© Universum (aus „Und morgen Mittag bin ich tot“)

„Ich will sterben!“

Freitag, 20.11.2020

Ferdinand von Schirachs für das Erste verfilmte Theatervorlage „Gott“ ist der jüngste plakative Vertreter des Sterbehilfefilms, der aber auch weit differenziertere Ausformungen annehmen kann

Diskussion

Am Montag, 23.11., läuft um 20.15 Uhr die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks "Gott" von Ferdinand von Schirach in Das Erste. Darin steht ein fiktiver Ethikrat vor der Frage, ob er den Sterbenswunsch eines gesunden, aber lebensmüden Mannes erfüllen soll. Die Argumente sind dabei auch deshalb nicht neu, weil schon viele Filme das Thema Sterbehilfe aufgegriffen haben – oft mit ähnlich einseitiger Haltung, teils aber auch mit filmischer Raffinesse und anregenden Differenzierungen.


Schon aus Terror – Ihr Urteil, dem ersten Theaterstück des Erfolgsautors Ferdinand von Schirach, machte die ARD ein „TV-Event“. Damals, 2016, sollten sich die Zuschauer bei einem Strafprozess, in dem der gezielte Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeugs verhandelt wurde, als Schöffen fühlen. Für sein zweites Theaterstück, das am 23. November als TV-Event präsentiert wird, hat sich Schirach dem vieldiskutierten Thema „Sterbehilfe“ zugewandt, und diesmal sollen sich die Zuschauer in Mitglieder eines fiktiven Ethikrats verwandeln, dem als Sachverständige eine Professorin der Rechtswissenschaft, ein Vertreter der Ärztekammer und ein katholischer Bischof angehören.

Auch wenn das Stück als Ethikrat-Diskussion konzipiert ist, kann Ex-Strafverteidiger Schirach nicht aus seiner Haut und lässt das Ganze doch eher wie eine Gerichtsverhandlung ablaufen, bei der sich der Verteidiger groß aufspielen darf. Verhandelt wird der „Fall“ eines älteren Herrn namens Richard Gärtner, der lebensmüde ist und beim Bundesinstitut für Arzneimittel eine tödliche Dosis Natrium-Pentoarbital beantragt hat, dem aber die Herausgabe des Mittels verweigert wurde.


Ein einseitiges Thesenstück

Im November 2015 beschloss die Mehrheit des Deutschen Bundestages den §217 StGB, der geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellt. Dagegen protestierten 151 Professorinnen und Professoren des Strafrechts in einer längeren Stellungnahme und hatten schließlich Erfolg, insofern das Bundesverfassungsgericht im Februar diesen Jahres den Paragraphen 217 für verfassungswidrig erklärte. Ein Plädoyer im Geiste dieses Strafrechtler-Protests will das Stück sein, das Schirach in Analogie zum Ein-Wort-Knaller „Terror“ nun „Gott“ betitelt. Es präsentiert sich argumentativ verworren und einseitig und bleibt dramaturgisch als Monolog-Parade ohne Spannkraft.


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Als „Gott“ im September zur Bühnen-Uraufführung kam, fielen die Kritiken spöttisch bis vernichtend aus. Rezensionen im „Tagesspiegel“, der „FAZ“ oder im „Spiegel“ befanden: „Die angekündigte ethische Diskussion findet gar nicht statt“, oder: „Schnarchiges Thesentheater ohne jede echte Ambivalenz“, oder: „Die Figuren bleiben schrecklich schablonenhaft, die Dialoge und Monologabfolgen dröge und redundant“. Urteile, die auch gegenüber der Fernsehfassung gültig bleiben.

„Gott“ ist vor allem eine Bühne für ermüdende Monologe (© ARD Degeto/Moovie GmbH/Repro)
„Gott“ ist vor allem eine Bühne für ermüdende Monologe (© ARD Degeto/Moovie GmbH/Repro)

Während man dabei zusieht, wie Akteure und Aktricen auch in der Fernsehadaption „ihre Texte plakativ abarbeiten“, schweifen die Gedanken ab, man fragt sich: gibt es denn nicht Filme aus dem Umkreis des Sterbehilfe-Themas, die dramatisch packend und argumentativ überzeugend sind? Es gibt sie, und das markanteste, von wirklichen Geschehnissen inspirierte Beispiel ist Alejandro Amenábars Das Meer in mir (Spanien 2004).


