© IFFF/Magdalena Kallenberger

Die eigene Geschichte - Frauenfilmfestival Köln-Dortmund (IFFF)

Dienstag, 22.09.2020

Das nachgeholte Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) in Köln lieferte wichtige Anstöße zu aktuellen Debatten, aber auch zur feministischen Gesellschaftsanalyse

Diskussion

Das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) Dortmund/Köln musste im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Pandemie noch kurzfristig abgesagt werden, konnte im September jetzt aber nachgeholt werden. Dabei präsentierten sich Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme ebenso vielfältig wie gesellschaftskritisch, während die Sektionen Anstöße für Debatten um eine feministische Geschichtsschreibung lieferten.


Feministische Filmkultur kann cineastisch wertvoll, erkenntnisreich und zugleich am Puls der Zeit sein. Das stellte das Internationale Frauenfilmfestival (IFFF) in Köln mit seinen Filmen und Debatten vom 9. bis 13. September 2020 unter Beweis. Im Frühjahr musste das Festival wegen der Pandemie noch abgesagt werden; nun aber wurde es unter Einhaltung von Hygieneregelungen und mit weniger Zuschauerinnen, aber keineswegs mit weniger Leidenschaft und Diskussionsfreude nachgeholt. Heiße Eisen wurden nicht gescheut. Unabhängig, ob es um historische Filme über die Frauenbewegung ging, um Dokumentarfilme von Frauen über die letzten 30 Jahre seit der Wende in Deutschland, internationale Filme aus dem Lesben-, Trans- und queeren Kino oder aktuelle Filme über Frauenleben und -liebe.

Wie kunstvolle Machart und gesellschaftskritische Inhalte bei der Schilderung einer Beziehungskrise ineinandergreifen, zeigte etwa der Spielfilm „Off-Season“ unter Regie von Henning Beckhoff, für den die österreichische Kamerafrau Sabine Panossian mit dem IFFF-Preis für die beste Bildgestaltung geehrt wurde. Panossians Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf zeigt, wie die Liebe eines Upperclass-Pärchens im Urlaub unter der Sonne Siziliens aus den Fugen gerät. Das standesgemäß in Pastelltönen gekleidete Paar hantiert selbst am Strand noch mit dem Mobiltelefon. Anrufe von Geschäftspartnern lösen im Hotelzimmer Machtkämpfe aus, wer im Business das Sagen hat. Beim Tennisspiel duldet er (Godehard Giese) keinen Spaß und will ihr Regeln beibringen.

Das Widerspiegeln entfremdeter Realität im Kapitalismus, in der selbst die Liebe zur Konstruktion verkommt, verdeutlicht die Kamera von Sabine Panossian mit starren Einstellungen vom Stativ. Erst als sich die schwangere Judith (Franziska Petri) nach einem Streit in den verwinkelten Gassen von Palermo selbstständig macht, packt die Kamerafrau die Handkamera aus. Wenn auch nicht immer glücksverheißend, so wird es doch allemal lebendig, als Judith tanzenden Frauen, aber auch aufdringlichen Machos begegnet. Das Ende des Films darf sich das Publikum selbst aussuchen: Ob sie zum Partner zurückkehrt, bleibt offen. Schließlich könnten Beziehungen nicht immer perfekt sein, so Sabine Panossian. Die weibliche Hauptfigur sei „durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat, einen Schritt weitergekommen“.

„A Febre“ von Maya Da-Rin gewann beim IFFF den Preis als bestes Debüt (© IFFF)
„A Febre“ von Maya Da-Rin gewann beim IFFF den Preis als bestes Debüt (© IFFF)

Starre Konventionen zum Tanzen bringen

Die Filme des Festivals deckten eine große Spannbreite ab. Etwa weg vom eher dekadent anmutenden Charme einer Heterofamilie. In der Sektion „Begehrt!“ lief der Dokumentarfilm „Queer Genius“ (USA 2019) von Chet Pancake, der queere Künstlerinnen und Künstler vorstellt, die in den USA mit Film, Literatur und Performance die Geschlechterverhältnisse und damit starre Konventionen in der Liebe und im Leben zum Tanzen bringen. Hat Queerness etwas mit dem politischen Kampf für eine bessere Welt oder gegen das System des Kapitalismus zu tun? Chet Pancake, die sich von einer queeren Frau zur transmaskulinen Person entwickelt hat und sich für die experimentelle Kunstszene interessiert, antwortete: In einer ökonomisch eher marginalisierten Region, den Appalachen im Osten Nordamerikas, aufgewachsen, habe sie sich aufgrund ihrer Vita „quasi naturgegeben im Widerstand zur Mehrheitsgesellschaft“ befunden. Angesichts der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der queeren Szene bringe die Debatte Kontroversen mit sich.

Die Protagonistinnen und Protagonisten ihres Films sprechen aus eigenen Erfahrungen. Die Schriftstellerin Eileen Myles scheint tief in die Lower-East-Side-Szene von New York City und die Punk- und Post-Punk-Szene der 1980er-Jahre eingebettet, Black Quantum Futurism, ein künstlerisch-literarisches Kollektiv, mit dem Erbe schwarzer intellektueller, kreativer, spiritueller und radikaler Bewegungen in Philadelphia verbunden. Deren Wahrzeichen und Vermächtnis sei durch kommerzielle Gentrifizierung in Gefahr, zerstört zu werden, so Pancake.


