© imago images / Everett Collection (Jean-Pierre Bacri in „Gefühlsverwirrungen“)

Le grand râleur - Jean-Pierre Bacri

Dienstag, 19.01.2021

Zum Tode des französischen Charakterdarstellers Jean-Pierre Bacri (24.5.1951-18.1.2021)

Diskussion

Den Ehrentitel „Der große Nörgler“ hat sich der französische Schauspieler Jean-Pierre Bacri mit vielen Rollen redlich verdient, in denen er Unzufriedenheit, mühsam kontrollierte Genervtheit und Enttäuschung mit einzigartiger Präzision verkörperte. Dennoch blieb der Unmut dabei stets geerdet und kippte nicht ins Cholerische oder gar Misanthrope ab. Jetzt ist der große Charakterdarsteller und Drehbuchautor im Alter von 69 Jahren gestorben.


Von seinen französischen Landsleuten wurde Jean-Pierre Bacri durchaus wertschätzend als „Le grand râleur“ (Der große Nörgler) charakterisiert. Zu diesem Ehrentitel trug der Schauspieler und Autor selbst bei, wenn er freimütig bekannte, dass ein Lächeln auch privat nicht unbedingt zu seinen bevorzugten Gefühlsausdrücken zähle; vor allem aber war er das Resultat der Rollen, in denen Bacri Unzufriedenheit, mühsam kontrollierte Genervtheit und Enttäuschung mit einzigartiger Präzision auszudrücken wusste. Insbesondere die obere Partie seines Kopfes war dabei ein beredter Spiegel für diesen nach außen drängenden seelischen Aufruhr: mit tiefen Sorgenfalten auf der angesichts schwindender Haarfülle immer höher werdenden Stirn, hochgezogenen Augenbrauen und einem Blick, in dessen insistierendem Ausdruck die Ahnung einer Niederlage beim Disput schon angedeutet war.

Doch trotz dieses Hangs zum Weltschmerz waren Bacris Figuren in ihrem Unmut stets geerdet, ohne in das im Kino gerne zelebrierte Extrem des Cholerikers zu verfallen. Neben der abgeklärten Melancholie, die sich ebenfalls oft im Gesichtsausdruck von Jean-Pierre Bacri zeigte, stand zudem die Warmherzigkeit der von ihm geschriebenen Filmdrehbücher und Theaterstücke, eine von Zynismus freie Haltung, die sich nicht allein den Beiträgen von Agnès Jaoui zuschreiben lässt, mit der ihn 25 Jahre private und mehr als 30 Jahre berufliche Partnerschaft verbanden.

Unzufriedenheit als wiederkehrendes Merkmal (hier in „Un Air de Famille“, © Prokino)
Unzufriedenheit als wiederkehrendes Merkmal (hier in „Un Air de Famille“, © Prokino)

Menschlich verständliche Ausbrüche

1951 in Algerien geboren und als Jugendlicher mit seiner Familie nach Frankreich gezogen, begann Jean-Pierre Bacri in den 1970er-Jahren als Schauspieler in klassischen Stücken am Theater, versuchte sich aber auch schon in dieser Zeit als Autor. Schon sein Durchbruch im Kino Anfang der 1980er-Jahre etablierte den späteren Nörgler-Typus, präsentierte diesen aber menschlich verständlich als Resultat einer ihm wenig zugetanen Welt, die es selbst ausgeglicheneren Naturen schwermachen würde, die Ruhe zu bewahren.

