© Koch (aus „Unternehmen Capricorn“)

Erinnerungen an Hal Holbrook

Montag, 15.02.2021

Ein Nachruf auf den US-Schauspieler Hal Holbrook (17.2.1925-23.1.2021)

Diskussion

Der US-amerikanische Darsteller Hal Holbrook flößte mit seinem aristokratischen Aussehen und einer sonoren Stimme schon durch seine bloße Erscheinung Respekt ein und war im Kino immer wieder als Autoritätsfigur zu sehen. Seine wohl berühmteste Leinwandrolle spielte er mit reduzierten Mitteln und im Halbschatten als Watergate-Informant in „Die Unbestechlichen“. Durch präzise, hochemotionale Leistungen hinterließ er stets bleibenden Eindruck.


Das wellige Haar und die sonore, kantige Stimme hätten auch einem idealtypischen antiken Senator gut gestanden. Als Attribute eines Schauspielers aus dem US-Bundesstaat Ohio im Mittleren Westen der USA verhalfen sie immerhin zu zahlreichen Rollen als Autoritätsfiguren – seien es politische, unternehmerische, kirchliche oder einfach väterliche. Der am meisten mit Hal Holbrook identifizierte Charakter wurde dabei der von Mark Twain, den der 1925 geborene Schauspieler ab den 1950er-Jahren rund sechs Jahrzehnte lang immer wieder in einer Solo-Darbietung auf der Bühne verkörperte. Mit Hilfe von aufwändiger Maskenarbeit und einem Südstaaten-Akzent, vor allem aber mit ständig an die Entwicklung der US-Gesellschaft angepassten Auftritten hielt Hal Holbrook das Erbe des scharfzüngigen Schriftstellers hoch und arbeitete dessen Zeitlosigkeit heraus. Für das seelische Gleichgewicht des liberalen Darstellers waren die Gedanken von Mark Twain zudem eine Zuflucht, um angesichts undemokratischer Auswüchse in den USA nicht zu verzweifeln.

Respekteinflößend präsentierte sich Hal Holbrook auch in mehreren Fernseh-Miniserien als Abraham Lincoln, als Pfarrer in einer von den Geistern ertrunkener Seemänner heimgesuchten Kleinstadt in John Carpenters Horrorfilm The Fog (1979) oder als moralische Instanz im Börsengeschäft, die Jungbroker Bud Fox (Charlie Sheen) in Wall Street (1987) vergeblich vor den Spekulationen eines Gordon Gekko (Michael Douglas) warnt. Mitunter erwiesen sich seine seriös daherkommenden Anzugträger aber auch als recht hinterhältige Gesellen, die ihre Stellung und Autorität seelenruhig missbrauchten und sich als Polizeibeamter (in Calahan, 1973), Richter (in Ein Richter sieht rot, 1983) oder Anwalt (in Die Firma, 1993) in verbrecherische Tätigkeiten verstrickten.

Moralische Instanz im Börsengeschäft: Hal Holbrook in „Wall Street“ mit Charlie Sheen (© Fox)
Moralische Instanz im Börsengeschäft: Hal Holbrook in „Wall Street“ mit Charlie Sheen (© Fox)

„Deep Throat“ und die Kunst des intuitiven Spiels

Gemeinsam war diesen Auftritten ein unaufgeregtes Spiel, da Hal Holbrook sich früh angeeignet hatte, vor der Kamera möglichst auf theatralische Effekte zu verzichten, die er auf der Bühne und insbesondere als Mark Twain durchaus bewusst und mit viel Gewinn einsetzte: „Auf der Leinwand bin ich einfach, wer ich bin. Es läuft zum großen Teil intuitiv. Ich versuche, überhaupt nicht zu spielen.“ Ein Credo, das sich in höchster Vollkommenheit in seiner berühmtesten Kinorolle bewahrheitete, der des ominösen „Watergate“-Informanten mit dem Decknamen „Deep Throat“ in Die Unbestechlichen(1976). Holbrook hat nur eine Handvoll Szenen, die allesamt in nächtlichen Tiefgaragen spielen, wo er dem Reporter Bob Woodward (Robert Redford) Fragen zum Ausmaß der Watergate-Affäre beantwortet. AlanJ. Pakulas Inszenierung belässt den Informanten stets zwischen Dunkelheit und Halbschatten, sodass Holbrook nur durch seine Stimme, den suggestiven Flüsterton seiner knappen Sätze und wenige erkennbare Äußerlichkeiten wie seinen Mantel und glimmende Zigaretten wirken kann. Doch trotz dieser Sparsamkeit ist der Informant die wohl schillerndste Figur des Films und einer der wichtigsten Gründe für dessen ikonischen Status – die realen Treffen zwischen Woodward und dem hinter „Deep Throat“ steckenden FBI-Vizedirektor Mark Felt liefen wesentlich nüchterner ab.

