© Blue Spirit Productions (aus "Die Reise des Prinzen")

Das 25. "Schlingel"-Filmfestival für Kinder und junges Publikum

Montag, 19.10.2020

Diskussion

Seit einem Vierteljahrhundert ist das „Schlingel“-Filmfestival in Chemnitz eine wichtige Plattform des Kinder- und Jugendfilms. Die aktuelle Ausgabe konnte dieses Renommee trotz notwendigen Corona-Beschränkungen einmal mehr untermauern. Ein Highlight unter den präsentierten Filmen war der Animationsfilm „Die Reise des Prinzen“, der mit dem Preis der Ökumenischen Jury geehrt wurde.


Chemnitz, das „sächsische Manchester“ mit einer großen Kunsttradition, steht oft im Schatten von Leipzig und Dresden. Das Bild eines hässlichen Industriestandorts wurde nach der Wende durch Kultur- und Architekturinitiativen in eine Art neue Renaissance transformiert. Und in Sachen Kinobegeisterung läuft es anderen Metropolen den Rang ab. Zumindest, wenn es um den Kinder- und Jugendfilm geht. Denn jeden Oktober wird Chemnitz dank "Schlingel" zum Mekka für leidenschaftliche Filmfans und Fachbesucher, die sich aus rund 250 Produktionen aus über 40 Ländern ihr ganz persönliches Programm zusammenstellen.

Trotz Corona ein erfolgreicher Jahrgang

Dieses Jahr feierte man das 25-jährige Jubiläum, doch die anhaltende Corona-Pandemie forderte bei einheimischen und internationalen Gästen ihren Tribut. Festivalleiter Michael Harbauer und sein Team konnten mit 13 000 Besuchern in Chemnitz und der Filmpartnerstadt Zwickau trotzdem sehr zufrieden sein. Dass die Anwesenheit von kleinen und großen Zuschauern, Filmkünstlern und Fachleuten unverzichtbar ist, war vom 10. bis 17. Oktober eindrucksvoll zu erleben.

Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer hob in der Eröffnungsgala die Bedeutung, die Atmosphäre des gemeinsamen Filmerlebnisses hervor. Das Sprechen über die Vergangenheit, über alte und neue Grenzen sei gerade angesichts der Dominanz der sozialen Medien essenziell. Deshalb gelte es die Medienkompetenz zu fördern, das regionale audiovisuelle Erbe zu bewahren. Der „Schlingel“ fungiert als wichtige Plattform für die Präsentation des deutschen Kinder- und Jugendfilms sowie als weltweite Informationsbörse über das inhaltliche wie künstlerische Niveau dieser Kategorie.

Highlights aus Osteuropa: „Ärger hoch drei“ und „Schwesterchen“

Die Haupttrophäe des Festivals, den Europäischen Kinderfilmpreis, erhielt der polnische Jugendfilm „Ärger hoch drei“ von Marta Karwowska. Um den Gemäldediebstahl im Nationalmuseum von Posen entspinnt sich eine unterhaltsame, konventionelle Abenteuer- und Krimigeschichte, in der die Freundschaft und Kooperation von jugendlichen Nachwuchsdetektiven die Farce der Erwachsenen und die Energie der Bösewichter in die Schranken weisen.

Schwesterchen“, das Regiedebüt des gebürtigen Leningraders Alexander Galibin, erwärmte die Herzen des Chemnitzer Publikums und mehrerer Juries. Jamil, ein aufgeweckter Sechsjähriger, lebt im Kriegsjahr 1944 mit Mutter und Oma in einem abgelegenen Dorf Baschkiriens, im südwestlichen Teil der Sowjetunion. Der als tapferer Held idealisierte Vater kämpft gegen die Nazis; sein Vorbild lässt Jamil und seinen besten Freund vom Kriegseinsatz träumen. Eines Tages nimmt die Mutter ein schüchternes Mädchen auf, das in der Ukraine seine Familie verloren hat, womit ein Stück der grausigen Realität in die ländliche Idylle vordringt. Diese verliert schließlich ihre Unschuld, als deutsche Kriegsgefangene von den Kindern erst neugierig beobachtet und dann mit Steinen beworfen werden.

"Schwesterchen" (©Antidotre Film)
"Schwesterchen" (©Antidotre Film)

Der Film, der am 2.11. im Rahmen einer Reihe mit russischen Filmen unter dem Titel „Jamils Schwester“ bereits seine deutsche TV-Premiere beim mdr hat, lebt von kleinen Gesten und großen Emotionen der zwei tollen Hautdarsteller. Zugrunde liegt ihm ein Buch von Mustai Karim, dem größten Volksdichter seiner baschkirischen Heimat. Trotz seines unverkennbaren Patriotismus begeistert die Adaption durch das Hoffnungs-Potenzial der Kinder, die dem Krieg zum Trotz als Garanten für die Zukunft erscheinen. Die Produktion erhielt den Preis der Stadt Chemnitz, der ECFA-Jury und eine lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury.

