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Die Mitte bricht weg - Julia von Heinz & "Und morgen die ganze Welt"

Mittwoch, 28.10.2020

Ein Gespräch mit der Regisseurin Julia von Heinz über ihren Film „Und morgen die ganze Welt“

Diskussion

In ihrem politischen Drama „Und morgen die ganze Welt“ zeichnet die Regisseurin Julia von Heinz ein Bild von Deutschland, in das sie eigene Erfahrungen aus ihrer Jugend in linken Bewegungen einfließen lässt. Eine junge Jura-Studentin schließt sich einer Antifa-Gruppe an und lässt mischt im Kampf gegen Neo-Nazis mit. Ein Gespräch über die Rebellion der Jugend, die Frage nach dem Einsatz von Gewalt und die Bedeutung des persönlichen Zugangs für Filmemacher.


Was treibt junge Menschen heute zur Antifa?

Julia von Heinz: Gerade wächst eine Generation heran, die wieder politischer ist. Linke Bewegungen haben mehr Zulauf, das sieht man an „Black Lives Matter“ oder den Klima-Demos. Mich freut das sehr. Die jungen Leute spüren, dass es um ihre Zukunft geht. Aber es ist loser und offener als in den 1990er-Jahren. Die straffer organisierte bundesweite „Antifaschistische Aktion“ hat sich 2001 aufgelöst. Heute würde ich Antifa eher als Haltung bezeichnen.

Der Vater der Protagonistin in „Und morgen die ganze Welt“ zitiert den bekannten Spruch: „Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer aber mit 30 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.“ Stimmen Sie dem zu?

von Heinz: Es gab eine Zeit, wo Familie und Beruf bei mir so viel Raum einnahmen, dass ich keine Demos mehr organisieren konnte; ich war nicht mal mehr bei Gruppentreffen dabei und leitete auch keine Jugendgruppe mehr. Das war damals ein Fulltime-Job. Aber ich habe immer darauf gewartet, meine Haltung stärker in meine Kunst einfließen lassen zu können. Ich habe mich nie ganz von der Antifa verabschiedet oder mich gar widersprechenden Ideen angeschlossen. Aber ich wurde offener; ich teile nicht mehr alles rigoros in Gut oder Böse, Richtig und Falsch ein. Auch stelle ich heute eher Fragen, als dass ich Antworten habe.

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In Ihrem Film stehen sich zwei Richtungen gegenüber: der Anführer Alfa, dem viel in den Schoß fällt, und der vorsichtige Lenor, der Alfa vorwirft, in die Bewegung nur hineinschnuppern, aber keinesfalls die Karriere nach dem Studium gefährden zu wollen. Ist das symptomatisch für einen Teil der Jugend, dass sie quasi Rebellen auf Zeit spielen?

von Heinz: Ich habe diese Tendenz mal „Durchlauferhitzer“ genannt. Die Gruppendynamik ist sehr ausgeprägt; junge Leute verbringen eine sehr intensive Zeit miteinander, sie finden eine Ersatzfamilie. Aber irgendwann kollidiert das mit ihrem Lebensentwurf und mit neuen Plänen. Ich thematisiere in meinem Film das Phänomen, dass sich privilegierte Mittelschicht-Kids linken Bewegungen anschließen, die sie jederzeit wieder verlassen können. Ich wollte dabei nichts romantisieren, sondern eine solche Gruppe präzise darstellen. Auch die Protagonistin Luisa kommt ja aus gutem Haus. Ihre Herkunft wird ihr vorgehalten; sie ist dem Vorwurf ausgesetzt, dass ihre Eltern sie aus jeglicher Notsituation herausboxen würden. Das ist gleichzeitig auch ein Teil ihrer Motivation. Sie hat Schuldgefühle und will beweisen, dass sie ihr Engagement ganz besonders ernst nimmt.

