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Nachruf auf Christopher Plummer

Montag, 08.02.2021

Facetten des Menschseins: Über den verstorbenen kanadischen Schauspieler (13.12.1929-5.2.2021)

Diskussion

Als einer der bedeutendsten Interpreten des amerikanischen Theaters schätzte der kanadische Schauspieler Christopher Plummer das Kino als Spielbühne, um in kleinen und großen Auftritten unterschiedlichste Charaktere zu zeichnen. Von seinem Publikumserfolg in „Sound of Music“ über hinreißende Leinwandschurken bis zu grandiosen Altersrollen prägte er das Kino über knapp sechs Jahrzehnte mit nie versiegender Vielseitigkeit. Ein Nachruf.


Roscoe Heyward ist aufgeflogen. Der Bankpräsident hat Gelder veruntreut; jetzt steht er am Balkongeländer, um sich in die Tiefe zu stürzen. Kirk Douglas, der als sympathischer Banker Vandervoort mimisch in die Vollen geht, versucht in der finalen Folge der US-Serie „Die Bankiers“ den Freitod des verzweifelten Rivalen Heyward, gespielt von Christopher Plummer, noch abzuwenden. Heyward lässt sich gut zureden, dann aber springt er. 1977 lief die weithin vergessene Serie im ZDF. Warum diese Erinnerung aus ferner Fernsehkindheit? Es muss mit den leeren Augen von Plummer zusammenhängen, seinem verstörend-entgeisterten Blick vor dem Sprung, einem kunstvollen Minimalismus, der sich ins Gedächtnis brannte.

Vier Jahrzehnte später war Plummer immer noch da. Und wie. Man muss bei ihm weder in den Archiven kramen noch verblassten Glanz aufpolieren; schließlich stand er noch – quasi eben gerade – als 89-Jähriger vor der Kamera. Als scharfzüngiger Kriminalschriftsteller in „Knives Out – Mord ist Familiensache“ (2019) spielte er das Mordopfer. Zwei Jahre zuvor rettete der Kanadier das Entführungsdrama „Alles Geld der Welt“ vor der Versenkung, indem er für den wegen Missbrauchsvorwürfen aus dem Film getilgten Kevin Spacey in die Bresche sprang. Für neun Nachdrehtage verkörperte der 88-Jährige den millionenschweren Geizknochen J. Paul Getty.

Einen Rekord stellte er mit 82 Jahren bei den Academy Awards 2012 in Los Angeles auf: „Wo warst du mein ganzes Leben lang?“, rief der (bis heute) älteste Gewinner eines Schauspiel-„Oscars“ von der Bühne herunter. Der Preis galt dem von Plummer kreierten Familienvater in „Beginners“, der sich auf seine alten Tage als Schwuler outet. In Nordamerika sprechen sie von der raren „Triple Crown of Acting“ – für Kino-, Fernseh- und Theaterschaffen –, mit der sich Plummer seit dem späten „Oscar“ schmücken konnte. Denn einen „Emmy“ (für „Die Bankiers“) hatte er längst gewonnen, dazu zwei „Tony Awards“ als Bühnenschauspieler.

Mit „Beginners“ gewann Christopher Plummer 2012 den „Oscar“ (© Universal)
Mit „Beginners“ gewann Christopher Plummer 2012 den „Oscar“ (© Universal)


Er machte kleine Rollen groß

Er wollte einfach nicht aufhören, neue Facetten des Menschseins zu erkunden. Als homosexueller Vater von Ewan McGregor in Beginners. Als Vater von Brad Pitt in „12 Monkeys“ und Virologe, der ein pandemisches Armageddon abzuwenden sucht. Als Dschungelbuch-Dichter Rudyard Kipling in „Der Mann, der König sein wollte“ (und war er das nicht, ein König?). Plummer verkörperte hinreißende Unsympathen wie den Usurpator Commodus in „Der Untergang des römischen Reiches“, Herodes Antipas in Zeffirellis „Jesus von Nazareth“ oder den fiesen Klingonen-General Chang in „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“. Ein fixiertes Rollenschema war ihm ein Graus; und so wollte er kein Dauergast in einem bestimmten Genre sein. Also amüsierte er als diamantenverrückter Aristokrat in „Der rosarote Panther kehrt zurück“, brillierte als Starjournalist in Michael Manns „Insider“, als Philosoph Aristoteles in „Alexander“ und Seefahrer in Terrence Malicks „The New World“. Alles Nebenfiguren übrigens. Aber für ihn gab es keine kleinen Rollen. Er machte sie groß.

Christopher Plummer wurde 1929 in Toronto geboren, als Kind einer Oberschichtsfamilie. Seine Mutter war Künstlerin, sein Vater Aktienhändler, sein Urgroßvater schmückte als kanadischer Premierminister – wenn auch nur für ein Jahr – den Stammbaum. Plummer wollte erst Pianist werden, brannte aber früh auch fürs Theater. Den Entschluss zur Schauspielerei fasste der Jugendliche, als er Laurence Olivier als „Henry V“ im Kino sah. Das Handwerk lernte er am Montreal Repertory Theatre, wo neben ihm auch der junge William Shatner auftrat (dessen Captain Kirk er als Klingone später arg zusetzte).