Das Gegenstück: Filme mit aufwühlender Kraft

„Ich will sterben!“, sagt Ramón (Javier Bardem), der sich vor 27 Jahren bei einem Kopfsprung ins Meer das Genick brach und seither querschnittsgelähmt im Bett liegt, hingebungsvoll gepflegt von der Familie seines Bruders. Er wird sich dafür entscheiden, assistiert von Freunden, mittels Zyankali aus dem Leben zu scheiden. Die aufwühlende Kraft des Films entsteht daraus, dass er, so paradox das klingt, vor allem eine Hymne ans Leben ist und kein Plädoyer, auch kein subtextuelles, für assistierten Suizid.

Gewiss erweckt Amenábar Verständnis dafür, dass Ramón den Zustand der Tetraplegie nach 27 Jahren nicht länger ertragen kann, aber daraus folgt keine prinzipielle Zustimmung. Ramóns älterer Bruder lehnt jegliche Form der „Sterbehilfe“ kategorisch ab, und auch Ramóns Anwältin, die eigentlich mit ihm in einen gemeinsamen Liebestod gehen wollte, entscheidet sich dafür, weiterzuleben, auch wenn die degenerative Krankheit, unter der sie leidet, unaufhaltsam voranschreitet. Viele Bilder des Films graben sich tief ins Gedächtnis ein, vor allem die Traumbilder, in denen Ramón euphorisch über die Landschaft hinaus ans Meer fliegt.

„Ich will sterben“, ist auch der erste Satz, den Jean-Dominique (Mathieu Amalric) formulieren kann. Julian Schnabel erzählt Jean-Dominiques Geschichte, die ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht, in Schmetterling und Taucherglocke (USA/Frankreich 2007). Nach einem Schlaganfall liegt der „Elle“-Chefredakteur drei Wochen im Koma, gelähmt von Kopf bis Fuß, aber sein Gehirn arbeitet noch und er kann noch mit einem Auge blinzeln. Mit diesem Blinzeln wird ein Artikulationssystem erarbeitet, und wenn sein erster entzifferbarer Satz seinen Sterbewunsch ausdrückt, reagiert die Therapeutin mit heftiger Empörung: „Wie können Sie das sagen?! Es gibt Leute, die Sie lieben! Das ist respektlos, obszön…!“ Woraufhin er sich entschuldigt und dann Gefallen daran findet, mittels der Augenblinzel-Sprache das Buch seiner Lebenserinnerungen zu schreiben, denn „Fantasie und Erinnerung sind nicht gelähmt“. Ein tief bewegender Film, dem es gelingt, Jean-Dominiques Lock-In-Syndrom in eine fulminante subjektive Bilderwelt zu übersetzen.

„Das Meer in mir“ ist vor allem eine Hymne ans Leben (© Tobis)
„Das Meer in mir“ ist vor allem eine Hymne ans Leben (© Tobis)

Sterben will auch Maggie in Clint Eastwoods Million Dollar Baby (USA 2004). Betreut von Frankie (Clint Eastwood) hat die junge Boxerin (Hilary Swank) eine glänzende Karriere hingelegt, wird dann aber bei einem Kampf so unglücklich getroffen, dass sie querschnittsgelähmt liegen bleibt. Ihre Lage ist schrecklich und verzweifelt, ihr muss ein Bein amputiert werden und sie versucht, sich durch das Durchbeißen der Zunge selbst umzubringen. Das ist der Augenblick, in dem Frankie seine Gewissenshemmnisse überwindet und ihr die Todesspritze setzt.

Sieht man die letzte halbe Stunde des Films zusammen mit Palliativmedizinern, ändert sich der Blick auf die Geschehnisse, denn man wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Reha-Behandlung der gelähmten Maggie als derart schrecklich gezeigt wird, dass man ihrem Selbsttötungswunsch zustimmen mag. Aber es könnte auch eine andere Behandlungsform geben, längst verfügen die Palliativmedizin und das Hospizwesen über Formen würdiger Sterbebegleitung, die sich dem verzweifelten Finale einer „aktiven Sterbehilfe“ entgegensetzen lassen.


