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Letzte Reserve: Corona & die deutsche Filmbranche

Donnerstag, 22.04.2021

In der Filmbranche herrschen Frust und Enttäuschung. Seit sechs Monaten sind die Kinos geschlossen. Zudem fehlt eine echte Perspektive

Diskussion

Die Kinos in Deutschland sind durch die Corona-Krise jetzt bereits sechs Monate in Folge geschlossen. Während es in den Nachbarländern erste Signale für Wiedereröffnungen gibt, fehlt es hierzulande weiterhin an Perspektiven, zumal staatliche Hilfen nur spärlich fließen. Unter den 1,2 Millionen Betroffenen der Filmbranche herrschen Frust und Enttäuschung. Manche stemmen sich aber auch mit trotzigem Optimismus gegen die politische Ignoranz.


„Im Kino gewesen. Geweint.“ Lang ist’s her, dass Kafkas Tagebuchnotiz eine Wirklichkeit beschrieb. Der Spuk des euphemistisch „light“ genannten Lockdowns sollte im November 2020 nur einen Monat dauern. Jetzt sind es bereits sechs Monate, und noch ist kein Ende in Sicht. Der Umsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft betrug im Jahr 2019 insgesamt 174 Milliarden; der Umsatz der Kinos lag bei mehr als einer Milliarde Euro. Für die Politik ist das trotz 1,2 Millionen Erwerbstätiger (darunter 20,9 Prozent Selbständige) anscheinend nur eine „quantité négligeable“.

Was wurde nicht alles im Sommer 2020 getan, um die Kinos nach dem ersten Lockdown wieder attraktiv und funktionsfähig zu machen? Konsequent umgesetzte Hygienekonzepte, Abstand zwischen den Zuschauern, Sperrung von Saalreihen, regelmäßiger Luftaustausch, ein seriöses Kontaktnachverfolgungssystem, Online-Ticketing. Alles umsonst. Seit November 2020 sind die Kinos in Deutschland erneut verrammelt. Wann sie wieder öffnen, ist nicht absehbar.


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Derzeit gibt es drei unterstützende Maßnahmen für Spielstätten und Filmverleihe: das Kurzarbeitergeld, die Überbrückungshilfen des Bundeswirtschaftsministeriums sowie das Programm „Neustart Kultur“ von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dessen Mittel gerade aufgestockt wurden und bis Ende 2022 zur Verfügung stehen, davon bis zu 90 Mio. für die Kinobranche. Dazu kommen noch einzelne Länderförderungen.


Kinos in „Geiselhaft“

Trotz dieser staatlichen Hilfen machen sich Frust und Enttäuschung breit. Die sogenannten November- und Dezemberhilfen in Form von Zuschüssen von 75 Prozent des durchschnittlichen Umsatzes der Vorjahresmonate sind bis Mitte April noch nicht bei allen angekommen; teilweise gab es nur Abschlagszahlungen. Seit Januar 2021 greift das Prinzip der Überbrückungshilfe, ein Fixkostenzuschuss bis zu 90 Prozent für Miete, Technik-Erneuerung oder Umbau bei mehr als 70 Prozent Umsatzeinbruch. Das reicht für Christian Bräuer, den Vorstandsvorsitzenden der AG Kino – Gilde e.V., bei weitem nicht, zumal Personalkosten gar nicht enthalten sind. Der Verband, der über 370 unabhängige Filmkunst- und Programmkinos vertritt, vermisst eine Klarheit für Öffnungsstrategien der Kultur.

"Monster Hunter" von Paul W.S. Anderson sollen im Dezember starten (Constantin)
"Monster Hunter" von Paul W.S. Anderson sollte im Dezember starten (© Constantin)

Bräuer kritisiert das „Herumeiern“ der Politik, die sich an Betriebe und Büros nicht herantraue, dafür Kinos „in Geiselhaft“ nehme. Bei der Öffnung konstatiert er zwei Probleme: einmal die Koppelung an den Inzidenzwert und ein dadurch bedingtes On-Off-System („Bei einem Wert von 80 dürfen wir öffnen, fünf Tage später bei 120 ist schon wieder alles vorbei“) sowie die Forderung nach einer Testpflicht. Ins Kino gehe man spontan; weder logistisch noch finanziell sei ein kostenloses Testsystem für die Kinos zu stemmen, so Bräuer. Auflagen, die neben dem Mindestabstand auch eine Maskenpflicht und ein Verzehrverbot beinhalten, böten keine Öffnungsperspektive. Ermutigend seien hingegen die Reaktionen der Zuschauer, die Gutscheine kaufen und versuchen, ihre Kinos solidarisch zu unterstützen.