Die Antifa-Gruppe handelt gemeinsam, ist aber uneinig über das Vorgehen (© Alamode)
Die Antifa-Gruppe handelt gemeinsam, ist aber uneinig über das Vorgehen (© Alamode)

In der Gruppe um Luisa wird über den Einsatz von Gewalt gestritten. Wurden Sie in Ihrer Antifa-Zeit auch mit der Frage der Gewalt konfrontiert?

von Heinz: Ja, und ich stelle mir heute diese Frage zunehmend wieder. Es gibt so viele Überschneidungen von rechten Strukturen mit Staatsorganen wie Polizei, Verfassungsschutz und Bundeswehr, dass das Vertrauen in die Gewaltenteilung schwindet. So geht es leider vielen, und so bricht irgendwann die demokratische Mitte weg. Wie weit dürfen wir Rechten wieder Raum geben und sie unsere Gesellschaft übernehmen lassen? Wie lange darf man zugucken, und mit welchen Mitteln muss man sich dem irgendwann entgegensetzen? Das sind Fragen, die wir uns heute wieder stellen müssen.

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen rechter und linker Gewalt?

von Heinz: Auf jeden Fall. Rechte Gewalt richtet sich gegen Menschen. Die sind vielleicht behindert oder dunkelhäutig oder aus Kriegsgegenden nach Europa geflohen. Sie haben sich dieses Leben nicht ausgesucht, werden dafür aber angegriffen und sogar ermordet. Linke Gewalt – wenn überhaupt – richtet sich gegen Nazis, die selbst entschieden haben, unmenschliche Ideologien zu vertreten. Sie können jederzeit entscheiden, damit aufzuhören.

Ist Gewalt ein legitimes Mittel, wenn sie sich gegen Menschen richtet?

von Heinz: Ich würde niemals Gewalt gegen Menschen als adäquates Mittel bezeichnen. Aber das Nazi-Regime in Deutschland wäre 1945 auch nicht freiwillig abgetreten. Die Alliierten haben es mit Gewalt beendet. Nicht mit Diplomatie und gutem Zureden.

Seit 20 Jahren wollten Sie diesen Film realisieren. Wieso mussten Sie so lange um eine Finanzierung kämpfen?

von Heinz: In Deutschland werden dem Kino keine politischen Themen zugetraut. Man meint, dass man das in einem Fernsehfilm schneller und aktueller umsetzen kann. Eine erste Drehbuchfassung habe ich dem WDR bereit im Jahr 2000 vorgelegt; das Projekt ging dann durch viele verschiedene Phasen. Jedes Jahr hörte ich, der Film sei womöglich zu aktuell. Diese Vorbehalte kamen von Sendern, Verleihern, Weltvertrieben und Filmförderern. Zum Glück gab es aber immer auch welche, die daran glaubten. Jetzt ist der Film so aktuell wie nie; er kommt genau zum richtigen Zeitpunkt! Die Handlung musste im Deutschland von heute spielen. Auf internationalen Festivals gibt es ein Interesse am politischen Kino aus Deutschland; Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei und Fatih Akins Aus dem Nichts liefen in Cannes, Jan Bonnys Wintermärchen in Locarno, wir wurden mit „Und morgen die ganze Welt“ nach Venedig eingeladen. Es ist mir ein Rätsel, warum da nicht mehr aus Deutschland heraus entsteht.

Luisa (Mala Emde) findet ein Ziel, für das sie kämpfen will (© Alamode)
Luisa (Mala Emde) findet ein Ziel, für das sie kämpfen will (© Alamode)

Wie steht es um das filmische Konzept von Kamerafrau Daniela Knapp und Ihnen?

von Heinz: Wir arbeiten schon seit meinen Kurzfilmen zusammen. Das Konzept für „Und morgen die ganze Welt“ haben wir über die Jahre entwickelt und den Stil der filmischen Ich-Erzählung auch schon in Katharina Luther ausprobiert. Dort gab es zwei Hauptfiguren und zwei Perspektiven; jetzt folgen wir ausschließlich der Perspektive von Luisa und gehen nie von ihr weg. Wir wollten keinen allwissenden Erzähler, sondern eine reine Ich-Erzählung. Wir zeigen nur eine einzige Totale. Nach der Szene, in der das Nazi-Lied gesungen wird, steht Luisa auf dem Hügel, klein und kraftlos. Diese strikte Methode führt zu einem Filmfluss, in dem man sich nie verlieren kann, weil man immer im Kopf der Hauptfigur ist.