Das feste Schema für Sterbehilfefilme

Die meisten Sterbehilfefilme der letzten Jahre – wie zum Beispiel Frederik Steiners Und morgen Mittag bin ich tot (Deutschland 2012) oder Gerd Schneiders Fernsehfilm Now or never (ausgestrahlt als ARD-Mittwochsfilm am 24. Juni 2020) – verlaufen schematisch gesehen etwa so:

1. Held/Heldin, gern in jugendlichem Alter, leidet an einer unheilbaren Krankheit, die auf ein „schreckliches Dahinsiechen“ hinauslaufen wird, sodass

2. die Inanspruchnahme von „aktiver Sterbehilfe“ (da Palliativmedizin unbekannt zu sein scheint), gern bei Organisationen wie dem schweizerischen „Exit“, als „Erlösung“ und ein Akt „selbstbestimmten Sterbens“ erscheint.

3. Es soll die letzten Tage vor dem Ende noch einmal lustig zugehen, weshalb Held/Heldin Party feiert, wozu eine kleine Lovestory, lustige Streiche und rührselige Erinnerungen gehören. Sterbehilfefilme gehören ja auch zum Genre der „Du hast nur noch kurze Zeit zu leben“-Filme (deren prominentester Vertreter nach wie vor Arthur Hillers Love Story von 1970 ist), wo also das memento mori ins carpe diem kippt: schnell noch Dinge machen, die man immer machen wollte, aber nie getan hat.

4. Das Finale wird im Kreis von Freunden/Verwandten stattfinden, in einer Atmosphäre, die Intimität, Fürsorge und Liebe signalisiert und in der sich die allerletzten Einwände gegen den Suizid wie von selbst auflösen.

Der Fernsehfilm „Now or never“ zeigt einen Sterbehelfer mit ungewöhnlicher Einsatzbereitschaft (© Zum Goldenen Lamm)
„Now or never“ zeigt einen Sterbehelfer mit ungewöhnlicher Einsatzbereitschaft (© Zum Goldenen Lamm)

Für die Inszenierung ihres „Ich will sterben!“ hat Lily (Susan Sarandon) in Roger Michells Blackbird (USA/GB 2019) alles bestens organisiert. Sie leidet an ALS, einer degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, will keinesfalls „an Kabeln und Schläuchen hängend dahinsterben“ und hat mit ihrem Mann, einem pensionierten Arzt, vereinbart, dass er ihr die tödliche Dosis eines Medikaments verabreicht. Am Tag vorher aber will sie die Familie um sich haben, da soll ein vorgezogenes Weihnachtsfest gefeiert werden. Im idyllisch gelegenen Haus an der US-Ostküste erscheinen die beiden erwachsenen Töchter mit Partnern/Partnerinnen, allen ist klar, dass es eine Abschiedsfeier ist, nicht alle sind mit Lilys Vorhaben einverstanden.

Blackbird ist das Remake von Bille Augusts Silent Heart – Mein Leben gehört mir (Dänemark 2014), aber Roger Michell hat der Vorlage ein interessantes Storyelement hinzugefügt: die Wutrede der jüngeren Tochter Anna (Mia Wasikowska). Man sitzt hübsch bei Tisch zusammen, packt Geschenke aus, lässt einen Joint kreisen, lobt Lily als prima Mutter – und hier platzt Anna, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat und unter Depressionen leidet, der Kragen, sie beschimpft die Mutter: „Du weißt doch gar nichts von uns! Niemals durften wir schwach sein, niemals durften wir dich mit unserem Schwachsein belästigen!“

Alle erschrecken, sind aufgebracht, aber es ist schon was dran, dass Lily mit ihrem Starksein häufig über andre hinweggestiegen ist. Nun könnte man Lilys „Mein Wille geschehe“ -Haltung auch kritisch auf die Art ihres „selbstbestimmten“ Sterbens beziehen, was kurz angedeutet wird, aber dann weicht die Story doch zurück und biegt auf die für viele US-Familienfilme typische „Mama ist doch die Beste“-Zielgerade ein.


