© BFI (Filmplakat zu "Women make Film")

Ein unentdeckter Kontinent

Dienstag, 10.11.2020

Der britische Dokumentarfilmer Mark Cousins wird für seinen 14-Stunden-Film „Women make Film“ mit dem Europäischen Filmpreis für „innovatives Storytelling“ geehrt.

Diskussion

Der britische Filmemacher Mark Cousins wird mit dem Europäischen Filmpreis für „innovatives Storytelling“ ausgezeichnet. Die erstmals vergebene Kategorie ehrt seine 14-stündige Dokumentation „Women Make Film: A New Road Movie Through Cinema“, die auf einzigartige Weise an die Werke von 182 bislang weitgehend übersehenen (Meister-)Regisseurinnen von der Stummfilmzeit bis in die unmittelbare Gegenwart erinnert.


„Haben Sie heute schon einen Film von einer Frau gesehen?“, fragte ein Faltblatt, das man in den 1980er-Jahren (und auch später noch) bei der „Berlinale“ in die Hand gedrückt bekam. Pflichtbewusst schämte ich mich, wenn ich die kurze Filmliste auf dem Faltblatt betrachtete und feststellte, dass ich nur drei oder vier der darauf notierten Filme gesehen hatte. Doch fast 40 Jahre später, beim Filmfestival von Toronto 2019, schämte ich mich noch viel mehr. Dort lief die Dokumentation „Women make Film– A New Road Movie through Cinema“: 14 Stunden mit Ausschnitten aus Filmen von Frauen. Im Festivalkatalog stand nur ein kurzer Text, dazu ein Foto der Regisseurin Jacqueline Audry, wie sie durch die Kamera schaut. Audry? Nie gehört. Ein Presseheft oder weitere Infos gab es nicht. Das war wohl Absicht. Wer sich auf die auf fünf Sessions verteilte Doku einließ, sollte auf Entdeckungsreise gehen. Und mit jeder Vorstellung mehr staunen.


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Klar, Leni Riefenstahl kennt man, auch andere Ikonen wie Kathryn Bigelow oder Agnès Varda. Aber was ist mit Audry, Signe Baumane, Jamie Babbit? Die Liste der kaum bekannten, vergessenen und unterschätzten Regisseurinnen, die Mark Cousins hier vorstellt, ist lang. Doch eigentlich stellt nicht er sie vor; Cousins hat Frauen gesucht, die durch diesen Marathon mit Ausschnitten aus Filmen von 182 Regisseurinnen führen: Tilda Swinton, Jane Fonda, Debra Winger, die Neuseeländerin Kerry Fox, die Britinnen Thandie Newton und Adjoa Andoh und die Inderin Sharmila Tagore.

Tilda Swinton ist einer der Erzählerinnen, die durch den Film führen (womenmakethefilm.net
Tilda Swinton ist eine der Erzählerinnen, die durch den Film führen (© womenmakethefilm.net

Tilda Swinton sitzt am Steuer eines Autos und fährt über die Landstraße. Ihre Stimme legt sich über die Straße: „Die meisten Filme wurden von Männern gedreht. Die meisten der anerkannten Filmklassiker wurden von Männern gedreht. 13 Jahrzehnte lang und in allen sechs Kontinenten haben tausende Frauen Filme gedreht. Einige der besten Filme. Welche Filme haben sie gedreht? Welche Techniken haben sie genutzt? Was können wir von ihnen über das Kino lernen? Frauen machen großartige Filme, seit der Geburt des Kinos.“


Best of Frauenfilm

Es ist die Einleitung zur erhellenden Schnipseljagd. Aufgeteilt in 40 Kapitel zeigt der britische Filmemacher Mark Cousins ein „Best of Frauenfilm“. 182 Frauen (in der Internet-Werbung für den Film sind es 183, Cousins hat im Eifer die Stummfilmpionierin Alice Guy, die nach ihrer Heirat Alice Guy-Blaché hießt, doppelt gezählt). Nichts als kurze Ausschnitte – ist das nicht auf Dauer langweilig? Überhaupt nicht! Dazu weiß man selbst als feministisch angehauchte Normal-Cineastin viel zu wenig über die Regisseurinnen. Die Ausschnitte sind überdies so gewählt, dass man immer wieder überrascht wird.

Die Filmemacherinnen selbst sieht man nicht, nicht mal im Porträtfoto. „Dann wäre es ein anderer Film geworden. Wir wollten es pur, nur ihre Arbeit. Um so die Besucher neugierig zu machen, mehr über die Regisseurinnen erfahren zu wollen“, erklärte Cousins. Er fragte Filmemacherinnen und Kinematheken in aller Welt nach den besten Regisseurinnen und ihren Filmen. Das Ergebnis brachte er mit auf die Bühne. Er faltete ein endloses Papierband auf: „Das ist die Reihenfolge der Filmausschnitte. Sie ist zwölf Meter lang.“ 535 Clips, zwei bis fünf Minuten lang. Filme sind es weniger, nur 480, denn aus manchen Filmen zeigt er mehrere Ausschnitte. Die Auswahl ist subjektiv, zufallsbedingt und willkürlich. Die 40 Aspekte sind es auch: Einleitungen, Reisen, Geld, Sex, Religion, der Sinn des Lebens, Tod.

