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Ein „Film-Schauspieler“ - Michael Gwisdek

Donnerstag, 24.09.2020

Ein Nachruf auf den Schauspieler und Menschenfreund Michael Gwisdek (14.1.1942-22.9.2020)

Diskussion

Das Komische und das lockere Mundwerk waren Michael Gwisdek als Sprössling eines Gastwirt-Ehepaars gleichsam in die Wiege gelegt. Doch es dauerte, bis er seinen Traum vom „Film-Schauspieler“ verwirklichen konnte. Jetzt ist der launige Exzentriker mit den vielen Lachfalten um die Augen im Alter von 78 Jahren überraschend gestorben.


Michael Gwisdek war der Sohn eines Gastwirts-Ehepaares, und er war Berliner. Das Talent zum lebenslustigen Improvisieren und dem losen Mundwerk, sein pointierter Witz und der Spaß am Sprachspiel wurden ihm gleichsam in die Wiege gelegt. Dass er zunächst Dekorateur lernte und als Plakatmaler arbeitete, bedeutete einen Umweg, aber er dauerte nicht allzu lang. Wenn er, noch vor dem Mauerbau, mit seiner Mutter aus dem östlichen Stadtbezirk Weißensee nach Westberlin fuhr, um dort ins Kino zu gehen, ahmte er nach Ende des Films den hochverehrten James Dean nach. Humphrey Bogart und Kirk Douglas wurden zu anderen Säulenheiligen, später kamen John Cassavetes, Martin Scorsese und vor allem Woody Allen noch hinzu. Bald war ihm klar, dass er Schauspieler werden wollte, und zwar „Film-Schauspieler, weil ich glaubte, nur dort Situationen durchleben zu können, die ich im Leben nie erfahren würde“.


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Bis es so weit war, verging einige Zeit. Übers Amateurtheater kam Gwisdek an die Ost-Berliner Schauspielschule, die später den Namen von Ernst Busch erhielt und schon damals den besten Ruf genoss. Am Theater in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), an dem er sechs Jahre engagiert war, wurde er von Benno Besson entdeckt. Der holte ihn an die Volksbühne nach Berlin. Hier trat er in Regiearbeiten von Besson, Fritz Marquardt, Heiner Müller oder Jürgen Gosch auf. Wer Gelegenheit hatte, Goschs Inszenierung von „Leonce und Lena“ zu sehen, mit Gwisdek und Hermann Beyer in Hauptrollen, der erlebte ein ausgelassenes Spiel mit Körper und Sprache, ein freches Jonglieren mit allen zu Gebote stehenden Mitteln.

Lernprozess mit schmerzlichem Ausgang: "Sansibar oder der letzte Grund" (
Lernprozess mit schmerzlichem Ausgang: "Sansibar oder der letzte Grund" (© ARD)


Später, am Deutschen Theater, traf Gwisdek dann auf Alexander Lang, den Schauspielkollegen und Regisseur, der sein Ensemble ebenfalls zur klugen Artistik anspornte: ein Team, das aus klassischen Vorlagen moderne Theaterabende machte.


Von fest zu frei

Gwisdek war in seinem Element, doch er wollte ja „Film-Schauspieler“ werden. Deshalb kündigte er 1991 seine Festanstellung und wurde freischaffend. Film und Kino waren da längst zu seiner zweiten Spielwiese geworden. Schon 1967 hatte ihn die DEFA für eine kleine Rolle in dem Indianerfilm „Spur des Falkengeholt, und danach immer wieder. Der Kriegsheimkehrer in Kurt Maetzigs pazifistischem Spätwerk „Mann gegen Mann“ (1975) war seine erste größere Filmrolle, der Pfarrer Weidig in Lothar Warnekes „Addio piccola mia“ (1978) die erste mit intellektuellem Anspruch. In „Jadup und Boel“ (1981) von Rainer Simon spielte er in langem Trenchcoat einen Antiquitätenhändler mit dem symbolischen Namen Gwissen, der durch die Dörfer streift und bei seinen Gesprächspartnern Erinnerungen auslöst. Der Film wurde wegen seiner unbequemen Fragen und der Tristesse, mit der er das Land zeichnete, in der DDR sieben Jahre lang nicht gezeigt. Einem ähnlichen Schicksal entging „Dein unbekannter Bruder“ (1982) nur knapp: Ulrich Weiß besetzte Gwisdek hier als einen Verräter von antifaschistischen Widerstandskämpfern. Ein Film über Angst, den einige DDR-Offizielle mit dem Verdikt belegten: „So waren wir nicht.“

In Ulrich Weiß hatte Gwisdek seinen Kino-Regisseur gefunden. Für „Olle Henry“ (1984), ihren nächsten gemeinsamer Film, in dem er einen aus dem Krieg heimgekehrten Preisboxer spielt, hatte er sich Scorseses „Wie ein wilder Stier“ und Robert De Niro als Vorbild genommen: Boxen als Lebenselixier und Todesdroge. „Wenn die Kamera läuft“, gab Gwisdek damals zu Protokoll, „mache ich alles, auch Dinge, die ich bei normaler Überlegung nie tun würde. Ich vergesse alles und mache, was der Regisseur sagt.“ Als Bernhard Wicki ihn bei seinem in den DEFA-Studios gedrehten Fernsehfilm „Sansibar oder der letzte Grund“ (1987) zu einer Prügelszene aufforderte, steigerte er sich dermaßen in seine Rolle, dass ihm dies ein Vierteljahr im Krankenhaus einbrachte. Lernprozesse mit schmerzlichem Ausgang.