Fehlende Momente im „selbstbestimmten Sterben“

Von Anfang an ist die Familienfeier in Blackbird in einer merkwürdigen Atmosphäre der Starrheit befangen, als stünde alles unter einem lähmenden Bann. Auch den finalen Abschiedstreffen in anderen Sterbehilfefilmen ist so ein Erstarrungsmoment anzumerken, das nicht einfach nur aus der Trauer über den bevorstehenden Tod einer vertrauten, geliebten Person entsteht, sondern auch daraus, dass der Suizid definitiv beschlossene Sache ist und Einwände nurmehr weggeschoben werden: Wer Mama liebt, muss einfach mit ihrer Entscheidung einverstanden sein, basta. Hinzu kommt, dass bei diesem „selbstbestimmten Sterben“ zwei Momente fehlen, die auch für Menschen, die nicht explizit religiös sind, mit dem Tod verknüpft sind: das Sterben als Geschehenlassen, und der Tod als Passage.

In Filmen wie „Blackbird“ wollen die Sterbeentschlossen jeden Aspekt ihres Todes kontrollieren (© Leonine)
In Filmen wie „Blackbird“ wollen die Sterbeentschlossen jeden Aspekt ihres Todes kontrollieren (© Leonine)

Der alte Indianer (Chief Dan George) in Arthur Penns Little Big Man (USA 1970) will endlich sterben. Er hat die Nase voll: all die Massaker an seinem Volk, die er erleben musste, es reicht. Er geht hinauf auf den Hügel, um den Großen Geist zu beschwören, dass er ihn endlich aus dem irdischen Dasein herausholt. Alle dafür rituell notwendigen Gesänge und Tänze führt er auf, er legt sich hin, zum Sterben bereit, aber es will einfach nicht klappen, es regnet nur, also kehrt er munter ins Tal zurück. Natürlich könnte er sich mit einem Messer selbst töten, aber er will von Manitou gerufen werden. Der Tod soll nicht gemacht werden, sondern geschehen.

Jenseitsvorstellungen begegnen wir in Sterbehilfefilmen kaum. Manchmal können poetische Bilder auftauchen wie bei der Heldin in Now or never, die zum Finale in den Alpen ausruft: „Ich werde ein Stern am Nachthimmel sein!“, aber im Grunde gehen die Helden/Heldinnen des „assistierten Suizids“ davon aus, dass der Tod ein definitives Ende ist, dass er also keine Passage ist, kein Tor, kein Durchgang wie der Spiegel in Cocteaus Orphée. Da gibt es keine Erwartung auf einen bayerischen Himmel wie für den Brandner Kaspar, der sich auf einen Himmel mit Weißwürsten, Kartenspiel und ohne Preußen freuen darf.

Als Carl Gustav Jung einmal gefragt wurde, welchen Rat er alten Menschen geben würde, die den Tod als „definitives Ende“ ansehen, antwortete der Begründer der analytischen Psychologie: „Ich habe viele alte Menschen behandelt und festgestellt, dass ihr Bewusstsein den Gedanken vom Tod als ‚definitivem Ende‘ zumeist einfach ignoriert. Für alte Menschen ist es das Beste, den nächsten Tag ins Auge zu fassen, ganz so, als würden sie Jahrhunderte weiterleben. Dann leben sie gut. Wenn sie Angst haben, wenn sie nicht nach vorn schauen, dann versteinern sie.“


Das Leitbild der bequemen Verfügbarkeit

Die Lily-Figur in Blackbird verkörpert einen von Sterbehilfefilmen immer wieder propagierten Typus, der drei Leitbildern wie selbstverständlich folgt: der Willensdurchsetzung, der Machbarkeit im Sinne wissenschaftlich-technischer Möglichkeiten, und dem Konsumentenwunsch, alles und jedes bequem verfügbar zu haben, also auch den assistierten Suizid als perfekte Dienstleistung. Schirachs Stück, das aus diesem Konsumentenwunsch heraus argumentiert und sie zum Freiheitswunsch stilisieren will, beginnt mit einem überraschenden Twist. Die Versammlungsleiterin erklärt, dass der klageführende Herr Gärtner gar nicht an einer schweren, unheilbaren Krankheit leidet, sondern einfach nur lebensmüde ist, er will sterben, weil seine Frau vor drei Jahren an einem Hirntumor verstarb und er seither im Leben keinen Sinn mehr sehen könne.

