© imago (Dreharbeiten zu "Der Räuber Hotzenplotz")

Nachruf auf Gernot Roll

Sonntag, 15.11.2020

Erinnerungen an den Kameramann Gernot Roll, der Filme mit dokumentarischem Touch liebte, aber auch vor Klamotten wie „Ballermann 6“ nicht zurückschreckte

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Der Look der „Heimat“-Filme von Edgar Reitz hat den Kameramann Gernot Roll (9.4.1939 –12.11.2020) berühmt gemacht. Mit seinem Namen sind aber auch mehr als 120 Filme und Serien aufs Engste verknüpft, darunter spektakuläre Prestigeobjekte wie „Rossini“ oder Doku-Dramen wie „Die Manns“. Bei manchen Filmen übernahm er auch die Regie. Nach schwerer Krankheit ist Gernot Roll im Alter von 81 Jahren in München gestorben.


Jeder kennt Gernot Roll, auch wenn er seinen Namen noch nie gehört hat. Gernot Roll, das ist der Look der „Heimat“-Filme von Edgar Reitz. Dieser Look war für die „Heimat“-Filme ein ungeheurer Glücksfall. Es ist ein Look, den Roll als Kameraassistent bei DEFA-Filmen wie „Sonnensucher“ (1958) von Konrad Wolf gelernt hat. Es ist ein Kamerastil, dessen Großmeister Werner Bergmann war: Spielfilme mit dokumentarischem Erscheinungsbild. Dieses unaufgeregte, ruhige Beobachten mit einer Mischung aus Distanz und Nähe hat ihm hierzulande keiner nachgemacht.

Gernot Rolls Stil prägte die "Heimat"-Serie (Concorde)
Gernot Rolls Stil prägte die "Heimat"-Serie (© Concorde)

Er konnte aber auch Nouvelle Vague

1960 floh der aus Dresden stammende Roll in die Bundesrepublik. Er kam bei der Bavaria unter, wo er zum Kameramann für Fernsehproduktionen avancierte. Beim Aufbruch des Neuen Deutschen Films war er deshalb eher ein Zaungast. Viele Fernseharbeiten mit Franz Peter Wirth und Fritz Umgelter gestaltete Roll, auch viele Literaturverfilmungen und Tatort-Folgen mit Wolfgang Becker, Wolfgang Staudte und anderen. Dass er für Eckhart Schmidt in „Jet Generation“ (1967) die Kamera übernahm, war eine Überraschung. Er drehte ziemlich plakativ und in Farbe. Gernot Roll konnte auch Nouvelle Vague.

Den Kontakt mit Edgar Reitz kam 1977 zustande, als er die Bildgestaltung von „Stunde Null“ verantwortete. Reitz hatte ihn richtig eingeschätzt; Rolls Kamerastil lieferte den dokumentarischen Touch, den sich Reitz wünschte. Als er ihn 1982 und später wieder 1992 und 2013 für seine „Heimat“ -Serien verpflichtete, wusste er, dass Roll der Kameramann seiner Wahl war.

1985 arbeitete Roll mit dem DDR-Dissidenten Egon Günter zusammen. Der Fernsehfilm „Morenga“ handelte vom deutschen Kolonialismus in Afrika. Günther wollte eine Bildgestaltung, die Afrika auch in Farbe und schönen Bildern nicht verkitscht. Roll bekannte sich zur Schönheit von Bildkonstruktionen, was aber nichts mit Postkarten zu tun hatte. „Morenga“ wurde ein westdeutscher Fernsehfilm mit DEFA-Touch.

Caroline Link verpflichtete Roll 1996 für „Jenseits der Stille“. Ein Film über das Thema Inklusion. Wieder war Roll als Kameramann gefragt, der Distanz und Nähe ausbalancieren konnte. Das setzte sich in „Nirgendwo in Afrika“ (2001) fort, wo Roll auf seine Erfahrungen in „Morenga“ aufbauen konnte. Der Film gewann den Auslands-„Oscar“, was auch der Erfolg von Gernot Roll war.

Distanz und Nähe: "Jenseits der Stille" ( Buena Vista)
Distanz und Nähe: "Jenseits der Stille" (© Buena Vista)

Regie eher aus Verlegenheit

1994 begann eine kleine Regiekarriere. Wiederholt war es der fehlende Regisseur, den die Produktion in ihrer Verzweiflung durch den Kameramann ersetzte. Roll drehte auf diese Weise „Radetzkymarsch“ Und die Klamotte „Ballermann 6“; später folgten diverse kleinere Arbeiten, darunter auch „Der Räuber Hotzenplotz“ (2006).

1997 drehte er mit Helmut Dietl „Rossini“, einen großkotzigen Film über kleinkarierte Leute. Mit diesem Werk über die deutsche Filmszene lieferte Gernot Roll sein Meisterwerk ab. Noch wurde auf richtigem Filmmaterial gedreht. Diese klassische Filmtechnik befand sich, wie so oft bei Techniken vor ihrem Untergang, auf ihrem Höhepunkt. Dinge, die früher kaum gingen, waren jetzt möglich. Roll holte das Äußerste heraus. Blautöne und Orangetöne unter extremen Lichtbedingungen, aber ohne Kornprobleme. Ganze Passagen nur mit Kerzenlicht, Fragmente im Schwarz. Der Erfolg des Films war auch Rolls Erfolg.


Eine Lanze fürs Digitale

Dann wandelte sich Roll zum technischen Pionier. Ohne Scheuklappen stieg er aufs digitale Kino um. Wo andere versuchten, die alte Filmstruktur mit neuen Mitteln zu beleben, störte er sich nicht am superklaren Bild. „Henri 4“ (2010) von Jo Baier war der Einstieg, dann folgten „Die andere Heimat“ (2013) und Breloers „Brecht“ (2019).

Keine Angst vor digitaler Schärfe: "Brecht" (Release Company)
Keine Angst vor digitaler Schärfe: "Brecht" (© Release Company)

Das sind gute Beispiele, wie digitales Kino immer noch wie Kino, aber mit neuen Möglichkeiten aussieht. „Digitale Bilder sind lange kritisiert worden und in mancher Hinsicht geschieht das bis heute. Immer wieder hört man die Klage, dass Menschen das Korn im Filmbild sehen wollen. Ironischerweise aber haben Filmemacher seit über hundert Jahren genau das zu reduzieren versucht. Manche mögen es nicht, dass das Filmkorn verschwunden ist, aber ich bin glücklich darüber. Ich mag es, in der ersten Reihe im Kino zu sitzen und glasklare Bilder zu sehen. Digital zu drehen, macht einen mutiger”, bekannte Gernot Roll 2017.

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