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Ein afrikanischer Traum

Montag, 26.10.2020

Ein Interview mit Jared P. Scott zu „The Great Green Wall“

Diskussion

Im Dokumentarfilm The Great Green Wall(hier geht es zur Kritik) des in Berlin lebenden amerikanischen Regisseurs Jared P. Scott geht es um ein panafrikanisches Prestigeprojekt, vorgestellt von der aus Mali stammenden Sängerin Inna Modja: eine grüne Mauer quer durch das Sahel-Gebiet von Senegal bis nach Äthiopien. Ein Gespräch über die Herangehensweise an ein bereits bestehendes Unternehmen und die Sensibilisierung für weitere Anstrengungen gegen die Folgen des Klimawandels.


Sie sind nicht der Auslöser dieses Projekts und wurden als Regisseur erst später verpflichtet. Was überzeugte sie an The Great Green Wall“?

Jared P. Scott: Dieses Umweltprojekt befindet sich ja noch in einem sehr frühen Stadium. Der Grund für diesen Film war es deshalb auch, mehr Bewusstsein zu schaffen. Wir mussten die Geschichte dieser „Grünen Mauer“ mit dem Wissen erzählen, dass bisher nur ein kleiner Teil dieses Mammutprojekts existiert. Es ist ein Teil eines größeren afrikanischen Traums, ein Entwicklungsziel. Hinzu kamen die Musik, die sozialen und politischen Verhältnisse in den einzelnen Regionen und Ländern, der Klimawandel und diese Idee, Wüstenlandschaften neu zu begrünen. All diese Aspekte wollten wir im Film zusammenbringen.

Waren Sie vor Beginn der Dreharbeiten jemals auf dem afrikanischen Kontinent?

Scott: Afrika ist ein riesiger Kontinent und ich war schon vorher dort. Aber Afrika besteht aus 54 Ländern, und wir reden so oft über diesen Kontinent, als sei es ein großer Klumpen. Dabei herrschen dort so viele Unterschiede, und innerhalb jedes Landes findet man bereits eine große Diversität. Es werden so viele Sprachen und Dialekte gesprochen, dass man schon innerhalb eines Landes das Gefühl hat, durch verschiedene Staaten zu reisen. Und ich war vorher noch nicht in den Ländern gewesen, in denen wir drehten: Senegal, Mali, Niger, Nigeria, Äthiopien.

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Wie sahen Sie Ihre Rolle als Regisseur bei diesem Projekt?

Scott: Die Produzenten kamen aus fünf verschiedenen Kontinenten, aber wir wollten, dass die Geschichte von Afrikanern erzählt wird. Und so folgten wir der Musikerin Inna Modja. Durch ihre Augen und Ohren erfahren wir etwas über dieses wichtige Umweltprojekt und die Protagonisten des Films. Mein Job als Filmemacher bestand in erster Linie darin, zuzuhören. Es ging nicht darum, meine Ansichten und Meinungen zu vertreten. So hielt ich mich bewusst zurück. Es war kein Film über einen Außenstehenden, über einen Journalisten aus der nördlichen Hemisphäre, der in den Süden reist und sich zum Erzähler aufschwingt. Inna Modja stammt aus dieser Region. Sie ist eine Tochter der Sahel-Region und wir folgen ihr mit der Kamera. So fangen wir ausschließlich afrikanische Stimmen ein. Wir haben auch bewusst auf Interviews verzichtet, sondern Gespräche mit den Protagonisten aufgenommen, sie in ihrer natürlichen Umgebung gefilmt. Die (Hand-)Kamera ist immer auf Augenhöhe. So wollten wir den Zuschauer mit einbeziehen, als wäre er mit dabei.

Wüstenland wird wieder urbar gemacht.
Wüstenland wird wieder urbar gemacht.

Aber wenn wir schon über die Kameraführung und die Bilder sprechen – es gibt sehr schön gefilmte Landschaftsaufnahmen aus der Vogelperspektive, die wohl mit Drohnen oder einem Kamerakran aufgenommen wurden. Manchmal wirkt der Film wie ein Spielfilm mit einem ziemlich großen Budget. Wie wichtig war diese visuelle Komponente?