In „Der Geschmack der Kirsche“ wird der Todeswunsch der Erinnerung an die Herrlichkeit der Welt gegenübergestellt (© imago images / United Archives)
Erinnerungen an die Herrlichkeit der Welt: „Der Geschmack der Kirsche“ (© imago images / United Archives)

Spontan reagiert man auf diese Mitteilung mit der Überlegung: ja, dann soll doch Herr Gärtner, wenn er unbedingt Selbstmord begehen will, es einfach tun wie der „normale“, eigeninitiative Selbstmörder, der von der Brücke springt, oder wie die Selbstmörderin, die sich à la Günderode mit einem silbernen Dolch ersticht. Warum will er unbedingt bei einem Ethikrat vorsprechen? Als Begründung wird dann angeführt, dass viele eigenhändige Selbstmordversuche nicht gelingen und in schrecklichen Verletzungen enden. Üblicherweise stützt dieses Faktum die Auffassung, dass Selbstmordversuche oft Hilferufe sind und also Maßnahmen der Suizid-Prävention getroffen werden sollten. Hier aber wird nur der dem Anspruchsdenken eines Konsumenten konforme Schluss gezogen, dass der Staat eine hundertprozentig wirkende Selbsttötungsdienstleistung bereitzustellen habe.

Das Stück ist einseitig, weicht wichtigen Fragen aus, bagatellisiert, disqualifiziert die Gegner. Zum Beispiel führt Schirach in der Pro-Euthanasie-Argumentation Statistiken an, die belegen sollen, dass die Legalisierung aktiver Sterbehilfe keine signifikante Steigerung der „Nachfrage“ nach sich ziehen würde. Tatsächlich aber könnte man Statistiken beibringen, die die gegenteilige Aussage stützen und auf die Dringlichkeit jener Fragen hinweisen, die Richard David Precht so formuliert hat: „Ermöglicht die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe nicht einen ‚Dammbruch‘, sodass aus der aktiven Sterbehilfe ein indirekter Zwang wird, von diesem Mittel auch Gebrauch zu machen? Wird aus der ‚Freiheit zum Tod‘ damit nicht über kurz oder lang eine ‚Unfreiheit zum Leben‘?“ In Prechts kurzem Text „Soll man Sterbehilfe erlauben?“ (enthalten in „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) wird die gesellschaftliche Debatte zum Sterbehilfe-Thema präziser dargestellt und tiefgehender diskutiert als in Schirachs Stück.


Der Blick auf die Welt, die abhandenkommt

Um noch eine existentielle Dimension anzusprechen, die das Stück ignoriert, sei an Abbas Kiarostamis wunderbare filmische Meditation Der Geschmack der Kirsche (Iran/Frankreich 1997) erinnert. Ein Mann, Herr Badii, will Selbstmord begehen. Er fährt mit seinem PKW durch eine Landschaft mit Großbaustellen in der Peripherie Teherans und sucht nach einem Helfer für sein Vorhaben. Wir erfahren nicht, was ihn so verzweifelt macht, sondern erleben ihn bei zwei langen Gesprächen.

Zuerst begegnet ihm ein junger Seminarist, der erklärt: „Weil Gott es ist, der alles gibt und nimmt, darf man nicht sich selbst das Leben nehmen. Selbstmord ist eine Todsünde!“ Dann folgt die Begegnung mit einem alten Mann, der aus seinem Leben erzählt: wie er selbst einmal lebensmüde war, aber sich plötzlich wieder mit der Herrlichkeit der Welt konfrontiert sah; wie es ist, aus einer Quelle zu trinken, Kindern beim Spiel zuzusehen, den Geschmack der Kirsche zu schmecken – und das erschüttert Herrn Badii zutiefst, rüttelt ihn auf. Der Vorhalt, dass Selbstmord eine Todsünde sei, bewirkt nichts, aber der Lebensbericht des Alten lässt ihn die Welt, die ihm abhandengekommen war, wieder spüren. Kiarostami trägt das nicht dozierend vor, sondern erzählt von lebendigen, existenzverwandelnden Erfahrungen.


Hinweis:

„Gott“ läuft am Montag, 23.11., um 20.15 Uhr, im Ersten, gefolgt von einer Diskussionsrund in der von Frank Plasberg moderierten Sendung „hart aber fair“, die das Ergebnis der Zuschauerabstimmung aufgreift.

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