© Nationalgalerie - Staatliche Museen zu Berlin / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Mathias Völzke

Entsagung & Ekstase - Eine Installation von Pauline Curnier Jardin

Freitag, 23.04.2021

Die filmische Installation „Fat to Ashes“ von Pauline Curnier Jardin im Berliner Museum Hamburger Bahnhof kreist um Eros und Thanatos, Rausch und Ernüchterung. Noch bis zum 19. September 2021

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So viel Entsagung war lange nicht mehr. Auf Nähe, Umarmungen oder schlichtes Miteinander muss man seit eineinhalb Jahren weitgehend verzichten. Dazu passt die filmische Installation „Fat to Ashes“, die jetzt im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen ist. Die französische Künstlerin Pauline Curnier Jardin geht darin dem Zusammenhang von Askese und Rausch, Eros und Thanatos nach, wozu karnevaleske Grenzüberschreitungen, der Schock des Aschermittwochs und auch die Brüste der Heiligen Agatha gehören.


Wie geht Gemeinschaft, wenn sich körperliche Nähe verbietet? Wie lange halten wir noch mit Whatsapp-Gruppen, Zoom-Kaffeekränzchen und anderen Sozialsurrogaten durch? Wie verändern sich Gesellschaften nach eineinhalb Jahren der Kontaktbeschränkung? Solche Fragen, die sich gegenwärtig immer drängender stellen, kommen auch bei Pauline Curnier Jardin auf. Die 1980 in Marseille geborene Künstlerin zeigt im Berliner Museum Hamburger Bahnhof vor allem ihren neuen Film Fat to Ashes. Es geht um Karneval, Grenzüberschreitungen, Genuss und Exzess, Grausamkeit und Sinnlichkeit.

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Der Rahmen für das Spiel, in dem die Formen und Normen fluide sind, ist treffend gewählt. Die Arena für den 21-minütigen Film hat Curnier Jardin in Anlehnung an das römische Colosseum entworfen. Ein martialisches Konstrukt, das mit fließenden Vorhangstoffen und einer Teilverkleidung aus cremefarbenem Schaumstoff förmlich aufgeweicht wird – eine kolossale Torte! Schrecklich süß schmeckt auch die Füllung.

Einige Sequenzen filmte Curnier Jardin Anfang Februar 2020 beim Fest der Heiligen Agatha in Catania auf Sizilien. Von der Pandemie war da noch keine Spur; eine Prozession durchquert die Stadt, Gedränge, Tanz, Gesang. Agatha starb um 250 als Märtyrerin. Laut Überlieferung soll sie Quintinianus, den Statthalter der römischen Provinz Sicilia, abgewiesen haben. Erst wurde sie in ein Freudenhaus verschleppt, blieb Quintinianus gegenüber aber standhaft, dann, so heißt es, wurden ihr zur Strafe die Brüste abgeschnitten.

Prozession durch Cantania: "Fat to Ashes" ( Pauline Curnier Jardin / VG Bild-Kunst, Bonn 2021)
Prozession durch Catania: "Fat to Ashes" (© Pauline Curnier Jardin / VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Ein Jahr nach ihrem Tod brach der Ätna aus. Die Sizilianer glauben, dass Agathas Schleier dem Lavastrom Einhalt gebot. In der Kathedrale wird alljährlich ein Video von Agathas Folterung gezeigt: Torture Porn für die Heiligenlegende. An Straßenständen werden „Minne di Sant’Agata“ – Brüste aus Ricotta und Mürbeteig mit einer Cocktailkirsche obendrauf – feilgeboten. Anderswo, im ländlichen Italien, wird ein Schwein geschlachtet. Fließt Schweineblut, Lava oder heißer Karamellsirup? Wenn Curnier Jardin den Schnittrhythmus beschleunigt, verwirren sich die Bilder.


