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Der amerikanische Freund - Bertrand Tavernier

Freitag, 26.03.2021

Erinnerungen an den französischen Regisseur, Drehbuchautor und Publizisten Bertrand Tavernier (25.4.1941-25.3.2021)

Diskussion

Kurz vor seinen 80. Geburtstag ist der französische Regisseur Bertrand Tavernier gestorben, der als europäischer Humanist und Cinephiler die Kraft des Kinos ganz in den Dienst von Erinnerung und Versöhnung stellte. Mit seinem vielgestaltigen Werk, das in allen Genres zu Hause war, gehörte er zu den vielfältigsten und anspruchsvollsten Regisseuren des französischen Kinos.


Während der Vichy-Regierung und der deutschen Okkupation galt Lyon als Hochburg der Résistance. Die (Nach-)Kriegserlebnisse prägten den am 25. April 1941 in der katholischen Industriemetropole geborenen Bertrand René Maurice Tavernier. Vor diesem Hintergrund ist auch sein Engagement für sozialpolitische Fragen zu sehen. Der Chronist des Humanismus verknüpfte in seinem Schaffen private mit nationalen Geschichten. Taverniers Filme kreisen um den Alltag normaler Leute, um zwischenmenschliche Beziehungen und die Interpretation eigenverantwortlicher Lebensführung. Die Familie als Keimzelle des französischen Bürgertums fungiert dabei als Katalysator. „Ich habe mich für das Kino entschieden, weil ich sehr schlimme Dinge bei meinem Vater erlebt habe, insbesondere seinen Dilettantismus. Ich wollte mich von ihm absetzen, nur um seine Zustimmung zu suchen“, bekannte der Cineast aus gutbürgerlich-intellektuellem Elternhaus.

Durch Volker Schlöndorff, seinen Klassenkameraden am Pariser Gymnasium, lernte Tavernier die Cinémathèque Française kennen und saugte mit dem existentialistischen Zeitgeist die Euphorie der Filmclub-Bewegung auf. Statt dem Jura-Studium verschrieb er sich der Filmkritik und rang den Eltern seine große Liebe, das Kino, ab. Nach Regieassistenzen bei Jean-Pierre Melville, Claude Chabrol und Jean-Luc Godard arbeitete er als Presseagent. Der Verehrer des US-amerikanischen Genre-Kinos und des französischen „Qualitätsfilms“ verstand sich weder inhaltlich noch stilistisch als Parteigänger der Nouvelle Vague. Deren „Hauptanliegen“ war es nicht, „einen politischen, sozialen oder historischen Film zu machen. Sie haben selten einen Film außerhalb von Paris gedreht. Dennoch liebte ich den Geist, der in den ‚Nouvelle Vague‘-Filmen herrscht: die Freiheit, der Gebrauch des Tons und die vielen locations“, resümierte Tavernier im Rückblick.

Immer wieder blickte Tavernier in die französische Geschichte, so auch im historischen Krimi-Drama „Der Richter und der Mörder“ mit Philippe Noiret und Michel Galabru (© ARD Degeto)
Immer wieder blickte Tavernier mit bitterer Ironie in die französische Geschichte, so auch im historischen Krimi-Drama „Der Richter und der Mörder“ mit Philippe Noiret und Michel Galabru (© ARD Degeto)

Nicht von ungefähr gleicht sein preisgekröntes Spielfilmdebüt Der Uhrmacher von St. Paul(1974) einer autobiografischen Versuchsanordnung: sein Vater war ein bekannter Publizist. Ein alleinerziehender, kunstfertiger Handwerker in Lyon versteht die Welt und seinen Sohn nicht mehr, der wegen Mordes gesucht wird. Selbst der ermittelnde Kommissar gerät darüber ins Grübeln bringt. Der „film-dienst“ urteilte zeitbedingt: „Simenon-Verfilmung, die ganz auf Kritik an den Verhältnissen in Frankreich hin angelegt ist. Sorgfältig inszeniert und gespielt, aber allzu dialogbetont, bleibt die politische Argumentation eher theoretisch.“ Der Film verstand sich als Kontrapunkt zur Nouvelle Vague und als Kommentar über die Zeit nach der französischen Studentenrevolte vom Mai 1968.