Plummer spielte Shakespeare in Kanada und London, feierte 1953 sein Broadwaydebüt und war schon ein bekannter Theaterstar, als er 1958 erstmals in einem Kinofilm auftrat, neben Henry Fonda in Sidney Lumets „Eines Tages öffnet sich die Tür“. Danach spielte er in „Sumpf unter den Füßen“ einen Wildhüter, der im Florida des frühen 20. Jahrhunderts für den Naturschutz kämpft. Weil die Dreharbeiten nervenaufreibend waren – Nicholas Ray musste wegen Querelen mit dem Studio die Regie abgeben –, legte Plummer eine sechsjährige Kino-Pause ein. Für die Großproduktionen „Der Untergang des Römischen Reiches“ und „The Sound of Music“ ließ er sich Mitte der 1960er-Jahre wieder einspannen.

Ein gespaltenes Verhältnis pflegte Christopher Plummer zu seinem Megaerfolg „The Sound of Music“ (© IMAGO/Mary Evans)
Ein gespaltenes Verhältnis pflegte Christopher Plummer zu seinem Megaerfolg „The Sound of Music“ (© IMAGO/Mary Evans)


„Versuche Dich zu amüsieren!“

Auf seinen Part des Barons von Trapp in „The Sound of Music“, einem der Mega-Erfolge der Kinogeschichte außerhalb von Europa, war Plummer allerdings lange gar nicht stolz. Vielmehr hasste er zeitweise dieses „Lügen-Zuckerwerk, auf das die Leute scharf sind“ (Pauline Kael) und behauptete, sich während der Dreharbeiten halb bewusstlos getrunken zu haben. Viele seiner Szenen sind trotzdem Geniestreiche für den Camp-Geschmack, etwa wenn Julie Andrews als jodelfreudiges Kindermädchen von Trapps Sprösslinge ein Ständchen singen lässt. Und Plummer, eben noch der zackig-gestrenge Marineoffizier a.D., schmilzt in Vaterliebe dahin und stimmt mit ein: „My heart wants to sing every song it hears…“

Zuallererst war Christopher Plummer ein Theatertier. Die großen Bühnenrollen von Aischylos über Shakespeare bis zu Arthur Miller fesselten ihn. Was Film- und Fernsehangebote betraf, war er nicht besonders wählerisch. Hier verfuhr er nach der Devise „Leide nicht für deine Kunst, versuche dich mit ihr zu amüsieren“, wie in seinen 2008 erschienenen Memoiren „In Spite of Myself“ nachzulesen ist, in denen er auch versöhnliche Worte für die von ihm unwillig mitzubereiteten Salzburger Musical-Nockerln findet.

Für Atom Egoyan war Plummer „einfach der größte Schauspieler, den Kanada je hervorgebracht hat“, wie der kanadisch-armenische Regisseur in einem Nachruf auf Christopher Plummer schrieb. „Chris war bis zum Schluss damit beschäftigt, das zu tun, was er am liebsten tat. Seine außergewöhnliche Karriere umspannte so viele Epochen der Schauspielerei, von den frühen Tagen hier in Kanada über das goldene Zeitalter der Broadway-Bühne, bis hin zu den Höhen von Hollywood, großen internationalen Koproduktionen und dann zurück zu unvergesslichen Auftritten im amerikanischen Independent-Kino.“

Christopher Plummer als Dickens-Schurke von Format in „Nicholas Nickleby“ (© Solo Film)
Christopher Plummer als Dickens-Schurke von Format in „Nicholas Nickleby“ (© Solo Film)


Verwirrtheit in höchster Konzentration

In zwei Egoyan-Filmen spielte Plummer mit, beide Filme handelten von verdrängter Geschichte. In der Rahmenhandlung von „Ararat“ (2002) agiert Plummer als Zollbeamter, der den jungen Raffi einem Verhör unterzieht, das sich zum tiefgreifenden Gespräch vor allem über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich entwickelt. „Remember“ (2015) kreist um den Holocaust. Der Part des dementen Altenheimbewohners Zev bot Plummer eine der größten Herausforderungen seiner Karriere. Trotz erheblicher Erinnerungslücken begibt sich Zev auf eine Odyssee durch Nordamerika, um den Mörder seiner Familie zu suchen. Am Ende findet er den SS-Mann in Kanada und stößt zugleich auf einen blinden Fleck in seiner eigenen Vergangenheit. „So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gemacht“, sagte Plummer über diese Rolle. „Ich hatte das Gefühl, zwei verschiedene Männer zu sein: Der fast anonyme Mann ohne Gedächtnis neben dem schrecklichen Rächer, dem Aufgewühlten, der immer wieder aufbrechen muss.“ Immer morgens wacht Zev in irgendeinem Hotelzimmer auf, hat die Mission vergessen, die ihm sein jüdischer Seniorenheim-Kollege (kongenial: Martin Landau) wohlweislich auf einen Zettel geschrieben hat, und ruft nach seiner längst verstorbenen Frau. Und wieder ist es der leere Blick, die mit höchster Konzentration gespielte Verwirrtheit, mit der Plummer die Zuschauer packt.

Im Alter von 91 Jahren ist Christopher Plummer nun an den Folgen eines Sturzes gestorben. Er hat sechs Jahrzehnte Film- und Fernsehgeschichte geprägt, ohne sich je penetrant in den Vordergrund zu spielen. Was wäre das Kino ohne ihn?

Als Familienpatriarch im Star-Ensemble von „Knives Out“ glänzte Christopher Plummer noch 2019 (© Universum/Concorde)
Als Familienpatriarch im Star-Ensemble von „Knives Out“ glänzte Christopher Plummer noch 2019 (© Universum/Concorde)

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