© DCM/Chris Hunter

Albtraum einer Mutterschaft - Katrin Gebbe über "Pelikanblut"

Montag, 28.09.2020

Ein Interview mit der Regisseurin Katrin Gebbe über ihren Film „Pelikanblut“

Diskussion

Im Jahr 2013 debütierte die deutsche Regisseurin Katrin Gebbe mit dem kontrovers aufgenommenen Drama „Tore tanzt“. Jetzt folgt mit „Pelikanblut“ (ab Donnerstag im Kino) ein vergleichbar herausforderndes Werk. Die Geschichte einer Frau, die mit wachsender Obsession ihre verhaltensauffällige Adoptivtochter zu retten versucht, setzt erneut auf Horrormotive und versagt sich einfachen Lösungen. Ein Gespräch über die Arbeit jenseits von Schubladendenken.


Ich würde zunächst gern weiter ausholen: Wie haben Sie 2013 die Diskussionen um „Tore tanzt“ erlebt? Wie erfolgreich war der Film?

Katrin Gebbe: Da sollten wir lieber nicht drüber reden. (lacht) Die Filme, die ich großartig finde oder die ich gern sehe, haben oftmals nicht so große Zuschauerzahlen. Deshalb hat mich das Boxoffice von „Tore tanzt“ nicht so erstaunt. Trotzdem hatte ich erwartet, dass in Deutschland mehr Leute ins Kino gehen, um den Film zu sehen. Ich glaube, dass sich viele Zuschauer abgeschrecken ließen, weil die Presse eine gewisse Angst vor dem Film geschürt hat. Ich fand es toll, dass er kontrovers aufgenommen wurde. Viele Kritiker haben allerdings das Ende vorweggenommen und vor allem Aspekte der zweiten Filmhälfte diskutiert. Ich weiß von Bekannten, dass sie sich zum Filmstart nicht ins Kino getraut haben, weil sie sich dem nicht ausliefern wollten. Viele haben den Film als „starken Tobak“ bezeichnet. Ich muss das respektieren, dass man sich dem nicht aussetzen möchte. Dennoch war ich überrascht, da die Gewalt in „Tore tanzt“ fast immer im Off stattfindet. Vielleicht ist die Unausweichlichkeit im Film so hoch, dass manche diese Spannung nicht mehr ertragen.

Kontroverses Drama: "Tore tanzt" (Rapid Eye Movies)
Kontroverses Drama: "Tore tanzt" (Rapid Eye Movies)

Für mich als Filmemacherin war die Reise mit dem Film insgesamt eine tolle Erfahrung, weil mir international viele Türen geöffnet wurden. Ich habe tolle Leute kennengelernt, die Festivals genossen, mich mit Filmemachern ausgetauscht und gemerkt, dass ihr Herz ähnlich wie meines schlägt. Wie arbeiten die? Was gehen die für Wege? Das hat mich angespornt.


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Was haben Sie seitdem gemacht?

Gebbe: Ein Jahr lang war ich mit „Tore tanzt“ auf Reisen, so dass ich mich schlecht auf die Arbeit an etwas Neuem konzentrieren konnte. Ich habe dann einen Tatort inszeniert, danach einen von acht Kurzfilmen für The Field Guide to Evil, eine Anthologie, inszeniert von Regisseuren aus der ganzen Welt in der jeweiligen Sprache. Es geht um Folklore und Mythen, die man eher weniger kennt. Wir waren frei in unserem Stil, es sollte aber Richtung „elevated“ Horror gehen. Es durfte künstlerisch anspruchsvoll sein, aber Dauer und Budget waren begrenzt, weil es nur Crowdfunding gab. Jeder hatte 40.000 Dollar für seine Episode. Zum Glück hat mir die Produzentin Anke Petersen geholfen, dennoch einen hohen Production Value zu erzielen. Es ging leider alles so schnell, dass wir kaum Möglichkeiten hatten, noch Förderung zu bekommen. Es wurde auch eingewandt, das sei ja Horror und keine Kunst. Das fand ich seltsam.

Warum?

Gebbe: Mir ist dabei wieder dieses Schubladendenken entgegengeschlagen, das ich mit „Tore tanzt“ zu überwinden versucht hatte. Ich werde jetzt von vielen auch in dieser Richtung eingeordnet. Etwa auch in Austin, Texas, beim Fantastic Fest, wo auch viele Frauen ihre Horrorfilme vorstellten. Eigentlich mache ich gar keine Horrorfilme, es geht eher in die Richtung von gefühltem Horror. Auf diesen Genrefilmfestivals gibt es eine große Zielgruppe, die inhaltlich und stillistisch sehr aufgeschlossen ist. Seit „Tore tanzt“ sind mir öfters richtige Horrorfilme angeboten worden. (lacht) Interessant!

