© Bildstörung (aus "Der Leichenverbrenner")

Subversiv, komisch, melancholisch

Freitag, 16.10.2020

Zum 100. Geburtstag des tschechischen Volksschauspielers Rudolf Hrušínský

Diskussion

Der tschechische Schauspieler Rudolf Hrušínský (1920-1994) war in seiner Heimat über Jahrzehnte einer der meistgeliebten Stars und wurde auch im Ausland wahrgenommen. In leisen Arbeiten wie auch in populären Auftritten wie als Soldat Schwejk wurde er für seine feinsinnige Charakterisierungskunst geschätzt. Eine Erinnerung zum 100. Geburtstag am 17. Oktober 2020.


Karl Kopfrkingl ist ein braver Mann. Ein schmalziges Lächeln auf den Lippen, hohe Stirn, die dünnen Haare glatt über die freien Flächen der Stirn gebügelt. Kopfrkingl ist Angestellter eines Krematoriums und besessen von seiner Aufgabe. „Wissen Sie“, erklärt er seinem Mitarbeiter, „seit fünfzehn Jahren komme ich nun in diesen Tempel des Todes und doch überkommt mich jedes Mal immer noch dasselbe feierliche Gefühl.“ Er sei es doch, der den Verstorbenen den zügigen Einzug ins Himmelreich ermögliche. Er, der Engel der Toten, ein tschechischer Nachfahre von Buddha. Als dann die Deutschen einmarschieren, sieht Kopfrkingl seine größte Stunde gekommen. Denn die Besetzer legen ein Programm der Vernichtung auf, dem ein ganzes Volk zum Opfer fallen soll. Und der Leichenverbrenner wird es mit heiligem Ernst exekutieren.

Für den slowakischen Regisseur Juraj Herz bedeutete Der Leichenverbrenner (1968) ein künstlerisches Wagnis. Ein Film, der in seiner komplexen experimentellen Konsequenz fürs Kino des Prager Frühlings steht, kaum weniger avantgardistisch als Věra Chytilovás Tausendschönchen (1966) oder Zbyněk Brynychs „...und der fünfte Reiter ist die Angst“ (1964). Herz erzählt ganz aus der Perspektive der Hauptfigur. Die Kamera bevorzugt das Weitwinkelformat, das die Umwelt verzerrt und verfremdet, dazu extreme Nahaufnahmen von Kopfrkingls Gesichts. Das albtraumhafte Porträt einer gestörten Seele, der Psychopath als Erfüllungsgehilfe und Prototyp einer kranken Gesellschaft. Einem Parteifunktionär der Nazis wird Kopfrkingl erzählen, dass auch in seinen Adern deutsches Blut fließe. Der Wahn stülpt sich über die Wirklichkeit: Vorauseilend gehorsam, erhängt er seine jüdische Frau im Badezimmer, tötet den Sohn mit der Axt. Ein selbst ernannter Reiniger seines Universums, der wie so viele seinesgleichen „das Lebendige als das zum Tode Verurteilte lustvoll wahrgenommen und dementsprechend gehandelt hat“ (Benjamin Moldenhauer).

"Der Leichenverbrenner" (©Bildstörung)
"Der Leichenverbrenner" (©Bildstörung)

In der Hauptrolle: Rudolf Hrušínský. Es ist seine größte schauspielerische Herausforderung, und die Gefahr besteht, dass sie nicht zu Ende gebracht werden kann. Denn die Dreharbeiten fallen mitten in den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen im August 1968 in Prag. Hrušínský hatte sich in den Monaten zuvor für die Politik eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ starkgemacht, Petitionen unterschrieben, den realen Sozialismus hinterfragt. Jetzt muss er abtauchen. Zwei Monate hält er sich an Orten auf, die nur seine Freunde kennen. Nach seiner Rückkehr kann Der Leichenverbrennerzwar abgedreht und Mitte März 1969 sogar uraufgeführt werden – doch im Zuge der neuen kulturpolitischen Eiszeit folgt bald das Verbot. Mit mehrjähriger Auftrittssperre belegt, fasst Hrušínský erst ab Mitte der 1970er-Jahre wieder im tschechoslowakischen Kino Fuß. Die Zuschauer freilich vergessen ihn nie.

Von Kindheit an auf der Bühne

Am 17. Oktober 1920 als Rudolf Böhm geboren, war Hrušínský nicht nur im übertragenen, sondern in ganz direktem Sinne ein Theaterkind: Die Eltern gastierten als Schauspieler überall im Land, und die Legende geht, dass ihn seine Mutter mitten in einer Bühnenaufführung zur Welt brachte. Gemeinsam mit der Familie zog der Junge von Stadt zu Stadt, jeweils abhängig von den Engagements des Vaters. Sein Studium an der juristischen Fakultät der Prager Universität brach Rudolf Hrušínský ab; auch ihn zog es ans Theater. Erste Auftritte absolvierte er am Prager Theater Urania und begab sich dann unter die Fittiche des legendären Dichters, Komponisten, Schauspielers und Regisseurs E.F. Burian, dem eine ganze Generation tschechischer Akteure ihre Erfolge verdankte. Schon mit sechzehn wirkte Hrušínský erstmalig in einem Film mit, Lízin let do nebe“ („Lisas Flug in den Himmel“). 1944 und 1946 inszenierte er sogar zwei eigene Spielfilme, Jarní písen“ („Frühlingslied“) und Pancho se zení“ („Pancho heiratet“). In Otakar Vávras Nachkriegsdrama Vorahnung (1947) spielte er eine seiner ersten Hauptrollen: einen snobistischen jungen Mann, der die Tochter eines Gelehrten verführen will. Im Jahr zuvor hatte die Familie ihren eigentlichen Namen Böhm, der auf deutsche Wurzeln hindeutete, offiziell in Hrušínský verändert, um einer Ausweisung aus der tschechischen Heimat zu entgehen.