Die psychologische Vater-Sohn-Charakterstudie läutete Taverniers lange Zusammenarbeit mit seinem Alter Ego, dem Schauspieler Philippe Noiret, ein. Feste Rahmungen – die Wahl der Schauplätze, Atmosphäre, Timing, Farbkomposition, ironische Dialoge und die Verpflichtung derselben Kameramänner (Pierre-William Glenn, Bruno de Keyzer) – garantierten Tavernier im Verlauf seiner Karriere eine stilsichere Variation der Sujets. Der unangepasste Kontrollfreak und Jazz-Liebhaber vermied es, sich auf ein einziges Genre festzulegen. Stattdessen zählen Kostümdramen, Komödien, Thriller, Kriegsfilme oder gesellschaftskritische Krimis zum Repertoire des ausgesprochenen Gourmands und (Links-)Intellektuellen. Sein Kino ist direkt und zupackend, plädiert für Zivilcourage und Gerechtigkeit: „Ich bin Regisseur, ich habe keine Patentrezepte. Ich kann nur den Strahl des Projektors auf Situationen richten, die mich schockieren und so auf Resultate hoffen.“


Familienchroniken – kleine und große

Das impressionistische Porträt Ferien für eine Woche (1980) beschäftigt sich mit alltäglichen Kommunikationsproblemen zwischen den Generationen, mit der Unfähigkeit, einander Verständnis und Liebe einzugestehen. Um Vergänglichkeit und Verlorenheit geht es in Ein Sonntag auf dem Lande (1984). Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zelebriert das Familientreffen bei einem alten Kunstmaler die wohltemperierte Ästhetik eines vergilbten Fotoalbums mit der Vorahnung privater und gesellschaftlicher Störungen. Die Kindheitserinnerungen in Südfrankreich wirken konventionell, aber unsentimental. Für Tavernier ist „Ein Sonntag auf dem Lande“ „ein zärtlicher und melancholischer Walzer“, eine Verbeugung vor Jean Renoir und Ingmar Bergman. Auch das Kammerspiel Daddy Nostalgie (1990) reflektiert im Abschied seines todkranken Protagonisten die kleinen Dinge des Lebens. Im hermetischen Mikrokosmos spiegeln sich Gefangensein in Leere, Langeweile und Nebensächlichkeiten.

Zärtliche Erinnerungen an die Jahrhundertwende bot Tavernier in „Ein Sonntag auf dem Lande“ nach einer Romanvorlage seines Drehbuchautors Pierre Bost (© Etienne George/Bernard Prim/J.P. Fizet)
Zärtliche Erinnerungen an die Jahrhundertwende bot Tavernier in „Ein Sonntag auf dem Lande“ nach einer Romanvorlage seines Drehbuchautors Pierre Bost (© Etienne George/Bernard Prim/J.P. Fizet)

Die Passion der Béatrice (1987) zeichnet ein raues Vater-Tochter-Verhältnis vor der Folie des 100-jährigen Krieges im 14. Jahrhundert – nicht als „rekonstruierte Geschichte“, sondern als unverfälschte Wahrhaftigkeit des Mittelalters. „Es geht auch bei diesem wie bei vielen meiner Filme um Gott, um die Beziehung eines Vaters zu seinen Kindern, um eine Epoche, die zu Ende geht, und um Kinder, die Zeugen oder Opfer sind“, sagte Tavernier.

Ein Indien-Buch seiner Tochter Tiffany inspirierte das Adoptionsdrama Holy Lola (2004). Ein gutsituiertes Paar aus der Einsamkeit des französischen Zentralmassivs will im aufgewühlt-korrupten Kambodscha seinen unstillbaren Kinderwunsch befriedigen. Isabelle Carré und Jacques Gamblin verleihen den Möchtegern-Eltern trotz eines konstruierten Ambientes über weite Strecken eine große Glaubwürdigkeit zwischen Verzweiflung und Egoismus.


Soziale Fragen – Frankreich gestern und heute

Gesellschaftliche Widersprüche integrierte Tavernier in kriminal-psychologische Geschichten, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Der Richter und der Mörder (1976) bietet ein raffiniertes Katz- und Maus-Spiel. Da irrt ein von der Liebe enttäuschter Offizier 1893 heimatlos durchs Land, verliert sein bürgerliches Leben, wird zum Serienmörder. Entlarvt von einem intelligenten Provinzrichter, offenbaren sich irritierende Nuancen zweier Lebensentwürfe und Methoden der Wahrheitsfindung.

