© imago images / ZUMA Press (aus „Paprika“)

Der Mensch verschwindet

Montag, 05.10.2020

Der japanische Animationsfilmer Satoshi Kon

Diskussion

Im August 2010 starb der japanische Anime-Regisseur Satoshi Kon im Alter von nur 46 Jahren. In seinen vier Spielfilmen bezog Kon auf visionäre Art den technologischen Fortschritt mit ein und erzählte von der Auflösung des Menschseins unter dem ständigen Zwang, sich selbst neu zu erfinden. Auch die Verlagerung der Lebenswelt in digitale Räume nahm der Filmemacher vorweg, sodass seine Werke auch zehn Jahre nach seinem Tod unverändert gegenwärtig erscheinen.


Satoshi Kon (1963-2010) war einer dieser Filmemacher, die man sich gut als Regisseur der Welt vorstellen konnte. Nicht als heimlichen Herrscher, der hinter dem Vorhang die Fäden zieht, sondern als Zeremonienmeister, der Blicke und Ereignisse bei der großen Inszenierung lenkt, die man Leben nennen. Wenn man mit den Filmbildern und Ideen des japanischen Animationsregisseurs durch die Städte eilt, sich mit ihnen an den Schreibtisch oder an die Theke einer Bar setzt, erkennt man vieles wieder.

Noch wichtiger aber ist, was man in seinen Filmen nicht sofort sieht, sondern sich hinzudenken muss. Die Spiegelungen, Echos und Widergänger der Menschen. Ihre lebendigen Schatten. Vor allem aber den Rhythmus, in dem sie und die Dinge sich bewegen. Ein wirres Aus- und Durcheinanderstreben. Ein allgegenwärtiges Splittern und Fragmentieren, ein Auffächern und Verstreuen in Zeit und Raum. Ein ständiges und plötzliches Verwandeln und Verformen, Verschwinden und Auftauchen. Überall wimmelt es von Menschen, die hektisch sich selbst hinterherstürzen, Versionen ihrer selbst, vielleicht besseren, vielleicht aber auch nur besser angepassten Avataren und Alter Egos. Ihr virtuelles Selbst, das Ich ihrer Träume, und die merkwürdige Gestalt dazwischen. Sie schauen in den Spiegel und sehen tausend andere.


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Ein Film ist natürlich nicht allein deshalb gut, weil er Wirklichkeit wiedergibt, aber es ist durchaus eine Errungenschaft, wenn man die Welt darin wiedererkennt. Wahrscheinlich hat man Kons düsterbunte Animationsfilme gar nicht auf einer Kinoleinwand gesehen, sondern auf einem Fernseher, einem Laptop oder einem Smartphone. Auf einem dieser vielen Screens eben, die bei ihm omnipräsente Portale sind. Spiegel, in die man stürzt, wie in Jean Cocteaus Das Blut eines Dichters. Nur eben immer wieder, immer weiter hinab.

Satoshi Kon (© imago images / Mary Evans)
Satoshi Kon (© imago images / Mary Evans)

Der Pionier der Darstellung vernetzter Wirklichkeit

Die Filmkritiker der Weimarer Republik lobten das Kino, weil es die neue Geschwindigkeit des modernen Lebens in den Städten darstellen konnte. Béla Balázs schrieb in „Der sichtbare Mensch“: „Eine wirklich neue Kunst wäre wie ein neues Sinnesorgan.“ Heute wirkt das Organ Kino oftmals ein wenig müde. Manchen gilt es als Atavismus, als evolutionärer Rückstand, das längst von neuen, vielleicht sensibleren, vor allem aber schnelleren Organen abgelöst wurde. Satoshi Kon war sicher auch deshalb bemerkenswert, weil er vor den meisten anderen Filmemachern eine Möglichkeit gefunden hat, mit dem Kino die digitale, vernetzte Wirklichkeit darzustellen. Die neue plastische und volatile Gegenwart, die aggressive Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Der ständige Wechsel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Ohne Wertung oder kulturpessimistische Zuspitzung scheint das die Lebensrealität vieler Menschen zu beschreiben: Eine sich immer weiter beschleunigende, vervielfachte Existenz, halb physisch, halb digital. Ein Leben zwischen stetig neuen Idealbildern und Diskursen.