Sie haben für „Pelikanblut“ auch das Drehbuch geschrieben. Wie kam es zur Idee, oder besser: zu den Ideen, weil es hier ja um mehrere Erzählstränge beziehungsweise Komplexe geht?

Gebbe: Schon während der Arbeit an „Tore tanzt“ hat mich die Vergangenheit von Psychopathen interessiert. Werden sie gefühlskalt geboren? Gibt es Traumata, die sie verstören? Kann man eine solche emotionale Entwicklung rückgängig machen? Im Zuge meiner Recherchen habe ich eine Dokumentation namens „Child of Rage“ gesehen. Die Doku zeigt ein Interview mit einem Mädchen, das stark traumatisiert ist. Sie kennt keine Ängste, empfindet aber auch keine Empathie. Dieses Interview hat mich überhaupt nicht mehr losgelassen. Ich wollte damit etwas machen, wusste aber nicht, wie ich dieses Thema anfassen sollte. Dann kam Verena Gräfe-Höft, die Produzentin von „Tore tanzt“, mit einem Zeitungsartikel über „Rumpel Gregor“. Eine Adoptivmutter beschrieb darin die Probleme mit ihrem Sohn, der, ebenso wie das Mädchen aus der Doku, verstörende Verhaltensweisen an den Tag legte. Da merkten wir, dass wir einem Tabuthema auf der Spur sind.

(DCM Distribution)
Man wird nicht als "gut" oder "böse geboren: "Pelikanblut" (DCM Distribution)

Wie kam es dann zum Fokus auf die Mutter?

Gebbe: Ein Kind wird von unterschiedlichen Faktoren geprägt; es entscheidet sich nicht aktiv dafür, „gut“ oder „böse“ zu handeln. Die Figur der Mutter hingegen muss aktiv entscheiden, wie sie mit dem Kind umgeht. Sie ist mit einem Dilemma zwischen eigenem Glücks- und Sicherheitsanspruch und der Verantwortung für einen kleinen Menschen konfrontiert, der es sich nicht ausgesucht hat, so zu sein. Es wurde dann mehr und mehr ein Film über die Mutter und ihren Weg. Sie hat für die Adoption gekämpft, schließt das Kind überglücklich in die Arme geschlossen – und wird kurz darauf in die Hölle geworfen. Sie muss mit einem Mal alles hinterfragen.

Zur Recherche haben wir viele Interviews mit „wahren Fällen“ geführt. Das Traurige: Meistens haben zwar die Frauen gemeinsam mit einem Partner adoptiert; später aber war die Mutter oftmals allein. Durch die Konflikte mit dem Kind ist die Beziehung in die Brüche gegangen. Auch das Umfeld hat sich oft komplett abgewandt. Zudem konnten viele Mütter ihren Beruf nicht mehr ausüben. Stück für Stück entglitt ihnen alles. Irgendwann müssen sie eine Entscheidung treffen, ob sie weiter für das Kind kämpfen wollen oder ob die Situation so untragbar ist, dass sie es aufgeben und weggeben müssen. Ein spannender Konflikt, auch, um das Ideal der Mutterschaft zu hinterfragen. Wie weit kann und muss man gehen? Darum heißt der Film auch „Pelikanblut“. Es geht um eine Mutter, die etwas aus sich herausholen muss, das grenzüberschreitend ist. Sie gerät an ihre physischen und mentalen Limits.

Es ist ein komischer Zufall, dass fast zeitgleich mit „Systemsprenger“ ein Film über einen ähnlichen Stoff gedreht wurde.

