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„Ganz verrücktes Zeug“

Donnerstag, 05.11.2020

Ein Interview mit Esther Walz über „Barbaren“ und ihre Arbeit als Kostümbildnerin.

Diskussion

Die Kostümbildnerin Esther Walz hat ihr Handwerk in den 1980er-Jahren an der renommierten Parson's School of Design in New York gelernt. Das hat ihr alle Türen für das internationale Kino geöffnet. Seit Jahrzehnten gehört sie zu den gefragtesten Kostümbildnerinnen für Film und Fernsehen. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit und die Herausforderungen beim Entwurf der Kostüme für die aktuelle Netflix-Serie „Barbaren“.


Zu welchem Zeitpunkt beginnt Ihre Arbeit für einen Film? Womit fangen Sie an?

Esther Walz: Beim Lesen des Skriptes beginnt schon die Arbeit, weil im Kopf schon die Figuren entstehen. Dann ist die Frage, um was es sich handelt, recherchiere ich historisch, recherchiere ich für einen futuristischen Film – unter Umständen in alten Comics. Ich habe ganz unterschiedliche Genres bedient. Das Tolle an meiner Arbeit ist, dass man – wenn man das Glück hat, unterschiedliche Projekte zu bekommen – heute Science-Fiction macht und morgen Rokoko. Bei historischen Stoffen bemühe ich mich, mit Wissenschaftlern zu arbeiten, um zunächst dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Wie war eine andere Zeit? Das ist dann fast wie eine wissenschaftliche Arbeit. Und dann recherchiere ich mit Museen, mit Gemälden, was es jeweils zu der Epoche gibt.

Geschichte in der Sprache von Materialien und Formen: Kostümdetail der Figur Arminius aus "Barbaren"
Geschichte in der Sprache von Materialien und Formen: Kostümdetail der Figur Arminius aus "Barbaren" (© Katalin Vermes)

Sie wurden in New York zur Kostümdesignerin ausgebildet. Wie hat Sie das geprägt?

Walz: Total! Gleich nach dem Abitur habe ich ein Filmangebot bekommen bei Theo gegen den Rest der Welt Garderobe zu machen, weil meine ältere Schwester in einer Wohngemeinschaft lebte, mit Studierenden der Filmhochschule von München. Die kannten mich schon als Teenager. Ich habe ein bisschen für die genäht und da hieß es: Willst du nicht mal mitmachen? Ich dachte: Nein, das will ich eigentlich nicht, ich will studieren. Ich bin nach New York gegangen, weil man mich empfohlen hat für einen Goldschmied, und habe eine Ausbildung in antiken Goldschmiedetechniken gemacht. Das kommt mir heute zugute, wenn ich Projekte wie Barbaren mache. Wenn man so früh in eine solche Stadt geht, wird man schon sehr geprägt. Danach kamen Filmjobs, einer nach dem anderen. Aber ich hatte keine Filmausbildung und als ich bei Der Name der Rose assistierte, habe ich begriffen, dass das ein ganz toller Beruf sein kann. Man braucht aber eine richtige Ausbildung und die wollte ich auf Englisch machen. Es sollte eine Schule sein, die man auch im Ausland kennt. Und die Parson’s School of Design in New York ist ja bekannt. Donna Karan und Elois Jenssen haben dort gelernt. Ich wollte die Fachsprache auf Englisch können, damit ich mich im Ausland mit Schneidern verständigen kann. In New York hat man ganz andere Lehrer als bei uns, Leute, die in der Industrie wirklich im Modedesign arbeiten. Modeillustratoren, die bei Vogue veröffentlichen. Bei uns hat man oft Lehrer, die den Weg ins Berufsleben nicht richtig geschafft haben. Das gibt einem eine andere Startbasis meiner Meinung nach. Ich dachte mir, wenn schon so einen Job, dann möchte ich auch große internationale und historische Sachen machen können. Und das geht ohne eine vernünftige Ausbildung nicht.

Damit meinen Sie aber nicht, dass es hierzulande keine vernünftige Ausbildung gibt, oder?

Walz: An der Kunstakademie kann man Bühnenbild und Kostüm fabelhaft studieren. Es gibt inzwischen in Köln die Filmschule, wo man nach einer Modeausbildung hingehen kann. (Die internationale Filmschule bietet ein Vollzeit-Weiterbildungsprogramm Kostümbild an)

Ich wollte mich ehrlich gesagt für den internationalen Markt rüsten. Das ist ein anderer Ansatz. Dafür muss ich auch in jungen Jahren von einem anderen Geschmack geprägt werden. Deutsche Filme sehen deutsch aus. Französische Filme sehen französisch aus. Amerikanische Filme haben eine Formensprache, die internationaler ist.