Science-Fiction-Anmutung mit Gänsehaut verbreitet Death Watch - Der gekaufte Tod (1980): Eine todkranke Schriftstellerin (Romy Schneider) wird zum voyeuristischen Fernsehereignis, weil eine im Auge des Kameramanns platzierte Kamera Livebilder produziert. Dabei steht Sterben in Würde gegen medizinischen Fortschritt, melodramatische Zwischentöne gegen medienkritische Larmoyanz. Der Film wurde als blass und unausgegoren wahrgenommen, wirkt heute aber sehr modern angesichts der Allgegenwart „sozialer Medien“.

Die böse Kolonialsatire „Der Saustall“ erzählt vom Rachefeldzug eines gedemütigten Polizisten (© Concorde)
Die böse Kolonialsatire „Der Saustall“ erzählt vom Rachefeldzug eines gedemütigten Polizisten (© Concorde)

Taverniers sehr persönlicher Film Der Saustall (1981) verlegt eine ironisch-amoralische Geschichte, eine Art Röntgenaufnahme des französischen Selbstverständnisses, in die Kolonialzeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein von unmenschlichen Zuständen und selbstherrlichen Landsleuten gedemütigter Dorfpolizist greift zur Waffe und mistet den „Saustall“ anarchistisch-konsequent aus. Es ist ein bitterböser, schwarzhumoriger Blick auf die Schwachstellen der (klein-)bürgerlichen Bourgeoisie. Eine Parabel, in der ein kleiner Mann zum unkontrollierbaren Monster mutiert.

Ins arabisch-afrikanische Drogenmilieu gerät die Pariser Polizei in Auf offener Straße(1992). Das brisante Thema führte bei der Kritik und beim links-intellektuellen Publikum zu Rassismusvorwürfen, erinnert aber an eklatante Versäumnisse selbstgerechter Politik in den Banlieues von Paris oder Marseille. Der zeitweilig drogensüchtige Sohn von Bertrand Tavernier lieferte präzise Hinweise für den Arbeitsalltag eines kleinen Polizisten zwischen Bürokratie und Entmutigung. Dazu passt auch der 1998 in Montreuil nördlich von Paris gedrehte Dokumentarfilm „Jenseits des Stadtrings“. Die Kritik an den französischen Ausländergesetzen resultiert aus einem ungeschönten Blick auf die Brennpunkte der Vorstädte und ihre sozio-kulturellen Konflikte. Respekt für die Gefühle der Menschen dokumentierte bereits die 1977 entstandene Produktion Verwöhnte Kinder, mit Bildern voller sozialer Kälte in den Schlafstädten, einem Regisseur in der Schaffenskrise und dem Engagement ohne Revolte.

Vom Strukturwandel in einem abgehängten Kohlerevier der nordfranzösischen Provinz erzählt Es beginnt heute (1999). Die deprimierenden gesellschaftlichen und familiären Notstände belasten den dortigen Vorschullehrer. Hoffnung auf ein besseres Morgen und kämpferisches Pathos schöpft der dichtende Pädagoge in der Sozialreportage aus der Poesie, die die Tristesse des Lebens zumindest zeitweise aus den Herzen vertreibt.

Für seine Bilder einer verrohten Jugend in „Der Lockvogel“ gewann Tavernier den „Goldenen Bären“ (© MFA)
Für seine Bilder einer verrohten Jugend in „Der Lockvogel“ gewann Tavernier den „Goldenen Bären“ (© MFA)

Der Lockvogel (1995) schildert das Gewaltpotential und die Träume von Jugendlichen: Ein Trio mit einem Mädchen als Köder für reiche Männer ist auf der Suche nach dem schönen Leben und schnellen Reichtum. Das süße Gift der Verführung, der Spaß als Leitwährung infiziert eine Generation auf Abwegen. Doch bringt die Illusionsfabrik Fernsehen, wie der Film nahelegt, tatsächlich das Böse in den Menschen hervor, indem sie mit den Konventionen und Tabus der scheinheiligen Bürgerlichkeit bricht? Das Lehrstück über die Wohlstandsjugend verhob sich etwas im Rückgriff auf Hass und Gewalt im US-amerikanischen Kino.

Im Musikfilm Um Mitternacht (1986) geht es um die Freundschaft zwischen einem drogenabhängigen schwarzen Jazzer (gespielt von Saxophonist Dexter Gordon) und einem armen französischen Plakatzeichner. Die stimmungsvolle Hommage auf die Seele der Musik begeistert durch die von Herbie Hancock komponierten und live eingespielten Bebop-Stücke. Die Leidenschaft des Jazz wird zur Improvisation des Lebens, zum subtilen Porträt einer Ära. Der 2009 in den USA realisierte Film Mord in Louisianaverbindet Gegenwart und Vergangenheit: Die Spurensuche nach einem Serienmörder löst unbequeme Fragen zu Ereignissen während des amerikanischen Bürgerkriegs aus.


