© Ilona Grundmann Filmproduktion/Cinémathèque française

Die Retterin des Kinos - Lotte Eisner

Mittwoch, 24.02.2021

Erinnerungen an Lotte Eisner (1896-1983)

Diskussion

Sie war eine der prägenden Persönlichkeiten der Filmkultur des 20. Jahrhunderts. Dabei führte Lotte Eisner erst die Vertreibung durch die Nazis zum Kino und zu Henri Langlois, an dessen Seite sie in der Cinémathèque française dem Weimarer Kino ein Nachleben sicherte. Die Dokumentation „Ein Leben für den Film – Lotte Eisner“ (bis 25.3.2021 in der arte Mediathek) erinnert an die hellsichtige Intellektuelle.


Der Potsdamer Architekt Dietrich Garski dürfte nicht allzu viel für das Kino übrighaben. Als er Mitte der 1960er-Jahre ein Gebäude am Kurfürstendamm Nummer 102 kaufte und abreisen ließ, scherte er sich wenig um die Familie, die in diesem Haus einst gelebt hat. Immerhin würdigt seit 2016 eine am dem von Graski neu errichteten Gebäude angebrachte Schrifttafel Margarete Eisner (geborene Aron), die dort mit ihrer Familie zu Hause war, ehe sie im Januar 1943 in Theresienstadt ums Leben kam. Eine ihrer Töchter ist Lotte Henrietta Regina Eisner. Sie kam am 5. März 1896 zur Welt und war eigentlich durch und durch eine Berlinerin. Ihr Tiergarten-Berlinerisch war unverkennbar; später transformierte es sich irgendwie in ihr Berliner Englisch und Französisch; doch ihre Seele hing zeitlebens an den wilden 1920er-Jahren, in denen sie in den höchsten intellektuellen Zirkeln verkehrte. Trotzdem sagte sie später einmal, dass Berlin eine fremde Stadt sei, in der sie zufällig geboren wurde.

Auch Lotte Eisner wurde also, wie sie es in ihrem berühmtesten Werk „Die dämonische Leinwand“ ausdrückt, im Zwielicht der deutschen Seele geboren. Dass Eisner Deutschland hinter sich lassen musste, um zu einer der entscheidenden Persönlichkeiten des deutschen Kinos zu werden, sagt ebenso viel über sie wie über ihr Herkunftsland. Ihre Wirkung besteht vornehmlich darin, dass sie die Identität des deutschen Kinos vor 1933 bewahrte und gleichermaßen eine Brücke in das deutsche Nachkriegskino schlug. Nicht umsonst haben Filmemacher wie Werner Herzog, Sohrab Shahid Saless oder Wim Wenders der Pariser Exilantin ihre Ehrerbietung erwiesen. So handelt beispielsweise Herzogs Roman „Vom Gehen im Eis" von dessen Wanderung von München nach Paris, um die erkrankte Filmhistorikerin zu „retten“.


         Das könnte Sie auch interessieren:


Wie die „Eisnerin“ das deutsche Kino rettete

Das von Joseph Goebbels und Konsorten eigentlich für immer im Abgrund versenkte deutsche Kino irrte lange vaterlos durch die Geschichte. Die Nabelschnur zu Fritz Lang oder Friedrich Wilhelm Murnau war längst durchschnitten, als die „Eisnerin“, wie Bertolt Brecht sie nannte, in ihrer Rolle als Chefkonservatorin und Kuratorin (ein Begriff, der seither einem Bedeutungswandel unterlegen ist) der Cinémathèque française ab 1945 damit begann, verloren geglaubte Filme und Materialien aus dem deutschen Kino zu sammeln und zu bewahren. Sie fand verschwundene Filmkopien und rettete beispielsweise das Originalmodell des Maschinenmenschen aus „Metropolis“. In einer ihrer Lieblingsgeschichten erzählte Eisner oft davon, wie früher Damenstrümpfe aus alten Stummfilmen hergestellt wurden; was manchmal gar nicht so verschieden ist vom heutigen Umgang mit dem Filmerbe.

Lotte Eisner mit Fritz Lang (© Ilona Grundmann Filmproduktion/Cinémathèque française)
Lotte Eisner mit Fritz Lang (© Ilona Grundmann Filmproduktion/Cinémathèque française)

Eisner überzeugte den legendären Cinémathèque-Direktor Henri Langlois von mehreren Ankäufen – und gemeinsam kuratierten sie eine umfassende Schau zum expressionistischen Film. Eisner verpflichtete sich dem Nicht-Vergessen. Ihre Liebe für das Kino als Medium des Nicht-Vergessens ist in jedem ihrer aufbewahrten Wörter spürbar. Als Archivarin, Filmkritikerin und Buchautorin verband sie ihr Interesse für Archäologie mit einer unbedingten Cinephilie, die voller Anekdoten und mit großem Wissen vom Film sprach.