Was ist denn für Sie der Unterschied zwischen einem historischen Film und einem Stoff, der in der Gegenwart spielt? Wie gehen Sie jeweils vor?

Walz: Das ist vollkommen unterschiedlich. Ich mache gerade eine zeitgenössische Serie, das ist umgewöhnungsbedürftig gewesen, weil ich es schon lange nicht mehr gemacht habe. Bei Gegenwartsstoffen gibt es nicht so viel zu recherchieren. Ein paar Mausklicks und meine Recherche ist fertig. Angefertigt wird auch, aber ich gehe eher einkaufen.

Eine von Esther Waltz Gegenwarts-Arbeiten: Der TV-Film "Gott - nach Ferdinand von Schirach", zu sehen im Ersten am 23.11., 20.15 (ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)
Eine von Esther Walz' jüngeren Arbeiten, die in der Gegenwart spielen: Der TV-Film "Gott - nach Ferdinand von Schirach", zu sehen im Ersten am 23.11., 20.15 (© ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)

Da muss man ein gutes Auge haben, es ist auch interessant, mal so etwas zu machen, auch um zu sehen, welche Mode gerade gemacht wird. Ein historischer Film ist ein sehr tiefes Eintauchen in eine andere Zeit, eine andere Welt. Wie setze ich das um? Wie präsentiere ich das einem Publikum heute? Das ist viel komplizierter. Das verlangt sehr viel mehr Wissen und Recherche für eine vernünftige Umsetzung.

Wenn ich mich richtig informiert habe, haben Sie noch für keinen Film die Kostüme entworfen, der so weit in der Vergangenheit spielt wie „Barbaren“. Was machte die Arbeit an „Barbaren“ anders als für andere Historienfilme wie „Der Name der Rose“, „Die Päpstin“ oder auch die ersten beiden Staffeln von „Charité“?

Walz: Es wird schwieriger, wenn man weiter zurückgeht. In Die Päpstin, das spielt im 9. Jahrhundert n. Chr., war es eher schwierig. Da habe ich mit einem Theologen und Kunsthistoriker in München gearbeitet, der für mich „Benedikt III“ auf Latein gelesen hat und mir alle kostümspezifischen Stellen übersetzt hat. Das ist natürlich sensationell, wenn man mit solchen Leuten zu tun haben kann. Und wenn man in die Museen kommt und mit den Kuratoren arbeiten kann. Je näher die Geschichte in die Jetztzeit kommt, desto anders wird die Recherche. Sie ist dann nicht mehr so wissenschaftlich. Bei den Barbarenhatte ich vier Goldschmiede, da ich diese Techniken ja auch gelernt habe. Ein Mann aus Trier, der die Repliken für die Museen macht, hat mir Sachen aus Grabfunden etc. nachgefertigt. Die ganzen Legionärsringe sind Originalringe aus dem Museum von ihm. Die Maske, die Arminius trägt, ist die Maske, die in Kalkriese gefunden wurde. Die habe ich mir abgießen lassen.

Ergebnis gründlicher Recherche: die kostüme in "Die Päpstin" (© Constantin)
Ergebnis gründlicher Recherche: die Kostüme in "Die Päpstin" (© Constantin)

Gestatten Sie mir die Formulierung: Wenn es um Verfilmungen historischer Stoffe geht, kommt es dann auch vor, dass Sie historische Stoffe für die Kostüme verwenden? Also auch Stoffe, die heute nicht mehr in Gebrauch sind?

Walz: Selbstverständlich! Das ist das A und O eines vernünftigen Kostümbildes. Ohne den richtigen Stoff kann ich nichts machen. Für Die Päpstin wurden die Wollstoffe für die Mönche in einer Textilweberei in Rumänien auf einem historischen Webstuhl von Hand gewebt. Entsprechend sehen die Kostüme aus. Für die Papst-Stoffe war ich in diversen Museen in Paris und habe Fragmente von Stoffen aus den Jahren 800-1100 gefunden. Das haben wir dann vergrößert und am Computer ein etwas unregelmäßiges Bild entwickelt, denn die Sachen waren ja alle handgewebt. Seidenweber in Lyon haben dann die ganzen Brokate hergestellt. Bei den Barbaren haben wir eine Weberei in Tschechien gefunden, in der Diamantmuster-Wollstoffe gewebt werden. Wir hatten die ganzen Stoffe von denen. Und jetzt mache ich gerade 1940er-Jahre, Wannsee-Konferenz, da habe ich für die ganzen Zivil-Anzüge und Uniformen nur mit Originalstoffen aus den 1930er- und 1940er-Jahren gearbeitet.