Kultverdächtig: Rudolf Hrušínskýs Verkörperung des "braven Soldat Schwejk" (©Progress)
Kultverdächtig: Rudolf Hrušínskýs Verkörperung des "braven Soldat Schwejk" (©Progress)

Zum größten Publikumserfolg Hrušínskýs avancierte 1957 die Neuverfilmung des Romans Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hašek. Unter der Regie des Altmeisters Karel Steklý gab Hrušínský den Prager Hundehändler und unfreiwilligen Teilnehmer am Ersten Weltkrieg als gewitzten Narren: mit treuherzig-listigen Kinderaugen, gemütlichem Bäuchlein und leicht nach oben gewölbter Nasenspitze stolperte er täppisch und scheinbar weltfremd vor die Füße frauenvernaschender Offiziere, trunksüchtiger Feldkuraten und fieser Spitzel. Aber auf ausschließlich komische Charaktere wollte sich Hrušínský auch nach den begeisterten Kritiken nicht festlegen lassen. Er spielte in Krimis, Kinderfilmen oder antifaschistischen Arbeiten, trat als Sultan in Karel Zemans farbenprächtigem Baron Münchhausen (1962), einer Mischung aus Real- und Trickfilm auf – und im Fernsehfilm „Waterloo“ (1967) sogar als Napoleon Bonaparte.

Subtiler Charakterzeichner

Seit 1960 Mitglied des Ensembles des Prager Nationaltheaters, galt er als verlässlicher Partner sowohl für konventionelle als auch für formal neuartige Inszenierungen auf der Bühne und im Film. Leise philosophische Studien wie Jiří Menzels Launischer Sommer (1968) belegen seine Kunst subtiler Charakterzeichnung: Als einer der drei Helden, Kleinbürger im mittleren Alter, umriss Hrušínský ein langsam verlöschendes Leben, das seine Erfüllung nie gefunden hat. Eine Elegie über ungenutzte Chancen. Der folgende gemeinsame Film von Hrušínský und Menzel, Lerchen am Faden (1969), das groteske Porträt stalinistisch verfolgter Intellektueller auf einem mährischen Schrottplatz, wurde sogleich verboten und kam erst 1990 in die Kinos.

Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen musste er jahrelang warten, bis er wieder in Kinofilmen eingesetzt werden durfte. Als er auf die Leinwände zurückkehrte, war sein Humor auch von Momenten altersweiser Gelassenheit durchwebt. Die Zeit der expressiven Leichenverbrenner, der subversiven gesellschaftsanalytischen Parabeln war im tschechischen Kino zwar weitgehend passé, doch auch in die nunmehr dominierenden Alltagsgeschichten mischten sich nachdenkliche, kritische Töne. Fragen zur moralischen Beschaffenheit der lieben Landsleute, Hinweise auch auf Abgründe der Seele. Viele der im Land verbliebenen Großen des tschechischen und slowakischen Kinos – so wie František Vláčil, Karel Kachyňa, Juraj Herz und vor allem Jiří Menzel – versicherten sich seiner Mitarbeit, und das Publikum liebte den schelmischen, trotz zunehmender Leibesfülle körperlich stets agilen Hrušínský und seine Figuren sowieso.

Vater einer Schauspieler-Sippe und Abgeordneter

Menzel ermöglichte ihm, in der Komödie Heimat, süße Heimat (1985) gemeinsam mit seinem 1946 geborenen Sohn und dem 1970 geborenen Enkel, die beide ebenfalls Rudolf heißen, aufzutreten. Dass er die politischen Ideale des „Prager Frühlings“ nicht gänzlich ad acta gelegt hatte, bewies Hrušínský 1989, als er sich im Bürgerforum für die gewaltfreie „samtene“ Revolution und danach drei Jahre lang als Abgeordneter im tschechischen Parlament engagierte. In diese Zeit fällt auch eine seiner letzten Filmrollen, der Schuldirektor in Jan Svěráks melancholischer Studie über die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, Die Volksschule. Als Rudolf Hrušínský am 13. April 1994 in Prag starb, trauerte nahezu ein ganzes Land: Abschied von einem Volksschauspieler.

Eine von Rudolf Hrušínskýs letzten Filmrollen: "Die Volksschule" (©Lucernafilm - Alfa)
Eine von Rudolf Hrušínskýs letzten Filmrollen: "Die Volksschule" (©Lucernafilm - Alfa)


Hinweis: "Der Leichenverbrenner" fürs Heimkino

Eine von Rudolf Hrušínskýs denkwürdigsten Filmarbeiten, "Der Leichenverbrenner", ist beim Label Bildstörung in einer schönen DVD-Special-Edition erschienen: Sie enthält ein mustergültiges 40-seitiges Booklet mit dem Essay "Eine schwarze Perle auf dem Meeresgrund: Juraj Herz' DER LEICHENVERBRENNER" von Filmjournalist Adam Schofield (2007) sowie ein Werkstattgespräch zwischen Juraj Herz und Ivana Košuliová (2002). Das Bonusmaterial beinhaltet einen Audiokommentar von Herz sowie die Features "Der Weg zu den Öfen - ein Besuch der Krematorien mit Regisseur Juraj Herz" (28 Min.) und "Das alternative Ende und der Weg danach - ein Kurzinterview mit Juraj Herz" (10 Min.). Die Edition ist mit dem Silberling 2011 ausgezeichnet, dem Gütesiegel des FILMDIENST für herausragende Heimkino-Editionen.

Kommentar verfassen

Kommentieren