© Warner (aus dem Artwork zu "Cortex")

Wo bin ich in dem anderen?

Freitag, 23.10.2020

Ein Interview mit Moritz Bleibtreu zu seinem Regiedebüt „Cortex“

Diskussion

Sie sind einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands und schon seit über 25 Jahren dabei. Müssen Sie sich manchmal kneifen, um zu realisieren, wie weit Sie es geschafft haben und das alles so geklappt hat?

Moritz Bleibtreu: Auf jeden Fall. Früher habe ich oft gesagt: Ich warte immer noch darauf, dass mir der Himmel auf den Kopf fällt. Ich bin über die Maßen dankbar für alles, was mir das Leben geschenkt hat. Als ich mit 17 Jahren nach Paris gegangen bin und mir eine Zukunft als Schauspieler ausgemalt habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mir einmal so ein Leben zugedacht wird. Es ist vor allem eine große Freude, weil ich weiß, dass ich meine Karriere meiner Mutter Monica Bleibtreu verdanke. Sie hat mich mit einem intakten künstlerischen und moralischen Kompass ausgestattet, sodass ich mich in dieser Zeit nicht verrannt habe.

Sie haben in über 90 Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt, jetzt, mit 49 Jahren, haben Sie zum ersten Mal Regie geführt. Wie kam es zu dem Wunsch, endlich mal Regie zu führen?

Bleibtreu: Den gab es eigentlich schon immer. Ich habe mich schon immer für Dramaturgie interessiert. Sprache hat mich immer begeistert. Ich spreche selbst fünf Sprachen. Ich habe ein gutes Ohr für Dialekte und Akzente. Meine Mutter hat mich oft in Diskussionen über Dramaturgie involviert und mit mir im zarten Alter von sechs über „Macbeth“ gesprochen. Ich war bei ihren Proben im Schauspielhaus dabei und fragte: „Mama, warum machen die das jetzt so?“ Dadurch habe ich sehr früh ein Verständnis für Dramaturgie entwickelt. Als Jugendlicher habe ich viel geschrieben, Gedichte, Theaterstücke, Scripts. Es hat aber sehr lange gedauert, bis ich mich an „Cortex“ festgebissen hatte.

Moritz Bleibtreu am Set von "Cortex" (©Warner)
Moritz Bleibtreu am Set von "Cortex" (©Warner)

Warum?

Bleibtreu: Zeitgleich habe ich an mehreren Sachen geschrieben. Weil ich so viele Filme auf meinem Buckel habe und weil man mich kennt, ist es mir schwer gefallen zu sagen: Was ist es, was ich erzählen will? Dann kam „Cortex“. Ich weiß gar nicht so sehr, warum. An der Basis liegt natürlich die Frage: Wer bin ich? Wer ist der andere? Wo bin ich in dem anderen? Das ist ja mein Beruf, ich werde dafür bezahlt, so zu tun, als wäre ich ein anderer. Gleichzeitig ist es aber auch sehr elementar: Wer sehnt sich nicht manchmal danach, ein anderer zu sein? Wie viele Menschen sind wirklich glücklich mit den Entscheidungen, die sie einmal getroffen haben, und dem Leben, das sie sich ausgesucht haben? Das Glück, nachdem wir alle streben, liegt so sehr darin verankert, sich zu finden und zu wissen: Was macht mich glücklich? Ist es wirklich das, was ich wollte? Das ist das Problem, dass wir in unserer westlichen Welt mit all diesen Entscheidungsmöglichkeiten haben. In anderen Teilen der Welt wird das Leben der Menschen von Notwendigkeit bestimmt. Sie müssen sich nicht mit Freiheit herumschlagen. Freiheit ist kompliziert.

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Sie haben das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, produziert und die Hauptrolle übernommen. Wie kriegt man das alles unter einen Hut?

