© Beat Presser

Filmliteratur: "Film Still s"

Freitag, 09.04.2021

Der Bildband "Film Still s. Berliner Kinos im Lockdown" von Beat Presser und der Bildhauerin Danit widmet sich den geschlosenenen LIchtspielhäusern

Diskussion

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 nahmen die Bildhauern Danit und der Fotograf Beat Presser Bilder von den geschlossenen Berliner Kinos auf. Das daraus entstandene Buch „Film Still s“ ist ein Dokument der Sehnsucht nach Kinoerlebnissen, in dem die abgelichteten Lichtspielhäuser von Hoffnungen, aber auch von bangenden Erwartungen künden.


Es ist mehr als nur ein Hauch von Melancholie, der über unseren Kinos liegt. Seit am 14. März 2020 alle Säle geschlossen wurden, mit leider nur kurzer Erholung im Sommer und Frühherbst vergangenen Jahres, gibt es kaum noch den gemeinsamen Filmgenuss. Wir streamen zuhause, allein oder mit Familie, informieren uns per Bildschirm und Beamer. Festivals versuchen sich an Online-Präsentationen, Verleiher und Archive veröffentlichen ihre kuratierten Reihen im Netz. Der Informationsbedarf über neue – und auch alte – Filme wird dadurch zwar einigermaßen befriedigt. Doch die Kunst des Kinos erschließt sich auf den kleineren Formaten eben nur rudimentär. Was bleibt, ist Traurigkeit – und Sehnsucht.

Coverabbildung (© Zweitausendeins)
Coverabbildung (© Zweitausendeins)


          Das könnte Sie auch interessieren:


Sehnsucht: Das muss auch die treibende Kraft für die Bildhauerin Danit und den Fotografen Beat Presser für ihr Buch über Berliner Kinos im Lockdown gewesen sein. Sein Titel: „Film Stills“, wobei das „s“ am Ende leicht vom Rest des Wortes abgerückt ist. Film still: Stillstand für ein Medium. Bisher war Presser, der fotografierende Weltenbummler, „eher im Gebirge, auf dem Meer, in der Wüste oder im Dschungel anzutreffen“, so heißt es auf dem Einband, jetzt kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: in die Welt des Kinos. Abgebildet sind 77 Lichtspielhäuser zwischen Spandau und Marzahn, dazu drei in Potsdam. Nur in Ausnahmefällen zeigen die Fotos deren Säle und Foyers, dafür Fassaden, verschlossene Türen, Außenwände und jene Schaufenster, die eigentlich für die Werbung vorgesehen sind.


Wer wird überleben?

Dort stehen jetzt Botschaften ans Publikum. Knappe Sätze als Zeichen der Zuversicht. Als Mutmacher. Ermutigung auch für die Kinomacher selbst: Wir sind bald wieder für Sie da. Bleiben Sie gesund und uns treu. Wir schaffen das. Fortsetzung folgt... – Ein Kino hatte vor dem Lockdown bereits ein Riesenposter des neuen „James Bond“ angebracht und lässt es nun auch hängen: „Keine Zeit zu sterben“. Doch schon im Vorwort fragt Hans Helmut Prinzler, ob wohl tatsächlich alle Häuser die lange Schließung überleben werden. „Mit schlechtem Beispiel“, so weiß er, „sind die Erben des Filmproduzenten Artur Brauner vorangegangen. Sie haben das ‚Colosseum‘ in der Schönhauser Allee, das ihr Vater nach der Wende erworben und umgebaut hat, für insolvent erklärt, um die Immobilie für eine profitablere Nutzung freizubekommen.“ Eine hundertjährige Kinotradition sei zu Ende gegangen. Und die anderen?

Foto vom Portal des geschlossenen "Zoo Palast" (© Zweitausendeins/Beat Presser/Danit)
Foto vom Portal des geschlossenen "Zoo Palast" (© Beat Presser)

Die anderen warten, bangen, rechnen, hoffen, planen. Die luxuriöse Astor Filmlounge am Kurfürstendamm ebenso wie das winzige Kino Kiste in Hellersdorf; das Kino Krokodil im Prenzlauer Berg mit seinem auf Osteuropa spezialisierten Programm ebenso wie das Avantgarde-Kino in der Brotfabrik. Arsenal und Astra, Intimes und International, das Filmmuseum Potsdam und das Delphi mit seiner schönen 70-mm-Leinwand. Manch existentielle Sorgen der Betreiber sind den Fotos nicht anzusehen; die Stillleben strahlen Ruhe und Gelassenheit aus. Es sind trügerische Motive.


Zitate beschwören die Kraft des Kinos

Die Fotos wurden im ersten Lockdown aufgenommen, zwischen März und Juni 2020. Begleitet sind sie von Zitaten, die die Kraft des Kinos beschwören: von Murnau bis Fassbinder, von Buster Keaton bis Glauber Rocha. Auf der Suche nach einprägsamen Gedanken zum Thema stießen die Herausgeber natürlich auf Erika und Ulrich Gregor, die, fast ein ganzes Leben lang, jeden Abend im Kino gewesen sind und nun mit dem Fernseher vorliebnehmen müssen, wie wir alle. Ohne den von ihnen bekräftigten Zauber der Leinwand: „Jedes Mal, wenn der Vorhang aufgeht, warten wir auf ein Wunder.“ Zitiert wird FrançoisTruffaut: „Zum Ton gehören der Dialog, die Geräusche, die Musik – und unser Lachen. Das ist wichtig, sonst gäbe es das Kino nicht.“ Und schon in der Frühzeit des Films, vor weit mehr als hundert Jahren, hatte der Dichter Hugo von Hofmannsthal erklärt: „Was die Leute im Kino suchen, ist der Ersatz für ihre Träume. Sie wollen ihre Phantasie mit Bildern füllen, in denen sich Lebensessenz zusammenfasst, die gleichsam aus dem Inneren des Schauenden gebildet sind und ihm an die Nieren gehen. Denn solche Bilder bleibt ihnen das Leben schuldig.“

Das "Babylon" im Corona-Dornröschenschlaf (© Zweitausendeins/Beat Presser/Danit)
Das "Babylon" im Corona-Dornröschenschlaf (© Beat Presser)

Was bleibt uns das Leben heute schuldig? Vieles; wir müssen das hier nicht rekapitulieren. „Vertrauen wir auf einen Neuanfang“, so ist auf der Rückseite des Bandes in einem Bonmot von Bernhard Sinkel zu lesen: „Vertrauen wir auf einen Neuanfang, und kämpfen wir für den Erhalt eines Ortes von unvergleichbarer Magie, der nur einen Namen kennt: Kino.“


Hinweis

Film Still s. Berliner Kinos im Lockdown. Von Beat Presser & Danit. Verlag Zweitausendeins. Leipzig 2021. 192 S., zahlr. Abb., 15,00 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.


Kommentar verfassen

Kommentieren