Der Reigen beginnt mit einer Szene wie aus Der dritte Mann: Es ist Nacht. Eine Straße mit regennassem Kopfsteinpflaster. Der Schein einer Taschenlampe wird sichtbar. Er fällt auf ein Liebespaar, das sich so umarmt, dass man die Gesichter nicht sieht. Eine Atmosphäre des Geheimnisvollen und der Angst dominiert diese Szene des Schwarzweißfilms Und sie waren jung (1961) von Binka Sheljaskowa. Swinton erklärt aus dem Off, dass es um den bulgarischen Widerstand gegen die Nazis geht, dass der Film im Zweiten Weltkrieg spielt und an Welles erinnert und Sheljaskowa eine große bulgarische Regisseurin ist, die so gut mit Licht und Schatten umgehen konnte. Wieso hat man von ihr und ihrem Film noch nichts gehört? Das ist die Frage, die sich immer wieder aufdrängt; gut ein Drittel der Regisseurinnen sind in Deutschland kaum im Kino zu sehen gewesen, die Filmindustrie war und ist männerdominant.

"Deutschland bleiche Muttet" von Helma Sanders-Brahms (womenmakefilm.net)
"Deutschland bleiche Mutter" von Helma Sanders-Brahms (© womenmakefilm.net)

Selbst wenn sie hierzulande einmal zu sehen waren, wie etwa Harlan County, USA (1976) von der US-Amerikanerin Barbara Kopple, dann hat man nicht unbedingt die großartige Eingangsszene im Kopf: Die Doku beginnt im Dunkeln mit hellen Flecken. Den Körperumriss des Bergarbeiters mit dem Helm im dunklen Schacht kann man nur ahnen, bis er zu schreien beginnt: „Fire in the hole!“, Feuer im Stollen. Dann wird der Gang freigesprengt, eine bildgewaltige Explosion. Kopple hat zweimal den Dokumentarfilm-„Oscar“ bekommen – aber wer weiß das schon sofort, wenn er ihren Namen hört? Der Off-Kommentar verrät es jedenfalls nicht. Und Kopple erwähnt es auch nicht, als sie bei der Premiere von „Women make Film“ mit Cousins auf der Bühne stand: „Der Film hat mich umgehauen. Ich fühlte mich geehrt, dass ich darin vorkomme. Als ich alle diese außergewöhnlichen Frauen sah, dachte ich, dass ich noch so viel zu lernen habe.“


Hinter jedem Ausschnitt steckt Recherche

Etwa über die australische Stummfilmpionierin Paulette McDonagh. Sie hat mit „The Cheaters“ (1929), einem Mix aus Thriller und Melodram, sogar Chaplins Circus an der Kinokasse ihrer Heimat abgehängt, wie Swinton erzählt. Trotzdem hat es 40 Jahre gedauert, bis die nächste Australierin einen Spielfilm drehen konnte. Solche Sätze zeigen, wie viel Recherche hinter jedem Ausschnitt steckt.

Man erkennt, dass es durchaus sinnvoll ist, Ausschnitte einfach aneinanderzureihen und mit Off-Kommentaren zu versehen. Selbst wenn die sich „nur“ auf die Technik beziehen und wenig über die Produktionsbedingungen beisteuern. Denn schließlich sind es ohnehin nur Ausschnitte, an die man sich später noch erinnern: die emotionalsten Szenen, die optisch faszinierendsten, die humorvollsten.

Aus der Stummfilmzeit stammt eine der schönsten Verfolgungsjagden. In dem Kurzfilm „La course à la saucisse“ (1907, „Das Rennen um die Wurst“, der einzige Film, der komplett zu sehen ist) lässt die Französin Alice Guy das halbe Dorf hinter einem Pudel herrennen, der sich eine Wurstkette geschnappt hat. Der Ladenbesitzer schafft es, das andere Ende des langen Wurstseils zu fassen und wird fortan hinterhergezogen: über die Straße, die Böschung runter, durch ein Fenster in eine Wohnung hinein und wieder hinaus, sogar über die Bahngleise. Immer mehr Neugierige laufen mit, spielende Kinder, Frauen in hohen Hüten und dicken Kleidern kugeln eine Böschung hinunter, ein Polizist stolpert, ein Jäger versucht, den Hund mit dem Gewehr zu erschießen. Dieser grandiosen Verfolgungsjagd stellt Cousins eine ähnliche zur Seite, mit Keanu Reeves als FBI-Mann, der sich in Kathryn Bigelows Gefährliche Brandung (1991) in eine Surfer-Gang einschleust, die Banken überfällt. Auch hier geht es quer durchs Gelände, über Zäune, in ein Haus hinein, wo eine Frau ihre Wäsche umwirft, als er vorbeirennt. Es könnte eine späte Hommage sein, meint Cousins.

