© sixpackfilm ("Kantate")

Aus der ersten Person #7: Verschleiern oder enthüllen. Die Selbstporträts von Maria Lassnig

Montag, 12.04.2021

In den filmischen Selbstporträts der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig geht es nicht um Repräsentation oder Identifikation, sondern um „body awareness“

Diskussion

Die österreichische Künstlerin Maria Lassnig hat sich exzessiv immer wieder selbst porträtiert. Dabei ging es ihr nicht um postmoderne Vervielfältigung, sondern um das Sichtbarmachen von Körperempfindungen. In ihrem Kracauer-Blog geht Esther Buss dieser „body awareness“ nach, die sich in ihren filmischen Werken auch in einer Zeitdimension erstreckt.


Zum Selbstbildnis hatte die Künstlerin Maria Lassnig ein so obsessives wie expansives Verhältnis. Ausdauernd war es auch. Während ihres rund siebzig Jahre umfassenden aktiven Künstlerinnenlebens porträtierte sie sich in Malereien, Zeichnungen und Filmen in den verschiedensten Seinszuständen, etwa als Prophet, Auto, Zitrone, Blondine, Knödel oder auch mit Hase, Pinsel, Maulkorb, Kochtopf, Sprechblase – und Filmkamera. Lassnig ging es dabei weniger um die Vervielfältigung von Identität im postmodernen oder auch repräsentationskritischen Sinn. Ihre unermüdlichen Metamorphosen galten vielmehr der Sichtbarmachung von Körperempfindungen – ein Prinzip, das sie auch „body awareness“ nannte.

1970 schrieb sie: „ich [suchte] nach einer realität, die mehr in meinem besitz wäre als die außenwelt, und fand als solche das von mir bewohnte körpergehäuse, die realste realität am deutlichsten vor“. Lassnigs Arbeiten vermessen Verhältnisse oder vielmehr Missverhältnisse: zwischen dem, was von innen gefühlt und von außen gesehen wird, zwischen körperlichen Empfindungen und Gefühlszuständen. Im Hintergrund, manchmal aber auch sehr zentral, geht es auch um Geschlechterbilder, um die Positionierung des Selbst in einer damals superpatriarchalen (Kunst-)Welt, in der ein Titel wie „Malerschwein“ noch ein schönes Kompliment war.


"To look for a better half": Maria Lassnig in "Selfportrait" (1971; sixpackfilm)
"To look for a better half": Maria Lassnig in "Selfportrait" (1971; © sixpackfilm)

In New York, wo sie bis zu ihrem Ruf an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien im Jahr 1980 lebte, war Lassnig auch auf gemeinschaftlicher Ebene feministisch aktiv. Neben Künstlerinnen wie Carolee Schneemann oder Martha Edelheit gehörte sie der Women/Artist/Filmmakers, Inc. an, einem Netzwerk, das sich für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen einsetzte.


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Lassnig hat als Malerin ihren Platz in der Kunstgeschichte sicher; ihre Bilder wurden in großen Institutionen gezeigt. 2014, im Jahr ihres Todes, richtete etwa das New Yorker MoMA PS1 eine Ausstellung mit dem Fokus auf ihre Selbstporträts aus. Weniger bekannt ist Lassnig als Filmemacherin. Oft wird ihr filmisches Werk, das durch die posthume Aufarbeitung und Restaurierung ihrer sogenannten „Films in Progress“ (das heißt, die von ihr nicht selbst fertiggestellten Arbeiten) in seiner Fülle erst kürzlich zugänglich gemacht wurde, eher als Ergänzung zum eigentlichen „Hauptwerk“ betrachtet. Vor allem, da in vielen Filmen Ideen und Material Eingang fanden, die die Künstlerin auch in den Malereien verwendete. Dabei ist Lassnigs Beitrag gerade auch zum filmischen Selbstporträt so originell wie pointiert, auch weil sich ihre Metamorphosen im zeitbasierten Medium noch mal anders, nämlich prozesshaft, erzählen lassen.

