© Edimotion/Werner Busch

Ehrenpreis für Karin Schöning

Freitag, 23.10.2020

Die Schnittmeisterin erhält den Ehrenpreis des Edimotion-Festivals für Filmschnitt und Montagekunst in Köln

Diskussion

Am 26. Oktober wird die deutsche Schnittmeisterin Karin Schöning mit dem Ehrenpreis des Edimotion-Festivals für Filmschnitt und Montagekunst (ehemals „Filmplus“) in Köln ausgezeichnet. Mit ihrer Kunst hat sie zahlreichen Dokumentarfilmen zu besonderer Wirkung verholfen, insbesondere in der langjährigen Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Thomas Heise, Gerd Kroske und Heinz Brinkmann. Eine Würdigung.


1992 lief mit Eisenzeit ein Dokumentarfilm auf Festivals und vereinzelt auch in Kinos, der zu den herausragenden Arbeiten über menschliche Flurschäden im Osten Deutschlands gehört. Er zeigt junge Männer und Frauen in einer einstigen Vorzeigestadt des DDR-Sozialismus, unmittelbar nach Mauerfall und Wiedervereinigung. Was hinter ihnen liegt, ist kaum verkraftet, was jetzt wohl kommen mag, bleibt völlig ungewiss. Es geht um irreversible Zerwürfnisse, um Fluchtimpulse und Suizide. Erinnerungssplitter und Archivbilder treten mit Bildern der aktuellen Situation in einen überraschend-assoziativen Austausch. Nur wenige Filme vermochten, die Unwucht gesellschaftlicher Prozesse und individuelles Erleben jener Zeit so komplex zu erfassen. Darin besteht auch die Aktualität dieses Films.

Wesentliche Momente seiner Wirksamkeit verdankt „Eisenzeit“ der Montage, die es stets schafft, überraschende Zusammenhänge herzustellen, ohne je in billige Polemik abzugleiten. Hier lässt sich die Handschrift der Schnittmeisterin Karin Schöning exemplarisch nachvollziehen. Sie drängt sich nie auf, bleibt aber immer präzise, empathisch und nachdrücklich. Es war dies die erste Zusammenarbeit zwischen Karin Schöning und Regisseur Thomas Heise, weitere folgten. Auch die Oeuvres von Gerd Kroske und Heinz Brinkmann prägte sie wesentlich, daneben stehen mindestens 70 Arbeiten für andere Regisseure, darunter für Gunther Scholz, Karlheinz Mund, Joachim Tschirner, Andreas Voigt oder René Frölke, beginnend von den frühen 1970er-Jahren bis heute.


Die Anfänge: Auftragsarbeiten im DEFA-Dokumentarfilmstudio

Nach dem Fernstudium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg begann Karin Schöning im DEFA-Dokumentarfilmstudio zu arbeiten. Die Absolventin konnte sich damals zunächst weder Themen noch Partner selbst aussuchen. Für den Einsatz im Vorprogramm der Kinos produziert – quasi als populärwissenschaftliche oder politische Ouvertüren vor den „richtigen Filmen“ – waren diese zwischen 10 und 30 Minuten langen Kurzfilme oft propagandistisch grundiert. „Blick hinter die Kulissen“ (1977) etwa pries anhand von Arbeitslosigkeit und Berufsverbot in der Bundesrepublik die Überlegenheit des Sozialismus. „Der große Saal“ (1977) und „Nach dem Richtfest“ (1978) begleiteten den Aufbau des „Palasts der Republik“. Andere Filme wie „Die KPD. Eine Dokumentation zum 60. Jahrestag der Kommunistischen Partei“ (1979), „Auferstanden aus Ruinen“ (1979) oder der Langfilm Weggefährten. Begegnungen im 25. Jahr der DDR (1974) verraten bereits mit ihren Titeln ausreichend, worum es ging.


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Doch bereits im Schlüsseljahr 1976 gab es mit „Rosenthaler Straße 51“ einen Verweis darauf, was Karin Schöning tatsächlich umtrieb und wo ihre Potenzen lagen. In der völlig unprätentiös inszenierten Studie wird ein Chor von „Arbeiterveteranen“ porträtiert, also von betagten Genossen, die sich in ihrer Freizeit dem Laiengesang widmen. Die beiden Filmemacher Günter Kotte und Heiner Sylvester unterliefen das parteipolitisch wasserdichte Sujet, um auf die Menschen und ihr Umfeld zu fokussieren, der ideologische Ballast blieb außen vor. Co-Regisseur Sylvester unterzeichnete noch im selben Jahr die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR, erhielt dann Berufsverbot und siedelte später in den Westen über.