"Hypocrites" von Lois Weber (womenmakefilm.net)
"Hypocrites" von Lois Weber (© womenmakefilm.net)

Die Ausschnitte animieren zu Vergleichen

Die Leichtigkeit, mit der Agnès Varda in ihrem Debütfilm La Pointe Courte (1955) ein Liebespaar in Südfrankreich am Meer einführt und mit Licht und Schatten, Perspektiven und humorvollen Dialogen spielt, fehlt ebenso wenig wie die extrem lange Kamerafahrt der Belgierin Chantal Akerman in Aus dem Osten (1993) im Winter an einer Straße in Osteuropa. Sie filmt nicht die Häuser wie es Wim Wenders in Summer in the City (1970) machte, sondern die Menschen am Straßenrand. Sie blickt in ihre Gesichter. Das ist spannender als Häuserfronten.

Cousins sagt nicht, dass Frauen anders filmen als Männer; es sind vielmehr die Ausschnitte, die zu Vergleichen animieren. Die Spannung, die die US-Amerikanerin Lois Weber in „The Blot“ (1921) erzeugt, wenn eine arme Frau sieht, dass die Nachbarin ein Hühnchen hat, während sie ihrem Kind nur Brot bieten kann und minutenlang mit sich kämpft, ob sie das Hühnchen stehlen soll (die Kamera springt dauernd von ihr zum Hühnchen), hätte sich so wohl kein Mann ausgedacht.

Der Auschnitt von „The Blot“ gehört zum Kapitel „Glaubwürdigkeit“, die Verfolgungsjagden zur „Reise“, Varda zum „Tracking“. Die Kapitel bringen eine gewisse Ordnung in den Wust an Material und zeigen, wie Filme aufgebaut sind – was man allzu gerne vergisst.

Alle Kontinente sind vertreten, aber die meisten Filme stammen von US-Amerikanerinnen (47), relativ viele von Französinnen (17), immerhin 13 von Deutschen. Das ist vielleicht die größte Überraschung, denn Cousins nimmt natürlich Szenen von der deutschen Silhouettenfilm-Pionierin Lotte Reiniger und von Leni Riefenstahl, aber die „Oscar“-Preisträgerin Caroline Link lässt er links liegen. Es geht ihm um Frauen, die innovativ im Erzählen sind.

Solche wie Maria Schrader mit ihrer grandiosen Schlussszene aus Vor der Morgenröte (2016): Aus der Wohnung blickt die Kamera starr auf die offene Tür. Immer mehr Trauernde kommen. Langsam geht die Spiegeltür des Kleiderschranks auf. Sie zeigt, was im Nachbarzimmer passiert: Stefan und Lotte Zweig liegen wie schlafend im Bett. Ihr Verleger sitzt davor und spricht ein Totengebet. Langsam schwingt die Spiegeltür zurück zu den Lebenden: die Bekannten des Paares, die nur gedämpft sprechen und beten, Polizisten, die den Tatort sichern, der Verleger, der den Abschiedsbrief Zweigs vorliest. Als niemand mehr durch die Tür kommt, wird der Blick auf die davorliegende Veranda frei, auf satte grüne Pflanzen und eine Welt, die wie ein Paradies wirkt.

Gleich drei Szenen aus Maren Ades Toni Erdmann (2016) hat Cousins ausgesucht, auch die, in der Sandra Hüller versucht, sich vor ihrer Hausparty in ein zu enges Kleid zu zwängen, es auch fast schafft. Doch dann klingelt es an der Haustür, sie will so eingezwängt nicht öffnen, zieht kurzerhand das Kleid wieder aus und öffnet nackt dem ersten Gast die Tür.


Schätze, die gehoben gehören

In einer der vier (!) Szenen aus Deutschland, bleiche Mutter (1980) von Helma Sanders-Brahms tanzt Eva Mattes mit ihrer kleinen Tochter im Arm, um zu vergessen, was die Nazis ihr angetan haben. Unter den fünf Ausschnitten aus Leni Riefenstahls Olympia wurden vor allem Szenen aus dem zweiten Teil ausgewählt, die man nicht so präsent hat. Die wilden Bewegungen des Punks in Tore tanzt (2013) von Katrin Gebbe sind dabei, die erschreckende Tafelszene aus Annas Sommer (2001) von Jeanine Meerapfel, die pragmatische Bergarbeiter-Ehefrau aus dem Dokumentarfilm Warum ist Frau B. glücklich? (1968) von Erika Runge sowie die böse Satire Finsterworld (2013) von Frauke Finsterwalder. Es sind Filme, die selbst in Deutschland nur wenig bekannt sind. Sie zeigen, dass man immer mehr Schätze entdeckt, je bewusster man sich Filme von Regisseurinnen ansieht.

Ebenfalls dabei: "Hedi Schneider steckt fest" von Sonja Heiss (womenmakefilm.net)
Ebenfalls dabei: "Hedi Schneider steckt fest" von Sonja Heiss (© womenmakefilm.net)


Weitere Hinweise

Das British Film Institute (BFI) in London hat „Women make Film“ auf Blu-ray (4 Discs) herausgebracht. Deutsche Untertitel gibt es aber nicht. Bezug: hier.

Auf der Webseite von „Women make Film“ finden sich ausführliche Materialien, auch ein Trailer sowie ein Interview mit Regisseur Mark Cousins.

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