Der Mittelstand der Kinobranche ist in Gefahr. Am schlimmsten sind Unsicherheit und Unplanbarkeit, „nicht nur hinsichtlich eines möglichen Wiedereröffnungszeitpunkts, sondern auch mit Blick auf die Voraussetzungen, unter denen wir eröffnen dürfen“, sagt Gregory Theile, Geschäftsführer der Kinopolis-Gruppe mit 18 Multiplex-Kinos in Deutschland, darunter in München das „Mathäser“ mit 14 Sälen und 3832 Sitzplätzen. Mit 1,5 Meter Mindestabstand, Maskenpflicht und dem Nachweis eines negativen Tests sei ein wirtschaftlicher Betrieb ausgeschlossen. Gefordert seien „einheitliche und vernünftige Vorgaben der Politik“. Die Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene schmecken Theile gar nicht, da sie größere Kinos benachteiligten, da der besucherbezogene Förderbeitrag bei steigender Leinwandanzahl abnehme. Theile ärgert sich auch, dass größere Kinounternehmen bei der Wirtschaftsförderung des Bundes in den ersten Förderungen komplett ausgenommen wurden. Zwar sind inzwischen auch größere Kinobetreiber antragsberechtigt, allerdings mit einer Deckelung der Förderung. Für die großen Unternehmen besteht dringender Handlungsbedarf.

Im vergangenen Jahr 2020 verzeichneten die Kinos einen Umsatzrückgang von 67,9 Prozent; im Jahr 2021 waren sie noch keinen Tag geöffnet. Weder sind die Rahmenbedingungen einer Öffnung noch ist das Kapazitätsangebot derzeit irgendwie berechenbar. Wichtig wäre ein enger zeitlicher Korridor für die bundesweite Öffnung, damit der „Normalbetrieb“ wieder Fahrt aufnehmen kann. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino (Hauptverband Deutscher Filmtheater, mit 597 Mitgliedsunternehmen der größte Kinoverband im Land): „Hier können wir nur an die Politik appellieren, den Besonderheiten unserer Branche Rechnung zu tragen und mit uns ein Szenario zu entwickeln, dass wirtschaftlich und tragfähig ist.“ Der Flickenteppich nach dem ersten Lockdown dürfe sich nicht wiederholen.


Verleiher verzeichnen immense Verluste

Die Situation der Verleiher steht weniger im Fokus, obgleich sie trotz der pandemiebedingten Reduzierung der Sitzplätze in den Kinos in Vorleistung gegangen sind. Sie sind mit 50 Prozent pro Ticket an den Einnahmen der Filmtheater beteiligt und verzeichnen deshalb immense Verluste. Einige Beispiele: Der „Lockdown light“ hat den Alamode-Verleih kalt erwischt. So musste Julia von Heinz’ Film Und morgen die ganze Welt trotz eines guten Laufs nach wenigen Tagen abgesetzt werden. Die Werbung für den Start verpuffte und damit laut Verleihchef Fabien Arséguel auch der finanzielle Einsatz in einem hohen sechsstelligen Betrag. Für die Regisseurin ein schwerer Schlag, auch wenn ihr Film jetzt auf Netflix läuft.

