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Im Affekt #24: Nur Maschinen (Regeln am Band II)

Montag, 09.11.2020

Teil II des Nachdenkens über den Film "Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit"

Diskussion

Im zweiten Teil seines Beitrags über den Dokumentarfilm „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ geht es Till Kadritzke um einen erstaunlichen kritischen Konsens. Und eine Gesellschaft, die Menschen nicht nur zu Maschinen macht, sondern von diesen Maschinen überdies verlangt, Mensch zu sein.


Der Film „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina hat noch weitere Ebenen, eine davon dreht sich um Theaterproben. Ein erstes Gespräch mit den Gymnasiasten, die ein Brecht-Stück aufführen sollen: Der fast unsympathisch engagierte, aber doch irgendwie tolle Lehrer konfrontiert die Schüler mit einem Vorwurf, der an die arbeitende Bevölkerung gerichtet wird: Warum wollt ihr nur darben, nur Unterhaltung, nur glotzen und fressen, nach der Arbeit? Warum nicht Muße und Kultur? Absurd, den Arbeitenden vorzuwerfen, materielle Bedürfnisse solchen des Geistes vorzuziehen! Darauf will der Lehrer hinaus.

Die Schüler verstehen, auch wenn sie es nicht immer in die passenden Worte kleiden können. Oft sind sie schockiert: dass Leute 17 Stunden am Tag arbeiten, dass sie gezwungen werden, teure Wohnungen zu mieten, die dann völlig überfüllt sind. Dass das alles in diesem Land passiert. Der Lehrer, zunehmend verzweifelt: dass gar keine Widerworte kommen von diesen jungen Menschen „Wir führen hier ein linksradikales, marxistisches Stück auf, ihr seid doch aber gar nicht alle so drauf? Oder doch?“ Mehr Diskurs hatte er sich wohl erhofft, Konfrontation, Streit, Klassenkampf. Stattdessen beschränken sich die Konfliktlinien auf Nuancen. Konformistische Schülerschaft? Oder doch die unmittelbare Vernunft der Kritik am Kapital?

Worüber nicht nur die Schüler, sondern alle schockiert sind: dass jemand so verzweifelt ist, ein Baby zu gebären und dann ins Gebüsch zu legen. Es wurde gefunden, wächst jetzt in einer Pflegefamilie auf. Für die Mutter: Empörung, Gerichtsverhandlung, Strafe. Wie konnte sie nur? Wie geht das überhaupt? Auf einmal fragt die Gesellschaft dann doch nach Gefühlen.


Der Film kennt auch Menschen

Am Ende wird der Fall der Mutter, die ihr Kind ins Gebüsch gelegt hat, zum Thema des Films, kommt sogar im Theaterstück vor. Eine Aktivistin vor Ort, Inge, eine Seele von Mensch und häufig der Motor des Films, erzählt, wie die Frau ihr von diesem Tag berichtet hat, an dem sie Bauchschmerzen bekam, den Grund der Schmerzen verdrängte, irgendwann dieses Kind in der Hand hatte, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land, ohne Deutsch zu sprechen. Über allem die Angst, die Arbeit zu verlieren. Traumatisiert durch die Geburt. Und dann noch bestraft. Doch, dieser Film kennt auch Menschen.

„Die werden ja wie Maschinen behandelt“, sagt eine Schülerin während einer Diskussion mit der Theatergruppe einmal. Eine beliebte Metapher, aber „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ schaut sich das genauer an. Maschinen verstehen die Frage nicht, wie es ihnen geht. Auch Maschinen wissen nichts anzufangen mit einem Kind. Das eine ist egal, das andere geht dann doch zu weit. Die Ausbeutung dieser Leute besteht nicht nur darin, dass sie wie Schweine arbeiten sollen. Dass sie in Mietskasernen hausen. Dass ihnen kaum ein Euro Stundenlohn bleibt, nach Abzug aller Abzüge. Sondern auch darin, dass man ihnen zugleich auch noch abverlangt, trotz allem Mensch zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Als wäre nach 17 Stunden Arbeit dafür noch Zeit am Tag.


„Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit“ hatte am 22. Oktober einen Kinostart. Sollte der Corona-bedingte Lockdown, der der Auswertung am 1. November ein vorschnelles Ende gesetzt hat, im Dezember beendet werden, sodass die Kinos wieder öffnen können, wird es weitere Spieltermine geben. Diese finden sich auf der Webseite des Verleihs jip film.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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