© Razvan Leucea/arte

Aus der ersten Person #8: Comedy of the Self: „Ivana the Terrible“ (2019) von Ivana Mladenović

Mittwoch, 14.04.2021

Über den autofiktionalen Film „Ivana the Terrible“, in dem sich die Filmemacherin Ivana Mladenović im Dauerclinch mit ihren realen Verwandten und Bekannten inszeniert hat

Diskussion

In ihrer autofiktionalen Komödie „Ivana the Terrible“ (2019) versucht die serbisch-rumänische Filmemacherin Ivana Mladenović bei ihrer Familie zur Ruhe zu kommen, wird aber von Erwartungshaltungen ständig auf Trab gehalten. Die Kracauer-Stipendiatin Esther Buss entdeckt in dem Film ein reizvolles Dokument permanenter Nervosität.


Zum Autobiografischen hat Ivana Mladenović, die in Bukarest lebende Filmemacherin und Schauspielerin aus dem serbischen Kladovo, eine intensive Beziehung. 2016 spielte sie in Vernarbte Herzen, Radu Judes Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans von M Blecher. Mladenović’ semi-dokumentarisches Regiedebüt „Soldatii. Poveste din Ferentari Soldiers. Story from Ferentari“ (2017) basiert wiederum auf dem autobiografischen Buch des schwulen Autors Adrian Schiop. Er spielt im Film eine Version seiner selbst: Adi, einen Anthropologen, der ins ärmliche Viertel Ferentari in Bukarest zieht, um eine Studie über Manele-Musik zu schreiben, und der bei der Recherche eine Liebesgeschichte mit einem Ex-Häftling aus der Roma-Community beginnt. Mladenović’ Position, als Außenstehende ihre Kamera auf das Leben einer marginalisierten Gemeinschaft zu richten, findet dabei in Adi/Schiop eine Art Stellvertreterfigur.

In Ivana the Terrible(„Ivana cea groaznică“, 2019) macht die Regisseurin nun das eigene Leben zum Film. Mladenović war nach „Soldatii“ schwer angeschlagen; bei Vorführungen des Films war es in Bukarest mehrfach zu homophoben und antiziganistischen Protesten und Störaktionen von Seiten orthodox-nationalistischer Gruppen gekommen. Sie litt an Erschöpfung und Panikattacken. Zur Erholung fuhr sie – ausgerechnet – zu ihrer Familie in ihre Heimatstadt. Ivana the Terrible, zusammen mit Schiop geschrieben und in nur zehn Tagen gedreht, ist die Verarbeitung dieser Erfahrung in Form einer autofiktionalen Komödie. Familie, Freundinnen, Nachbarn und Ex-Lover spielen sich selbst; im Zentrum: die Schauspielerin Ivana.


Schauplatz einer Borderline-Groteske

Für eine Borderline-Groteske ist Kladovo ein passender Schauplatz. Das Touristenstädtchen ist direkt an der Donau gelegen und durch eine symbolträchtige Brücke mit Rumänien verbunden. Eingeweiht wurde die sogenannte „Brücke der Freundschaft“ in den 1970er-Jahren – gemeinsam von Tito und Ceaușescu. Zur wiederholten Rede von Freundschaft, Völkerverständigung und Bruderschaft gesellen sich im Film jedoch Ignoranz, Ressentiments und viel boshaftes Geschwätz.

Ivana Mladenovic (links im Bild) wird sich über die Bezugspersonen in ihrem Leben klarer (© Razvan Leucea/arte)
Ivana Mladenovic (links im Bild) wird sich über die Bezugspersonen in ihrem Leben klarer (© Razvan Leucea/arte)

Schon im Zug legt sich Ivana mit einer Mitreisenden an, die behauptet, Yoga sei ein verderblicher Kult und korrumpiere die Jugend. Auch im Elternhaus gerät sie mit allen aneinander. Die Familie will ihre körperlichen Beschwerden – Atemnot, Haarausfall, Laktoseintoleranz, „schrumpfende Venen“ – nicht ganz ernst nehmen. Sie habe zu wenig gegessen, zu viel gearbeitet, vielleicht sei aber auch ihr Kopf nicht ganz okay. Ivanas Großmutter, die ihr Zimmer besetzt hat, giftet, sie solle ihre Sachen packen und zurück nach Bukarest gehen, der Vater empfiehlt Pillen, die Mutter stellt ihr einen Joghurt vor die Nase. Die Lösung all ihrer Leiden aber sei es vor allem, sich endlich „sesshaft“ zu machen, heißt es von allen Seiten.

