© Warner (aus „Es: Kapitel 2“)

Tausend neue Schatten

Freitag, 30.10.2020

Warum reale Ängste den Wunsch nach Grusel im Kino eher antreiben als stören. Eine Bestandsaufnahme des Horrorfilm-Genres im Corona-Jahr 2020

Diskussion

Es gibt derzeit viele Gründe, Angst zu haben – wegen der Pandemie, wegen politischer Krisen, wegen des Klimawandels. Kein Wunder, dass Angst auch im Film dauerpräsent ist und das Horror-Genre fröhliche Urstände feiert. Welche Schreckensbilder spinnt es aus, welche Schatten beschwört es herauf? Eine Bestandsaufnahme zu Halloween im Corona-Jahr 2020.


Das Kino ist eine menschliche Reaktion auf die Dunkelheit. Als „Prisoner’s Cinema“ wird ein neurologisches Phänomen beschrieben, mit dem das menschliche Gehirn auf die Abwesenheit von visuellen Reizen reagiert. Etwa bei Gefangenen in düsteren Zellen, aber auch bei Truckern, die lange durch Schneestürme fahren. Diese Halluzination präsentiert sich in der Regel als Sammlung von flackernden, farbigen Lichtern in kaum fassbaren Formen.

Der Verstand ordnet Muster, und wo keine sind, erschafft er sie selbst. Deshalb ist das Kino auch eine Antwort auf den „Horror vacui“: Es füllt die schreckliche Leere der Leinwand und vertreibt die Schwärze des Saals.


Im Kino sammeln sich die Schatten der Welt

Der Horrorfilm ist die Rückkehr der vertriebenen Schwärze. Es ist das wahrscheinlich düsterste Genre und verspricht das Fremde und Unwägbare. Mit leistungsstarken Leuchten wird Dunkelheit projiziert, oft also die Abwesenheit von klaren visuellen Reizen und Informationen. Auch Horror ist Mustererkennung. In der Kindheit formen wir Schatten zu Monstern und Kreaturen. Der wahrscheinlich entscheidende Moment jedes Horrorfilms ist der, in dem der Schatten sich tatsächlich als Monster entpuppt. Düstere Fantasien und Wirklichkeit finden zusammen – der Augenblick der Manifestation.


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Angst und Schrecken funktionieren wie unsere eigenen Schatten; sie sind vom jeweiligen Standpunkt abhängig. Sie flackern im Licht der Zeit und winden sich, wenn wir einen neuen Blick auf die Dinge suchen. Im Kino sammeln sich die Schatten der Welt; der russische Schriftsteller Maxim Gorki nannte das Kino das „Reich der Schatten“. Welche Form haben die Körper heute, und welche ihre düsteren Doppelgänger? Sie beinhalten in der Negation auch die positiven Leitbilder und Utopien einer Zeit. Wie steht es um den Horror im Gegenwartskino, was macht uns heute Angst?

2020 lief „The Witch Next Door“ trotz aller Hindernisse erfolgreich im Kino (© Koch Films)
2020 lief „The Witch Next Door“ trotz aller Hindernisse erfolgreich im Kino (© Koch Films)

2020 - ein geisterhaftes Kinojahr

Zuerst einmal: das Kino selbst. Der kollektive Raum, in dem wir auf Fremde und ihre Körper treffen. Es ist ein geisterhaftes Kinojahr, heimgesucht von Startterminen, die nie eingelöst wurden, und von Festivals, die ihre physische Realität verloren haben. Geisterspiele in Stadien, Geistervorführungen am heimischen Fernseher. Die Lebensversicherung, die Regisseur William Castle einst sein Publikum vor „Macabre“ abschließen ließ, wäre heute auf eine ganz andere Weise morbide. Durch die allgemeine Verunsicherung ist heute jeder Film auch ein Horrorfilm, selbst Romanzen und Komödien.

Im Nachrichtenmagazin „Time“ spekulierte die Journalistin Megan McCluskey unlängst, dass COVID-19 zur nächsten großen Inspirationsquelle der Popkultur werde. Doch noch hat uns die unabwendbare Welle von Seuchen- und Pandemie-Filmen nicht erreicht. Das Kino kann die Gegenwart aktuell nicht beschreiben und kommentieren, weil kaum gedreht werden kann. Das Kino selbst zeigt Symptome – fast so, als wäre es selbst infiziert.


Horror: Ein resilientes Genre

Der letzte Überlebende ist in vielen Ländern der Horrorfilm. Es ist ein resilientes Genre. Die Menschen haben immer Angst und wollen immer Angst haben. In den USA etwa drängten in den wenigen geöffneten Kinos vor allem Horror- und Exploitation-Filme an die Spitze der Box-Office-Charts. Titel wie „The Witch Next Door“, „Relic“ oder „The Rental“ liefen (vergleichsweise) erfolgreich in Autokinos und schufen eine Situation, die fast an die B-Film- und Double-Feature-Kultur der 1950er-Jahre erinnerte. Die Rückkehr einer vergangenen Ära trägt auch etwas Gespenstisches in sich.