Gebbe: Das ist wirklich verrückt. Zumal Nora Fingscheidt auch eine Hamburger Regisseurin ist, ungefähr in meinem Alter. Der wesentliche Unterschied: Fingscheidt erzählt ein Sozialdrama. Sie stellt das Mädchen in den Fokus, bei mir liegt das Augenmerk auf der Mutterfigur. Mein Film ist durch die abstrakten Elemente zudem künstlerisch viel überhöhter. Er ist zwar im Drama verankert, geht aber in eine mystische Richtung. Ich frage auch allgemeiner: Was bedeutet es, wenn Menschen im Familienkontext oder in Partnerschaften das Leben anderer beeinträchtigen oder zerstören? Inwieweit ist man selbst oder auch die Gesellschaft bereit, für einen Menschen zu kämpfen? Letztlich haben Nora Fingscheidt und ich sehr unterschiedliche Filme gemacht. Der gemeinsame Nenner ist aber, dass wir ein schwieriges Kind in den Mittelpunkt rücken, und dass es beide Male ein Mädchen ist. Menschen, die nicht in unser System passen, geben wir zu schnell auf, wir sperren sie in Heime und Einrichtungen. Unsere Gesellschaft verschließt die Augen davor, was das mit diesen Menschen macht. Unsere beide Filme rücken diese Menschen wieder ins Zentrum.

Tore war mit seiner Obsession für Jesus und seiner Haltung, sich alles gefallen zu lassen, eine sehr extreme Figur. Die beiden Charaktere in Ihrem neuen Film sind anders, aber ebenfalls Figuren, die man im deutschen Kino sonst nicht so sieht. Haben Sie eine Vorliebe für extreme Figuren?

Gebbe: Ich fühle mich Tore und Wiebke auf gewisse Weise verbunden. Ich bewundere Menschen, die für etwas kämpfen, an das sie glauben. Meine Figuren handeln extrem, zwingen den Zuschauer, sich anders mit ihnen und den Themen des Films auseinanderzusetzen. Mir fällt am deutschen Film auf, dass man Menschen, und damit auch Figuren, zu oft in Schubladen steckt. Von dem jungen Mann, der mich zu meiner Tore-Figur inspirierte, hieß es, dass er geistig zurückgeblieben sei, während die Täter Mörder und Monster seien. Aber so schwarz-weiß kann man Menschen nicht beschreiben! Ich denke immer an diese indianische Weisheit: „Beurteile nie einen Menschen, bevor du nicht mindestens einen halben Mond lang seine Mokassins getragen hast.“ Ich möchte menschliches Verhalten vielschichtig ergründen. Das finde ich interessant: Den Zuschauer mit diesen Figuren durch den Film zu schicken, auf eine Weise, die sie am Anfang nicht erwartet haben, mit neuen Visionen und neuen Sichtweisen, die sie dann teilen können.

Lässt sich nicht in Schubladen stecken: Nina Hoss in "Pelikanblut" (DCM Distribution)
Lässt sich nicht in Schubladen stecken: Nina Hoss in "Pelikanblut" (DCM Distribution)

Wir sprachen schon darüber, in „Pelikanblut“ vielleicht in einem Horrorfilm zu sein. Für mich gibt es dafür einige Anzeichen, etwa die abrupte Nahaufnahme vom Gesicht des Mädchens, sodass man glauben muss, es sei besessen. Oder das Sounddesign, das durch gezielte Geräusche eine Spannung, fast ein Unwohlsein auslöst.

Gebbe: Ich habe einmal einen interessanten Kurs mitgemacht, in dem ein Dramaturg behauptet hat, dass es eigentlich nur vier Genres gäbe. Horror sei eines davon, aber nur dann wirklich Horror, wenn man das andersartig Kreatürliche tatsächlich bebildern würde – was wir in unserem Fall nicht gemacht haben. Letztendlich ist es ein Drama, das Stil-Elemente des Horrorfilms nutzt. Ich wollte, dass Wiebkes Konflikt in der Realität verhaftet ist. Gleichzeitig ist ihre Situation wie eine Albtraumversion von Mutterschaft. So hat sich das auch für viele betroffene Mütter angefühlt, die ich während der Recherche kennengelernt habe. Sie hatten Angst vor ihrem Kind, und auch Angst, als Mutter zu scheitern. Es geht wirklich um die Existenz dieser Mütter, das war ein Gefühl, das ich unbedingt ergründen wollte.

Für mich war es auch interessant, mich nicht nur auf dieser Sozialdrama-Schiene zu bewegen, sondern tiefer zu bohren. Auch für den Zuschauer ist es spannend, über ein Genre an das Thema herangeführt zu werden. In Austin, auf dem größten Horrorfilmfest der USA, war „Pelikanblut“ für die Zuschauer ein sehr anspruchsvoller Horrorfilm. Die Veranstalter haben häufig das Dilemma, dass sie unterhaltsame Filme zeigen, mit vielen Thrills und Gemetzel – aber dann ist da vielleicht gar nicht so viel dahinter. Sie waren total begeistert von „Pelikanblut“, der dort im Wettbewerb lief und den Preis der „Besten Regie“ gewonnen hat. Für mich war es aufregend zu sehen, dass es Leute gibt, die das so empfinden wie ich: dass man krasse Themen auch auf „unterhaltsame“ Art erzählen darf. Ich kann poetisch sein und überraschen. In Deutschland gibt es entweder das Mainstream-Kino oder das Arthouse-Kino, darunter die „Berliner Schule“ mit ihren eigenen Gesetzen. Ich will mich da gar nicht einordnen müssen. Ich möchte wie ein Künstler in die Farben eintauchen und etwas gestalten.

