrisse (auch die von eigenen Auftritten) sammelte und als Buch („No Turn Unstoned“) herausgab, dürfte ihre Wertschätzung des Films weniger der Abrechnung mit ignoranten Kritikern als der vollendeten Theatralik des Werks geschuldet sein. Die Lust an der Verkleidung war ein weiteres Merkmal ihrer Arbeit, die freilich zumindest das Kino nur selten wirklich befriedigen konnte, was ihre wenigen fordernden Rollen in diesem Medium aber umso mehr zu Perlen machte. Etwa die Musical-Verfilmung Das Lächeln einer Sommernacht (1977), in der sie den „schleichenden Tod“ als Ehefrau besingt, oder die Krimi-Satire Hospital (1971) mit ihr als rätselhafter Verführerin eines mit Finanznöten und einer Mordserie geplagten Chefarztes (George C. Scott). In ihren letzten Jahren belegten Gastrollen wie in Solange ich atme (2017) auch im Kino, dass sie ihre Ausstrahlung keineswegs verloren hatte. Die Augen strahlten über den Grübchen wie eh und je. Am 10. September 2020 starb Diana Rigg 82-jährig in London an einer Krebserkrankung.

Kommentar verfassen

Kommentieren