Schlagzeilen machte in diesem Kontext der spontan produzierte, gerade einmal 30 Minuten lange Zoom-Schocker „Unsubscribe“ von Regisseur Christian Nilsson. Anfang Juni wurde er in den Vereinigten Staaten mit einem Einspielergebnis von etwas mehr als 25.000 Dollar zum erfolgreichsten Film der Woche. Dafür mieteten die Macher kurzerhand ein Kino, um ihre Produktion zu zeigen. Erzählt wird von fünf Youtubern, die per Videoanruf den Geburtstag eines Freundes feiern wollen, dabei aber mit einem geheimnisvollen Fremden verbunden werden. Es handelt sich um einen Desktop-Film, zweifelsohne eine der neuesten Spielarten des Kinos. Gerade Genrekino beschränkt seine Welt immer öfter auf einen einzigen Computerbildschirm, etwa in „Unknown User“, der Fortsetzung Unknown User: Dark Web oder dem Mystery-Thriller „Searching“.

„Unknown User: Dark Web“ (© UPI)
Horror auf dem Desktop: „Unknown User: Dark Web“ (© UPI)

Die Bildschirme werden zur Projektionsfläche der Ängste

Hier manifestiert sich der Schrecken oft in Form von Bildfehlern und Glitches, in Verzögerungen und Dopplungen – also dort, wo die Technik nicht reibungslos funktioniert und die Verbindung zu den Mitmenschen stört. Horror entspringt oft aus Rissen und Brüchen im Alltäglichen, aus dem Fremden im Vertrauten. Wenn der Durchschnittsmensch der nördlichen Hemisphäre ein Drittel des Tages auf Bildschirme blickt, werden auch diese logischerweise zur Projektionsfläche seiner Ängste. Digitalisierung und Automatisierung stellen Funktion und letztgültig manchmal fast die Existenzberechtigung des Menschen und seines Körpers in Frage. Jede Woche warnen neue Feuilleton-Artikel vor dem Online-Mob in den sozialen Medien; man fürchtet vernetzte Verschwörungssekten wie QAnon und den weltweiten Handel mit Waffen und Drogen im Darknet. Im Internet manifestiert sich, was anderswo keinen Raum findet. Der Horrorfilm, der stets von der Rückkehr des Verdrängten zehrt, macht das Internet zu seinem Gegenstand, weil er lange dieselbe Funktion innehatte.

Für eine andere Perspektive kann ein Film als Schlüssel dienen, der nur indirekt ein Horrorfilm ist. „Personal Shopper“ (2016) von Olivier Assayas ist eine Geistergeschichte, doch das Jenseitige manifestiert sich auf ungewöhnliche Weise. Neben konventionelleren Erscheinungen wie etwa Gegenständen, die sich plötzlich „eigenständig“ bewegen, dringt es in der Form von Smartphone-Nachrichten in das Leben der Protagonistin Maureen ein. Nur einmal nimmt die Geisterwelt Gestalt an: Eine grüne, flackernde Erscheinung, eine Art diffuser Nebel. Ein wenig wie das „Prisoner’s Cinema“.


Horror und Science-Fiction verschmelzen

Maureen hofft, mit ihrem kürzlich verstorbenen Bruder in Kontakt treten zu können. Sie beginnt zu recherchieren und stößt dabei auf interessante historische Randnotizen: Künstler wie Hilma af Klint und Victor Hugo sahen sich in Verbindung mit dem Jenseits. Beide nahmen an Séancen teil. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Elektrotechnik immer weiter. An der Schwelle zur Moderne, also in einer Zeit von rasend schnellem technischem Fortschritt, entstand eine neue Form von Geisterglauben, auch und gerade in Intelligenzija und Kulturszene. Eine unsichtbare Kraft, die nur in ihrer Wirkung zu fassen ist, leiht der anderen Sphäre Glaubwürdigkeit. Kein Wunder, dass viele Filme (von Kiyoshi Kurosawas „Pulse“ bis hin zum Omnibusfilm V/H/S: Viral) das Internet fast als ein Art Geisterreich begreifen.