Sesshaftigkeit ist nun aber gerade der Zustand, der „Ivana the Terrible“ am äußerlichsten ist. Von der ersten Minute an lebt der Film von der nervösen, überreizten Energie seiner Hauptfigur, die jeden Raum, den sie betritt, zum Spannungsfeld macht. Dabei affiziert Ivanas Gestresstheit auch die Form. Die Kamera ist dynamisch, die Schnitte sind oft abrupt, alles ist in Bewegung, aber nie wirklich im Flow. Eher hibbelig und fahrig hastet der Film mit Ivana vorwärts, in der Hoffnung, in einen etwas angenehmeren Zustand zu kommen. Manches daran ist komisch, wenig ist wirklich zum Lachen. Bei allen semi-dokumentarischen Effekten wird die Illusion durchweg aufrechterhalten, die „scripted reality“ nicht als solche offengelegt. Cinematisch wirkt der Film noch in den rohsten Momenten. Mladenović hat ein sichtbares Interesse an räumlichen Anordnungen, ein Gespür auch für Farben und Ausstattung. Die Bilder sind lichtdurchflutet und weit, sie können, anders als Ivana, gut durchatmen.


Aufstieg zum Gesicht des Freundschaftsfestivals

Zur Ruhe kommt die Protagonistin in ihrer Heimatstadt natürlich nicht, auch wenn sie immer mehr in den Kladovo-Rhythmus einfindet. Als die Stadtverwaltung sie als Gesicht des rumänisch-serbischen Freundschaftsfestivals auswählt, dringt die Erzählung in andere (Kommunikations-)Räume vor: Rathauszimmer, joviale, etwas behäbige Männer, viel Gerede und Getatsche, Provinzbühnen. Ivana macht alles mit, auch die Verleihung der Ehrenmedaille, gleichzeitig jubelt sie den Veranstaltern einen Auftritt eines befreundeten Avantgarde-Duos aus Bukarest unter. Die Sängerin ist gleichzeitig Organisatorin des nationalen Klitoristags in Rumänien, ein Live-Video für ihre Facebookseite sorgt beim Mittagessen mit den Gemeindeleuten für peinliche Momente. Bald machen auch Gerüchte über ihre heimliche Affäre mit einem 13 Jahre jüngeren Mann aus dem Ort die Runde. Die Empörung ist groß. Da sei es noch besser, sie heirate den Vater des Jungen oder einen Chinesen.


Ivana ist eine anstrengende und mit gutem Recht angestrengte Figur. Wobei der Titel des Films – „Ivana die Schreckliche“ – aus ihrer Dysfunktion einen höheren Rang macht. Der Vergleich mit der historischen Figur ist natürlich ohne Maß. Denn schrecklich im Sinne von furchterregend ist Ivana sicherlich nicht. Beständig schwankt sie zwischen Renitenz und Anpassung, stört, ohne mit ihrem Generve je ein programmatisches Statement machen zu wollen (so wie Mladenović bei aller Kritik an den patriarchalen Strukturen ihre Figur nie für ein Selbstermächtigungsargument in den Dienst nimmt).

„Ivana the Terrible“ erzählt das Symptom, nicht die Analyse – und erst recht nicht irgendeinen Therapieerfolg. Schon möglich, dass Ivana, die Schreckliche, für die Regisseurin Ivana Mladenović so etwas wie eine Avatarfigur mit psychotherapeutischer Wirkung war. Aber all das liegt außerhalb des Films.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, geht es hier.

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