© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Thomas Eirich-Schneider

Fragen unserer Zeit - Milo Rau

Mittwoch, 16.12.2020

Ein Interview mit dem Filmemacher Milo Rau über seinen Film „Das neue Evangelium“, in dem die Jesus-Geschichte und ihre Verfilmungen in die Revolte von Migranten gegen die Lebensbedingungen in Süditalien einfließen

Diskussion

Dorthin gehen, wo es weh tut. Das kann der Theater- und Filmemacher Milo Rau wie kaum ein Zweiter. In Das Neue Evangelium(ab 17. Dezember im Streaming) orientiert er sich an der Passion Christi, transferiert die biblische Handlung aber ins heutige Süditalien und verfilmt sie als Revolte afrikanischer Migranten, die auf den Tomatenfeldern wie Sklaven schuften. Christliche Historie und die sogenannte „Revolte der Würde“ verbinden sich miteinander zu einer aufrührerischen Symbiose.


Es hört sich ziemlich gewagt an, im Jahr 2020 einen Film über Jesus mit dem Titel „Das Neue Evangelium“ zu veröffentlichen. Wie kamen Sie darauf?

Milo Rau: Ich erhielt aus der italienischen Stadt Matera, die im Jahr 2019 zusammen mit Plowdiw in Bulgarien europäische Kulturhauptstadt war, eine Anfrage, ob ich ein Projekt zu diesem Anlass realisieren wollte. In Matera hat Pier Paolo Pasolini 1964 Das 1. Evangelium - Matthäus gedreht und Mel Gibson 40 Jahre später Die Passion Christi. Ich überlegte nur zehn Minuten und schlug spontan vor, einen Jesusfilm zu drehen. Dazu kamen meine marxistische Sichtweise der Bibel und die Argumente von Papst Franziskus, der auf Lampedusa 2013 die Globalisierung der Gleichgültigkeit gegenüber Migranten anprangerte und in seiner Enzyklika „Evangelii Gaudium“ konstatierte: „Diese Wirtschaft tötet“. Die christlichen Kirchen reagieren sehr christlich auf die Migranten, die im Süden Italiens landen. Die stärkste Kraft, die sich wie eine NGO für diese Menschen einsetzt, von den Problemen bei der Überfahrt über die Ankunft bis zur Unterbringung, ist tatsächlich die katholische Kirche. Papst Franziskus hat sogar ein Migrationsministerium im Vatikan gegründet, mit dem wir für den Film eng zusammengearbeitet haben. Das war uns sehr wichtig. Wir wollten nicht, wie es oft üblich ist, die Kirche „bashen“, sondern sie als kraftvolle Institution zeigen, die sich auf ihre sozialrevolutionären Wurzeln besinnt und für Veränderung eintritt. Momentan wird aus der Kirche heraus sehr viel angestoßen.


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Sind Sie gläubig? Was bedeutet Jesus für Sie?

Rau: Ich bin Atheist. Jesus ist eine historische Figur, ein Anführer, der gegen Ungerechtigkeit kämpfte und für ein menschliches Leben in Würde. Ein Sozialrevolutionär gegen das römische Imperium. Dafür wurde er hingerichtet. Um diesen Mythos verständlich zu machen, muss ich nicht gläubig sein. „Das Neue Evangelium“ verfilme ich als Revolte von Migranten; parallel dazu läuft eine reale politische Bewegung, die „Revolte der Würde“.

Milo Rau beim Dreh von „Das Neue Evangelium“ (©Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)
Milo Rau beim Dreh von „Das Neue Evangelium“ (©Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)

Um Ungerechtigkeit geht es auch in Ihrem Film.

Rau: Das lag auf der Hand. Als ich Matera besuchte, sah ich diese wilden Flüchtlingslager, die sich wie ein Ring um die Stadt schließen. Die „Illegalen“ hausen dort unter menschenunwürdigen Bedingungen und werden in den riesigen Anbaugebieten für Tomaten ausgebeutet. Es herrscht dort eine deregulierte Mafia-Landwirtschaft. Ich entschloss mich, neben wenigen professionellen Darstellern vor allem mit Laien vor Ort zu arbeiten. An so etwas kann man nicht unberührt vorbeigehen. Das ist ja die Aussage des Neuen Testaments: Die Letzten werden die Ersten sein. Wir werden Zeuge einer Revolte für die Würde der Menschen, die in der heutigen globalen Gesellschaft rechtlos sind. Bei meinen Recherchen traf ich auf Yvan Sagnet, einen kamerunischen Aktivisten und unseren schwarzen Jesus. Er hat auf den Feldern geschuftet und vor neun Jahren den ersten Streik gegen die Mafia organisiert. Wir begannen mit dem Casting und parallel dazu begann diese Revolte, während der er „Jünger“ und „Jüngerinnen“ in den Lagern um sich scharte. Neben den Aktivisten und Geflüchteten haben auch Kleinbauern aus der Gegend mitgewirkt. Dass der 74-jährige Enrique Irazoqui, der Jesus von Pasolini, meinen Johannes den Täufer spielt, und Maia Morgenstern, Gibsons Maria, auch bei mir die Mutter des Messias verkörpert, scheint mir wie ein Wunder.