Sehr bemerkenswert finde ich das Sounddesign des Films. Wie weit bestimmen Sie das mit? Oder überlassen Sie das komplett dem Komponisten?

Gebbe: Ich habe an diesem Teil der Filmherstellung wahnsinnig viel Spaß und liebe es, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die ihr Fach gut beherrschen. Thekla Demelius hat das Sounddesign gemacht. Sie arbeitet bei Studio Funk und war auch schon bei „Tore tanzt“ und meinen in Hamburg entstandenen Kurzfilmen dabei. Johannes Lehniger hatte auch schon bei „Tore tanzt“ die Musik gemacht und diesmal gemeinsam mit Sebastian Damerius komponiert. Musik und Sounddesign haben Hand in Hand gearbeitet und sich zwischendurch auch kurzgeschlossen: Wer macht was, wie ergänzen wir uns? Im Schnitt hatten die Editorin Heike Gnida und ich bereits ein Layout gemacht. Das fanden alle okay, weil jeder früh mit seiner Arbeit beginnen konnte. Während des Schnitts hat Thekla Demelius erste Sounds besorgt. Das hat uns geholfen. Bei der Musik saß ich auch mal den ganzen Tag im Studio, um gemeinsam mit den Komponisten Dinge auszuprobieren. Es ist eine Teamarbeit. Wir hatten eine sehr kurze Postproduktion, alle haben sehr hart und leidenschaftlich gearbeitet.

"Pelikanblut" (DCM Distribution)
Glaube und Hoffnung im Angesicht des Scheiterns: "Pelikanblut" (DCM Distribution)

Haben Sie für das Drehbuch viel recherchiert? Es gibt nehmen den medizinischen Aspekten ja als einen Hexen-Aspekt.

Gebbe: Ich liebe es zu recherchieren, am liebsten in der Hamburger Bücherhalle – da habe ich ganz viel Zeit verbracht. Ich habe mir neurowissenschaftliche, pädagogische, aber auch philosophische Bücher besorgt. Auch Erlebnisberichte. Zudem habe ich einen Neurologen und einen Psychiater getroffen, die dann auch das Drehbuch gelesen haben. Das wurde kontrovers aufgenommen. Der Psychiater sagte, dass es manchmal tatsächlich „Wunder“ gibt. Keiner kann mit Sicherheit sagen, was genau dazu geführt hat, dass das Kind sozusagen „geheilt“ wird. Dass Mutter und Kind diese eine Sache gemeinsam erleben, kann jedenfalls zu einer tiefen Verbundenheit führen. Dennoch ist es für mich vor allem ein Symbol für das Überschreiten einer Grenze. Etwas zu tun, was normale Menschen mit normalen Kräften nicht schaffen. Es handelt von Glauben und Hoffnung im Angesicht totalen Scheiterns. Was die magischen Aspekte angeht, habe ich eher im Völkerkundemuseum recherchiert und auch praktizierende Magier, Hexen und Schamanen getroffen. Das waren Menschen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie die richtigen Leute für den Film sind. Die haben das ernst genommen und mich sehr genau beraten.

In Skandinavien gibt es noch lebendige Rituale, die aus der Zeit vor der Christianisierung stammen. Es gab auch hier den Paganismus, das Heidentum. Ich wollte eine Praktik finden, die nicht so zusammengestückelt war wie etwa der Neo-Schamanismus, sondern etwas, das wirklich aus dieser Zeit stammt und das sozusagen eine Urkraft repräsentiert, an die Wiebke andocken kann. Unsere Magier haben Justine Hirschfeld, die im Film die Hexe spielt, verschiedene Praktiken gezeigt. Sie haben den Film auch gesehen und waren begeistert, weil es so authentisch wirkt. Das war mir wichtig, dass ich nicht irgendwas zusammenklaue und Klischees aufeinanderhäufe. Ich wollte, dass wir gemeinsam mit Wiebke daran glauben können.

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