Ausgepackte Publikumsprovokationen

Mit der Sektion „IFFF packt aus“ brachte das Festivalarchiv erstaunliche filmische Experimente des Feminismus aus der Perspektive der 1970er- und 1980er-Jahre auf die Leinwand. Etwa den Film „Alle Tage wieder – Let them swing“ (1974) von Margarete Raspé, ein Kurzfilm von 21 Minuten, der dem Publikum allerdings schmerzlich lang vorkommen muss. Denn hier wird ein nicht enden wollender Berg von schmutzigem Geschirr gespült. Jede Bewegung der weiblichen Hand, des Schwamms und der Spülbürste wird aus der Perspektive eines auf dem Kopf montierten Kamerahelms in Echtzeit aufgezeichnet. Deutlicher kann man die ungerechte Aufteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern kaum anprangern. Der Film „…Remote… Remote…“ (1973) toppt das noch. Zu sehen ist Selbstverletzung als Zeichen psychischer Verwundbarkeit. Die Filmemacherin Valie Export schnitzt sich mit einem Messer in ihre Fingernagelhaut, lässt Blut in eine Milchschüssel tropfen. Der Film dauert lange zehn Minuten. Widerstände im Publikum zu provozieren und es so herauszufordern, schien damals eine adäquate Methode zu sein, um Missstände aufzuzeigen.

In „Im Ernstfall nicht verfügbar“ (1983) von Monika Funke-Stern erklingt der Slogan „Wir sind Frauen, wir sind viele, wir haben die Schnauze voll“. In ihrem Experimentalfilm reflektiert die Filmemacherin, welche Rollen Frauen im Zweiten Weltkrieg einnahmen, ob sie sich vereinnahmen ließen oder Widerstand leisteten. Anfang 1983 hoffte eine weltweite Friedensbewegung noch, die Stationierung neuer US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa zu verhindern. Die Friedensbewegung war stark, aber auf den Podien bestimmten zumeist Männer die Debatte. Selbst dort hätten sich Frauen ihre Beteiligung erkämpfen müssen. „Es ist wichtig, dass wir unsere eigene Geschichte schreiben“, sagte Funke-Stern beim Filmgespräch im Kinosaal.

Als Eröffnungsfilm lief „Becoming Black“ (© IFFF)
Als Eröffnungsfilm lief „Becoming Black“ (© IFFF)

Die Nachwendezeit im Fokus

Spannende kritische Debatten zur Geschichtsrezeption gab es beim Festival-Fokus „Nach der Wende 1990/2020“. Die Filmemacherinnen Annekatrin Hendel, Regisseurin des Films Vaterlandsverräter“, und Grit Lemke (Gundermanns Revier) behaupteten bei einer Diskussionsrunde mit dem Titel „Unter Deutschen“, dass über die vergangenen 30 Jahre kaum gesprochen werde. Jobverluste, das vorzeitige In-die-Rente-Schicken vieler Menschen, der Zusammenbruch und Aufkauf von Betrieben, auch aus Wettbewerbszwecken nach kapitalistischer Manier –, all das werde verschwiegen, als sei es an den Menschen spurlos vorbeigegangen. Das Narrativ der Debatte sei stets: „Erst gab es die DDR-Diktatur, dann kam 1989 und dann Dunkeldeutschland“, so Grit Lemke. Wenn es nach westdeutschen Filmemachern gehe, habe die DDR fast nur aus der Stasi bestanden, „und wir Ostdeutschen müssen die ganze Zeit nur gelitten haben“, so Hendel. Diese Aufarbeitung der DDR-Geschichte verwundere kaum, da vor allem Fernsehfilme maßgeblich von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ mitfinanziert seien.

Es müsse sowohl eine deutsch-deutsche Debatte geführt, als auch neuen Erkenntnissen im internationalen Zusammenhang Raum gegeben werden, resümierte die künstlerische Leiterin des IFFF, Maxa Zoller, im Anschluss an das Festival. Die Debatte um die ehemaligen Vertragsarbeiterinnen in der DDR voranzubringen und den Frauen Gehör zu verschaffen, sei ihr ein Anliegen. Das Thema wird aktuell auch deshalb diskutiert, weil der Vertrag über den Verbleib vietnamesischer Arbeitskräfte in der DDR im Jahr 1980 geschlossen wurde, also vor 40 Jahren. Ähnlich wie im Fall der Gastarbeiterinnen in der alten Bundesrepublik wurde deren Einsatz zunächst nur als zeitlich befristet angesehen worden. Beim IFFF war der Kurzfilm „Sorge 87“ (2017) von Thanh Nguyen Phuong zu sehen, der prekäre Lebensverhältnisse von Näherinnen und Textilarbeiterinnen in den 1980er-Jahren in der DDR thematisiert. Untergebracht waren sie in Neubauten mit dem bezeichnenden Namen „Sorge“. Der Dokumentarfilm Berlin, Prenzlauer Berg – Begegnungen zwischen dem 1. Maiund dem 1. Juli 1990 (1990) von Petra Tschörtner schilderte, wie kurz vor der Währungsunion die Vertragsarbeiterinnen als erste entlassen wurden.

Die Filme und Debatten des IFFF manifestierten, wie wichtig Filmkultur ist, um Geschichte und Gegenwart einzuordnen – und damit auch, wie unverzichtbar staatliche Unterstützung ist, damit Krisen überstanden werden – auch die der aktuellen Pandemie.

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