Das heißt, Sie arbeiten grundsätzlich eher nicht mit Kostümen, die man in einem Fundus bekommt.

Walz: Auch. Es gibt im Fundus ja auch Originalstücke. Es gibt in England übrigens Webereien, die nach wie vor dicke Wollstoffe herstellen, die man auch für historische Anfertigungen nehmen kann. Oder es gibt auch in Italien zum Beispiel fantastische neu gemachte Sachen nach Originalschnitten, aber dann mit Originalspitzen und mit hochwertigen Seiden usw.

In den 1960er-Jahren wurde die Schlacht im Teutoburger Wald, um die es in „Barbaren“ geht, schon mal verfilmt: „Hermann der Cherusker“, den habe ich als Kind im Kino gesehen. Damals wurde wohl kritisiert, dass die Kostüme der Germanen alles andere als authentisch seien. Wie wichtig ist Ihnen, dass die Kostüme authentisch sind? Oder spielt auch das Fantastische, das Imaginäre eine Rolle?

Walz: Das ist vom Projekt und vom Thema abhängig. Fantasy ist nicht so meine Welt. Aber da es diese Schlacht gab, so viel wir wissen, und es deutsche Geschichte ist, dachte ich, es sei sinnvoll, so authentisch wie möglich zu sein. Protagonisten muss man manchmal fantasievoll ausstatten mit Sachen, die nicht richtig sind, um es spannender zu machen. Wenn man es 1:1 nur geschichtlich macht, dann wird es zu farblos. Denn so toll war die Kleidung in der Zeit nicht. Gerade bei den Germanen. Bei Thusnelda muss man ein paar kleine Kunstgriffe anwenden. Oder das Cape der Seherin, das ist aus einem Fundus in Rom. Ein Stück, das für eine Oper oder so mal gemacht wurde. Sehr theatralisch, total falsch, aber finde ich ganz toll und es ist ein filmisches Element, das es brauchte oder von dem ich dachte, dass es sinnvoll ist.

Balanceakt zwischen historischer Korrektheit und Schauwert-Ansprüchen: Römer in "Barbaren" (© Katalin Vermes)
Balanceakt zwischen historischer Korrektheit und Schauwert-Ansprüchen: Römer in "Barbaren" (© Katalin Vermes)

Wie war das denn bei „Das schweigende Klassenzimmer“? Gerade bei einem jungen Publikum ist Kleidung aus so einer Zeit, zum Beispiel auch aus den 1970er-Jahren ja schwierig. Da wird ein Film schon mal gar nicht geschaut, weil die Klamotten als so schlimm wahrgenommen werden. Ich finde, die Kostüme in „Das schweigende Klassenzimmer“ sehen zeitgemäß aus, aber schon auch auffallend schick.

Walz: Das ist ein Manko von mir, dass es gerne schick wird. Ich bemühe mich immer, davon abzukommen. Ich habe für den Film eine junge Assistentin gehabt, die aus der ehemaligen DDR kommt und sie hat ihr Familienalbum mitgebracht. Wir haben uns darüber unterhalten, wie die Leute eigentlich in der Zeit angezogen waren. Und sie ist extra auch zu ihren Großeltern gefahren und hat mit Ihnen gesprochen. Die Leute waren in den 1950er-Jahren sehr bunt und sehr modebewusst angezogen. Der Regisseur Lars Kraume wollte kein Bild der DDR zeigen, so grau und beige, wie heute die Vorstellung von der DDR ist. Die junge DDR sollte als hoffnungsvolle Veranstaltung gezeigt werden, mit Leuten, die daran geglaubt haben, dass da etwas ganz Tolles entsteht. Wir wollten das in einem warmen, sympathischen Licht und einer Farbigkeit haben. Ich habe die meisten Kostüme übrigens aus Paris aus einem Fundus. Da gab es viel bessere als bei uns, viel schönere und viel schickere.