Scott: Ich fasse das jetzt einmal als Kompliment auf. Es war durchaus mein Ziel, dass man den Film als eine Erzählung wahrnimmt. In der Montage des Films kehren wir regelmäßig zu Inna zurück, wenn sie in die Kamera schaut, als würde sie ein Videotagebuch führen. Sie erzählt ihre eigene Geschichte und spricht direkt das Publikum an. Es ist aber auch fast so wie ihre innere Reise, die filmisch erfahrbar wird. „The Great Green Wall“ wurde fast nur per Handkamera gefilmt. Mein Kameramann Tim Cragg ist großartig. Er hat auch Three Identical Strangers oder „Stadt der Angst: New York gegen die Mafia“ gefilmt, den man derzeit auf Netflix sehen kann. Er ist ein ehemaliger Tänzer und so gleitet er mit seiner Kamera durch den Raum. Die Handkamera als Stilelement war uns wichtig, weil jetzt so viel mit Steadycam gedreht wird, was die Bilder dann zu geschmeidig macht. Unser Film sollte realistisch wirken und nicht „überproduziert“. Einerseits ist es schön gefilmt, bewahrt sich aber auch diese gewisse Rauheit in den Bewegungen und ist nie zu glatt. Bis auf die Luftaufnahmen, die wir dann mit Hilfe von Drohnen filmten. Aber wir setzten nur auf diese beiden Stilelemente: kein Kamerakran, nichts zu Elegantes und Modisches. Wenn man im Dokumentarfilm mit den Mitteln des Erzählkinos arbeitet, muss es dennoch glaubhaft bleiben.

Die wichtigste Protagonistin des Films Inna Modja ist ja nicht nur die Erzählerin, sondern auch Koproduzentin und Musikerin. Wir erfahren einiges über sie, aber vieles bleibt auch unausgesprochen. Sie spricht nicht nur fließend Französisch, sondern auch perfekt Englisch. Wie kommt das, und lebt sie überhaupt noch in Mali, in Afrika? Einmal sagt sie im Film: Ich dachte, ich kenne meinen Kontinent, aber vieles war mir nicht bewusst.

Scott: Inna lebte, als sie jünger war, mit ihrer Familie eine Weile in Ghana. Später kehrten sie dann nach Mali zurück. Daher sprach sie Englisch, aber auch durch ihre vielen Reisen und Aufenthalte in Europa ist ihr Englisch hervorragend. Außerdem spricht sie Bambara, das in Malis Hauptstadt Bamako geläufig ist, und Französisch. Hinzu kommt, dass sie auch andere afrikanische Sprachen oder Dialekte ganz gut versteht. Aber wie ich schon erwähnte, Afrika ist riesig und besteht aus 54 Staaten. Und obwohl Inna als Musikerin viel reist, kennt sie sich vor allem in ländlichen Gebieten weit weniger aus als in Großstädten wie Bamako, Dakar oder Niamey. Das sind sehr multikulturelle Städte mit viel Mode und Kunst und Innovation. Aber 90 Prozent der Einwohner der Sahel-Region leben von Landwirtschaft. Und für Inna, die an eine gewisse panafrikanische Idee glaubt und die aus Bamako stammt, ist schon der Norden Malis ein ganz anderer Ort. Während der Dreharbeiten kam sie an Orte, die sie nie zuvor gesehen hatte, und traf Menschen, auf die sie noch nie getroffen war. Ihre Reise war ja mehr als nur eine physische Unternehmung, sondern auch eine mentale und psychische Reise. Sie machte während der Dreharbeiten viele Erfahrungen, nebenbei arbeitete sie an einem neuen Musikalbum. Das war alles ziemlich viel für sie.

Inna Modja ist eine wichtige Botschafterin für das „Great Green Wall“-Projekt
Inna Modja ist eine wichtige Botschafterin für das „Great Green Wall“-Projekt.