Satoshi Kon starb am 24. August 2010. Er war 46 Jahre alt. Der britische Autor Andrew Osmond beschreibt ihn in seinem Buch „Satoshi Kon: The Illusionist“ als nahezu „satanische Figur“ mit eleganten schwarzen Anzügen und perfekt gepflegtem Bart. In Interviews und bei Vorträgen wirkte er so charmant und gewitzt, dass man ihm wohl sofort seine Seele überlassen hätte.

Geboren wurde er 1963 in Kushiro auf Hokkaidō. In seiner Schulzeit verliebte er sich in Science-Fiction-Animationsserien wie „Space Battleship Yamato“, aber auch in Manga-Reihen mit überwiegend weiblicher Zielgruppe. Er wollte Animator werden und besuchte eine Kunsthochschule in Tokio. Schon während der Zeit als Student zeichnete er erfolgreiche Manga. Kurz darauf arbeitet er mit Branchengrößen wie den Regisseuren Katsuhiro Otomo oder Mamoru Oshii zusammen. Zwischen 1997 und 2006 drehte er einen Kurzfilm, eine Serie und vier Spielfilme. Sie erzählen von überforderten Menschen, die Doppel- und Dreifachleben führen und an dem fortwährenden Zwang, sie selbst zu werden, schier zerbrechen. Ein neues Leben finden sie in Filmen oder im Internet, doch ganz entkommen sie sich nie. Früher oder später müssen sie feststellen, dass es kein Außen mehr gibt, in das man entkommen könnte. So lösen sie sich dann in sich selbst auf.

„Perfect Blue“ (© Rapid Eye Movies)
„Perfect Blue“ (© Rapid Eye Movies)

Die Abgründe von Showgeschäft und neuer Technologie

Perfect Blue (1997) handelt von einem Popsternchen, das nach dem Wechsel ins Schauspielfach immer tiefer in den Abgründen des Business versinkt. In Millennium Actress (2001) begleiten ein Dokumentarfilmer und sein Kameramann eine alternde Schauspielerin durch ihr Leben, ihre Karriere und auf der Suche nach einer Liebe aus Jugendtagen. In Tokyo Godfathers (2003) entdecken drei Obdachlose an Weihnachten zwischen Abfalleimern ein schreiendes Baby. Auf der Suche nach dessen Eltern treffen sie auf Menschen und Überbleibsel aus ihrem Leben vor der Zeit auf der Straße. Mit der Serie „Paranoia Agent“ (2004) eröffnete Kon das Gesellschaftspanorama, das in seinen Filmen immer schon angelegt war. Die Polizei und ein zwielichtiger Privatdetektiv jagen einen mysteriösen Jungen auf Rollschuhen, der Menschen in tiefen Sinn- und Lebenskrisen attackiert. Die Opfer reichen von Schulkindern unter Leistungsdruck bis hin zu einer Designerin, die an ihrem nächsten Projekt verzweifelt. Eine Episode erzählt von drei Außenseitern, die sich in einem Internetforum zum Selbstmord verabreden. Kons letzter Film Paprika (2006) erzählt vom Diebstahl einer revolutionären neuen Maschine namens DC Mini, die Träume wie Filme aufzeichnen kann und sogar Interaktionen mit ihnen erlaubt.

Ein fünfter Film mit dem Titel „Die Traummaschine“ (je nach Übersetzung auch „Die träumende Maschine“) war geplant, wurde aber nicht fertig. Der Produzent Masao Maruyama suchte jahrelang den passenden Regisseur und befand Kon schließlich für unersetzbar. Kein falsches Urteil.

Wo Kons Filme Science-Fiction-Szenarien beschreiben, zeigen sie die Gegenwart, auch zehn Jahre später noch. „Paprika“ aus dem Jahr 2006 erzählt eigentlich von der Redundanz einer zentralen Erfindung. Die dort präsentierte Traummaschine DC-Mini ist in der Filmwelt längst überflüssig geworden. Denn Traum und Unbewusstes, die Wirklichkeit und der mediale, virtuelle Raum waren bei Kon nie zu trennen. Während die Apparatur bei Christopher Nolan auch vier Jahre später in Inception noch von zentraler Bedeutung ist, sind in „Paprika“ längst alle Grenzen verwischt.


