© Ignacio Ceroi

Aus der ersten Person #6: „Qué séra del verano“ (2021) von Ignacio Ceroi

Dienstag, 30.03.2021

Über den Film „Qué séra del verano“, in dem der Filmemacher Ignacio Ceroi unverhofft entdeckte Amateuraufnahmen rezipiert

Diskussion

Der argentinische Filmemacher Ignacio Ceroi erstand bei einem Besuch in Frankreich eine gebrauchte Kamera mit Amateuraufnahmen eines französischen Rentners. Diese bildeten den Grundstock für Cerois Film „Qué séra del verano“, der 2021 in der „Forum“-Sektion der „Berlinale“ Premiere hatte. In ihrem Kracauer-Blog geht Esther Buss darauf ein, wie die Gedanken des Regisseurs mit den fremden Bildern ein ambivalentes Wechselspiel eingehen.


Ein kleiner, etwas trauriger Vorgarten, in der Bildmitte ein Grill mit brennender Kohle. Nach einem kurzen Moment tritt ein leicht korpulenter Mann mit Brille und Schnauzbart ins Bild und der Film „Qué séra del verano“ (What Will Summer Bring), der mit der Ankunft des argentinischen Filmemachers Ignacio Ceroi in Toulouse begann, hat seine Hauptfigur gefunden, schlüpft in einen anderen Film hinein. „Ich wollte alles filmen“, sagt Ceroi, als er seine Freundin in Frankreich besucht, aus dem Off. Doch dann findet er im Speicher der Kamera, die er gebraucht auf Ebay gekauft hat, die Aufnahmen eines französischen Rentners. Er bleibt an ihnen hängen, fast scheint es, als hätten sie ihn ausgewählt. Der Weg zu einem Found-Footage-Film könnte nicht kürzer sein.

Ceroi kontaktiert den Amateurfilmer und ehemaligen Besitzer der Kamera und fragt ihn, ob er mit den Bildern etwas machen kann – „etwas, das mit Kino zu tun hat“. Es soll ein Spiel mit der Imagination eines fremden Lebens sein, erläutert er. Der Mann mit dem Namen Charles erklärt sich bereit, seine Erinnerungen an die Videos und die darin festgehaltenen Erlebnisse aufzuschreiben, auch wenn er einräumt, dass sie inzwischen etwas verschwommen seien. Die Korrespondenz der beiden Männer liegt als Off-Text über dem gefundenen Material, Ceroi liest sie vor und ergänzt sie mit eigenen Überlegungen zu dem Gesehenen. Man sieht Charles’ Spaziergänge mit seinen drei Hunden Tití, Jamón und Queso, seine Frau in der Küche, die Mutter, Zusammenkünfte mit der Verwandtschaft, zwei Mitarbeiter seiner kleinen Spedition, die bald pleitegeht und seinem Leben eine andere Wendung geben wird. Aber vor allem die Hunde, im Wald, im Wasser, auf dem Sofa, irgendwann ist auch eine Katze dabei. Auf der Tonspur die Erinnerungen von Charles: an die beiden Frauen, die er geliebt hat, an die anfänglichen Schwierigkeiten nach der Pension, seine prekäre ökonomische Situation und an einen Freund der Familie, über den er schließlich einen Job als Fahrer bei der französischen Botschaft im kamerunischen Yaoundé bekommt. Und dort beginnt dann noch mal ein ganz anderer Film.

