© DOK.fest München (aus „Soldaten“)

Brisante Enthüllungen - Das DokFest München 2021

Dienstag, 04.05.2021

Eine Vorschau auf das DOK.fest München, das sich vom 5. bis 23. Mai trotz einer Corona-bedingten @home-Edition dem politisch ambitionierten Filmschaffen widmet

Diskussion

Am Mittwoch, 5. Mai, startet das DOK.fest München als reines Online-Festival, aber mit vielen Möglichkeiten, sich virtuell wie auf einem Festival zu bewegen. Im Mittelpunkt der Programmauswahl stehen etliche politisch ambitionierte Filme, die sich mit drängenden Gegenwartsproblemen auseinandersetzen. Die Hommage ist der tschechischen Dokumentaristin Helena Třeštíková gewidmet.


Die Hoffnung war groß, beim DOK.fest München (5.-23.5.) die Filme wieder auf der Kinoleinwand sehen zu können oder zumindest in einer dualen Edition. Doch die problematische Entwicklung der Covid-19-Pandemie zwingt zu einer reinen Online-Ausgabe. Für die 18 Festivaltage haben Festivalleiter Daniel Sponsel und seine Stellvertreterin Adele Kohout 131 Filme aus 43 Ländern für ein Programm ausgewählt, das sich in bewährter Manier in Sektionen, Hommagen und Sonderreihen gliedert; dazu gibt es das Branchenforum, Angebote für Schulklassen, zahlreiche Diskussionsforen. Zudem werden 16 Preise mit einem Preisgeld in Gesamthöhe von 64.000 Euro verliehen.

Das DOK.fest will eine Auswahl der besten gesellschaftlich-relevanten und künstlerisch herausragenden Dokumentarfilme des Jahres bieten. „Wir wollen aus der aktuellen Situation das Beste machen“, sagt Daniel Sponsel, „mit noch mehr Rahmenprogramm und der Möglichkeit für die Filmschaffenden, dem Publikum in unserem virtuellen Festivalzentrum zu begegnen. Dazu gibt es mittlerweile bewährte Tools, die wir über das Jahr schon bei anderen Veranstaltungen ausprobieren konnten!“


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Investigativer Doku-Thriller von Daniel Sager

„Wir würden wirklich sehr, sehr gerne mit Ihnen sprechen. Das Ganze bliebe streng vertraulich, als hätte das Treffen nie stattgefunden. Niemand würde je erfahren, dass wir uns getroffen haben!“ Irgendwo auf Malta steht ein investigativer Journalist als Schattenriss vor dem Fenster seines Hotelzimmers. Er telefoniert, spricht mit verhaltener Stimme und verleiht ihr doch dringlichen Ton. Eine Szene wie aus einem Politthriller; tatsächlich hat der Dokumentarfilm „Hinter den Schlagzeilen“ von Daniel Sager, mit dem das Festival eröffnet, Thriller-Qualitäten.

Investigative Reportage mit Thriller-Qualitäten: „Hinter den Schlagzeilen“ (© Real Fiction)
Investigative Reportage mit Thriller-Qualitäten: „Hinter den Schlagzeilen“ (© Real Fiction)

Sager begleitet die beiden Reporter Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, die dem Ressort „Investigative Recherche“ der Süddeutschen Zeitung angehören, bei ihrer Arbeit. Er zeigt sie auf der Spur des „gefährlichsten Waffenhändlers der Welt“ oder bei Recherchen zum Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Doch dann kommt der große Paukenschlag: die Ibiza-Videos tauchen auf, die den rechtspopulistischen FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache in schwerste Bedrängnis bringen und schließlich zum Sturz der österreichischen Regierung führen. Bis zu diesem Finale erlebt man detailgenau und elektrisierend mit, wie in den SZ-Redaktionsräumen die Arbeit an der brisanten Enthüllungsstory vorangeht. Ein Thriller der besonderen Art und ein flammendes Plädoyer für freien, unabhängigen Journalismus.

Auch „Wood – Der geraubte Wald“ von Monica Lăzurean-Gorgan, Michaela Kirst und Ebba Sinzinger entpuppt sich als packender Enthüllungsthriller. Erneut wird ein Investigativ-Team begleitet, aber keines, das mit journalistischem Auftrag unterwegs ist, sondern von der Environmental Investigation Agency (EIA) in Washington organisiert wird, einer Non-Governmental-Organization (NGO), die dem weltweiten illegalen Holzabbau auf die Spur ist, ihn anprangert und zu verhindern versucht.