Neben seinen konzentrierten und ehrfurchtgebietenden Figuren geriet mitunter etwas ins Hintertreffen, dass Hal Holbrook auch ungemein anrührend spielen konnte. Das bahnbrechende Fernsehdrama Damals im Sommer (1972) als erster Film mit einer positiven Darstellung von Homosexualität im Zentrum wäre ohne ihn kaum ein solcher Meilenstein in der amerikanischen TV-Geschichte geworden. Holbrook spielt die Figur eines geschiedenen Vaters, der im Sommer von seinem Sohn besucht wird und zögerlich offenbart, dass er mit einem anderen Mann zusammenlebt.

Der Film ist in der direkten Darstellung der gleichgeschlechtlichen Beziehung sehr zurückhaltend, dafür umso nachdrücklicher, wo es um die aufgewühlte Gefühlswelt der Hauptfigur geht. Zum (offenen) Filmende sitzt Hal Holbrook auf den Stufen einer Treppe und wird von Tränen übermannt, ein leises, starkes Signal der Verlassenheit und Ungewissheit. Martin Sheen, der Holbrooks jüngeren Lebenspartner spielte, erinnerte sich noch 35 Jahre später, wie sehr ihn auch als Mitwirkenden diese Leistung beeindruckt habe, die Holbrook mühelos auch mehrere Einstellungen nacheinander wiederholen konnte.

„Follow the Money!“ - die Rolle des Informanten in „Die Unbestechlichen“ wurde zu einer der bekanntesten von Hal Holbrook (© Warner)
„Follow the Money!“ - Hal Holbrook als Informant in „Die Unbestechlichen“ (© Warner)

Später Karrierehöhepunkt: „Into the Wild“

Sheens Reminiszenz erfolgte aus Anlass einer anderen beeindruckenden Rolle, die Hal Holbrook 2007 in dem Aussteigerdrama Into the Wild vergleichbar intensiv gespielt hatte. Seine Figur Ron Franz begegnet dem umherziehenden Christopher McCandless (Emile Hirsch), kurz bevor dieser seinen lange aufgeschobenen Trip nach Alaska unternimmt, den er nicht überleben wird. Franz ist ein introvertierter Charakter, der seine Familie früh verloren hat und allein in der Wüste lebt. Zu dem jungen Christopher aber fasst er Vertrauen und will ihn sogar adoptieren. In den Versuchen, den längst zur radikalen Zivilisationsflucht entschlossenen Christopher zu überzeugen, ist Holbrooks eindrückliche Stimme einmal mehr hocheffektiv, während der gealterte Körper des währen der Dreharbeiten 82-jährigen Mimen seinem Spiel eine rührende Zerbrechlichkeit verleiht – insbesondere, wenn Holbrook hinter dem Jungspund einen Felsen erklettert, wobei Holbrooke keinesfalls ein Double eingesetzt haben wollte. Auch hier fließen bei Holbrook stille Tränen, als sich sein Charakter aus dem Film verabschiedet.

Die Nominierungen für den „Oscar“ und weitere Filmpreise für „Into the Wild“ brachten Hal Holbrook der Filmwelt noch einmal in Erinnerung. So spielte der unvermindert arbeitsfreudige Darsteller in „That Evening Sun“ (2009) noch einmal eine Hauptrolle und wirkte auch in Steven Spielbergs Lincoln (2012) und Gus Van Sants Promised Land (2012) mit. Seine Mark-Twain-Auftritte beendete er erst 2017 im Alter von 92 Jahren. Am 23. Januar 2021 ist Hal Holbrook 95-jährig in Los Angeles gestorben.

Sein Auftritt in „Into the Wild“ neben Emile Hirsch brachte Hal Holbrook nochmals in Erinnerung (© Tobis/Universum)
Sein Auftritt in „Into the Wild“ neben Emile Hirsch brachte Hal Holbrook nochmals in Erinnerung (© Tobis/Universum)

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