Bleibtreu: Das war nicht gewollt. Ich habe den Film geschrieben und wollte ihn natürlich inszenieren. Produzieren liegt nahe, weil man an dem Projekt dran sein muss. Wenn ich in bestimmten Situationen nicht die Entscheidungsgewalt habe, dann ist die Gefahr zu groß, dass ich mir das aus der Hand nehmen lasse. Spielen wollte ich nicht. Mein großer Fehler: Ich habe beim Schreiben keinen Schauspieler im Kopf gehabt. Ich habe die Geschichte eigentlich ins Blaue hineingeschrieben. Dann hat sich Warner bereit erklärt, den Film zu machen. Dann habe ich gecastet, und es gab nicht diesen Moment, wo ich dachte: Das ist er! Bevor ich jemanden nehme, bei dem ich wüsste, dass es der Falsche ist – dann lass ich mir lieber vorwerfen, dass es falsch war, mich selbst zu nehmen. Dann war klar, ich brauche jemanden, auf den ich mich stützen kann. So kam Thomas W. Kiennast als Kameramann ins Spiel. Er ist ein Allround-Filmemacher mit einem riesigen Erfahrungsschatz. Ohne ihn wäre es nicht gegangen. In den Momenten, wo ich spiele, also vor der Kamera bin, habe ich die Regie komplett abgegeben. Ich habe es auch nicht mehr korrigiert oder angeschaut. Wenn man gute Leute hat, muss man als Regisseur nicht mehr so viel machen. Es lief erstaunlich reibungslos.

Wie schwierig war es denn, das Drehbuch zu schreiben? Ich frage, weil ich als unvorbereiteter Zuschauer in den Film hineingeworfen wurde, mit Episoden, die sich wiederholen, unter Umständen mit anderen Ausgängen, mit Szenen, die sich als Traum entpuppen. Es gibt also mehrere Ebenen, die man als Autor ja in eine gewisse Ordnung bringen muss.

Bleibtreu: Ja – das war kompliziert. Ich schreibe erst immer auf Schnitt – wie ein Zwölfjähriger, der beim Dreh in der Kamera schneidet. Ich muss dann die einzelnen Erzählstränge in die einzelnen Zeitachsen bringen, das heißt die einzelnen Stränge ausschreiben. Das, was so „verwirrend“ wirkt, so willkürlich vielleicht sogar manchmal, geht nur, wenn man genau weiß, wo man ist. Das war eine Fleißaufgabe. Ich mag das aber, auch in der Literatur. Ich mag falsche Fährten, klassische Whodunits, ich mag das Mitdenken, wenn mich Stoffe fordern, nicht nur narrativ-dramaturgisch – auch visuell. Das Kino von David Lynch zum Beispiel, wo ich als Zuschauer wirklich gefordert bin. Und wenn ich ihn dann frage, wie es gemeint sei, antwortet er mir: „Well, you tell me!“ Jetzt kann man sagen, dass sich Filme aus sich selbst heraus erschließen müssen. Oder man sagt: „Nein – das müssen sie nicht unbedingt.“ Eine Initialzündung war sicherlich Memento damals. So etwas wollte ich gern mal versuchen. Es gibt natürlich dieses Verständnisproblem: Kann man dem Zuschauer das zumuten? Das war eine ständige Diskussion. Ich war vor drei Wochen in Tenet – da habe ich richtig gute Laune bekommen (lacht). Ich bin also doch nicht der Einzige, der solche Sachen mag. Vielleicht findet Christopher Nolan meinen Film gar nicht so schlecht.

Neigung zum "Mindfuck Movie": Eine Szene aus "Cortex" (©Warner)
Neigung zum "Mindfuck Movie": Eine Szene aus "Cortex" (©Warner)

Würden Sie ihn als großen Einfluss bezeichnen? Es gibt ja gleich zu Beginn die Szene mit dem kaputten Stöckelschuh im Autofond, später sehen wir eine Frau auf diesen Schuhen rückwärts gehen, bis sie umknickt und der Schuh zerbricht. Was für ein kurioser Zufall, wo doch in „Tenet“ die Bewegung zu großen Teilen rückwärts verläuft.