Wie haben Sie sich von Pasolini inspirieren lassen?

Rau: Es gibt zwei oder drei Zitate. Pasolini beeindruckt durch die fotografische Qualität, durch Menschen in großer Kadrierung, denen man fasziniert ins Gesicht schaut. Wir haben auch ein bisschen neorealistisch gedreht und gleichzeitig versucht, die Szenen ganz rein zu lassen. Wie bei ihm besteht die Besetzung größtenteils aus Laiendarstellern.


Wie haben Sie die Laien inszeniert? Schon allein die Sprache war doch sicherlich ein Handicap.

Rau: Wir haben Ende 2018 angefangen zu drehen, wir haben zusammengelebt und gearbeitet und einen Einblick in den politischen Kampf bekommen und gegeben. Das Resultat besteht nicht nur aus diesem Film allein. Wir suchten gleichzeitig nach Menschen, die als Anführer über ein Charisma verfügten. Für mich ist Papa Latyr Faye als Petrus ein „natural born“ Schauspieler, dem glaube ich alles. Und Yvan als Jesus hat Workshops in Rom absolviert. Man sieht im Film seine schauspielerische Weiterentwicklung, bis er zum Schluss wirklich dieser Messias ist.


Mussten Sie viele Einstellungen drehen oder haben Sie mehr improvisiert?

Rau: Wir haben viele Szenen oft wiederholt. Bibelszenen sind nicht einfach. Man unternimmt eine Gratwanderung und muss Kitsch und Rührseligkeit vermeiden. So ist die Freundschaft zwischen Petrus und Jesus eine ziemlich komplizierte, auch die mit Judas. Damit alles funktionierte, erforderte es schon eine große Genauigkeit und Nähe.

Jesus-Darsteller Yvan Sagnet und Milo Rau (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)
Jesus-Darsteller Yvan Sagnet und Milo Rau (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)

Im Neuen Testament wirft Jesus die Händler aus dem Tempel, bei Ihnen wird der Supermarkt zum Konsumtempel und durch die Vernichtung von Tomatenprodukten ein sehr eingängiger und aktueller Bezug hergestellt.

Rau: Wir haben viele Szenen in halbfiktionale politische Handlungen übersetzt, andere haben wir biblisch gemacht, wieder anderen fehlt jeglicher biblischer Impetus. Nur eine Szene ist wirklich biblisch. Der Einmarsch in Matera ähnelt dem Einzug in Jerusalem. Wir haben dieses Tor von Pasolini und Mel Gibson benutzt; bei uns ist der Einzug eine Demonstration.


Wie kam es zu der Idee, Frauen als Jüngerinnen einzusetzen?

Rau: Das hat sich so ergeben. Maria Magdalena wurde in der christlichen Tradition als Jüngerin ausgeschlossen. Bei uns nimmt sie sogar am Letzten Abendmahl teil, eine Neudefinition. Viele der Apostel sind weiblich. Ist Ihnen in der kleinen Szene, die im Mai im Ramadan spielt, eigentlich aufgefallen, dass alle Jünger bis auf Jesus eigentlich Moslems sind?


Wie sind diese an das christliche Thema herangegangen? Ihr Film ist ja auch ein Lehr- und Lernprozess in puncto christlicher Glauben.

Rau: Auf der einen Seite sagten sie, dass die heilige Maria, Jesus und andere auch im Koran vorkommen, den sie als eine religiöse Weiterentwicklung betrachten. Für sie ist Jesus nicht der letzte Prophet; der wichtigere, Mohammed, kommt noch. Auf der anderen Seite führten wir in den ersten Wochen und Monate Gespräche darüber, wie Freunde und Familie darauf reagieren, wenn sie eine christliche Rolle spielen. Sie entschlossen sich mitzumachen, auch wenn die Religion nicht die ihrige war, weil es um die Menschheit insgesamt geht. So ist bei uns auch die Geschichte, wir haben sie etwas „entreligionisiert“.


Gab es Verständnisfragen, Neugier?

Rau: Wir haben in der langen Vorbereitungszeit alles zusammen entwickelt und herausgefiltert, was wichtig und was weniger wichtig ist. Wir sind quasi gemeinsam in die Geschichte hineingewachsen. Es brauchte sehr viel Zeit, um Klarheit zu gewinnen, um was es geht, wie wir mit den Menschen und dem Lager umgehen, wie wir uns dem Letzten Abendmahl annähern, was Judas in diesem Kontext bedeutet. Das Neue Testament halte ich für ein sehr interessantes Buch, weil Jesus nicht nur politisch auftritt, sondern in Wechselwirkung mit seiner Peergroup steht. Einige beraten ihn, andere sind enttäuscht.

