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Im Affekt #23: Keine Menschen (Regeln am Band I)

Freitag, 06.11.2020

Der Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ denkt Entmenschlichung nicht moralistisch, sondern analytisch

Diskussion

Mit, aber ohne Gefühl: In zwei aufeinander folgenden Beiträgen beschäftigt sich Till Kadritzke mit dem Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina. Im ersten Teil geht es darum, wie der Film Entmenschlichung nicht moralistisch, sondern analytisch denkt.


Im Deutschkurs versteht man nicht die Frage: „Wie geht es dir?“ Erst gar keine Antwort von den beiden Lernenden, dann ein schüchterner Satz, aber auf die falsche Frage: „Jetzt, im Deutschkurs.“ Der Lehrer wird ungeduldig. Nicht was sie machen, will er wissen, sondern wie es ihnen geht. Aber die Frage verstehen die beiden nicht, vielleicht auch, weil sie ihnen noch nie gestellt wurde.

Manchmal geht es im Kino aus den richtigen Gründen gefühllos zu; etwa weil der Imperativ des Fühlens nicht für alle gilt. Die osteuropäischen Vertragsarbeiter in Rheda-Wiedenbrück sollen nicht fühlen, sondern arbeiten. Wenn sie dann selbst gefühllos handeln, wie jene Frau, die ein gerade geborenes Kind im Gebüsch zurücklässt (ich werde im zweiten Teil auf sie zurückkommen), dann misst man sie aber doch an den Maßstäben, die man im Umgang mit ihnen sonst ignoriert. Auch darum geht es in Yulia Lokshinas tollem Dokumentarfilm Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit.

Wir lernen diese Leute nicht als Menschen kennen, weil das System sie nicht als Menschen kennen will. Und ja, es geht hier ums System, um Systemkritik und ihre Grenzen, die immanenten und die von außen auferlegten. Die billigen Preise seien das Problem, darauf einigen sich die Aktivistin und die Lokalpolitikerin einmal, aber das sei ein gesellschaftliches Problem. Ja eben, aber darauf könne die Politik ja Einfluss nehmen. Nein, das müsse aus der Gesellschaft kommen, man lebe ja in einer sozialen Marktwirtschaft, in keiner freien, aber in einer sozialen, aber eben auch in keiner Planwirtschaft, denn damit hätte man ja schlechte Erfahrung gemacht. Noch so ein Problem.


Deutsche Bruchstücke

Schlechte Erfahrungen machen hier also die anderen. Immer wieder fallen Arbeiter nach Unfällen aus, nur dann können sie sich den Besuch eines Sprachkurses zeitlich leisten. Dort erklärt der Mann in deutschen Bruchstücken, wie der Unfall passiert ist. Wer schuld gewesen sei, fragt der Lehrer zurück, er selbst oder ein Kollege. Kein anderer Kollege an seiner Maschine, antwortet der Schüler, womit für den Lehrer die Sache klar ist. Der Schüler versucht noch hinzuzufügen (zumindest hat man den Eindruck), dass die Arbeit schwer und belastend sei, aber der Lehrer meint nur: Dann hast du wohl nicht aufgepasst. Dann warst du wohl nicht konzentriert genug. Sonst wäre das ja nicht passiert. Man lernt im Deutschkurs nicht nur Deutsch, sondern auch Deutschland.

Ein anderer Mann, aus Litauen, berichtet von einem anderen Fall, in dem einer Arbeiterin der Arm zertrümmert wurde. Die Knochen hätten alle irgendwo rausgeragt. Der Arm: hinüber. Der gleiche Mann aus Litauen erklärt, er möge keine Rumänen und Bulgaren, sie würden ihn angucken, und er wüsste nicht, ob sie ihn vielleicht beklauen wollen. (Ein Rassist, der Mann, zugleich ein ausgebeuteter Arbeiter, es geht dem Film eben nicht um Individuen.) Sein Geld habe er nicht auf der Bank, sondern zu Hause.


Entmenschlichung als Systemfunktion

Der Abgrund des Realen bleibt im Off: Der gleiche Mann aus Litauen erklärt: „Wenn Sie wüssten, wenn Sie da mal filmen würden, wo wir gearbeitet haben, da bei Wiesenhof, wo die ganzen‚ weißen N***er arbeiten, das würden Sie kaum glauben!“ Niemand fragt, zum Glück auch dieser Film nicht, wie es denen denn eigentlich geht. Denn die Entmenschlichung ist für Lokshina kein moralischer Skandal, sondern erstmal eine Systemfunktion. Das heißt wiederum nicht, dass ihr Film keine Menschen kennt. To be continued…



„Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit“ hatte am 22. Oktober einen Kinostart. Sollte der Corona-bedingte Lockdown, der der Auswertung am 1. November ein vorschnelles Ende gesetzt hat, im Dezember beendet werden, sodass die Kinos wieder öffnen können, wird es weitere Spieltermine geben. Diese finden sich auf der Webseite des Verleihs jip film.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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