© 68. Festival de San Sebastián (aus „Another Round“)

Die Preise des 68. Filmfestivals San Sebastián

Freitag, 09.10.2020

Das 68. Internationale Filmfestival in San Sebastián (18.-26.9.2020) endete mit eigenwilligen Jury-Entscheidungen

Diskussion

Das Drama „Beginning“ der georgischen Filmemacherin Dea Kulumbegashvili ist mit vier wichtigen Preisen der große Gewinner des 68. Filmfestivals in San Sebastián (18.-26.9.2020). „Another Round“ von Thomas Vinterberg wurde mit dem SIGNIS-Preis geehrt.


Es war mit Sicherheit das merkwürdigste Festival in der langen Geschichte des baskischen Seebads. Die Corona-Pandemie wirkte sich einschneidender auf das 68. Internationale Filmfestival San Sebastián (18-26.9.2020) aus als alle politischen Brüche zwischen Franco-Diktatur und ETA-Terrorismus davor. Der Kontrast zwischen den maskierten Flaneuren auf dem Weg zu den um die Hälfte der Sitzplätze reduzierten Filmtheatern und dem, was auf der Leinwand zu sehen war, hätte nicht größer sein können. So tauchte der Eröffnungsfilm „Rifkin’s Festival“ von Woody Allen den nordspanischen Badeort in ein sommerlich-heiteres Licht voller Liebeleien und Seitensprüngen; die Dreharbeiten hatten 2019 in San Sebastián stattgefunden, als von Covid19 noch niemand etwas gehört hatte.

Von den 13 Wettbewerbsfilmen stammten sechs aus der offiziellen „Cannes“-Auswahl 2020. Die Juryentscheidung fiel ungewöhnlich einseitig aus: Die „concha de oro“, die Goldene Muschel, ging an die georgisch-französische Co-Produktion „Beginning“ (im Original: „Datsaki“) der 36-jährigen georgischen Filmemacherin Dea Kulumbegashvili. Sie erhielt auch die Silberne Muschel für die beste Regie und die für das Drehbuch. Ihre Hauptdarstellerin Ia Sukhitashvili wurde überdies als beste Schauspielerin ausgezeichnet.


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„Beginning“ führt in ein entlegenes Dorf in Georgien, wo eine Zeugen-Jehovas-Gemeinde von extremistischen Anschlägen heimgesucht wird. Die Frau des Gemeindevorstehers reibt sich in einer tief patriarchalischen Umgebung zwischen den Fronten auf, bis sie sich mit einem Verbrechen, das zugleich ein Mord und ein Opfergang ist, zu befreien versucht.

Der stilistisch und handwerklich brillante, mit symbolisch überhöhten Naturbildern und religiösen Motiven aufgeladene Film entwirft einen eiskalten Mikrokosmos, in dem es keine Hoffnung und kein Mitgefühl mehr gibt.

Der eigentliche Favorit des Festivals ging dagegen fast leer aus: „Another Round“ von Thomas Vinterberg, eine feinfühlige, melancholisch-raue Komödie um Alkohol als Treibstoff für krisengeschüttelte Männer in der Lebensmitte. Dafür gab es „nur“ eine „Silberne Muschel“ für die beste männliche Darstellung, bei der aber gleich alle vier Schauspieler Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe und Magnus Millang, ausgezeichnet wurden.

Gewinner des Schauspielpreises: Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Mads Mikkelsen, Magnus Millang (von links nach rechts) (© Weltkino)
Gewinner des Schauspielpreises: Thomas Bo Larsen, Lars Ranthe, Mads Mikkelsen, Magnus Millang (von links nach rechts) (© Weltkino)

Auch die katholische SIGNIS-Jury zeichnete „Another Round“ von Thomas Vinterberg aus. In der Begründung der Jury heißt es: „,Another Round‘ ist das schmerzhaftes Porträt einer Gesellschaft, in der Drogen und Alkohol einfache Lösungen zu bieten scheinen, die in Wahrheit aber die inneren Spannungen oder emotionalen Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern. Der Film beginnt als Komödie und verwandelt sich in ein Drama. Am Beispiel der Hauptfigur wird die Notwendigkeit einer Änderung aufgezeigt, um im Beruf, aber auch in einem schwierigen Familien- und Eheleben voranzukommen. ,Another Round‘ unterstreicht zugleich die Notwendigkeit, die eigenen Schwächen und die Grenzen zu akzeptieren, um andere wirklich lieben zu können. Freundschaften spielen dabei für die Entwicklung einer Persönlichkeit eine entscheidende Rolle, unabhängig von Alter oder Umfeld.“

Der Preis der internationalen Filmkritiker-Vereinigung FIPRESCI ging an den chinesischen Spielfilm „Wu Hai“ von Zhou Ziyang, über einen jungen Mann, der sich in der mongolischen Provinz so hoch verschuldet, dass er zum Verbrecher wird.

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