Die technische Entwicklung des Kinos lässt die Genres Horror und Science-Fiction fast zwangsläufig miteinander verschmelzen. Die positiven technischen Utopien sind heute rar gesät, die Apokalypsen dafür aber im Übermaß vorhanden. (Eigentlich ist es erstaunlich, dass der Öko-Horror nicht längst ein eigenständiges, omnipräsentes Genre ist, sondern nur in andere Filme wie beispielsweise Alexandre Ajas „Crawl“ oder Alex Garlands „Auslöschung“ hineinspielt.) Wo Monster am Computer entstehen, sind sie immer auch Produkte der digitalen Gegenwart. Früher steckten Menschen in Kostümen oder steuerten von den Rändern des Bildkaders aus ihre Animatronik-Kreaturen. Nun sind sie körperlose Phantome. Menschen fliehen vor digitalen Kreationen, und damit auch vor der Digitalität an sich. Der Schrecken manifestiert sich anders, denn er kann nicht mehr nur Teil der physischen Welt sein. Er trägt nun stets einen Hauch des Jenseitigen in sich.

Mit Filmen wie „Crawl“ wurde der Tierhorror mit Öko-Anstrich neu belebt (© Paramount)
Mit Filmen wie „Crawl“ wurde der Tierhorror mit Öko-Anstrich neu belebt (© Paramount)

Das Grauen & die Politik

Zuletzt verbreitete sich der Begriff des Doom Scrolling, der das zwanghafte Konsumieren schlechter Nachrichten durch soziale Medien bezeichnet. Umbrüche wie der Brexit oder Trumps Wahl wurden vielfach als eine Neu-Manifestation des Politischen im Alltag erlebt. Der zeitgenössische Horrorfilm weiß meist um die Tatsache, dass sich viele Menschen den Schrecken in kleinen, kalkulierten Dosen aus der Medienwelt in ihren Alltag holen. Wie nie zuvor ist er ein Diskursgenre. Natürlich war Horror immer politisch und stand im unmittelbaren Austausch mit der sozialen Realität der Menschen. Doch mittlerweile müssen diese Dimensionen eines Films offen ausgestellt werden.

Das dient einerseits als Marketingtool – etwa, wenn der Horrorthriller „The Hunt“ mit negativen Kritiken von Quellen wie Fox News beworben wird. (Werbung aller Art arbeitet heute oft mit moralischen Imperativen, mit der aktiven Selbstbeschreibung als Teil eines politischen Lagers.) Andererseits reklamiert ein Teil des Genres einen besonderen Anspruch und gesteigerte Qualität für sich, indem Allegorien und Metaphern besonders betont werden. Oft ist die Rede vom „elevated horror“ – vom gehobenen Grusel für ein distinguiertes Publikum. In diesem Zusammenhang wird oft die Produktionsfirma A24 genannt, die unter anderem „The Witch“, „It Comes at Night“, „Hereditary – Das Vermächtnis“, „In Fabric“ und „Der Leuchtturm“ in die US-amerikanischen Kinos gebracht hat. Aber auch die Filme „Get Out“ und „Wir“ von Jordan Peele werden oft zu diesem Diskurs gerechnet.

Nun wird viel gestritten: über die Naivität eines Kinos, das seinen eigenen Subtext zum Text erheben muss, oder auch über die Willkür von Marketingbegriffen. Sicher ist, dass in dieser Art des zeitgenössischen Horrorfilms die Manifestation des Schreckens nur in recht engen Bahnen verlaufen kann. Geister und Monster treten auf, um Traumata, familiäre Probleme oder gesellschaftliche Missstände in anderer Form sichtbar zu machen. Immer eng verbunden mit einem Gestus des Entlarvens, der ein wenig aus der Zeit gefallen erscheint.

Der Begriff des „Elevated horror“ hat sich für Filme mit unübersehbarem politischen Kontext wie „Wir“ etabliert (© UPI)
Der Begriff des „Elevated horror“ hat sich für Filme mit unübersehbarem politischen Kontext wie „Wir“ etabliert (© UPI)

So zeitgeistig wie überzeitlich

Entscheidend für den Horrorfilm bleibt seine Unwägbarkeit. Der Umstand, dass er das Zeitgeist-Genre par excellence ist – das kinematische Sträuben der Nackenhaare, lange vor dem Eintreten der Katastrophe – und gleichzeitig doch ganz und gar überzeitlich. Gerade in virologischen und gesellschaftlichen Krisensituationen ist er besonders wahrnehmbar. Wo das Kino zurücktritt, entpuppt sich der Horrorfilm als eine Art Grundmodus. Als Schatten, von dem wir uns nicht lösen können. In seiner Wandlungsfähigkeit liefert der Horrorfilm Argumente für die Unsterblichkeit des in den letzten Monaten oft totgesagten Kinos. Er erzählt von der ewigen Wiederkehr des Verdrängten, von der Unmöglichkeit, Dinge ganz aus der Welt zu schaffen. Auf jedes Projektorlicht antworten tausend neue Schatten.

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