Wie lange haben Sie gedreht und wann?

Scott: Es waren sehr intensive sechswöchige Dreharbeiten für uns alle im Sommer 2018. Einiges erlebt man, während die Kamera läuft, anderes erst im Off. Nicht nur für Inna war es eine sehr emotionale Reise. Nebenbei nahm sie auch noch ihr neues Album mit vielen Gastmusikern auf, das noch nicht einmal erschienen ist.

Wie wollten Sie die Balance halten zwischen dem Thema des Films, der „Grünen Mauer“, und Inna Modja als Musikerin, die sich sehr in dieses Projekt einbrachte?

Scott: Das war schon ein interessanter Aspekt. Da ist diese wirklich schöne Musik, und Inna ist auf einem roten Teppich genauso zu Hause wie in einer Savanne. Und dann geht es ebenfalls um Fragen wie Begrünung oder den Kampf gegen die Entwaldung, aber vor allem auch den Klimawandel. Die Musik ist dabei ein schönes Werkzeug. Uns ging es in diesem Film auch um die emotionale Erfahrung. Wir wollten keine klassische Doku drehen, die nur mit Fakten aufwartet und dann sehr fachspezifisch wirkt. Fakten kann man auch nachlesen. Es geht aber noch um ein ganz anderes Gleichgewicht in dieser Region: Wir reden über Radikalisierung, Migration, politische Instabilität und wie all diese Faktoren im Verhältnis zum Klimawandel stehen. Diese Region ist sehr gefährdet, aber auch sehr lebhaft. Diese Dualität war uns immer wichtig. Außerdem gibt es auch Hoffnung, und die Musik erlaubt es, das alles auszudrücken. Inna ist keine Expertin oder Vertreterin einer Institution. Sie ist Musikerin.

Der Film beginnt im Senegal, und die grüne Mauer steht dann noch im Mittelpunkt. Im Verlaufe des Films wird es jedoch immer politischer. War Ihnen das bewusst?

Scott: Wenn die Große grüne Mauer schon eine Erfolgsgeschichte wäre, hätten wir diesen Film nicht mehr drehen müssen. Wir wollen, dass mehr Menschen über dieses Umweltprojekt erfahren, das noch am Anfang steht. So lassen sich auch mehr Unterstützer finden. Man muss auch sagen, warum es so wichtig ist. Es geht nicht nur darum, Bäume zu pflanzen, sondern auch um die kulturellen, wirtschaftlichen und erzieherischen Aspekte. Es ist mehr ein landwirtschaftliches Mosaik als nur eine lange Mauer voller Bäume. Man muss sich dann auch Anschlussfragen stellen. Was passiert, wenn dieses Gebiet nicht begrünt wird? Warum gibt es diese starke Migration und diese vielen auch bewaffneten Konflikte? Man muss sich dessen bewusst sein, dass der Klimawandel viele Konflikte befeuert hat. Große Gebiete leiden unter der Trockenheit und Dürre. Und so trafen wir im Film rein zufällig auf ehemalige Kindersoldaten, die schreckliche Dinge erlebt, aber auch getan haben. Sie stammten aus Bauernfamilien. Wenn alles austrocknet und es keine Arbeit mehr gibt, dann nutzen das Gruppen wie Boko Haram aus.

Gemeinsam im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels.
Gemeinsam im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels.

Das Ende in Äthiopien ist eine große Überraschung, wenn man eine immense grüne Landschaft in einem Gebiet sieht, in dem in den 1980er-Jahren einst eine schreckliche Hungersnot herrschte...

Scott: Ja, dort fand wirklich eine große Veränderung statt. Inna war auch völlig verblüfft. Diese Entwicklung verdankt man der Vision eines Mannes, und das wäre auch an anderen Orten möglich. Es gibt auch andere erfolgreiche Projekte in Zusammenhang mit der Begrünung der Sahel-Region und der Großen grünen Mauer. Wir müssen uns dieser Herausforderung stellen und diese Chance nutzen.

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