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Der Moralist - Denzel Washington

Freitag, 14.05.2021

Ein Porträt des Schauspielers Denzel Washington und seiner Kunst, auch scheinbar eindeutige Figuren mit sichtbaren inneren Konflikten anzulegen

Diskussion

Der 1954 geborene US-Schauspieler Denzel Washington ist einer der letzten Darsteller der alten Hollywoodhelden-Schule: Mit scheinbar wenigen Mitteln schlüpft er in die Haut von Figuren mit klaren Wertvorstellungen und dem Wunsch, das Richtige zu tun. Hinter der vermeintlich eindeutigen Persona scheinen jedoch oft innere Konflikte auf und selbst moralisch verwerfliche Charaktere erhalten durch sein Spiel unerwartete Schattierungen. Demnächst wird er in einer Neuverfilmung von Shakespeares „Macbeth“ zu sehen sein. Eine Würdigung.


Als Denzel Washington 2020 von der New York Times zum bislang besten Schauspieler des 21. Jahrhunderts gekürt wurde, sorgte das mancherorts für Stirnrunzeln. Spielt der nicht nur in Hollywood-Actionfilmen? Spielt der nicht immer die gleichen Rollen? Ist das nicht ein Darsteller aus dem letzten Jahrhundert? Um es kurz zu machen: nein und ja. Das wichtigste ist, dass Denzel Washington in der Tat ein herausragender, prägender Darsteller ist, vielleicht der letzte seiner Art. Mit dieser „Art“ ist ein großer Star gemeint, der sich nur über sein Schauspiel definiert. Der letzte Hollywoodschauspieler, dem man Rollen aus der Arbeiterklasse wirklich abnehmen kann, und eine Persona, die in ihren Rollen für bestimmte Werte eintritt.

Schon der französische Cineast Luc Moullet bemerkte in seinen Texten über große Hollywooddarsteller wie etwa Gary Cooper, dass es äußerst schwer ist, den Eigenheiten eines Schauspielers auf technischer und auktorialer Ebene nahezukommen. Versuchen wir es also.

Der Thriller „The Little Things“ soll 2021 noch in die deutschen Kinos kommen (© Warner Bros.)
Der Thriller „The Little Things“ soll 2021 noch in die deutschen Kinos kommen (© Warner Bros.)

Von seinen frühesten Kinoauftritten wie in Richard Attenboroughs Schrei nach Freiheitbis hin zu seinem jüngsten Film The Little Thingsvon John Lee Hancock gibt es in jedem Film mit Washington eine moralische Frage, die verschiedene Handlungen seiner Figuren bedingt. Egal auf welcher Seite des Gesetzes er sich befindet: man weiß immer weshalb. Man kennt seine Motivationen oder erfährt sie im Lauf des Films;  niemals bleiben sie unverständlich. Nun könnte man der daraus resultierenden Klarheit durchaus fehlende Ambivalenz vorwerfen, aber Washington spielt den inneren Konflikt mit. Seine stärksten Figuren haben schwache Momente, seine moralisch verwerflichsten Rollen handeln nie ohne Würde. Man denke an den mächtigen Drogendealer Frank Lucas in Ridley Scotts American Gangster. Obwohl dessen skrupellose, brutale Karriere kaum zu Sympathien anregen sollte, kann man sich nicht helfen: Washington verleiht den heftigsten Handlungen Menschlichkeit, er entdeckt in jeder Gewalttat ein ethisches Zögern oder bewusstes Überwinden der Zweifel. Ein Schuss bei Washington erzählt fast immer die ganze Geschichte eines Charakters. Weil das so ist, gehört Washington zu jenen, die mittelmäßige Filme besser machen.


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Spannung aus ethischen Fragestellungen

Integrität, Loyalität und Freundschaft sind hervorstechende Merkmale seiner Figuren. Washington stammt aus einem religiösen Haus, sein Vater war Prediger der Pfingstbewegung. Sein offenster religiöser Film ist der postapokalyptische The Book of Eli, indem Washington als Bewahrer des göttlichen Wortes ums Überleben kämpft. Eindrücklicher sind aber seine ethischen Fragestellungen, etwa an das Schicksal (in den Filmen mit Tony Scott) oder das Böse (zum Beispiel in The Equalizer). Loyal ist Washington auch jenseits seiner Figuren in seiner Zusammenarbeit mit bestimmten Filmemachern. Insbesondere Spike Lee und Tony Scott wären hier zu nennen, aber auch Jonathan Demme und Antoine Fuqua. Diese Regisseure erlauben ihm die perfekte Balance zwischen spannenden Figuren und einem klugen Umgang mit seiner Starpersönlichkeit, die in vielerlei Hinsicht mit der sich eigentlich in der Krise befindlichen männlichen Autorität, wie sie auch Darsteller wie John Wayne oder Clint Eastwood verkörperten, zusammenhängt.

