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Wie alles begann: Das Filmbuch „Einführung in die Filmgeschichte 1“

Freitag, 09.10.2020

Ein Blick zurück auf die ersten 50 Jahre der Siebenten Kunst

Diskussion

In seiner dreibändigen „Einführung in die Filmgeschichte“ macht der Zürcher Filmwissenschaftler Thomas Christen als Herausgeber die Historie von Kino und Film fundiert und gut lesbar auch für ein nicht-akademisches Publikum zugänglich. Nachdem Band 3 und 2 der antizyklisch erschienenen Reihe bereits seit 2008 beziehungsweise 2016 vorliegen, ist nun auch der abschließende 1. Band erhältlich. Behandelt werden darin die ersten 50 Jahre des Films von 1895 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.


Thomas Christens „Einführung in die Filmgeschichte 1“ wendet sich an eine studentische, pädagogische, journalistische und kinoaffine Leserschaft. Um diese breite Zielgruppe zu erreichen, setzt der Herausgeber auf eine anschauliche Basisinformation zu filmhistorischen Höhepunkten und Umbrüchen in den wichtigen Produktionsländern – vom Beginn der Kinematografie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Das beinhaltet neben dramaturgischen und technischen Aspekten auch gesellschaftspolitische, ökonomische und rezeptionsästhetische Kontexte.

Das Eingangskapitel referiert die Anfänge des Kinos knapp, ohne neue Erkenntnisse. Eine interessante Gedächtnisauffrischung bietet der Beitrag über die beliebten Fortsetzungsfilme/Serials US-amerikanischer und französischer Provenienz, die aus allen Genres schöpften. Vom Kurzfilm führt die Reise weiter zum Langfilm – unter besonderer Würdigung des Pioniers D.W. Griffith – bis zum klassischen Hollywoodkino. Das Synonym für das globalisierte Erzählkino wird mit dem Studio- und Starsystem, „Pre-Code“-Produktionen (1927 bis 1934) und mit dem Aufblühen des Gangster-, Horror- und fantastischen Films anschaulich thematisiert.

Monumental: "Cabiria" von Giovanni Pastrone (imago/Prod.DB)
Monumental: "Cabiria" von Giovanni Pastrone (© imago/Prod.DB)

Zur nächsten Station zählen die frühen italienischen Monumentalfilme: Giovanni Pastrones Meilenstein Cabiria nutzte Fahrtaufnahmen, um den Star Ladia Quaranta in Großaufnahme zu präsentieren. Das skandinavische „Filmwunder“ demonstrieren Weltstar Asta Nielsen und das renommierte Regie-Dreigestirn Carl Theodor Dreyer, Mauritz Stiller und Victor Sjöström. Die goldene Ära des französischen Stummfilms vertreten – dem üblichen Kanon folgend – Abel Gance, Germaine Dulac, Jean Epstein, Marcel L’Herbier sowie die Avantgarde um René Clair, Man Ray und Luis Buñuel. Ebenso wegweisend war der expressionistische Film im Weimarer Kino. Christen widerspricht plausibel Kracauers These einer filmischen Vorahnung des Faschismus, um „die enorme Vielfalt des Weimarer Kinos aufzeigen, das während dieser kurzen 15 Jahre eines der kreativsten und wichtigsten, auch vorbildhaftesten Kinos in Europa war“. Die einschlägigen Stichworte dazu lauten: Ufa, Bergfilm, Psychoanalyse, proletarisches Kino, Realismus und Neue Sachlichkeit, Literaturadaption, Ton- und Avantgardefilm.

Der japanische Film des Goldenen Zeitalters wird mit Ozu, Mizoguchi, Naruse und dem frühen Kurosawa vorgestellt. Detailliert widmet sich Christen dem russischen Revolutionsfilm – insbesondere dem Trio Eisenstein, Pudowkin und Dowschenko – und dessen historischen Hintergründen. Wertow und der experimentelle Dokumentarfilm standen ganz im Zeichen der neuen Gesellschaft, ihrer Ideologie und Propaganda.


Skepsis gegenüber Legendenbildung

Beachtlich ist die Tiefenschärfe von Martin Girods Aufsatz zu The Jazz Singer (1927) und der Wende vom Stumm- zum Tonfilm, indem er der weit verbreiteten Legendenbildung anhand von sechs Thesen mit der notwendigen Skepsis und neuen Forschungsergebnissen begegnet. Auf Basis technischer, produktionsspezifischer und ästhetischer Fakten entwickelt er eine schlüssige filmhistorische Perspektive. Barbara Flückingers Kapitel „Technicolor“ erschließt ein wichtiges, in der Forschung oft vernachlässigtes Thema. Ihre exemplarischen Analysen und farbigen Abbildungen machen technische Verfahren, Vorläufer, Scheitern und Standardisierung sowie den Einfluss auf Inhalt, Dramaturgie und Ästhetik verständlich.