Die „Revolte der Würde“ fordert Rechte für die Migranten in der Landarbeit (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)
Die „Revolte der Würde“ fordert Rechte für die Migranten in der Landarbeit (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)

Wie definieren Sie Ihren Film? Er ist weder Spiel- noch Dokumentarfilm.

Rau: Ich nenne ihn eine utopische Dokumentation. Es wird etwas dokumentiert, was erst durch das Projekt stattfindet. Erstmals haben sich afrikanische und italienische Landarbeiter zusammengeschlossen, die sonst immer gegeneinander ausgespielt wurden.


Hat sich im Nachhinein etwas an der Situation für die Mitwirkenden geändert?

Rau: Der Film übte einen Einfluss auf alle in ihrem Alltag aus. Inzwischen gibt es Fair-Trade-Produkte wie Tomatensauce, alle Teilnehmenden sind „legalisiert“ und haben Jobs. Ein Riesenfortschritt. Und in den neu gegründeten „Häusern der Würde“ können 400 Menschen selbstbestimmt leben. Der Kreislauf von Armut und Wohnungslosigkeit wurde mit Unterstützung der katholischen Kirche durchbrochen.


Die „Revolte der Würde“ ist ein starker Begriff. Die richtete sich eigentlich doch gegen die rechtspopulistische Salvini-Regierung.

Rau: Mit deren Abgang ist das Problem nicht vom Tisch. Würde ist der Zentralbegriff bei den Geflüchteten. Bei der Suche nach einem Namen für die Revolte sind wir auf den Begriff gekommen, weil er in allen Migrationskampagnen immer wieder auftaucht. Alles basiert auf dem Wunsch nach Legalisierung, nach einem Zuhause, nach Arbeitspapieren. Diese Menschen wollen kein Mitleid, sondern die gleichen Rechte. Wie heißt es im Matthäus-Evangelium? „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz zu brechen, sondern es zu erfüllen.“ Es gibt Gesetze zur Legalisierung und Verbote der Beschäftigung für einen Hungerlohn. Sie werden nur nicht umgesetzt.


Diese Menschen verlieren ihre Hoffnung im „Paradies Europa“. Wäre es nicht sinnvoller, das Geld, das die Staaten für sie ausgeben, in deren Heimatländern zu investieren? Als Hilfe zur Selbsthilfe?

Rau: Kampagnen klären über die Situation auf. Ich sehe ein systemisches Problem. Die Leute werden angelockt und produzieren hier Güter, die in ihre Herkunftsländer transportiert werden und die dortige Landwirtschaft zerstören. Ein Teufelskreis. Den kann man nur durch höhere Löhne durchbrechen, dadurch würde sich das Geschäft hier weniger rentieren und man könnte die Produktion zurück in die Herkunftsländer holen. Man könnte auch bei uns zu fairen Preisen produzieren, aber die Großproduzenten beharren auf ihren Gewinnspannen und nicht auf gerechter Verteilung. Die Agrarwirtschaft und die multinationale Lebensmittelindustrie machen Milliardenprofite gegen jeden Menschenverstand. Aber wahrscheinlich ist Kapitalismus gegen jeden Menschenverstand.

In Matera werden Bibelgeschichte und aktueller Aktivismus zusammengeführt (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)
In Matera werden Bibelgeschichte und aktueller Aktivismus zusammengeführt (© Fruitmarket/Langfilm/IIPM/Armin Smailovic)

Wie beeinflusst Ihre Theaterarbeit Ihre Filmarbeit?

Rau: Total. Als Theatermacher schreitet man improvisierend voran. Im Film castet man Menschen, man gibt ihnen den Text, den sie vor der Kamera abliefern – und „Tschüss“. Ein technisches Gewerbe. So arbeite ich nicht. Für mich ist die Aufnahme der letzte Punkt, ich arbeite kontinuierlich über Monate, wie bei einer Inszenierung. So habe ich auch den Film realisiert, das schafft ein anderes Bewusstsein.


Und umgekehrt?

Rau: Umgekehrt erfolgt ebenfalls eine Wirkung. Ich habe oft ein bisschen performancemäßig Theater gemacht, das findet nur einmal statt. Einen Film kann man herausbringen und immer wieder anderen Menschen vorführen. Am Ende des Tages hat man was Konkretes, für immer. Beim Theater hat man nie etwas, das ist dann weg. Dieser Unterschied verändert die Haltung total.


Welche Zuschauer erwarten Sie?

Rau: Mir gefällt der Slogan „Kirche zu Kino“. Ich nehme an, dass man den Film in den Landeskirchen zeigt, auch der Vatikan ist dabei; für linke Bewegungen sollte er auch interessant sein, für NGOs und natürlich für das normale Publikum im Kino und in der digitalen Auswertung. Was ist das Fundament unserer Kultur, was sind die abendländischen Werte? Für was würde Jesus heute kämpfen, und an wessen Seite? Das sind Fragen unserer Zeit.

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