Ein synthetischer Raum, wie ihn nur Film erzeugen kann

Ein synthetischer Raum entsteht, wie nur Film ihn erzeugen kann. Die Körnigkeit von Super-8-Material lässt die Orte und Zeiten zusammenfließen. Zwei Wochen nach den Dreharbeiten auf Sizilien reiste Curnier Jardin nach Köln, um Aufnahmen der Weiberfastnacht zu machen. In der Gegend von Aachen spricht man vom „Fettdonnerstag“, auf den nach den tollen Tagen unweigerlich der Aschermittwoch folgt. Der Werktitel „Fat to Ashes“ spielt aber auch auf die Ernüchterung an, die auf den Rausch folgt. Überhaupt ist bei Curnier Jardin immer alles auf der Kippe. Als die Künstlerin im Februar 2020 in Köln ankam, machte die Schreckensnachricht der rassistischen Morde in Hanau die Runde. Auch das floss in den Film ein. Sogar in Köln tauchen Polizeikostüme auf, uniformieren sich Karnevalisten als Security. Ein seltsamer Mix aus Party und Sicherheitsdenken.

Abgedreht oder stocknüchtern, berauscht oder vorsichtig? Curnier Jardin verbindet die gegenläufigen Motive zu einem faszinierenden Mosaik zwischen Eros, Thanatos und Trash. 2019 war die Künstlerin mit dem Preis der Nationalgalerie ausgezeichnet worden. Damals hatte sie am Hamburger Bahnhof mit der Filmarbeit „Qu’un Sang Impur“ nach Jean Genets „Liebesgesang“ überzeugt. Genets junge Häftlinge ersetzte die Künstlerin durch reife Frauen, die exzessiv ihre erotische Kraft hinter Gefängnismauern zelebrieren.

Lust am Gegenläufigen: Pauline Curnier Jardin (Andrea Avezzu)
Lust am Gegenläufigen: Pauline Curnier Jardin (© Andrea Avezzu)

Auf dem Filmfestival in Marseille soll im Juli ihr Spielfilm „Sebastiano Blu“ uraufgeführt werden. Gedreht wurde er im sizilianischen Mistretta, wo der Heilige Sebastian verehrt wird. Ähnlich wie in Catania verschmelzen auch hier weltliche, heidnische und katholische Traditionen. Queerness spielt bei Curnier Jardin eine wichtige Rolle; nicht zufällig gilt Sebastian, dessen nackter Jünglingskörper von Pfeilen durchbohrt ist, als Schutzpatron homosexueller Männer. „Sebastiano Blu“ erzählt von Giorgetto, einem jungen Mann, der weibliche Körper begehrt und zugleich erschreckt ist von der Gebärfähigkeit der Frauen.


Triebverzicht und Kontrollverlust

In „Fat to Ashes“ – die Arena wird übrigens von zwei Kuppeln überspannt, die wie Riesenbrüste wirken – misst Pauline Curnier Jardin das gesamte Spektrum zwischen Triebverzicht und Kontrollverlust aus, oder: zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen. Mit der Installation „Feel Good“ wechselt die Künstlerin die Perspektive. Hier geht es um die Frauen und Transpersonen, die als Sexualobjekte begehrt sind und gleichzeitig verachtet werden. Das Filmscreening im „Colosseum“ wechselt mit einer Soundinstallation aus Kirchenlautsprechern ab, die an den Säulen einer Arkadenseite der historischen Bahnhofshalle in Berlin angebracht sind. Stöckelschuhe klappern, Hunde bellen, Verkehr rauscht. Curnier Jardin spielt den Soundtrack aus dem Arbeitsumfeld von Sexarbeiter*innen in Rom ab. Zur Installation gehören auch Zeichnungen dieser Menschen – einer kolumbianischen Gruppe, die sich während der Pandemie zur „Feel Good Cooperative“ formierte. Weil sie ihrer Arbeit nicht nachgehen können, hat Curnier Jardin ihnen einen Stundenlohn für die Zeichnungen bezahlt. Große, gesegnete Kerzen aus Catania verknüpfen die Sexarbeit – die geopferten Körper – mit dem Martyrium der Heiligen Agatha. Blasphemisch? Lebenswirklich!


Hinweise:

Fat to Ashes, kuratiert von Kristina Schrei, ist bis 19. September im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen. Zurzeit ist ein Besuch nur mit FFP2-Gesichtsmaske, einem tagesaktuellen und negativen PCR- oder Schnelltestergebnis sowie einem vorab online gebuchten Zeitfenster-Ticket möglich.

Zur Ausstellung erscheint eine Publikation im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König mit Beiträgen von Sara Giannini, Ana Teixeira Pinto, Giovanna Zapperi und einem Gespräch zwischen Pauline Curnier Jardin und Kristina Schrei.

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