Mit Figuren wie „The Equalizer“präsentiert sich Denzel Washington als gewaltsamer Erneuerer von Recht und Ordnung (© Sony)
Mit Figuren wie „The Equalizer“präsentiert sich Denzel Washington als gewaltsamer Erneuerer von Recht und Ordnung (© Sony)

So tritt eine der besonders eindrücklichen wiederkehrenden Sequenzen in Filmen mit Washington auf den Plan, wenn er salopp gesagt die Faxen dick hat und wem auch immer deutlich die Meinung sagt. Diese Szenen sind genauso befriedigend wie der finale Bankraub in Heist-Filmen, wenn ein Rädchen ins andere greift. Ein gutes Beispiel findet sich am Ende von Spike LeesInside Man. Washingtons Figur sagt dem von Christopher Plummer gespielten Nazi-Profiteur-Banker ganz klar und trocken ins Gesicht, was er von dessen Karriere hält. Man möchte fast jubeln, wenn man diese Szene sieht. In solchen Momenten zeigt sich nicht nur der oftmals lang versteckte Gerechtigkeitssinn von Washingtons Figuren, sondern seine dominante, kontrollierte Art funktioniert auch als großes Aufbegehren der Unterschicht, der Arbeiter, der Vergessenen, der Schwarzen in den USA.

Die Loyalität seiner Figuren äußert sich oft auch in Treue. Washingtons Figuren haben einen ausgeprägten Familiensinn, und seit Mo’ Better Bluessieht man den Mann kaum flirten, geschweige denn, dass er sich auf ein Liebesabenteuer einlassen würde. Stattdessen spielt er oft Witwer oder Väter, die ein schwieriges Verhältnis zu den Kindern haben wie in Spike Lee’s Spiel des Lebens. Es scheint ihm wichtig zu sein, dass seine Figuren in einen Austausch mit ihrer Nachbarschaft treten. Sein selbstgedrehter Fenceszeugt davon genau wie The Equalizeroder Mira Nairs Mississippi Masala. Die Glaubwürdigkeit seiner Figuren hängt auch immer daran, wie sie ihre Nachbarn grüßen.


Geboren für den Western und den Film noir

Und an den Kopfbedeckungen, die man kaum übersehen kann, wenn man sich mit Washington befasst: Bandana, Pilotenmütze, Schiebermütze, schwarzer Lederhut, schicker Strohhut, Baseball-Cap und so weiter. Wie er sie trägt, erzählt etwas über seine Figur. Verspielt verkehrt herum in Mississippi Masala, eitel penibel in Inside Man, tief ins Gesicht in Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit. Dass ihm Hüte so gut stehen, macht den Vergleich mit den alten Granden aus Hollywood nur umso verführerischer. Noch mehr als zum Westernhelden ist Washington für den Film Noir geboren. Leider hat er mit Ausnahme des gelungenen Teufel in Blau von Carl Franklin nur selten solche klassischen Detektiv-Rollen spielen dürfen, aber er ermittelt trotzdem ständig und trägt dabei das Gewicht der Vergangenheit mit sich. Washington spielt immer nur einen kleinen Teil seiner Figuren, seine Präsenz nährt sich aus dem, was verborgen bleibt.

Stilvoll mit Hut als Detektiv im Film noir „Teufel in Blau“ (© Sony)
Stilvoll mit Hut als Detektiv im Film noir „Teufel in Blau“ (© Sony)

Das betrifft mit Ausnahme weniger Filme wie Malcolm X auch seine Hautfarbe. Der britische Filmkritiker David Thomson bemerkte einmal, dass Washington der erste schwarze Darsteller sei, dessen Starappeal seine Hautfarbe transzendieren würde. Tatsächlich spielt diese etwa in den Filmen mit Tony Scott keine wirkliche Rolle, auch wenn das teilweise gefährlich einfach gedacht ist. Denn Washington spielt die Krise der schwarzen Männlichkeit mit. Die Körper seiner Figuren sind fast nie die strahlend exotischen, muskulösen Projektionsflächen weißen Hasses, sie sind vom Rassismus niedergedrückte, zusammengekauerte, humpelnde, sich versteckende und kaum zu Zärtlichkeit fähige Körper. Das gilt eben auch für Filme, in denen die Hautfarbe nicht zum Thema gemacht wird wie Unstoppable – Außer Kontrolleoder Flight. Am deutlichsten inszenierte Washington das gleich selbst in Fences, in dem sich Stolz, Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Ausbeutung und Verzweiflung in einen heftigen Wortschwall verkehren, aber auch in einen geschundenen Körper, der von einem unfreien Leben gezeichnet ist. Nur Spike Lee setzt Washington bewusst anders ein und betont dessen Vitalität und Erotik.