Haben Sie unterschiedliche Prioritäten bei Kostümen für Männer und Frauen?

Walz: Nein, gar nicht. Das ist auch von Jahrhundert zu Jahrhundert sehr unterschiedlich. Heute ist der Mann schlicht, im Rokoko ist der Mann aufgeputzt wie ein Papagei.

Ein bisschen Schick darf sein: "Das schweigende Klassenzimmer" (©StudioCanal)
Ein bisschen Chic darf sein: "Das schweigende Klassenzimmer" (©StudioCanal)

Aber beispielsweise in „Barbaren“. Bei Historienproduktionen dieser Art kennt man aus früheren Filmen, dass Frauen sehr sexualisiert dargestellt sind. Man hat die Vorstellung, dass damals nicht so viel Kleidung am Körper getragen wurde, und dann kann man Frauen entsprechend ausstatten. Arbeiten Sie gegen solche Bilder an?

Walz: Dagegen arbeite ich auf jeden Fall. Ja, natürlich gab es auch die Frage, ob ich nicht einen kürzeren Rock oder einen Ausschnitt machen könnte. Da habe ich dann gesagt, dass ich das nicht machen kann. Man kann es trotzdem schön und angenehm machen. Jeanne Goursaud als Thusnelda hat Kleider an, die schmeichelnd sind, und ihre Mutter auch. Ich habe mir einen Kunstgriff einfallen lassen. Ich habe die Kleider alle von Hand plissiert, sodass sie sich schmal und schön dem Körper anschmiegen.

In der abschließenden Schlacht in „Barbaren“ haben die Germanen Kriegsbemalung. Wenn man das sieht, bekommt man deutlich den Eindruck, dass es eine enge Zusammenarbeit zwischen Kostüm- und Maskenabteilung geben muss. Wie ist denn grundsätzlich die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken, etwa auch mit der Kamera?

Walz: Ich suche immer einen sehr engen Kontakt mit den Abteilungen. Auch mit dem Szenenbild. Es muss zusammenpassen. Es gibt immer auch Kollegen, die das nicht wollen, die ihre Abteilung abgrenzen. Aber in der Regel versucht man, gemeinsam etwas zu machen. Ich möchte immer die Sets sehen, denn meine Farben von Kostümen müssen ja immer vor den Hintergrund passen. Wenn die Wand schwarz ist, werde ich nicht jemanden in Schwarz davorstellen. Genauso war mir wahnsinnig wichtig, mit der Maskenabteilung gemeinsam zu sprechen, welche Frisuren interessant sind und welche Frisuren wir in Museen finden. Wir sind auch zusammen in das Römisch-germanische Museum in Köln gegangen.

Zusammenspiel von Make-up und Kostüm (© Katalin Vermes)
Zusammenspiel von Make-up und Kostüm (© Katalin Vermes)

Was passiert denn mit den Kostümen, wenn ein Film oder eine Serie abgedreht ist? Vor allem wenn die Kostüme eigens dafür hergestellt wurden?

Walz: Ganz einfach, die internationalen Fundi interessieren sich, einzukaufen. Ich bin schon aus London gefragt worden, die sind sehr interessiert. Alle Fundi haben mir geschrieben. Auch aus Spanien. Die kaufen recht viel. Die Römer haben sich noch nicht geäußert. Wenn das Budget für einen Film nicht so hoch ist, ist man ja dankbar, wenn man interessante Sachen von anderen Kollegen findet, die man leihen kann.

Eine letzte Frage: Wie viele Ihrer Kostüme haben Sie zu Hause? Ziehen Sie Kostüme, die Sie entworfen haben, auch selber an?

Walz: Ich habe ein Kostüm, das ich selbst anziehe, aus der ersten Staffel von Charité. Die Kaiserin hat eine wahnsinnig schöne, perlengestickte Jacke, die einen weißen Pelz hatte. Den habe ich durch einen schwarzen ersetzen lassen. Die trage ich fast jedes Jahr zur Eröffnung der „Berlinale“. Ansonsten habe ich vier bis fünf Stücke im Schrank hängen, die so besonders sind, dass ich mich bis jetzt nicht entschließen konnte, sie wegzugeben. Ein Piratenmantel aus einem handbedruckten Seidensamtstoff. Aus einem Stoff, den ich mir aus Tokio habe schicken lassen, der aussieht wie Rabengefieder. Ganz verrücktes Zeug.

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