Jede Situation kann in Millisekunden kippen

In Kons Filmen kann jede Situation innerhalb von Millisekunden kippen und sich komplett neu justieren. Das passiert vor allem durch überraschende Schnitte. Kons Lieblingswerkzeug ist der Match Cut. Ein wichtiges Vorbild ist dabei, so erzählt er im Audiokommentar zu Paprika, die Arbeit der Schnittmeisterin Dede Allen in der 1972 veröffentlichen Adaption von Kurt Vonneguts Schlachthof 5. Genau wie Vonneguts traumatisierter Soldat Billy Pilgrim sind auch Kons Figuren „unstuck in time“. Ihre Zeit und ihre Welt geraten aus den Fugen. Jeder Schnitt ist eine Schnittstelle, jede Szene ist mit jeder anderen vernetzt.

„Paprika“ (© Sony)
„Paprika“ (© Sony)

Zu Beginn von Paprika werden innerhalb weniger Minuten dutzende Szenarien durchlaufen: Die Hauptfigur stürzt in einem Zirkuszelt Richtung Boden, schwingt durch einen Tarzan-Film, wird in einem Zug von einem unbekannten Angreifer attackiert, führt den Kampf in einer Szene aus William Wylers Ein Herz und eine Krone fort, nur um schließlich in einen anonymen, endlosen Hotelflur zu gelangen. Am Ende von Millennium Actress steht ein ganz ähnlicher Parforceritt durch die Lebens- und Filmgeschichte, in dem Jahrzehnte in Minuten vergehen. Kons Filme leben vom Verschwinden der Übergangs- und Schwellenerfahrungen; alles wird zunehmend lückenlos und fließend.

Vermeintlich reale Ereignisse entpuppen sich dabei immer wieder als Träume oder als Filmszenen. In Perfect Blue und Millennium Actress wird das oftmals noch von einer Art VHS-Effekt begleitet; die Szenen werden zurückgespielt und von Laufstreifen und einem Flackern überlagert. Später, in der Ära digitaler Trägermedien und hoher Auflösungen, verschwinden derartige Störeffekte. Das ist der Prozess, der sich in jedem Film von Kon vollzieht, ob eine Schauspielerin zunehmend mit ihrer Rolle fusioniert oder sich jemand verzweifelt an ein Selbstbild klammert, dass der Empirie nicht mehr standhält. Alles wird eins.


Welten, fast wie programmiert

Die neue, unmittelbare Kommunikation durch Smartphones und soziale Netzwerke wird im Kino oft ausgeblendet, weil sie traditionelle Erzählmuster untergräbt. Bei Kon hingegen scheint es nur noch diese Art von Kommunikation zu geben. Jeder Satz, egal wie privat, drängt in die Öffentlichkeit. Zu Beginn von Perfect Blue wird ein einzelnes Gespräch auf ein gutes Dutzend Menschen verteilt und wie ein Spielball umhergewirbelt. Auch „Paranoia Agent“ erhebt in seiner ersten Szene die Stimmen von gestressten Pendlern zu einem Kanon alltäglichen Leidens. Die Dialoge sind wie die Bilder montiert. Kons Welten wirken manchmal fast wie programmiert. Im Audiokommentar zu „Perfect Blue“ beschreibt er die mentalen Probleme der Sängerin als „Bugs“. Nicht als private Sorgen, sondern als Fehler im System.