Jede Figur mit eigenem Gang

Jede seiner Figuren hat einen anderen Gang. Das mag nicht außergewöhnlich anmuten, für einen Darsteller in Actionfilmen ist es aber durchaus ungewöhnlich. Tom Cruise zum Beispiel rennt immer auf die gleiche Art und Weise. Washington nicht. Er legt sich eine ganze Sammlung an Ticks und Bewegungen zurecht, die sowohl die Action als auch das Drama körperlich greifbar machen. Sein Stottern in Der Manchurian Kandidatoder wie er sich in Mo’Better Bluesüber die für den Film so wichtigen Lippen streicht, dienen als körperliche Indikatoren für die gezeichneten Figuren. Sein Baumarktangestellter Robert McCall in The Equalizer, einer der herausragenden Actionfilme des bisherigen Jahrhunderts, beherrscht ein ganzes Set solcher automatischen Bewegungen, die all das erzählen, was er am liebsten verdrängen würde. Washington ist ein Handwerker der Handgriffe. Alles sitzt, nichts ist Zufall.

Das Grübchen über Washingtons rechtem Auge scheint flexibel. Mal sieht es aus wie eine Narbe, mal wie ein Muttermal, mal wie eine Falte und mal wie der unbedingte Ausdruck von Würde. Ähnlich uneindeutig ist Washingtons Lachen. Hier gibt es das aufrichtige, vertrauenserweckende Lachen, das er zum Beispiel in Philadelphiaoder Die Akte abruft oder das überraschende Lachen, das er seinen Widersachern etwa in The Equalizertrotzig schenkt, ehe es plötzlich einfriert, und es gibt das böse Lachen wie in Training Day, ein Lachen, das die für Washington so wichtigen Grenzen zwischen Kontrolle und Kontrollverlust verschwimmen lässt. Wann immer sich seine Figuren auf dieser Grenze bewegen, kann man sehen, wie Washington seine Zunge gegen die Unterlippe drückt und sein Gegenüber mit klarem Blick anstarrt.

Vom Alkoholiker zum Herrn der Lage im entscheidenden Moment: „Flight“ (© Sony)
Vom Alkoholiker zum Herrn der Lage im entscheidenden Moment: „Flight“ (© Sony)

In Flight von Robert Zemeckis bewegt sich Washingtons alkoholabhängiger Pilot beständig auf dieser Ebene, und die Sequenz im Film, in der er das Flugzeug notlandet, gehört auch deshalb zu den bezeichnendsten Washington-Momenten. In seinen Figuren scheint es fast immer ein Reservat an Fähigkeiten zu geben, die diese erst an entscheidenden Stellen abrufen, um ihre wirkliche Gesinnung zu entblößen. Als der Sturzflug beginnt, hängt dieses betrunkene Wrack von einem Menschen völlig in den Seilen und schläft im Cockpit. Dann aber erscheint nahtlos jene Beherrschtheit, die diesem Star sein Appeal verleiht. Washington spielt Profis, die wissen, was sie tun, die immer so arbeiten, wie man selbst gern arbeiten würde. Und das eben selbst dann, wenn er eine Figur spielt, die alles andere als professionell handelt. Es sind gerade die Fehler und Menschlichkeiten seiner Figuren, die dem Übermenschlichen ihrer Handlungen diese Bedeutung verleihen. Washington ist der richtige Mann am richtigen Ort, und trotzdem ist er kein Held. Er ist das, was wir nur in Katastrophenfällen als Helden wahrnehmen. Ein stiller Lebensretter.


Ein Fels in der Brandung

Washington erdet die Filme, in denen er spielt. Vielleicht harmoniert seine ruhende Präsenz auch deshalb so gut mit Tony Scotts entfesselter Kamera. Er ist das Zeitbild im Bewegungsbild. Ein Fels in der Brandung, der den abstrusesten Plots eine Mitte verleiht und dem man trotzdem jederzeit alles zutrauen kann. In The Little Thingsmag sein Ermittler auf den ersten Blick nicht besonders interessant erscheinen, aber achtet man auf seine Narben, seinen Gang, seine aus einem Trauma entstandenen moralischen Überzeugungen und seine für den Plot entscheidenden kleinen Handlungen, sieht man wieder diesen großen Moralisten des Schauspiels. Er sucht nach einer Erlösung, die damit zusammenhängt, das Richtige zu tun. Das gilt fast für all seine Filme.



Demnächst zu sehen: „The Tragedy of Macbeth

Denzel Washingtons nächste große Hauptrolle bekommt man in „The Tragedy of Macbeth“ zu sehen – einer Verfilmung der Shakespeare-Tragödie durch Joel Coen, der hier einmal nicht im Verbund mit seinem Bruder Ethan federführend ist. Washington verkörpert die Titelfigur, einen schillernden, obsessiven schottischen Heerführer, der angetrieben von einer Weissagung und dem Ehrgeiz seiner Frau (hier gespielt von Frances McDormand) nach der Krone greift. Ähnlich wie einst Orson Welles soll Joel Coen eine Annäherung an das Stück wagen, die nicht auf Realismus abzielt, sondern ganz im Studio entsteht und in Schwarz-weiß gedreht ist. Die Dreharbeiten zu dem Film zogen sich Corona-bedingt in die Länge; 2021 wird "The Tragedy of Macbeth" nun seine Premiere haben; neben dem Studio A24 hat Apple Originals Films den Verleih übernommen, wie der Streamingdienst AppleTV+ Mitte Mai mitteilte. Ein genauer Kinostart steht noch nicht fest.

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