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Im Affekt #27: (Barfly II)

Donnerstag, 19.11.2020

Zweiter Teil der "Barfly"-Reflexionen von Till Kadritzke über die Verstrickung des Films in den Elendsfetisch

Diskussion

Aus der Perspektive des Trinkens strickt „Barfly“ keine romantische Trinkerballade, klärt Till Kadritzke im zweiten Teil seiner Beschäftigung mit dem Film von Barbet Schroeder. Die Reflexion über die eigene Verstricktheit in den Elendsfetisch steckt hier im Außen: in der Gewalt im Nebenzimmer, und in der Figur einer Literaturagentin.


Die Absage an die Problematisierung des Trinkens kann leicht in eine bloße Romantisierung umschlagen. Doch selbst wenn Charles Bukowski, der das Drehbuch geschrieben hat, die idealisierte Form des Trinkers wie kein zweiter verkörpert, und selbst wenn Mickey Rourke diese Vorlage nicht ungenutzt lässt, um eine astreine Method-Performance hinzulegen, sich anzubieten als heroisch-kaputter Checker Henry zwischen all den nur-Kaputten – Barfly tappt auch in diese Falle nicht.

Manchmal stört zwar das Literarische, das man sich mit Bukowski als Drehbuchschreiber ins Haus holt. Da flirtet der Film mit Gedichten im Voice-over, mit tiefsinnigen Gedanken durchs Glas hindurch. Doch diese Szenen brechen meist schnell wieder ab; „Barfly“ will dann doch lieber weitertrinken als sinnieren. Weil der Film vielleicht weiß, dass die Gefahr der Romantisierung des Elends im Sprachlichen lauert. Dass sich aus Kneipenidyll und Abgewracktheitsfetisch schnell eine Trinkerballade zimmern lässt, die vom harten Leben, das sie feiert, dann doch lieber nichts wissen will.


Das harte Leben lässt sich nicht aussperren

Doch das „harte Leben“ jenseits von Mickey Rourkes tänzelndem Körper und seinem zahnlosen Charme, das Leben jenseits von Faye Dunaways weiser Souveränität, „Barfly“ denkt es mit – als noch einmal tieferliegende Ebene, die sich dem Zugriff der Kunst notwendigerweise entzieht. Die verbale und wohl auch körperliche Gewalt des streitenden Ehepaars in der Wohnung nebenan ist konstanter Soundtrack des Films, sie lässt sich nicht aussperren. Man sieht sie nicht, aber sie ist immer da. Man kann Wände einziehen, man kann die Zimmer 308 und 309 säuberlich voneinander trennen, und doch wird man irgendwann die Tür öffnen, weil man meint, eingreifen zu müssen.

Und dann ist man noch eine Schicht weiter unten, bei noch fieseren Fressen, bei noch seltsameren Gelüsten, noch näher am Realen, am kaum Repräsentierbaren. Es hilft also alles nichts: Messer benutzen, und dann schnell die Tür wieder schließen, zurück in die gemütliche Trinkerballade.

Faye Dunaway, Mickey Rourke (r.) in "Barfly" (imago images/Ronald Grant)
Faye Dunaway, Mickey Rourke (r.) in "Barfly" (imago images/Ronald Grant)

So verabschiedet sich „Barfly“ nicht nur vom Elendsvoyeurismus, sondern auch von einer allzu platten Feierei des Ganzen. Der Film weiß, dass sich aus Trinkern Kunst und aus kaputten Existenzen Filme machen lassen. Er übersetzt diese Erkenntnis in die Figur der Verlegerin, die sich an Henry ranmacht. So wie sich diese Figur die Existenz des Trinkers zunutze macht, um dessen Aufzeichnungen in einem Literaturjournal zu veröffentlichen, saugt dieser ziemlich tolle Film die destruktiven Energien auf, die ihn durchziehen. „Barfly“ ist kein Film, der eingreift, weil er den Zugriff im Eingriff versteht; weil er vielleicht versteht, was er selbst die ganze Zeit tut.


Die Bar bleibt Bar

Stimmig also, dass sich mit der Figur der Literaturagentin (die trotzdem eine Figur bleiben darf, die mit ihrer eigenen kaputten Existenz zu kämpfen hat) nach dem Catfight mit Faye Dunaway auch der Film selbst zurückzieht. Sie verlässt die Bar, und dann verlässt auch die Kamera die Bar, und die Bar bleibt Bar, for better or worse. „Barfly“ ist der Flug in die Bar und wieder hinaus: Wir zoomen in die Bar hinein, dann müssen wir uns ihr mit Haut und Haar verschreiben, dann geht es da nicht um Urteile, sondern ums Trinken, und dann müssen wir da irgendwann wieder raus, ganz ohne Moral von der Geschicht’.


Alle Beiträge des Blogs Im Affekt von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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