Quatrologie über Krieg und Frieden

Das Leben und nichts anderes (1989) schildert im CinemaScope-Format die Gewalt, die Befindlichkeit der Frauen und der auf den Schlachtfeldern vermissten französischen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg. Die „Aufräumarbeiten“ an den glorreichen Heldenepen erzählen vom Schmerz und von der Trauer über hunderttausende verdrängte Schicksale. Als traditioneller Erzähler mit gutem Gespür für den Rhythmus einer Szene vertraut Tavenier hier ganz seinem Schauspielerensemble und der Handwerkskunst der Crew. Auch Hauptmann Conan und die Wölfe des Krieges (1996) ist den vergessenen Soldaten des Ersten Weltkriegs gewidmet, einer brutalen Truppe von Tätern und Opfern, verdammt zum Überleben in der Fremde. Der Ehrenkodex und die hehren Trophäen des Vaterslandes machen sie unfähig zum Frieden.

„Das Leben und nichts anderes“ mit Taverniers Lieblingsdarsteller Philippe Noiret wagt einen schmerzhaften Blick in die französische Befindlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg (© NEF 2)
„Das Leben und nichts anderes“ mit Taverniers Lieblingsdarsteller Philippe Noiret wagt einen schmerzhaften Blick in die französische Befindlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg (© NEF 2)

Ein anderes Kaliber stellt der vierstündige Dokumentarfilm Der Krieg ohne Namen(1992) über den Algerienkrieg dar. 30 Jahre nach ihrem Afrika-Einsatz erhalten die Veteranen das Wort und die Chance, ihre subjektive Sicht darzulegen. Das dunkle Kapitel vom schmutzigen Kleinkrieg der Grande Nation ist kein biederer Archivfilm, sondern der Versuch, sich den Wunden und der Schuld zu stellen. Rund 40 Zeitzeugen sprechen über Trauer und Wut, Schweigen und Verdrängung. Der Film enthält sich der Hintergründe des Kolonialkriegs, auch einer generellen Verurteilung des Militärs, und erlegt damit dem Zuschauer die Transferleistung auf.

Laissez-passer (2001) zeichnet die Zeit des Widerstands und der Kollaboration während der deutschen Okkupation von Paris vom März 1942 bis November 1943 nach. Es geht um zwei konträre Lebensgeschichten von realen Künstlern, Verfechtern des „Widerstands der Qualität“ in der Filmbranche. Das Werk über das Vichy-Regime, die Verschleierung der Résistance-Zugehörigkeit durch getarnte Mitarbeit und offenen Widerstand bei der deutschen Produktionsfirma Continental will private und kollektive Widersprüche beleuchten. Die Analyse der aufrechten Franzosen und Künstler während der Besatzungszeit fiel im Versuch, zwischen Ideologie und Ästhetik die Balance zu halten, allerdings eher kursorisch aus.

Quai d’Orsay (2013), Taverniers letzter Spielfilm, ist den Verstrickungen französischer Politik(er) im internationalen Kontext gewidmet. Ein junger Redenschreiber, Absolvent einer Elite-Uni, erfährt im Außenministerium seine Lektion an Bürokratie, Intrigen und Machtpoker. Die pointierte Polit-Komödie vor dem Hintergrund des Irakkriegs 2003 rechnet mit der narzisstischen Dramaturgie und Psychologie einer traditionsbewussten Oberschicht ab.

Eine der letzten Regiearbeiten inszenierte der Bewunderer amerikanischer Filme in den USA: „Mord in Louisiana“ (© Koch)
Eine der letzten Regiearbeiten inszenierte der Bewunderer amerikanischer Filme in den USA: „Mord in Louisiana“ (© Koch)

Bertrand Tavernier war Präsident des 1982 gegründeten Institut Lumière in Lyon, das ein Filmmuseum zur Erinnerung an die legendären Erfinder des Kinematographen beherbergt. Der große Freund des US-amerikanischen Kinos, über das er eine umfangreiche Filmgeschichte verfasste, starb am 25. März im Alter von 79 Jahren in Saint-Maxime an der französischen Riviera.

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