Dabei dauerte es eine lange Zeit, ehe sich die polyglotte Geschichtsschreiberin für das Kino erwärmte. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über „Die Entwicklung der Bildkomposition auf griechischen Vasenbildernund ins Kino ging sie, wie sie selbst sagte, selten und wenn, dann um sich zu amüsieren. Trotzdem geriet sie ins Umfeld des „Film-Kurier“, der damals wichtigsten deutschen Filmzeitschrift, in der sie Kritiken zu schreiben begann. Weil sie in einer Filmkritik gegen die Verwendung von Giftgas anschrieb, wurde sie auch vom „Völkischen Beobachter“ überwacht, was sie neben ihren politischen Überzeugungen kurz nach der Machtergreifung der Nazis zur Emigration bewegte.


Henri Langlois bewahrte sie vor den Nazis

Nach schwierigen Monaten landete sie in Frankreich im Umfeld von Henri Langlois, der sie während der deutschen Besetzung mit falschen Papieren versorgte und mit dem sie nach dem Krieg die Cinémathèque française führte und so direkt am Herzschlag des Kinos arbeitete. Für Langlois empfand Eisner großen Respekt; obwohl der Kinoenthusiast nur selten positiv über seine Mitstreiter sprach, äußerte er sich doch voller Bewunderung über seine deutsche Kollegin. In einem der vielen überlieferten „Sound-Files“, die der Filmkritiker und Stimmensammler Gideon Bachmann für seine Radiosendungen „Film Forum“ und „The Film Art im New Yorker Rundfunk aufzeichnete, spricht er auch mit Lotte Eisner über die Arbeit der Cinémathèque française. Auch heute noch lässt man sich von der Klarheit und dem, was Werner Herzog in der für ihn typischen Art ein „Leuchten“ nannte, sofort anstecken. Ganz im Stil der französischen Filmkritik jener Zeit waren ihre Meinungen bestimmt, um nicht zu sagen absolut. Sie verstehe ihre Institution als lebendes Museum und ihre Aufgaben wären nicht nur die Bewahrung, sondern auch die wortwörtliche Vergegenwärtigung von Filmen. Es gehe um die Erziehung der Menschen und darum, Filmen einen entsprechenden Rahmen zu geben. Ihr war die Bedeutung ihrer Arbeit bewusst und sie profitierte von einer lebendigen Filmkultur in Paris.

Mit Genuss erzählt sie in diesen „Sound-Files“ etwa, wie ein Screening in der Cinémathèque dem eigentlich bei sämtlichen Verleihern abgelehnten Film „Fahrraddiebe“ von Vittorio De Sica vor den Augen von Jean Cocteau und Jean-Paul Sartre zum Durchbruch verhalf. Ihr eigentliches Lebenswerk aber bestand sicherlich in der Auseinandersetzung mit dem Weimarer Kino, die sie zusammen mit Siegfried Kracauer zur wichtigsten historischen Stimme des deutschen Kinos werden ließ. Neben „Die dämonische Leinwand“ veröffentlichte Lotte Eisner auch Monografien über ihren Freund Fritz Lang und zu Friedrich Wilhelm Murnau. Dabei ging sie sehr systematisch vor und verstand das deutsche expressionistische Kino sowohl als ästhetische Kategorie als auch als Ausdruck gesellschaftlicher und kultureller Realität. Sie schreibt von einem nationalen Charakter, der bei ihr keineswegs ein politisches Missbrauchswort ist.

Lotte Eisner in der Mitte der Crew von „Nosferatu - Phantom der Nacht“ (© Ilona Grundmann Filmproduktion/Cinémathèque française)
Lotte Eisner in der Mitte der Crew von „Nosferatu - Phantom der Nacht“ (© Ilona Grundmann Filmproduktion/Cinémathèque française)

Ein Vorbild für die intellektuelle Gegenwart

Eisners Analyse künstlerischer Identität könnte ein Vorbild für den Umgang mit den in zeitgenössischen Diskursen so präsenten Identitätsdebatten sein. Denn statt sich auf oberflächliche Zuschreibungen zu verlassen, bemühte sie sich um umfassende Schilderungen, die in ihrem Fall zu einer deutschen Essenz vordringen, indem sie Form, Inhalt und Umstände zugleich berücksichtigt. Sie versucht das Kino aus sich selbst, aber auch aus den politischen Gegebenheiten, der Literatur (Hölderlin ist beispielsweise sehr wichtig) und der Landschaft zu begreifen. Ihre Sprache ist nüchtern, lässt aber auch Träume zu. Einer ihrer wichtigsten Begriffe ist die „Stimmung“. Nicht zuletzt über diesen Begriff gelang es ihr, eine wichtige Brücke zwischen dem expressionistischen Kino und dem Jungen deutschen Kino der 1960er- und 1970er-Jahre herzustellen.

Eisner ist gewissermaßen ein Musterbeispiel für die immense Bedeutung von Bewahrung und Geschichtsbewusstsein. Ohne ihre Arbeit gäbe es keine Nouvelle Vague und kein Junges deutsches Kino und somit auch nicht das moderne Kino, wie wir es heute kennen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Arbeit und ihres Lebenslaufs tun wir gut daran, sie nicht zu vergessen.


Vielen Dank an das Archiv Gideon Bachmann, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.


Hinweis

Die Dokumentation „Ein Leben für den Film – Lotte Eisner“ von Timon Koulmasis ist bis zum 25.3.2021 in der arte-Mediathek sehen.

Kommentar verfassen

Kommentieren