Die Hunde des Amateurfilmers spielen eine zentrale Rolle in den Aufnahmen (© Ignacio Ceroi)
Die Hunde des Amateurfilmers spielen eine zentrale Rolle in den Aufnahmen (© Ignacio Ceroi)

Ein freier Filmer in der ehemaligen Kolonie

Vom beiläufigen Filmer seines häuslichen Umfelds wandelt sich Charles zu einem Dokumentaristen. In seinem Blick, der sich zunächst auf das unübersichtliche Treiben auf den Straßen von Yaoundé richtet, mischt sich ein touristisches Interesse mit einer ethnografischen Perspektivierung. Seine Position als Weißer (und verhasster Franzose) in einem von der europäischen Kolonialgeschichte zerrütteten Land bleibt dabei ein blinder Fleck. Bei Abendgesellschaften in der Botschaft oder bei einem Auftritt eines französischen evangelikalen Priesters, der die Gemeinde in körperliche Ekstase versetzt, mischt sich die Kamera so unbefangen und nah unter die Menschen, dass auch der Filmemacher sich wundert: „Wie kommt es, dass er in einem Land, das die kolonisierenden Franzosen hasst, so frei filmt? Wie kommt es, dass er dazu die Nerven hat? Wie kommt es, dass er so mutig ist, sich an diese Orte zu begeben, wo er der einzige Weiße ist? Ist das nicht eine weiterentwickelte Form des Kolonialismus?“ Cerois Fragen eröffnen eher einen Resonanzraum, als nach Antworten zu verlangen.

Das Erzählmaterial scheint im Laufe des Films regelrecht aufzuquellen: Während sich in Frankreich die Proteste der Gelbwesten zuspitzen, nimmt Charles immer mehr Anteil an dem drohenden Bürgerkrieg zwischen Separatisten und den Sicherheitskräften der Regierung. Außerdem macht er die Bekanntschaft einer Frau, deren Vorträge über Natur und persönliches Wachstum er für sie filmt. Auf der Suche nach ihrem Sohn, der einer Miliz angehört, begibt sich der Film bald tief in den Dschungel hinein und Charles fragt sich irgendwann, ob er nicht vielleicht ein „pathetischer und fetter Indiana Jones“ sei. Irgendwann hört er auf zu schreiben und ist aus dem Film verschwunden.

Touristische und ethnografische Aspekte prägen die Bilder aus Kamerun (© Ignacio Ceroi)
Touristische und ethnografische Aspekte prägen die Bilder aus Kamerun (© Ignacio Ceroi)

Ins Leben eines unbekannten Mannes hineingleiten

Wie genau sich „Qué séra del verano“ zum „Spiel mit der Imagination eines fremden Lebens“ verhält, bleibt gewollt ambivalent. Die beiden Erzählebenen des Films stehen in ständiger Kommunikation, mitunter verschwimmen ihre Grenzen. Tatsächlich gleitet „Qué séra del verano“ (2021) mehr in das Leben dieses unbekannten Mannes hinein, als es sich mit einer offensichtlichen Geste der Aneignung zu greifen. Die gemeinsam benutzte Kamera und das Teilen der Bilder binden die beiden Männer und ihre Ich-Erzählungen wie mit einem Faden zusammen. Auch visuell fließen die beiden Erzählebenen ineinander. Irgendwann hat man das Gefühl, dass sich Ceroi die Ästhetik von Charles zu eigen macht, sich dem fremden Material ein Stück anverwandelt. Dessen Stil, oder vielmehr die scheinbar völlige Abwesenheit von Stil, macht nicht zuletzt die schwer zu beschreibende Wirkung der Bilder aus. Hier bemüht sich keiner, ansprechende Home-Movie-Szenen zu drehen, die Kamera wirkt oft wie abgestellt und vergessen, die Perspektiven sind gekippt.

Die Gedankenlosigkeit, mit der er die Kamera einfach weiterverkauft hat, ohne das Material zu löschen, ist auch in den Bildern spürbar, gleichzeitig spricht aus ihnen Interesse und Zugewandtheit – und eine leichte Wehmut. Für den Filmemacher liegt die Anziehungskraft der Bilder in ihrem „mitfühlenden Blick“. Ihr Nachwirken ist auch in Charles’ Abwesenheit spürbar. Am Ende filmt Ceroi eine Katze, so wie dieser seine Hunde gefilmt hat.


Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, geht es hier.

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