Ging zu Netflix ins Exil: "Und morgen die ganze Welt" (Alamode)
Ging zu Netflix ins Exil: "Und morgen die ganze Welt" (© Alamode)

Selbst für den finanziell gut ausgestatteten Constantin-Filmverleih geht es ans Eingemachte. Im Dezember 2020 war der Start von vier Filmen geplant, die Eigenproduktionen Monster Hunter von Paul W.S. Anderson mit Milla Jovovich, Sönke Wortmanns Komödie Contra, die schon des Öfteren verschobene Komödie Kaiserschmarrndrama mit dem unverwüstlichen Duo Sebastian Bezzel und Simon Schwarz sowie die Co-Produktion Ostwind – Der große Orkan, die fünfte und wahrscheinlich letzte Folge der „Ostwind“-Reihe. Die Millionen-Investitionen, Buchung von Werbezeiten und Werbefläche, Absprache mit den Kinos – alles in den Sand gesetzt. Zwar betont der Verleih seinen Willen, weiterhin Filme ins Kino zu bringen, aber auch Constantin muss wirtschaftlich diffizile Zeiten überbrücken. So wurde Berlin,Berlinkurzerhand an Netflix verkauft, und die fürs Kino produzierte Neuverfilmung des Kinderbuchklassikers Black Beautylandete direkt bei Disney+. Auch der Verleih Wild Bunch gab The United States vs. Billie Holiday Ende April in die Home-Entertainment-Auswertung, um den Film im „Oscar“-Korridor überhaupt einem Publikum zugänglich machen. Filme wie Liam Neesons Actionfilm „Ice Road“ oder Andreas Kleinerts „Lieber Thomas“ über das Leben von Thomas Brasch sollen hingegen weiterhin im Kino starten.

Beim Independent Verleih „Neue Visionen“ konnte die Komödie Eine Frau mit berauschenden Talenten mit Isabelle Huppert zwar im Oktober beim Publikum punkten, aber sein Potenzial durch den folgenden Lockdown nicht ausschöpfen, ähnlich wie Haifaa Al-Mansours Die perfekte Kandidatin im März 2020. Seit Monaten verschoben ist Vor mir der Süden, ein Dokumentarfilm von Pepe Danquart auf den Spuren von Pier Paolo Pasolini. Bisher hat der Verleih auf Kurzarbeitergeld verzichtet und die Zeit genutzt, alle Filmstarts bestens vorzubereiten in puncto Zielgruppenarbeit, Sponsoring, Materialaufbereitung, Partnerschaften. „Aber irgendwann kommt der Punkt, wo einem nichts mehr einfällt“, so Geschäftsführer Torsten Frehse, Vorstandsmitglied in der AG Verleih. Der Verband unabhängiger Filmverleiher mit 30 Verleihfirmen kritisiert die Gesamtsicht auf die Filmwirtschaft und Filmkultur und deren Vertreter. Bisher sind 15 Millionen Euro aus dem Paket „Neustart Kultur“ als Unterstützung für den Vertrieb von Produktionen mit deutscher Beteiligung zugesagt. Der Knackpunkt aber ist, dass die Verleihförderung des Bundeskulturministeriums (BKM) nur deutschen Produktionen zugutekommt, da Filmförderungsanstalt (FFA) nur deutsche Co-Produktionen einbezieht. Der Verband verweist darauf, dass die Fördermittel für Kinos nicht an deutsche Filme gebunden sind.


Das Publikum ist ein Unsicherheitsfaktor

Ein Problem nach dem Neustart der Kinos wird der Rückstau von Filmen sein, die ins Kino drängen und sich gegenseitig kannibalisieren. Ein großer Unsicherheitsfaktor ist das Publikum. Gerade bei gutem Wetter werden Menschen endlich wieder reisen und Party machen wollen, in Biergärten und Restaurants strömen. Torsten Frehse sieht das durchaus realistisch, ist aber auch davon überzeugt, ausreichend Filme in der Pipeline zu haben: „Wir werden die Kinos nicht im Stich lassen und nicht erst im Dezember starten. Es wird spezielle Maßnahmen geben, eine Kampagne und Initiativen, die schon länger in den Verbänden besprochen werden. Gerade der Stau bedeutet ja auch, dass hier mit vielen Filmen Werbung fürs Kino gemacht wird.“ Der HDF plant eine Wiedereröffnungskampagne, um die Filmtheater neu „auf den Radar des Publikums zu bringen“.

