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Richtung: aufwärts! - Das Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Freitag, 20.11.2020

Eindrücke vom Filmfestival Mannheim/Heidelberg, das 2020 unter der neuen Leitung von Sascha Keilholz online an den Start ging

Diskussion

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg (11.-22.11.) hat sich im 69. Jahr seiner Existenz einer radikalen Verjüngung unterzogen. Unter der neuen Leitung von Sascha Keilholz präsentiert das IFFMH seinen Schwerpunkt auf jungem, innovativem Kino auch entsprechend frisch und unkonventionell – und Corona-bedingt gleich auch online.


In dem Nachtclub „La Main Bleue“ würde man sich gerne treiben lassen, ganz besonders in den novembergrauen Tagen des Social Distancing. Das in der Pariser Arbeiter- und Einwanderergemeinde Montreuil gelegene Lokal gehört zu den belebten Schauplätzen des Films „Schnee“ (1981) von Juliet Berto und Jean-Henri Roger. Wie auf den schmutzigen Straßen von Montmartre vermengen sich hier die verschiedensten Menschen, Identitäten und Körper: Stripperinnen, Crossdresser und Transfrauen, Junkies und Dealer, Kickboxer, Geschäftemacher und die von Berto selbst gespielte Barfrau Anita auf ihrer Rache- und Rettungsmission.

„Schnee“, benannt nach dem weißen Stoff, der für Suchbewegungen in die verschiedensten Richtungen sorgt, ist voller Drive, ungestüm und heftig wie die aneinander rumpelnden Autoscooter auf dem Jahrmarkt. Der vom Kameramann William Lubtchansky atemberaubend fotografierte Film bahnt sich seinen Weg durch das Gewusel von Kneipen, Billigkaufhäusern, afrofranzösischen und arabischen Läden – wie auch einen Weg zwischen dokumentarischem Realismus und Genrekino.

Bernadette Lafont in "Moneten für's Kätzchen" (Lobster Films)
Bernadette Lafont in "Moneten für's Kätzchen" (© Lobster Films)

Blicke auf das „Andere“

„Schnee“ lebt dabei eine so mitreißende wie unprogrammatische Form von Diversität vor, wie man sie im gegenwärtigen Kino – und nicht nur im französischen – gerne öfter sehen würde. Das Internationale Filmfestival Mannheim Heidelberg (12.-22.11.2020), das unter der neuen Leitung von Sascha Keilholz in das unglückliche Zeitfenster der erneuten Kinoschließung fällt, zeigte den Film im Rahmen der Reihe „Le Deuxième Souffle – Die zweite Generation 1968-1983“, einer fein kuratierten Retrospektive zur Post-Nouvelle Vague. Von Filmen wie Michèle Rosiers „Mon coeur est rouge“ (1976) und Nelly KaplansMoneten für’s Kätzchen“ (im Original: „La fiancée du pirate“ (1969)) lassen sich immer wieder Fäden in den Wettbewerb des Festivals mit dem Titel „On the Rise“ spannen – etwa im Hinblick auf Fragen nach Formen des Zusammenlebens oder Möglichkeiten des Ausbruchs aus bestehenden Lebens- und Beziehungssituationen. Oder anders gesagt: Nach den Potentialen und Grenzen von (weiblicher) Handlungsmacht.

Zum Beispiel in „My Mexican Bretzel“ von Nuria Giménez Lorang. Ausschließlich mit Archivbildern und den Tagebucheinträgen einer vermeintlich realen Person namens Vivian Barrett spinnt die spanische Filmemacherin die Geschichte einer Ehe zusammen. Sie beginnt im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz und führt in die prosperierenden Nachkriegsjahre. Ein Paar auf Reisen, in den Alpen, am Meer, in Barcelona, New York und Paris; man macht ein immer fröhliches Gesicht für die Kamera, wirft touristische Blicke auf das „Andere“.

Fast wie bei Douglas Sirk: "My Mexican Bretzel" (Avalon Distribution)
Fast wie bei Douglas Sirk: "My Mexican Bretzel" (© Avalon Distribution)

Geld ist in Fülle vorhanden, dank der boomenden Pharmaindustrie, für die Vivians Mann tätig ist, und der großen Nachfrage nach Anti-Depressiva. Vivian, die für fast jede Lebenssituation eine Weisheit ihres Gurus Paravadin Kanvar Kharjappali zur Hand hat (der ebenso erfunden ist wie alles andere in diesem Film), konturiert sich im Laufe der stummen Bilderbuchgeschichte – sie wird allein durch Untertitel und wenige, sehr akzentuiert gesetzte Geräusche erzählt – immer mehr zu einer in der Ehe gefangenen Frauenfigur, wie man sie ganz ähnlich auch aus den Douglas-Sirk-Melodramen kennt.