Das mit Undercover-Methoden abenteuerlich agierende Team unter Leitung von Alexander von Bismarck durchstreift Wälder in Sibirien und Rumänien, den Dschungel in Peru und kooperiert stets mit lokalen Umweltaktivisten. Der tollste Coup gelingt in Rumänien, wo die Machenschaften eines internationalen Holz-Großkonzerns aufgedeckt werden. Man versteht, wie ein solcher Konzern seine Machtposition erobert: Er plündert den Holzbestand des Landes auch mittels illegaler Abholzungen, er ruiniert die Infrastruktur einheimischer Holzbetriebe, er macht sich korrupte Politiker gefügig und arbeitet mit lokalen Mafia-Clans zusammen. Ein spannendes Lehrstück politischer Aufklärung.

Zu den Sonderreihen des DOK.fests gehört die „Retrospektive 75 Jahre DEFA-Dokumentarfilm“, die mit neun Filmen bedeutender Regisseure und Regisseurinnen – darunter Joris Ivens, Volker Koepp, Winfried Junge, Gitta Nickel – fünf Jahrzehnte durchmisst, das DDR-Alltagsleben erkundet und immer dort am eindrucksvollsten ist, wo der Einzelne in den Blick kommt und die Filme sich den Direktiven der offiziellen Kulturpolitik entziehen.


Die Hommage ist Helena Třeštíková gewidmet

„Wir bezogen unsere Inspiration aus der Abkehr vom Unfug und Schwachsinn des verordneten sozialistischen Realismus. Wir sagten uns: Lasst uns etwas unternehmen gegen die verordnete Langeweile!“ Das erzählt Miloš Forman (1932-2018) in Helena Třeštíkovás „Forman vs. Forman“ (2020) über seine Zeit als Filmstudent in Prag, glückliche Jahre, in denen er zur Galionsfigur der tschechischen Nouvelle Vague heranreifte: „Wir waren inspiriert vom italienischen Neorealismus, wir wollten wirkliche Menschen, wirkliche Gesichter, wirkliches Leben in unseren Filmen haben!“

Die Festivalhommage ist Helena Třeštíková gewidmet und präsentiert neun ihrer Filme; in ihrem fulminanten Forman-Portrait kann man gut erkennen, wo ihre Talente liegen. Třeštíková ist eine Meisterin, wenn es darum geht, mit einer Fülle von Archivmaterial tief in die Biografie einer Person einzutauchen, ohne in offizielle Posen zu verfallen. Sie sucht die intime Nähe und liebt es, den Film wie ein Home-Movie aussehen zu lassen.

Ausführlich erzählt sie von Formans Kindheit, von seiner Studentenzeit, der durch die politischen Ereignisse erzwungenen Emigration in die USA und den Jahren der Arbeitslosigkeit; seine Auftritte bei den „Oscar“-Verleihungen werden hingegen nur knapp abgehakt. Plötzlich erkennt man, dass gerade auch die US-Filme, die Forman berühmt machten wie „Einer flog über das Kukucksnest“ (1975) und „Amadeus“ (1984), aus derselben Energie gespeist sind, die einst den jungen Filmstudenten antrieb. Immer ging es Forman darum, das Individuum gegen die Institution zu verteidigen, die schöpferische Kraft des Einzelnen gegen die Anmaßungen der Apparatschiks.


Vertrauen als Basis des Dokumentarischen

Wie man sich mit poetischer Kraft und stilistischer Virtuosität für die Opfer institutionell verankerter Macht einsetzen kann, etwa für die Leidtragenden von Polizeigewalt, Gentrifizierung oder gesellschaftlicher Marginalisierung, das bezeugen die Filme des „DOK.guest Kanada“-Programms, aus dem „The Silence“ von Renée Blanchar herausragt. Blanchar bearbeitet ein Thema, das schon viele filmische Darstellungen erfahren hat, aber sie greift es in besonders eindringlicher Weise auf: Sie berichtet von drastischen Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Kanadas.

Lange Zeit hat die Regisseurin darum gerungen, eine Vertrauensbasis zu einer Gruppe von Männern aus der Region New Brunswick aufzubauen, die in ihrer Kindheit oder Jugend von katholischen Priestern missbraucht wurden. Man spürt, was es die Männer kostet, ihre Angst und Scham zu überwinden, um über jene traumatisierenden Erlebnisse zu sprechen, die sie ein Leben lang verdrängt und verschwiegen haben.