Bleibtreu: Es gibt einige kuriose Zufälle. Deswegen habe ich ja so gute Laune. Es hat mich unheimlich gefreut, dass fast gleichzeitig ein Film herauskommt, der sich das ganz massiv traut, und zwar auf opulenteste Art und Weise. Ich verstehe aber total, wenn man „Tenet“ nicht ganz folgen kann. Fatih Akin hat ihn sich viermal angeguckt. Genauso funktioniere ich auch: „Das muss ich noch einmal schauen.“ In der Musik geht mir das auch so. Ich habe immer wieder Alben gehört, die beim ersten Hören an meiner Erwartungshaltung dem Künstler gegenüber gescheitert sind. Und dann habe ich die Platte noch einmal gehört, und noch einmal, und dann macht es auf einmal „Klick“ (schnippt mit den Fingern): „Jetzt weiß ich, was der wollte!“ Für mich braucht es, auf das Kino bezogen, solche Filme. Es wird aber immer schwerer, etwas komplexer erzählte Geschichten auf die Kinoleinwand zu bringen. Irgendwann wird so ein Film wie „Cortex“ nicht mehr ins Kino kommen, sondern nur noch auf Streamingdiensten laufen. Leider.

Schlaf, Schlaflosigkeit, Träume, Wahrnehmung – was hat Sie an diesem Themenkomplex so sehr interessiert? Es kommen auch Fachbegriffe wie „Begleitertraum“, „Klartraum“ und „Realitätscheck“ vor, was darauf hindeutet, dass Sie sich mit alldem ausgiebig befasst haben.

Bleibtreu: Ja – das ist eine faszinierende Materie. All das gibt es tatsächlich. Es gibt Menschen, die von sich behaupten, dass sie sich selbst im Traum führen und steuern können. Sie träumen sich nachts um Zwölf mal eben an den Strand von Jamaika, mit dem Caipirinha in der Hand. Ich bin ein sehr neugieriger und wissbegieriger Mensch. Schlaf habe ich oft als etwas Unnötiges empfunden. Gleichzeitig ist es aber auch das ultimative Kino. In dem Moment, wo wir einschlafen und dieser Vorhang aufgeht, sehen wir einen Film, den wir selber geschrieben haben, und wir wissen nicht, warum. Rein wissenschaftlich betrachtet, weiß man über Traumzustände weniger als darüber, wie es auf dem Mars aussieht. Dabei liegt es uns so nahe und beschäftigt uns so sehr. Jeder kennt das, wenn Traum und Realität sich überlagern, und sei es nur, dass man von jemandem geträumt hat und nun meint, ihn anrufen zu müssen. In Träumen liegt viel verborgen, von dem wir nicht die geringste Ahnung haben.

Das Kino im Kopf: Jannis Niewöhner in "Cortex" (©Warner)
Das Kino im Kopf: Jannis Niewöhner in "Cortex" (©Warner)

Es gibt eine schöne Szene, wo Sie in den Spiegel schauen und Jannis Niewöhner zurückblickt. Als Zuschauer muss ich mich ja auf das verlassen, was ich sehe. Also frage ich mich: Haben die beiden den Körper getauscht? Das ist dieses Bodyswitch-Thema, das man vor allem aus Komödien kennt.

Bleibtreu: Der Film macht etwas sehr Einfaches: Wir kündigen die Träume nicht an. Normalerweise beginnen Traumsequenzen unscharf und verschwommen, oder sie sind schwarz-weiß in einem Farbfilm. So viel geben wir dem Zuschauer nicht, es ist eins zu eins, wie im wirklichen Leben. Die Realität ist nicht zu unterscheiden von den Träumen. Das macht sie ja so beängstigend. Das war uns wichtig. Gleichzeitig haben wir nach Mitteln gesucht, diesen Bodyswitch begreiflich zu bebildern. Da mussten wir viel fummeln. Und gleichzeitig verwirren. Wir legen die beiden Köpfe in einer Szene übereinander, plötzlich ist nur Jannis da. Logisch betrachtet ist es genau das, was passiert: Zum ersten Mal sieht er sich. Und dann sieht er den anderen.

So ein Film kostet in dieser Größe doch ein bisschen Geld.

Bleibtreu: Das kostet ein bisschen Geld. Wir haben den Film für unter vier Millionen Euro gemacht – das muss man erst einmal schaffen. Das war uns aber auch wichtig. Wir wollten keinen experimentellen Film mit Handkamera drehen – das sollte schon knallen visuell. Darauf bin ich am allermeisten stolz: Der Look, die Atmo, Sounddesign, Ton – da müssen wir uns nicht verstecken.

Ich würde gern mit Ihnen über einige Sets und Bilder sprechen, die mir besonders gefallen haben, die Bar zum Beispiel…

Bleibtreu: Das ist eine alte Tankstelle. Sie steht meines Wissens sogar unter Denkmalschutz. Sie ist tatsächlich ein Café und steht unten am Hafen in Hamburg.