„Die Reise des Prinzen“: Ein einfühlsames Gleichnis über die Rolle des Menschen in der Natur

Der Animationsfilm Die Reise des Prinzen (Frankreich/Luxemburg 2019) von Jean-François Laguionie und Xavier Picard erzählt unterhaltsam-intelligent von unterschiedlichen Zivilisationen und Verhaltensweisen. Die einfühlsame Parabel entführt in eine Welt von Affen in menschlicher Gestalt. Dem 12-jährigen Tom kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Er beschützt den am Strand gefundene alten Prinzen in einer unfreundlichen Umgebung.

Das einfühlsame Gleichnis lädt dazu ein, den Menschen als Krone der Schöpfung aus eigener und fremder Perspektive zu hinterfragen. Die klare Dramaturgie regt ein junges wie älteres Publikum zur Reflexion über universelle, zeitlose ethische Werte an. Der Respekt gegenüber Mensch und Natur sowie sein Plädoyer für individuelle Verantwortung fürs gesellschaftlich-Soziale machten ihn zum würdigen Preisträger für die Ökumenische Jury.

Die Familie als roter Faden

Viele Produktionen beschäftigten sich mit der schwierigen Situation von Kindern und Jugendlichen in mehr oder weniger traditionellen Familienstrukturen. Auffällig: die Häufigkeit von abwesenden oder überforderten Vätern und Müttern. „Der Nachtzug“ des Iraners Hamidreza Ghotbi schickt die quirlige Halbwaise Banafsheh auf eine einsame Entwicklungsreise, weil die als Mutter-Ersatz avisierte junge Lehrerin ihr Besuchsversprechen nach einer gemeinsamen Zugfahrt lange nicht einhält. Jene nutzt den Erzählrahmen der Geschichte zur fantasievollen Weitererzählung mit ihren Schülern. Subtil spielt der Film auf Einschränkungen, Unzufriedenheit und die politische Situation im Iran von heute an.

Effektvoll zeichnet das australische Jugenddrama „Moon Rock für Monday“ seinen Spannungsbogen: Ein unheilbar krankes Mädchen wird von einem jungen Kleinkriminellen und Mörder als Schutz für seine Flucht vor der Polizei benutzt. Das aufwühlende Road Movie von Kurt Martin begleitet den Annäherungsprozess der Jugendlichen, den Konflikt mit dem Vater und der Gesellschaft mit bekannten dramaturgischen und musikalischen Versatzstücken. Es geht um Horizonterweiterung und gegenseitige Toleranz, um Wertschätzung des Lebens. Das Werk wurde mit dem Preis der FIPRESCI-Jury und der Sächsischen Landesmedienanstalt ausgezeichnet.

Mit im Programm: Ein deutscher Tanzfilm

Der deutsche BeitragInto the Beat – Dein Herz tanztvon Stefan Westerwelle legt mit einer perfekten Tanz- und Streetdance-Choreographie eine publikumswirksame Performance vor. In diesem Film (der am 17.12.2020 auf DVD/BD erscheint) trifft klassisches Ballett auf ausdrucksstarken Hip Hop: Katya hat das Talent ihrer verstorbenen Mutter und den Willen zum Erfolg vom Vater, einem Meistertänzer, geerbt. Aber die Liebe und die eigene Lebensplanung verlangen einen Umweg. Die sympathische Natürlichkeit der Darsteller und das Hamburger Flair lassen über manche Stereotypen hinwegsehen.

"Into the Beat" (©Wild Bunch/Lieblingsfilm Prod.)
"Into the Beat" (©Wild Bunch/Lieblingsfilm Prod.)

In „Leben ohne Sara Amat“, dem Spielfilmdebüt der spanischen Regisseurin Laura Jou, bricht eine Vierzehnjährige aus katastrophalen Familienverhältnissen in der katalanischen Provinz aus. Eine etwas jüngere Ferienbekanntschaft wird zum unglücklichen Blitzableiter für den unkontrollierten Freiheitsdrang des Mädchens. Der Film entgeht aufgrund etlicher Klischees und Ungereimtheiten nicht immer einer zweifelhaften Emotionalität.

Die vietnamesische Produktion „Ròm“ schickt den gleichnamigen Protagonisten in einen harten Überlebenskampf auf den Straßen von Saigon. Während sich die Bewohner eines armen Stadtviertels mit seiner Hilfe ihre Aufstiegsträume durch einen Lotteriegewinn realisieren wollen, fällt er auf einen Leidensgenossen und skrupellose Schuldeneintreiber herein. Am Ende vernichtet Ròm, um seine Schulden zu begleichen, das Quartier und wird zum Gejagten in einer Welt voller Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Die Suche nach den vermissten Eltern erscheint als unlösbare Sisyphusarbeit.

„Ein bisschen bleiben wir noch“ (Regie: Arash T. Riahi, deutscher Kinostart am 3.12.) aus Österreich schildert das Abschiebungstrauma einer tschetschenischen Familie in Wien. Um der Ausweisung nach sechs Jahren Aufenthalt zu entgehen, unternimmt die Mutter einen Selbstmordversuch und kommt in die Psychiatrie. Ihre beiden Kinder landen dadurch in etwas sehr stilisierten Pflegefamilien. Verständnis und Geborgenheit stehen contra Angst, Flucht und die Sorge um die angeschlagene Mutter. Den gut gespielten, ansprechenden Titel zeichnete die DEFA-Stiftung aus.

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