„Millennium Actress“ (© Universum)
„Millennium Actress“ (© Universum)

Wo Internet, Filme und Träume ein kollektives Unbewusstes bilden, bringen sie fremdartige Bilder hervor. Hier ist Kon ganz bei Sigmund Freud; seine Geschichten erzählen von den unterdrückten Sorgen und Ängsten, Sehnsüchten und Empfindungen. Er beschreibt die marschierenden Frösche und tanzenden Kühlschränke, all seine Monster und Zauberer, die in die Realität drängen, auf diese Weise: „Ich zögere, das Wort „absurd“ zu benutzen. Das träfe es nicht ganz. Jedenfalls denke ich, in der menschlichen Natur und auch im Herzen des Menschen gibt es unzählige absurde Impulse und Instinkte. Aber man kann diese Dinge nicht äußern, weil die Gesellschaft Regeln schuf, die festlegen, dass sich die Dinge nicht so verformen. Diese Regel sorgt für ein Gleichgewicht in der Welt. Aber unter diesem Zwang gibt man diesen Impulsen eben im Traum nach. Alles verformt sich. Früher war es möglich, so etwas symbolisch im Rahmen der Realität zu erleben. Religiöse Zeremonien sind ein gutes Beispiel dafür. Heute gibt es das nicht mehr. Sähe jemand aus prähistorischer Zeit ‚Paprika‘, würde er sagen: ‚Genauso ist es!‘ Ich glaube, er wäre verwirrt. ‚Warum machen Sie einen Film über etwas so Alltägliches?‘ Genau das würde er sagen.“ Kons Filme begleiten den Übergang in eine neue Zeit, wie von Prähistorie zur Moderne, die er kommen sah, aber nicht mehr erlebt hat.


Einen Zustand im Abgesang bewahren

Der Übergang von einer alten Welt in eine neue vollzieht sich auch auf der technischen Ebene seiner Filme. Immerzu wird die Beziehung zwischen handgemalten und computeranimierten Elementen neu verhandelt. Mal wird die Diskrepanz betont, mal aufgelöst. Hintergrundobjekte werden gezeichnet wie Hauptfiguren, zentrale Charaktere wie Dekoration. Kon spricht von „2,5D“ und setzt Computereffekte da ein, wo etwas besonders Schreckliches oder besonders Wunderbares passiert. Sein Blick auf das Kommende ist ambivalent: skeptisch, immer geprägt von einem tief empfundenen Humanismus.

Jede von Kons Figuren hat etwas, dass sie mit der Vergangenheit verbindet – mit der Zeit vor ihrem inneren Schmerz, vor Traumata und Verzweiflung. Für die Schauspielerin aus Millennium Actress ist es ein Schlüssel, eine Figur aus „Paranoia Agent“ denkt sich zu einem Hund aus Kindheitstagen zurück, der Agent aus Paprika hängt an einem verlorenen Freund aus seiner Jugend. Es sind Anker ihrer Menschlichkeit. Wo Béla Balázs im Kino den „sichtbaren Menschen“ suchte, zeigt Satoshi Kon den verschwindenden. Das Subjekt mit Auflösungserscheinung.

„Tokyo Godfathers“ (© Kairos)
„Tokyo Godfathers“ (© Kairos)

Ein postmoderner Ansatz: Der Versuch, einen Zustand im Abgesang zu bewahren. Bewegungen sind besser wahrnehmbar als Stillstand, und das Verschwinden ist eine Art Bewegung. Wo sich die Hintergründe um eine Figur immerzu verändern, wird die Figur zur Konstanten. Sie wird wirklicher, auch wenn jeder neue Schritt unsicher ist. Solange man von einer Sache erzählen kann, dass sie verschwindet, muss sie existieren! (Man denke nur an das Kino.)

Und natürlich gilt das auch für Menschen. Man könnte es ganz hoffnungsvoll versuchen: Satoshi Kon ist nicht tot, Satoshi Kon verschwindet.



Diskografische Hinweise:

Die Filme von Satoshi Kon sind in Deutschland bereits vor längerem auf DVD und teilweise auch auf Blu-ray erschienen, ohne Weiteres erhältlich sind im Moment jedoch nur „Paprika“ und „Paranoia Agent“. Alle Werke Kons sind allerdings als Import bestellbar.

„Paprika“ wird zudem auch von Amazon Prime, iTunes, Google Play und Microsoft zum Streamen angeboten, ebenso wie „Tokyo Godfathers“, den zusätzlich auch noch Videoload und Sony im Angebot haben.

Beide Filme sowie „Millennium Actress“ und „Perfect Blue“ können bei den DVD-/Blu-ray-Verleihen Videobuster und Verleihshop.de ausgeliehen werden.

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