Sie loben in einem Interview die Streamingdienste, „die das alte System durcheinandergeworfen“ hätten, und die vielfältigen Formen und Formate. Ich hielt Sie eigentlich immer für eine „Kinoliebhaberin“.

von Heinz: Die Aussage bezog sich auf das Fernsehen; hier brachten die Streamingdienste eine große Erleichterung mit sich, weil man plötzlich aus bestimmten Schemata und Formaten ausbrechen konnte. Als Regisseurin, die auch für das Fernsehen arbeitet, spüre ich, dass sich plötzlich mehr Möglichkeiten auftun, um unkonventionell zu erzählen; die Fernsehanstalten wollen sich schließlich mit Netflix & Co. messen. Das war wie ein Befreiungsschlag! Bezüglich des Kinos müssen wir aber aufpassen, dass wir ihm seinen wichtigen Platz belassen. Deshalb werde ich mich immer dafür einsetzen, dass die entsprechenden Filme zunächst im Kino laufen und erst anschließend auf den Plattformen der Streamingdienste.

Mit Marcus H. Rosenmüller übernehmen Sie die Leitung des Studiengangs Regie Kino- und Fernsehfilm an der HFF München. Wie wollen Sie sich die Arbeit aufteilen? Sie sind beide sehr unterschiedlich.

von Heinz: Wenn man nur noch lehrt, fangen die Studenten zu zweifeln ab, ob man ihnen überhaupt noch etwas aus der Praxis beibringen kann. Wenn man aber wegen Dreharbeiten nur durch Abwesenheit glänzt, wird man dieser Aufgabe auch nicht gerecht. Wir haben uns deshalb überlegt, die Arbeit im engen Austausch zu splitten und uns so gegenseitig zu ermöglichen, in beiden Berufen präsent zu sein. Marcus H. Rosenmüller ist ein sehr herzlicher und warmer Mensch; wir stehen beide für Offenheit und flache Hierarchien und freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.

Die Aktionen werden zunehmend gefährlicher (© Alamode)
Die Aktionen werden zunehmend gefährlicher (© Alamode)

Was geben Sie Ihren Studenten mit auf den Weg?

von Heinz: Die Notwendigkeit der persönlichen Herangehensweise. Je tiefer sie in das eintauchen, was sie selbst gefühlt und erlebt haben, umso stärker und präziser werden die Erzählungen. Je weiter man von sich weg ist, umso mehr droht die Gefahr, sich in Klischees zu verlieren. Zum anderen wünsche ich mir einen offenen Umgang mit Konkurrenzdruck und der daraus resultierenden Vereinzelung. Alles muss auf den Tisch. Wenn wir offen über diese Probleme reden, werden sie kleiner. Unsicherheiten liegen meist unausgesprochen in der Luft. Neid, Missgunst und Konkurrenz sind völlig normale Gefühle in unserer Branche; sie werden aber umso größer, wenn man darüber nicht sprechen kann.

Bei arrivierten Filmemachern ist der „Futterneid“ auch ein Problem…

von Heinz: Bei der Antifa hieß es immer: Bildet Banden. Das zeigt auch mein Film. Ich versuche, mich zu vernetzen, und halte nichts davon, etwa einen Kontakt zu Netflix nur für mich zu behalten, weil ich befürchte, dass der andere sein Projekt auch dorthin schickt. Ich gebe jeden nützlichen Kontakt an Kollegen weiter, wenn sie mich danach fragen. Dasselbe bekomme ich auch zurück. Fabian Gasmia, David Wnendt, Erik Schmitt und ich haben 2018 die Produktionsfirma „Seven Elephants“ gegründet, nach dem Vorbild von X-Filme Creative Pool. „Und morgen die ganze Welt“ war unser erstes Projekt. Wir setzen uns alle füreinander ein.


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