„Barluschke“ (1997) ist eine von Karin Schönings Arbeiten mit Thomas Heise (© Ö-Filmproduktion)
„Barluschke“ (1997) ist eine von Karin Schönings Arbeiten mit Thomas Heise (© Ö-Filmproduktion)

Virtuoser Umgang mit inkohärenten Quellen

1988 montierte Schöning mit flüstern & SCHREIEN einen der erfolgreichsten abendfüllenden DEFA-Dokumentarfilme überhaupt. Dieser Rockreport von Dieter Schumann begleitete populäre, nicht unbedingt aufmüpfige Gruppen wie Silly, Chicorée und Die Zöllner, nahm aber fast zufällig mit Feeling B und Sandow zwei Bands mit auf, die sich damals außerhalb der staatlich reglementierten Unterhaltungskultur bewegten. Dadurch stieg der Film zum Geheimtipp auf und lockte viele tausende junge Zuschauer in die Kinos, die den realsozialistischen Freizeitangeboten eigentlich schon längst abhandengekommen waren. Mit „flüstern & SCHREIEN“ erreichten Karin Schönings Qualitäten eine erste optimale Ausformung. Vor allem im virtuosen Umgang mit überaus inkohärenten Quellen, in der geschmeidigen Symbiose von örtlich und zeitlich weit auseinanderliegendem Material, entwickelte sie eine hohe Vituosität, die sich später in viele Filme einschrieb.

Unmittelbar im Revolutionsherbst 1989 begann dann die so reichhaltige Zusammenarbeit mit Gerd Kroske, die bis in die jüngste Zeit ihre Fortsetzung erlebte. Der aus der Kunstwissenschaft kommende Kroske, der über Nebenpfade und durch die Hilfe von Kolleginnen wie Jürgen Böttcher und Helke Misselwitz den Weg zum DEFA-Dokumentarfilm gefunden hatte, begab sich mit Andreas Voigt und Kameramann Sebastian Richter direkt in die Demonstrationszüge von Leipzig. Hier nahmen sie die Schwingungen des politischen Umbruchs auf und formten diese in den später mehrfach preisgekrönten, halblangen, von Karin Schöning montierten Film Leipzig im Herbst um – heute eines der wichtigsten zeitgeschichtlichen Zeugnisse der einzigen erfolgreichen Revolution auf deutschem Boden. Von diesem Ansatz aus verzweigten sich dann die Werkbiografien der beiden Co-Regisseure. Voigt realisierte anschließend mehrere Filme über die „Leipziger Helden“, ebenso Kroske. Seine Arbeiten Kehrein, Kehraus (1996) und Kehraus, wieder (2006) entwuchsen unmittelbar „Leipzig im Herbst“ und entstanden ebenso in Zusammenarbeit mit Schöning wie weitere zehn Werke, darunter Vokzal – Bahnhof Brest (1993), Der Boxprinz (2000) oder Striche ziehen (2014). Es gibt keinen deutschen Filmemacher, dessen Oeuvre so eng mit dem der nun auf dem Edimotion-Festival mit dem Ehrenpreis gewürdigten Schnittmeisterin Karin Schöning verbunden wäre.


Aneinander wachsende Arbeitspartner

Neben Heise und Kroske ist Heinz Brinkmann der dritte ostdeutsch sozialisierte Dokumentarfilmregisseur, dessen Filmografie maßgeblich von der Preisträgerin geprägt wurde. Anhand der bereits 1979 einsetzenden gemeinsamen Arbeit lässt sich gut nachzeichnen, wie die Arbeitspartner aneinander wuchsen und zu einer unverkennbaren Sprache fanden. Mühten sie sich anfangs noch mit ideologielastigen („Auferstanden aus Ruinen“, 1977) oder etwas belanglosen Stoffen („Miss-Wahl“, 1987) ab, lief ihre Kooperation ab spätestens 1988 auf entschiedenere Wege zu. Der in jenem Jahr entstandene, knapp halbstündige „Karbidfabrik“ führt hohle Propaganda-Formeln im Verhältnis zur tristen Wirklichkeit lakonisch ad absurdum. Archaische Arbeitsbedingungen und horrende Umweltsünden der Chemieindustrie stehen neben der einst von Walter Ulbricht ausgegebenen Parole „Chemie gibt Schönheit“.

Das Porträt eines schillernden Ex-Boxprofis: „Der Boxprinz“ (1999) von Gerd Kroske (© Real Fiction)
Das Porträt eines schillernden Ex-Boxprofis: „Der Boxprinz“ (1999) von Gerd Kroske (© Real Fiction)

Nach 1990 konzentrierten sich Brinkmann und Schöning auf ein zentrales, gemeinsames Thema: die Ostsee. Die nordöstliche Region hatte den Regisseur biografisch bedingt wesentlich geprägt. Nun kehrte er filmisch immer wieder zu seinen Wurzeln, konkret zur Halbinsel Usedom, zurück. Über mehrere Jahre hinweg entstand Insellicht - Usedomer Bilder (2002-2005). Nun ordnet Karin Schöning mit Heiner Sylvester den filmischen Nachlass von Heinz Brinkmann. Schon bald soll daraus ein neuer, gemeinsamer Film entstehen. In diesem Dokumentarfilm wird es um den Boxer und Boxtrainer Ulli Wegner gehen.

Neben den vielen Kindern, Enkeln und Urenkeln, neben ihrer stets wachen kulturellen Neugier und dem regelmäßigen ehrenamtlichen Engagement bleibt die Preisträgerin also beschäftigt und auch dem aktuellen Filmschaffen erhalten. Daneben nimmt sie auch sanften Einfluss auf nachrückende (Film-)Generationen. Ihre Hilfsbereitschaft gegenüber weitaus jüngeren Kollegen ist legendär, ihr guter Rat immer willkommen.

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