Set mit Edward-Hopper-Atmo (©Warner)
Set mit Edward-Hopper-Atmo (©Warner)

Die U-Bahn-Station…

Bleibtreu: Das ist die in der Hafencity. Die ist krass. Die ist immer so leer. Da fährt kaum einer hin. Wir haben schon tolle Sachen gefunden. Wir haben aber keinen Hamburg-Film inszeniert. Wir haben eigentlich versucht, Hamburg atmosphärisch passend zu machen für das, was wir erzählen wollten, und gleichzeitig haben wir gemerkt, dass Hamburg das auch liefert. Schade, dass nicht mehr Kino in Hamburg gemacht wird.

Eine andere Szene hat mir noch gefallen: Da gehen Kinder in gelben Ölmänteln singend im Gänsemarsch vor Hagens Auto her, während die Scheibenwischer gegen den prasselnden Regen kämpfen.

Bleibtreu: Das war eine Idee von Thomas Kiennast. Er wollte, dass alle die Kapuzen aufsetzen und noch mehr Regen fällt. Thomas ist großartig darin, Momentaufnahmen zu finden und Sachen herauszufischen. Er hat auch ganz viel mit einer zweiten Kamera gemacht, die auf Abruf herumlag, und wenn was war, konnte es losgehen. Das hat sich als sehr effizient herausgestellt. Thomas hat ein Auge für Bilder, für Kino. In der ersten Woche war dieser Shot auf den Damenschuh im Auto – einer meiner Lieblingsshots: Dieses Stillleben von diesem blöden Schuh – ein ganz tolles Bild. Thomas Kiennast gibt verschiedenen Geschichten einen eigenen Look, der sich dem Inhalt unterordnet und gleichzeitig sehr hervorhebt. Das finstere Tal, Drei Tage in Quiberon, Ich war noch niemals in New York – das ist schon beachtlich, was er zuletzt so gemacht hat. Ja – die Österreicher sind schon gut. (lacht)

Sie sprachen eben schon das Sounddesign an. Da hat man ständig das Gefühl, als würde gleich alles zusammenbrechen. Haben Sie eng mit dem Sounddesigner zusammengearbeitet?

Bleibtreu: Nein, gar nicht. Ich bin eher einer, der anderen Mitarbeitern einen großen Raum lässt. Es gibt zwei Arten von Regisseuren: Es gibt die, alles so machen, wie sie es wollen. Helmut Dietl zum Beispiel hat en detail alles so gemacht, wie er es wollte. Es interessierte ihn nicht, ob jemand noch eine Idee hatte. Es wurde so gemacht, wie er es wollte. Spiel, Interpunktion – er hat mich sogar Bindestriche mitspielen lassen.

Wenn das team stimmt, stimmt auch der Film: Die Crew von "Cortex" (© Warner)
Wenn das Team stimmt, stimmt auch der Film: Die Crew von "Cortex" (© Warner)

Nervt das?

Bleibtreu: Nein, mich nervt das überhaupt nicht. Das ist eine Herangehensweise. Wenn er das so will, dann bin ich sein Werkzeug. Dann gibt es andere Regisseure, etwa Steven Spielberg, den ich bei München mal gefragt habe: „How do you do it?“. Er antwortete: „I don’t do anything. All I do: I hire the best people in the world and I tell them how great they are.“ Das habe ich nie vergessen. Und dann kommt, ich weiß nicht wer: Eric Bana, Mathieu Amalric, Meret Becker, Yvan Attal. Das sind nicht einfach nur gute Schauspieler, das sind die besten der besten. Und dann machen die. Und Spielberg steht da und raucht seine Zigarre. Und alles läuft. Was man braucht, ist, wie Billy Wilder gesagt hat, „drei Dinge für einen Film: ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch“. Wenn man das hat, hat man schon ein starkes Rückgrat. In der Tradition würde ich mich gerne sehen. Ich gebe erst einmal ab, dann schaue ich, was kommt. Wenn sich das überhaupt nicht vereinbaren lässt für meinen Film, dann muss ich handeln. Meistens ist es aber so, dass das, was mir zugetragen wird, das Ganze nur noch reicher macht.

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