Die verbalen Ausbrüche von Bacris Figuren entspringen sehr oft der Ohnmacht, in eigentlich guten Absichten enttäuscht worden zu sein, was das Mitgefühl mit ihnen sehr leicht macht. In „Entre Nous“ (1983) von Diane Kurys präsentiert er sich als schwacher Ehemann einer lebenslustigen Frau (Miou-Miou), die sich zusehends von ihm entfernt und zu einer Freundin (Isabelle Huppert) hingezogen fühlt. Als Bacris Figur Costa den alten Traum einer Laufbahn als Komiker mit einem kleinen Auftritt aufleben lässt, lachen sich die beiden Frauen schier kaputt angesichts des kläglichen Ergebnisses – Costas resignierter Abgang von der Bühne ist zugleich der vorweggenommene Abgang aus dem Leben mit seiner Frau. In „Ein Sommer an der See“ (1990) spielt Bacri, erneut unter der Regie von Diane Kurys, einen Familienvater in den Ferien, der Lockerheit demonstrieren will, aber immer wieder ausgebremst wird. So echauffiert er sich, weil die Familienkatze durch ein offenes Gartentor „irgendeinem Idioten“ unters Auto laufen könnte, nur um sodann festzustellen, dass er selbst das Tier überfahren hat. Und als nach einem Einbruch in einem Strandclub seine Kinder und ihre Freunde verdächtigt werden, schickt er sie einzeln vor, um ihre Unschuld zu beschwören; erst angesichts ihres herumdrucksenden Verhaltens merkt er, dass die Sprösslinge wohl tatsächlich hinter der Sache stecken.

Der Nimbus der Respektsperson, die sich lächerlich macht, prägt auch Bacris Polizisten mit dem schmeichelhaften Namen „Batman“ in Luc Bessons stylischem „Subway“ (1985). Fernab von den Fähigkeiten des Comic-Verbrechensbekämpfers, verbringt Inspektor Batman den Film über damit, erfolglos hinter wesentlich gewitzteren Gaunern wie einem Taschendieb auf Rollschuhen her zu sein.

Als gelangweilter Fabrikdirektor in „Lust auf Anderes“ (mit Christiane Millet) lief Jean-Pierre Bacri zu großer Form auf (© Tobis/StudioCanal)
Als gelangweilter Fabrikdirektor in „Lust auf Anderes“ lief Jean-Pierre Bacri zu großer Form auf (© Tobis/StudioCanal)

Das Erfolgsduo Jaoui/Bacri

Zu dieser Zeit, als die Charaktere von Jean-Pierre Bacri oft noch zum Lachen einluden, nahm dieser die Ausdifferenzierung seiner Leinwand-Persona selbst in die Hand. Die Begegnung mit der 13 Jahre jüngeren, in Geschmack und Interessen aber auf einer Wellenlänge mit ihm agierenden Schauspielerin Agnès Jaoui führte neben der persönlichen Bindung auch zu einem kreativen Duo von außergewöhnlicher Harmonie und künstlerischer Meisterschaft. Ihre sieben zwischen 1993 und 2008 entstandenen Drehbücher, zwei davon nach eigenen Theatervorlagen, erfanden kein neues Genre, sondern griffen vertraute Muster von Sitten-, Boulevard- und Typenkomödien auf. Sie alle prägte aber ein einzigartiger Esprit, eine traumwandlerische Präzision in den Dialogen und außergewöhnlich ausgefeilte Figuren, mit denen das Duo Jaoui/Bacri es möglich machte, sich (neu) in das französische Kino zu verlieben.

Schon im Diptychon „Smoking / No Smoking“ (1993) von Alain Resnais mit seiner ständig neue Varianten einschlagenden Geschichte, die zu zwölf unterschiedlichen Enden führt, demonstrierten die beiden ihre Versiertheit mit einem im Tonfall heiteren Szenario, in dem tragische Verläufe gleichberechtigt neben glücklicheren stehen können; von Fatalismus sind ihre Arbeiten gänzlich frei. Für Resnais schrieben sie auch das Drehbuch zu seiner mit Playback-Musikeinlagen arbeitenden Komödie „Das Leben ist ein Chanson“ (1998), mit dem sie das wohl verspielteste und zugänglichste Werk im Oeuvre von Resnais beisteuerten, eine beschwingte Hymne an die poetische Überhöhung des Alltags.

Aufmerksam geworden war Resnais auf die beiden schreibenden Darsteller durch ihr Bühnenstück „Cuisine et dépendances“, das 1993 von Philippe Muyl fürs Kino adaptiert wurde. Hier wie auch in „Un Air de Famille“, 1996 verfilmt von Cédric Klapisch, rücken Jean-Pierre Bacri und Agnès Jaoui bourgeoise, unter anderem von ihnen selbst verkörperte Charaktere in den Mittelgrund, die sich mit ihren Eitelkeiten und Schwächen überwiegend unbeabsichtigt verletzen.