Landete ebenfalls bei den Streamern: "The United States vs. Billie Hollyday" (Capelight)
Landete ebenfalls bei den Streamern: "The United States vs. Billie Holiday" (© Capelight)

Martin Moszkowicz, Filmproduzent und Vorstandsvorsitzender der Constantin-Film, der die November- und Dezemberhilfen für Verleihfirmen für eine Mogelpackung hält, beurteilt die Situation der Kinos nach der Coronakrise skeptisch: „Mangels wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit wird es einige erwischen. Ob es zehn oder 20 Prozent sind, kann man nur spekulieren.“ Eine Prognose sei angesichts der vielen Variablen schwierig: „Ich hoffe, dass wir unsere Kinolandschaft nicht substanziell beschädigen. Die Corona-Krise wird keinen guten Effekt haben.“ Auch Gregory Theile befürchtet in diesem und nächstem Jahr noch einige Kinoschließungen.

Bisher mussten „nur“ sieben Kinos aufgegeben. Die Hilfsmaßnahmen greifen, „doch sollten diese wegfallen oder sich das Insolvenzrecht wieder ändern oder nicht genügend Besucher kommen, wird es eng. Die privaten Reserven der Betreiber sind aufgebraucht“, resümiert Christine Berg. Ihr Plädoyer für einen engen Schulterschluss mit den Verleihern sowie eine intensive Zusammenarbeit und Abstimmung in der Gesamtbranche sollte Konsens sein.


Es droht eine weitere Verkürzung des Kinofensters

Neben dem Damoklesschwert, dass die Zuschauer sich ans Sofa und an Netflix & Co. gewöhnt haben, droht überdies eine Verkürzung des Kinofensters. Warner Bros. beging den Tabubruch am ersten Weihnachtstag 2020, als Wonder Woman 1984 in den wenigen geöffneten US-Kinos und parallel auch auf dem Warner-eigenen Streamingdienst HBO Max startete, wenngleich zunächst nur für einen Monat. Vielleicht war das mehr als ein Test, denn das Major-Studio will noch in diesem Jahr 17 Filme direkt auf HBO Max und im Kino herausbringen, darunter potenzielle Blockbuster wie Denis Villeneuves Dune und Lana & Lilly Wachowskis „Matrix 4“.

Die Exklusivität des Kinofensters könnte auch in Deutschland wackeln. Der Ruf nach einer Verkürzung der sechsmonatigen Frist bis zur Zweitauswertung in einem Streamingdienst wird lauter, weil diese Regel nur für deutsche Produktionen gilt und nicht für internationale Filme, sich somit zum Nachteil für das heimische Filmschaffen auswachsen könnte.

Was das Überleben von Verleihfirmen betrifft, ist Torsten Frehse gedämpft optimistisch. Die prekäre Situation verschiebe sich nach hinten, weil für viele eingekauften Lizenzen der Gegenwert fehle. Die Einnahmen, sofern es sie überhaupt gibt, stehen allerdings in keinem Verhältnis zu den Ausgaben, was langfristig sicherlich zu Veränderungen führen werde. Durch das derzeitige Kurzarbeiter- und Überbrückungsgeld glaubt Frehse nicht, „dass morgen eine Welle von Insolvenzen über die Verleiher hereinbricht“. Für Neue Visionen liegen die Verluste knapp unter einer Million Euro; das führe schon mal zu schlaflosen Nächten, aber „wir sind ein sehr stabiles Unternehmen, auch wenn einige über Monsieur Claude oder andere französische Komödien gemeckert haben. Wir werden die Pandemie überleben und gehen davon aus, dass wir uns auch in kommenden Zeiten in diesem extrem umkämpften Markt durchsetzen können.“ Ein Statement, das Mut macht.

Soll zeitgleich bei HBO Max und im Kino starten: "Dune" von Denis Villeneuve (Warner Bros.))
Soll zeitgleich bei HBO Max und im Kino starten: "Dune" von Denis Villeneuve (© Warner Bros.)

Egal, ob die deutschen Kinos im Mai oder Juni öffnen oder ohne Einschränkungen vielleicht erst im September: Ob es nach der Pandemie wirklich aufwärtsgeht und der Weg zurück zu einer Normalität führt, das hängt nicht nur von der Erfüllung der Vorgaben ab, sondern auch von der Wertschätzung der Kultur durch die Politik, die Kollateralschäden in diesem Bereich bislang ungerührt in Kauf genommen hat. Das Münchner Kino „Neues Maxim“ forderte in großen Lettern „Corona, geh scheißen“. Ob das Virus dieser Aufforderung folgt? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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