© Warner/HBO (aus „Watchmen“)

Unorthodox: Die „Emmys“ 2020

Montag, 21.09.2020

Diskussion

Bei der Verleihung der 72. „Emmy Awards“ konnte die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader über eine Auszeichnung für die Miniserie „Unorthodox“ jubeln. Ansonsten dominierte einmal mehr der Bezahlsender HBO in den Drama- und Miniserien-Kategorien, während eine kanadische Comedyserie gleich mehrere Rekorde brach.


Preisverleihungen sind in Corona-Zeiten eine besondere Herausforderung, speziell in den USA, wo die Pandemie noch weit ungebremster wütet als in großen Teilen von Europa. Die „Primetime Emmys“, ohnehin durch ihre Masse an Preisen schon seit Jahren auf mehrere Wochenenden verteilt, hatten dieses Jahr eine weitere Aufsplittung vorgenommen: Die sogenannten „Creative Awards“ als Auszeichnungen für technische Künste von der Kameraarbeit bis zur Stuntkoordinierung wurden an insgesamt fünf Abenden verteilt, die Hauptpreise für Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren und Serien dann am 20. September 2020 in einer weiteren Zeremonie. Wie auch die vorherigen Verleihungsabschnitte wurde die Sendung zwar live, aber ohne Zuschauer aus Los Angeles übertragen; die Preisträger erfuhren mittels Videoschaltungen von ihren Gewinnen. So auch die deutsche Schauspielerin Maria Schrader, die über eine Auszeichnung für die beste Regie in der Kategorie „Miniserie oder Fernsehfilm“ jubeln durfte. Mit der vierteiligen Verfilmung der Autobiographie Unorthodox von Deborah Feldman hatte Schrader erstmals für den Streamingdienst Netflix inszeniert; die Miniserie erzählt vom Ausbruch einer jungen Jüdin aus ihrer ultraorthodoxen Gemeinde in New York und ihrem Versuch, in Berlin ein neues Leben zu gewinnen.

„Unorthodox“ (© Netflix)
„Unorthodox“ (© Netflix)

„Watchmen“ als klarer Sieger

Unorthodox war auch die Auszeichnung für Maria Schrader, nämlich mit Blick auf etablierte „Emmy“-Traditionen, die bei der 72. Verleihung ansonsten fleißig bedient wurden. Dazu gehörte die Dominanz einzelner Serien wie auch die erneute Prämierung früherer Preisträger. Bei den Miniserien und Filmen blieb es bei einem Preis für „Unorthodox“; der klare Sieger in dieser Kategorie war die originelle Comic-Adaption Watchmen des Bezahlsenders HBO: Insgesamt elf Preise holte die Serie, die neben ihren Entwürfen „alternativer“ historischer Szenarios vor allem auch für ihren Bezug zum brandaktuellen Themas Rassismus gepriesen wurde; am Sonntag kamen neben der Miniserien-Auszeichnung unter anderem die für Hauptdarstellerin Regina King und Nebendarsteller Yahya Abdul-Mateen II dazu. Ergänzt wurden die Miniserien-/Fernsehfilm-Preise durch Uzo Adubas dritten „Emmy“ für Mrs. America (nach zwei früheren für ihre „Crazy Eyes“-Rolle in der Gefängnisserie Orange is the New Black) und dem Preis für Mark Ruffalo in der komplexen Doppelrolle eines Mittvierzigers und seines labilen, schizophrenen Zwillingsbruders in I Know This Much is True.

Lange Gesichter dürfte es dagegen bei den Netflix-Verantwortlichen gegeben haben. Der Streamingdienst war zwar mit insgesamt 160 Nominierungen ins Rennen um die „Emmys“ gestartet und konnte auch insgesamt 21 „Emmys“ gewinnen; neben dem Preis für Maria Schrader ging am Sonntag aber nur eine weitere Auszeichnung an eine Netflix-Produktion: Julia Garner gewann als Nebendarstellerin zum zweiten Mal in Folge für die Thriller-Dramaserie Ozark.

HBO dominierte auch in diesem Jahr

Die seit Jahren mit allen Kräften vorangetriebene Ablösung des Branchenprimus HBO fiel bei den 72. „Emmys“ einmal mehr aus, was nicht allein den Gewohnheitstieren unter den „Emmy“-Juroren geschuldet ist: HBO hatte auch in der Saison 2019/2020 schlicht wegen der hohen formalen Qualität seiner Produktionen vielfach die Nase vorn. So setzte sich neben den Miniserien-Preisen für „Watchmen“ und „I Know This Much is True“ bei der ersten „Emmy“-Ausgabe nach dem Ende von „Game of Thrones“ auch die Stärke des Senders in den wichtigsten Dramaserien-Kategorien fort: Die satirische Familienserie „Succession“ über die umkämpfte Nachfolge eines gesundheitlich angeschlagenen Medienkonzern-Bosses (Brian Cox) gewann für die zweite Staffel sieben Preise, unter anderem für Hauptdarsteller Jeremy Strong (als machthungriger erster Erbanwärter), Regie, Drehbuch und als beste Dramaserie.

„I Know This Much is True“ (© HBO)
„I Know This Much is True“ (© HBO)

Keine Rolle spielte HBO hingegen im Comedy-Bereich, wo eine einzige Serie alle sieben noch ausstehenden „Emmys“ gewann und damit gleich mehrere Rekorde aufstellte: „Schitt’s Creek“ zog alle vier Schauspielpreise, die Auszeichnungen für Regie und Drehbuch und die Ehrung als beste Comedy-Serie an Land – was in der gesamten „Emmy“-Historie in dieser Rubrik noch keinem Vorgänger geglückt war. Das ist umso beachtlicher, weil „Schitt’s Creek“ aus Kanada kommt und in den ersten vier Staffeln bei den „Emmys“ gänzlich unbeachtet geblieben war. Erst 2019 war die Serie über eine dekadente Familie, die sich nach dem Verlust ihres Reichtums mit dem Leben in einem Provinznest arrangieren muss, erstmals in der „Emmy“-Konkurrenz aufgetaucht; die sechste und letzte Staffel erlebte nun den ultimativen Triumph bei den wichtigsten US-amerikanischen Fernsehpreisen.

Offenheit gegenüber allen Identitäten

Damit belohnten die Juroren eine Serie, die von der Kritik insbesondere auch für die Offenheit gegenüber Geschlechteridentitäten gelobt worden war. Der sich als „pansexuell“ definierende Serienschöpfer und Darsteller Dan Levy tritt in der Serie auch als Figur auf, die gegenüber Menschen jeder Geschlechtsidentität romantische Gefühle empfindet – und von ihrer Familie volle Unterstützung dabei erfährt. Neben Dan Levy gewannen auch sein Vater, der kanadische Komiker-Veteran Eugene Levy, sowie dessen durch Stand-Up-Anfänge und viele gemeinsame Filmauftritte bewährte Schauspielpartnerin Catherine O’Hara „Emmys“ für „Schitt’s Creek“, womit die Comedy-Konkurrenz endgültig zur Familienfeier wurde.

Die amerikanische Comedy-Szene blieb dieses Jahr außen vor; nachdem bereits 2019 ein ausländisches Format (Fleabag) die Kategorie dominiert hatte, kann man dies auch als Zeichen sehen, dass sich die Juroren offenbar gerade in diesem Bereich zunehmend für innovative Ideen begeistern – wenn auch unter Umständen mit einiger Verzögerung.


Eine Übersicht der am 20.9. vergebenen Emmys findet sich hier.

Die Übersichten über alle Primetime Emmys finden sich hier.

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