Tolle „women‘s pictures“

Nuria Giménez Lorang, die für ihre Found-Footage-Collage Urlaubsfilme ihrer Großeltern verwendet hat, spielt dabei sehr geschickt mit dem Spannungsverhältnis von Bild und Erzählung. Immer öfter glaubt man Anzeichen einer Entfremdung wahrzunehmen: eine abgewandte Schulter, ein Blick ins Leere. Eine Affäre setzt kurzzeitig Ausbruchsfantasien frei, die Umsetzung erscheint jedoch immer unmöglicher, ein nächster Urlaub folgt. „My Mexican Bretzel“ ist ein ungewöhnliches „woman’s picture“, das zugleich die filmischen Möglichkeiten des Geschichtenerzählens – und der Lüge – vorführt.

Auch die Frauenfiguren in dem Film der Kolumbianerin Diana Montenegro García ringen mit ihrem Leben in der Falle. Aus der Perspektive der zehnjährigen Camila erzählt „Longing Souls“ von einer Familie, die sich von einem Fluch belegt sieht, der jede Beziehung mit einem Unglück bestraft. Das Haus ihrer Großmutter, wo sich eine weibliche Gemeinschaft unterschiedlicher Generationen zusammenfindet, ist zunächst ein Zufluchtsort, denn Camilas Mutter ist das Opfer eines gewalttätigen Ehemanns. Etwas Abgründiges, Neues und Fremdes verbirgt sich aber auch im sommerlichen Domizil. Camila kommt in Berührung mit Spiritualität und Aberglauben, mit Sexualität und entfesselten Ausbrüchen von nicht mehr jungen Frauenkörpern.

Nicht mehr junge Körper: "Longing Souls" (Cinema Co)
Nicht mehr junge Körper: "Longing Souls" (© Cinema Co)

„Longing Souls“ ist ein fast ausschließlich in Innenräumen spielender Film, der die extremen Stimmungsschwankungen seiner Figuren ganz in sich aufnimmt. Dabei bleibt alles Andeutung beziehungsweise nonverbale Äußerung – das Ausgesprochene vollzieht sich allein über die Körper. Die Faszination des Films besteht vor allem in der Inszenierung und Anordnung weiblicher Körper im Bild: in enger Umarmung, als zärtlicher, gegenseitig zugewandter Gemeinschaftskörper, aber auch allein mit sich und dem mitunter verzweifelten Zustand. García treibt die affektiven Energien ihrer Figuren immer wieder auf potenziell bedrohliche Kipppunkte zu.


Eine überzeugende Neuausrichtung

Das Debüt der Georgierin Dea Kulumbegashvili, das ebenso wie „My Mexican Bretzel“ und „Longing Souls“ in dem klug zusammengestellten wie auch geschlechterparitätisch vertretenen Wettbewerb lief, hat seit seiner Premiere beim Festival in San Sebastián schon viel von sich reden gemacht. Im Mittelpunkt von „Beginning“ steht Yana, die Ehefrau eines patriarchalen Gemeindeleiters von Jehovas Zeugen in einer entlegenen Gegend Georgiens. Als die religiöse Gemeinschaft erneut das Ziel eines gewalttätigen Anschlags wird, setzt bei Yana ein innerer Prozess ein, den sie selbst nur vage zu benennen imstande ist: „Es ist, als würde ich darauf warten, dass etwas beginnt. Oder etwas endet.“

In statischen Tableaus, die unter einer beunruhigenden Hochspannung stehen und nur durch zwei präzise Kamerabewegungen durchbrochen werden, erzählt Kulumbegashvili die Geschichte einer Frau, in der bestehende Vorstellungen von Aktivität und Passivität schlichtweg nicht greifen. Die scheinbare Ohnmacht der Figur angesichts verschiedener Formen von psychischer und körperlicher Gewalt ist schwer auszuhalten; zudem wird man mit der Ambivalenz von Teilhabe und Ausschluss konfrontiert. Auf brillante – und freilich auch etwas perfide Weise – arbeitet Kulumbegashvili gleichermaßen mit der Wirkungsmacht des Frames wie mit dem visuellen Off als einem anwesenden, aber eben nicht sichtbaren Raum.

Die Geschichte einer Frau: "Beginning" (Wild Bunch)
Die Geschichte einer Frau: "Beginning" (© Wild Bunch)

Dass Werke wie „Beginning“ oder auch „Tragic Jungle“, der wunderbar sich im tropischen Regenwald verlierende Film von Yulene Olaizola, aktuell nicht auf einer Kinoleinwand zu sehen sind, tut ein bisschen weh. Dank einer überzeugenden Neuausrichtung kann das Festival dennoch guter Dinge in die Zukunft blicken.

Online sind die Filme noch bis zum Sonntag, 22. November 2020, verfügbar.

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