Ein kongeniales Duo: Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri (hier in „Erzähl mir was vom Regen“) (© Alamode)
Ein kongeniales Duo: Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri (hier in „Erzähl mir was vom Regen“; © Alamode)

Mit „Lust auf Anderes“ (2001) übernahm Agnès Jaoui erstmals selbst die Inszenierung eines ihrer gemeinsamen Drehbücher, Jean-Pierre Bacri rückte in den Mittelpunkt und spielte eine neue Form seiner Persona, die sich ab den 1990er-Jahren zunehmend ausdifferenziert hatte: Männer, die in ihrem Beruf erfolgreich und dem oberflächlichen Anschein nach glücklich sein müssten, aber weiterhin an Unzufriedenheit laborieren und diese brüsk zum Ausdruck bringen. Sein ungehobelter Fabrikant in „Lust auf Anderes“, der durch die Zuneigung für eine Amateur-Schauspielerin (Anne Alvaro) Interesse an Kunst und Kultur entdeckt und sich erst einmal reihenweise blamiert, ist dafür die Blaupause, die er in den weiteren Filmen mit Agnès Jaoui variiert, etwa als selbstbezogener Schriftsteller in „Schau mich an!“ (2004) oder als gescheiterter Regisseur in „Erzähl mir was vom Regen“ (2008); der ironische Blick auf das eigene Künstlermilieu ist dabei stets augenfällig.


Interaktion als Lebenselixier der Figuren

Interessant und abwechslungsreich bleiben diese Interpretationen von Jean-Pierre Bacri, weil seine Figuren zwar eine Misanthropie ausstrahlen, diese aber nicht wirklich rechtfertigen können, da die Interaktion mit anderen für sie ein notwendiges Lebenselixier ist. In den selbst verfassten Filmen, aber auch in denen anderer Regisseure wie „Kennedy und ich“ (1999) oder „La vie très privéede Monsieur Sim (2015) schälte Jean-Pierre Bacri diese Charakteristiken in immer neuen Nuancen heraus, wobei er mit zunehmendem Alter verhärmter, verwundbarer und von der schieren Last der Existenz überwältigter erschien.

Mit Agnès Jaoui arbeitete er auch nach ihrer privaten Trennung noch in gutem Einvernehmen weiter, doch fehlte ihren beiden letzten gemeinsamen Arbeiten die Inspiration früherer Werke. Ein Film ganz im Geiste der Jaoui/Bacri-Drehbücher war dafür „Das Leben ist ein Fest“ (2017) von einem anderen Erfolgsduo des französischen Kinos, Eric Tolédano und Olivier Nakache. Hier konnte Jean-Pierre Bacri noch einmal in einer Paraderolle glänzen, als Organisator von großangelegten Hochzeiten, der angesichts einer 24-stündigen Belastung mit nervigen Bräutigamen, renitenten Angestellten, misslungenen Speisen und allen möglichen anderen Katastrophen zwar wiederholt die Nerven, aber nie seine Überzeugung verliert: „Wir geben nicht auf, wir passen uns an“, ist sein Credo, das für viele der Menschen gelten könnte, die Jean-Pierre Bacri in seinem Leben verkörpert hat. Am 19. Januar 2021 starb er im Alter von 69 Jahren in Paris.

Der geplagte Hochzeitsfeiern-Organisator in „Das Leben ist ein Fest“ als dankbare Altersrolle (© Universum)
Der geplagte Hochzeitsfeiern-Organisator in „Das Leben ist ein Fest“ (© Universum)


Hinweis

In der arte-Mediathek ist derzeit Ein Sommer an der See zu sehen. Außerdem zeigt der Sender als Programmänderung am Freitag, 22. Januar, um 20.15 Uhr die Komödie Laura wirbelt Staub auf mit Jean-Pierre Bacri.

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