„Oh, why did I make this picture?“, wundert sich die Künstlerin in „Selfportrait“ (1971), der wie fast alle ihrer Filme während der Jahre in New Yorker entstanden ist und, so die offizielle Erzählung, das erste animierte Selbstporträt überhaupt war. „To veil or to reveal, to reveal my heart, the feeling or not become a wood head, a machine, a camera?“, fragt Lassnig in einem schläfrigen Singsang, der sich mit ihrem heavy kärntnerischen Akzent zu einer ganz eigenen Melodie verbindet. Im Laufe des Films, der mit traditionellen Animationstechniken hergestellt wurde, durchläuft ihr gezeichnetes Gesicht verschiedene Stadien. Es ist leere Fläche, Greta Garbo, Schubladenkommode, Beatmungsgerät, Bette Davis, Holzbrett, Käse, niesende Freiheitsstatue und Ananas. Einmal hat sich eine Filmkamera auf ihr Gesicht gesetzt. Sie ist Hindernis, Schutzmaske und Sehhilfe zugleich. „It’s not easy to look out of your eyes“, ist auf einer anderen Zeichnung zu lesen. Die Augen wurden durch Fenster ersetzt – mit halb zugezogenen Rollläden.


Anthropomorphisierte Objekte: "Chairs" (1971, sixpaxfilm)
Anthropomorphisierte Objekte: "Chairs" (1971; © sixpaxfilm)

Dass Lassnigs „body awareness“ sich auf das Nicht-Menschliche ausdehnt, macht ihre Selbstporträts nicht zuletzt für aktuelle post-humanistische Diskurse relevant. In Arbeiten wie „Encounter“ (1970) und „Chairs“ (1971) werden Objekte anthropomorphisiert und Subjekte (zu Prothesen) verdinglicht; das Verhältnis zwischen Figuration und Abstraktion, Zeichnung und Film bleibt dabei stets beweglich. In dem Film „Encounter“ (1970), knapp eine Minute lang, robbt ein fuchsiafarbener anthropomorpher „Blob“ mit Lassnig-Profil durchs Bild, bevor er einem blauen Mensch-Ding-Wesen mit spitzen Stacheln begegnet. Nach einem kurzen Moment der Panik geht er über sein Gegenüber hinweg und lässt es als unbelebte Materie hinter sich. Die Begegnung mit dem anderen Geschlecht ist ein Unfall, die Künstlerin zieht – weitgehend unbeschädigt – alleine weiter.

Der autobiografische Essayfilm „Stone Lifting. A Self portrait in progress“ (1971-75) ist fast schon ein Meta-Film. Lassnig verbindet darin dokumentarische Aufnahmen mit animierten Szenen, darunter auch Filmschnipsel aus verschiedenen Arbeiten wie „Selfportrait“. Auch Figuren aus früheren Filmen tauchen auf. „Stone Lifting“ wirkt ein bisschen wie eine Archivschachtel, in die Material aus verschiedenen Werkphasen gepackt wurde. Jedes Teil, das man daraus hervorholt, ist referentiell. Bei einer Ausstellungseröffnung in New York sieht man Lassnig einmal vor ihrem bekannten Gemälde „Doppelselbstporträt mit Kamera“ (1974) stehen. Mit der Hand macht sie eine kurbelnde Bewegung.


Die Geburt einer Künstlerin: "Kantate" (1992; sixpackfilm))
Die Geburt einer Künstlerin: "Kantate" (1992; © sixpackfilm))

Lassnigs letzter Film „Kantate“ (1992), den sie in Zusammenarbeit mit Hubert Sielecki realisierte, ist im Bereich des künstlerischen Selbstporträts ein Evergreen. In wechselnden Kostümen, die verschiedene Lebensphasen ironisch kommentieren, erzählt sie im Stil eines Bänkelsängers ihre Autobiografie, während im Hintergrund gezeichnete Animationen ablaufen. Mit leiernder, aber fester Stimme hält Lassnig Rückschau auf schmerzvolle Erfahrungen und Unzulänglichkeiten (etwa das Scheitern in der Liebe) wie auch auf ihre Geburt als Künstlerin („ein neuer Dürer oder sonst ein großes Tier“). Mit dem tragikomischen Ton und der Verdichtung eines langen Künstlerinnenlebens auf gerade mal acht Minuten widersetzt sich „Kantate“ der großen Geste und dem Pathos, das sich in Selbsthistorisierungen oft einschleicht. Zur Mythologisierung „der Lassnig“ hat der Film trotzdem seinen Teil beigetragen.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, geht es hier.

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