Schlüssige Perspektive: "The Jazz Singer" (imago images/United Archives)
Schlüssige Perspektive: "The Jazz Singer" (© imago images/United Archives)

Gut tut dem Kapitel „Poetischer Realismus und Volksfront-Kino“ der Exkurs über politische, soziale und wirtschaftliche Hintergründe. „Denn diese erklären – ähnlich wie beim russischen Revolutionsfilm, beim Film des New Deal, beim sozialistischen Realismus und beim Nazi-Kino – nicht nur die Entstehung der jeweiligen Bewegung oder Spielart der Filme, sondern sind die Filme (sic!) selbst stets eng verknüpft mit Begriffen wie ‚Propaganda‘, ‚Gegenpropaganda‘, ‚Opposition‘ und ‚Widerstand‘.“ Nützlich ist der Hinweis auf das Stilmittel der „temps morts“ (tote Momente), das, als Absage an Action und Handlung auf Reflexion und Innerlichkeit setzend, später von Bresson oder Antonioni adaptiert wurde.

Aufschlussreich auch Christens Beitrag „Das Kino des New Deal“. Er verbindet Roosevelts Politik, die führende Produktionsfirma Warner mit dem Realitätsansatz von King Vidors Our Daily Bread und den Musicals während der großen Depression. Doch in seiner Bilanz rechnet der Autor ziemlich hart mit dem „eskapistischen“ Blockbuster Vom Winde verweht ab, wenn er widersprüchlich formuliert: „Das überladene Südstaatenepos hat weder etwas mit der Realität der Zeit, zu der er spielt, noch der Zeit, in der er entstand, zu tun. Er nahm insofern die Perspektive seiner Entstehungszeit ein, als er aus heutiger Sicht als unreflektiert rassistisch bezeichnet werden darf.“ Dass da Unterhaltungsqualität und Publikumszuspruch unterschlagen werden, schmeckt nach wohlfeiler Zeitkritik. Ein Verweis auf Preston Sturges’ respektlose Screwball-Komödien hätte das Betrachtungsspektrum abgerundet. Ebenso gewinnbringend liest sich der Aufsatz „Der frühe film noir“. Wechselseitige Einflüsse vom expressionistischen Film, Poetischen Realismus und italienischen Neorealismus ergänzen die dramaturgische Ausrichtung von düsterer Lichtsetzung und Kameraführung um existentialistische, psychoanalytische Diskurse über Geschlechterrollen und Kriegstraumata.


NS-Filmpropaganda als Muster von Fake News

Sabina Brändli untersucht das „Nazi-Kino, Film als Propaganda und Verführung“ unter der Prämisse, die NS-Filmpropaganda als Muster von „Fake News“ zu enttarnen. Sie wählt dafür vier bekannte Kategorien von Filmproduktionen – mit und ohne politische Funktion, verbotene Filme und das gesamte Filmschaffen als Propagandainstrument. Ihr Fazit: „Dank dieses ausgedehnten Kontrollapparates lässt sich mit Recht behaupten, die gesamte Filmproduktion von 1933-45 sei nationalsozialistisch gewesen.“ Wie sind dann etwa Werner Hochbaum oder Helmut Käutner einzuordnen? Denn andererseits relativiert die Autorin: Unterhaltungsfilme ohne explizite politische Funktion unterschieden sich „nur in Nuancen… von denjenigen in anderen Filmnationen.“ Eine Analyse von „Der ewige Jude“ und „Jud Süß“ sowie Riefenstahls Sonderstellung reflektieren Susan Sontags kritischen Überbegriff „Faszinierender Faschismus“. Trotz teils fragwürdiger Zuspitzung ist das Kapitel mit Gewinn zu lesen. Der erste Ufa-Farbfilm war allerdings nicht Veit Harlans Die goldene Stadt (1942), wie Brändli ausführt, sondern die 1939 bis 1941 in Agfacolor gedrehte Produktion Frauen sind doch bessere Diplomaten.

Konzeptionell orientiert sich Christen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Filmwissenschaft der Uni Zürich, unverkennbar an Viktor Sidlers Publikation „Filmgeschichte – ästhetisch, ökonomisch, soziologisch“ von 1982, an der er bereits als Redakteur mitwirkte! Als Ergänzung und Kontrast zu durch vergleichbare Studien bekannten Filmländern und Künstlern fehlen diesem Werk jedoch Novitäten. Etwa kleinere Nationen – iberische, osteuropäische oder indische Beispiele, in denen Nachahmungen oder Ungleichzeitigkeiten sichtbar würden.


Klare Sprache ohne (pseudo-)wissenschaftliche Terminologie

Pluspunkte sind präzise Inhaltsbeschreibungen, Würdigung schauspielerischer Leistungen oder technisch-künstlerischer Gewerke wie Kamera und Musik. Die einfache, klare Sprache ohne (pseudo-)wissenschaftliche Terminologie überzeugt rundum. Umfangreiche Bibliografie- und Filmografie-Anhänge am Ende jeden Kapitels helfen bei der Suche nach weiterführenden Interpretationen sowie vergleichbaren Filmen. Kleinformatige, klug ausgewählte und gut reproduzierte Bildmotive rufen Geschehen und Atmosphäre der besprochenen Filme rasch in Erinnerung.

Leider begleiten das ansprechende Buch unsäglich viele Schreibfehler. Hinzu kommen etliche fehlende Buchstaben und Trennungsfehler. Ein aufmerksames Lektorat wäre für ein Studienbuch mehr als angebracht.


Bibliografische Hinweise

Einführung in die Filmgeschichte 1. Von den Anfängen des Films bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der internationale Film von 1895 bis 1945. Von Thomas Christen (Hg.). Schüren Verlag. Marburg 2020. 426 S., zahlr. Abb., 38 EUR. Bezug: Schüren Verlag.

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