Mit großer Einfühlungskraft erzählt Blanchar aus der Perspektive der Opfer und erspürt deren Verletzungen. Sie diskutiert nicht lange das Zölibat oder die kirchlich verkündete Sexualmoral, sondern stellt die verhängnisvolle institutionelle Macht der Amtskirche ins Zentrum. Eine Schwester der „Sisters of Mercy“, die auch Ärztin ist und Missbrauchsopfer betreut, bringt es auf den Punkt: „Damit die Kirche als Kirche Christi lebendig werden kann, muss sie als die, die sie ist, mit ihrem Fokus auf Macht, Hierarchie, Struktur und Privilegien, sterben!“

Die intime Nähe, die gute Dokumentationen zu ihren Protagonisten finden, hat nichts mit der Exhibitionismus-Voyeurismus-Matrix zu tun, die ihren Geltungsbereich in den Medien immer stärker ausweitet und die der Philosoph Byung-Chul Han als „pornografische Hölle der Bloßstellungen“ bezeichnet hat. Wahrhaftige Nähe beinhaltet freundschaftliche Zuneigung, die aus einem langen Prozess des Vertrautwerdens entsteht. Auch „The Other Side of the River“ von Antonia Kilian lebt von der besonderen Nähe zu ihrer Protagonistin. Die Regisseurin hat ein Jahr in Nordsyrien zugebracht, wo kurdische Milizen die IS-Herrschaft beseitigt haben. Während dieser Zeit lernte sie die 19-jährige Hala kennen, die der Film bei ihrer Ausbildung an einer Polizeiakademie für Frauen und später bei Einsätzen begleitet.

Zu Beginn erzählt Hala von dem gegen Frauen gerichteten Terror des IS-Regimes, den sie selbst miterleben musste. Sie erinnert sich an Steinigungen von Frauen, albtraumartige Horrorszenen, und beschreibt die Missachtung von Mädchen und Frauen in traditionellen patriarchalen Familienstrukturen. Man versteht, warum sich Hala zum Kampf gegen diese Strukturen entschlossen hat. Mit schön kadrierten, atmosphärisch dichten Bildern konzentriert sich die Regisseurin auf ihre Protagonistin vor dem Hintergrund einer vom Krieg schwer gezeichneten, immer mit Gefahr aufgeladenen Wirklichkeit.


Wenn Du Frieden willst …

„Soldaten, die sich heute bei der Bundeswehr melden, müssen immer damit rechnen, in den Krieg geschickt zu werden“, heißt es zu Beginn der allein schon durch ihre Bildmächtigkeit bemerkenswerten Dokumentation „Soldaten“ von Christian von Brockhausen und Willem Konrad. Seit 2011 ist die Bundeswehr eine Berufsarmee, die „den deutschen Beitrag zur Sicherung des Friedens und zur Wahrung unserer Werte“ zu leisten habe, wie dies Wolfgang Schäuble formulierte.

Die Kamera folgt drei jungen Männern, die sich verpflichtet haben, bei ihrem steinigen, windungsreichen Weg durch die Grundausbildung. Drei auf unterschiedlichste Art fragile Charaktere, die während der Ausbildung an Selbstsicherheit und Selbstvertrauen gewinnen. Den ruhigen, für die große Leinwand komponierten Bildern gelingt es wie selbstverständlich, aus den geschilderten Szenen die dramatischen Essenzen zu destillieren. Die Musik von Christoph Schauer fügt sich zurückhaltend und mit feinem Gespür für die situativen Stimmungen ein.

Die Regisseure zeigen ihre souveräne Gestaltungskunst auch darin, wie sie die Spannung zwischen der persönlichen Nähe zu den Rekruten und dem soldatischen Auftrag in den Reden der Politiker immer neu ausloten. Sie nähern sich den Protagonisten in einer offenen, vorurteilsfreien, geradezu empathischen Art, heben aber auch die Perspektive dieser Ausbildung, den Kriegseinsatz, immer wieder ins Bewusstsein. Nicht vergessen werden die bislang 59 deutschen Soldaten, die ihren Einsatz in Afghanistan mit dem Leben bezahlt haben.

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