Michael Gwisdek war ein Exzentriker, auf der Bühne, vor der Kamera und gelegentlich auch im „normalen“ Alltag. Das Leben, mag er sich gesagt haben, ist ein Spiel, das ich bis zur Neige auskoste: „Ich möchte hundert Jahre alt werden, 200 Filme machen und mit möglichst unterschiedlichen Regisseuren.“ Ganz hat er das nicht geschafft, doch die Datenbank listet immerhin 171 Filme für Kino und Fernsehen auf, darunter drei eigene Regiearbeiten, von denen die erste sogar den Sprung zum Festival in Cannes schaffte: „Treffen in Travers“ (1989) über den Schriftsteller und Revolutionär Georg Forster.

Gwisdeks Regiedebüt schaffte es bis nach Cannes: "Treffen in Travers" (DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann)
Gwisdeks Regiedebüt "Treffen in Travers" schaffte es bis nach Cannes (© DEFA-Stiftung/Klaus Goldmann)

Weil sich bei der DEFA kein anderer Regisseur für das Buch von Thomas Knauf fand, griff Gwisdek selbst zu – und erwies sich als ausgesprochener Perfektionist. In seiner Wohnung probte er jede Szene mit dem kleinen Ensemble – Hermann Beyer, Uwe Kockisch und Gwisdeks damalige Ehefrau Corinna Harfouch –, jeden Blick, jede Geste. Als das Team ins Studio ging, stand das Arrangement. Keine Zufälligkeiten, keine unbedachte, falsche Bewegung. Gwisdek ging das Risiko ein – und gewann.

Sein zweiter Regiefilm, „Abschied von Agnes“ (1994), fiel ihm in die Hände, weil der zunächst dafür vorgesehene Regisseur, sein Freund Ulrich Weiß, plötzlich absagen musste: ein Kammerspiel über Stasi-Verstrickungen, Vertrauen und Verrat. In „Das Mambospiel“ (1998) verarbeitete Gwisdek eigene Eheerfahrungen, ironisch und tragisch, doch die Geschlossenheit der beiden früheren Regiearbeiten stellte sich nicht ein.


In wenigen Sätzen ein ganzes Leben

In einem Porträt wurde Michael Gwisdek einmal als „Träumer und gelegentlicher Faulenzer“ bezeichnet. Das mag sein, obwohl die Liste seiner Filme nicht unbedingt das Faulenzen assoziiert. Noch zu DDR-Zeiten hatte er in einigen Arbeiten von Hark Bohm gespielt, in „Der Fall Bachmeier“ (1984) und „Der kleine Staatsanwalt“ (1987). Bohm hatte damals geschrieben: „Ich bilde mir ein, für den Westen einen großen Kinoschauspieler entdeckt zu haben.“ Tatsächlich erlebte Michael Gwisdek auch nach dem Mauerfall keine Dürreperiode. Sein Charme, sein Esprit, seine Kunst, auch noch aus der kleinsten Rolle ein humoriges oder tragikomisches Kabinettstück zu machen, waren gefragt. Unvergessen der Sekundenauftritt in Heiner Carows „Coming out“ (1989), wo er als alternder schwuler Kellner mit nur wenigen Sätzen ein ganzes Leben umreißt. Bei Roland Gräf war er der von der Karriereleiter gestoßene „Tangospieler“ (1991), der sich im inneren Exil verkriecht, in Zoltan Spirandellis „Vaya con dios“ (2002) ein Mönch, in Florian David Fitz’ „Jesus liebt mich“ (2012) sogar der liebe Gott. Er spielte mehrfach bei Oskar Roehler und Leander Haußmann. Matti Geschonneck besetzte ihn in „Boxhagener Platz“ (2010) als schnurrig plaudernden Berliner Frauenversteher, und bei Robert Thalheim gab er, gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Henry Hübchen, einen „Kundschafter des Friedens“ (2016), einen ergrauten Stasi-Mann, der vom Bundesnachrichtendienst für eine heikle Mission reaktiviert wird.

Große Darstellerkunst: Michael Gwisdek in "Nachtgestalten" (XX)
Große Darstellerkunst: Michael Gwisdek in "Nachtgestalten" (© MFA)

Zum Meisterstück geriet eine der „Nachtgestalten“ (1999) in dem gleichnamigen Film von Andreas Dresen, ein kleiner Angestellter, der sich, statt seinen Firmenauftrag auszuführen, in tausend Fallen verfängt und am Morgen müde, aber irgendwie auch geläutert aus dem Chaos ans Licht tritt. Dafür gab es den „Silbernen Bären“ der „Berlinale“. Den Deutschen Filmpreis erhielt er als bester Nebendarsteller in Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ (2012): ein geheimnisvoller alter Mann, der dem Jahrzehnte jüngeren Nachtwandler von seiner Jugend in der NS-Zeit berichtet. Die Dankesrede ist längst in die Annalen der Deutschen Filmakademie eingegangen: Er scherte sich nicht um Zeitbegrenzungen, sondern präsentierte ein improvisiert wirkendes, dabei genau getaktetes Clownsspiel, das so nur von ihm zelebriert werden konnte.

Sein letzter Kinoauftritt fand in Martin Schreiers „Traumfabrik“ statt (2019), einer Erinnerung an goldene Kinozeiten: Gwisdek als Großvater, der seinem Enkel in buntesten Farben Geschichten von vorgestern vorflunkert. Vermutlich hätten Gwisdeks Memoiren so ähnlich ausgesehen, eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit, ein heiter-ironisches, von Menschenfreundlichkeit durchzogenes Lesebuch. Doch es bleibt ungeschrieben: Michael Gwisdek verstarb, völlig überraschend, am 22. September 2020.


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