© Antoinette Zwirchmayr (aus "Josef - Täterprofil meines Vaters")

Aus der ersten Person #9: In den Erinnerungsräumen von Antoinette Zwirchmayr

Sonntag, 16.05.2021

In den experimentellen Kurzfilmen der österreichischen Filmemacherin Antoinette Zwirchmayr werden autofiktionale Reminiszenzen an die eigene Familiengeschichte in ein bühnenhaftes Zwischenreich verschoben

Diskussion

Die österreichische Filmemacherin Antoinette Zwirchmayr nennt ihre auf 35mm gedrehten Arbeiten „Standfilme“. Vielfach besetzte Wahrnehmungsfragmente verdichten sich darin im Zusammenspiel von stilisierten Objekten, Körpern und Landschaften zu Tableaux vivants. Ihr dreiteiliges Werk „Woran ich mich erinnere“ kreist um Autobiografisches, verschiebt die Reminiszenzen aber in ein bühnenhaftes Zwischenreich.


Pfauengefieder, Felsformationen, Patronenkapseln, tropische Früchte, Palmenblätter, Diademe, Spiegel, Fell, Haut, nackte Körper: Den Erinnerungsräumen ihrer Kindheit nähert sich die experimentelle Filmemacherin Antoinette Zwirchmayr über Oberflächen, Texturen und Farben. Weiches, Samtiges und Felliges findet sich neben Hartem, Glattem und Schroffem, Organisches neben Anorganischem; auch das analoge Filmmaterial wird zum Element der taktil erfahrbaren Dingwelt.

Woran ich mich erinnere“, bestehend aus drei in sich abgeschlossenen, auf 35mm gedrehten Kurzfilmen, ist eine Autofiktion in Stillleben. Zwirchmayr arrangiert Objekte, Landschaften und Körper in statischen Kameraeinstellungen zu Tableaux vivants, die durch Licht, flirrende Luft und Nebelschwaden „animiert“ werden. Eine Treppe führt abwärts in einen rotbeleuchteten Raum, eine Lichterkette flackert im Atemrhythmus, Nebelschwaden steigen zwischen Barhockern nach oben.

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Plakate der drei Kurzfilme von "Woran ich mich erinnere" (© Antoinette Zwirchmayr)

Zwischen Unterweltroman und Märchen

„Woran ich mich erinnere“ ist eine Geschichte zwischen österreichischem Unterweltroman und exotischem Märchen. Erzählt wird sie in Form von Monologen beziehungsweise Monologzeilen, die die Autorin Angelika Reitzer auf der Grundlage von Notizen, Gerichtsakten und Gesprächen mit Zwirchmayrs Familie geschrieben hat. Sie werden von verschiedenen Stimmen als Voiceover gesprochen, die Intonation ist bühnenhaft und markiert den Bruch mit dem Originalton (als Ausweis von Authentizität).

In „Der Zuhälter und seine Trophäen“ (2014) steht Zwirchmayrs Großvater im Vordergrund, ein passionierter Jäger, der als „erster“ Bordellbesitzer von Salzburg ein zweifelhaftes Renommee erlangte. „Josef – Täterprofil meines Vaters“ (2016) porträtiert den Vater der Filmemacherin, einen selbsterklärten „Goldgräber“, der als 17-Jähriger eine Bank überfällt und nach der Haftzeit vom väterlichen Erbe eine Edelsteinmine in Brasilien kauft. In „Im Schatten der Utopie“ (2017) gibt die Filmemacherin den Frauen in ihrer Familie das Wort: der Großmutter, der Mutter – und ihrem kindlichen Ich.

Zwirchmayr macht Affektbilder, in denen sich Körpererinnerungen und andere Wahrnehmungsfragmente zu einem neuen – hochartifiziellen – Stoff kondensiert finden. Dazwischen schieben sich Schwarzbilder. Sie stehen einerseits für Erinnerungslücken und Tabubereiche (über das Geschäft wird in der Familie nicht gesprochen, das Wort „Zuhälter“ fällt nie), bieten sich aber auch als Projektionsflächen für eigene Bilder an.

„Woran ich mich erinnere“ steht der dokumentarischen Rekonstruktion fern. Um Repräsentationskritik geht es jedoch ebenso wenig oder wenn, dann nur über viele Ecken – etwa wenn Familienfotos durch den Einsatz von Spiegeln prismatisch gebrochen oder dupliziert werden. Wo andere Filme in den Erinnerungsräumen Ordnung schaffen, indem sie das Material freilegen und an die Oberfläche holen, erzählen Zwirchmayrs Arbeiten aus dem tiefsten Inneren heraus. Dort, wo die Erinnerung verschwommen ist und sumpfig und sich mit Sehnsüchten und (erotischen) Fantasien mischt.


Die Realität hinkt dem Leben hinterher

Aus den Bildern von Porzellanleoparden, Kristallen und plüschigen Sofalandschaften spricht eine Faszination für das Halbweltliche und „Fremde“ (in ihrem Blick auf das „papageienbunte Leben“ in Brasilien durchaus auch im exotisierenden Sinne), aber auch ein Gefühl subtiler Verstörung. Alltagsnormalität und Obskurität, spießbürgerliche Enge und der Appeal des Weltläufigen liegen nicht weit voneinander entfernt. Einmal erinnert sich die Filmemacherin an die Besuche mit den Großeltern in der tagsüber meist leeren „Bar“, die man durch die Waschküche betrat: „Obwohl sie mir nichts erzählen, denke ich: Da stimmt etwas nicht. Vielleicht ist das gar keine richtige Bar“. Dann wieder ist sie das allwissende Kind, das die Biografien der Familienmitglieder in ein gesellschaftliches Sittenporträt hineinzeichnet.

"Im Schatten der Utopie" (Antoinette Zwirchmayr)
"Im Schatten der Utopie" (© Antoinette Zwirchmayr)

„Standfilme“ nennt die Künstlerin ihre filmischen Arbeiten. Künstlerische Referenzen sind vor allem im Bereich der inszenierten Fotografie und der feministischen Body Art (Francesca Woodman, Ana Mendieta) auszumachen; andere Bezüge sind die interaktiven Installationen von Lygia Clark. „Die Realität hinkte unserem Leben hinterher. Oder ging sie dem, was wir von unserer Zukunft wollten, voraus? Jedenfalls hatten wir uns fest vorgenommen, die Wirklichkeit so bald wie möglich zu überholen“, heißt es im letzten Teil. „Woran ich mich erinnere“ vollzieht diese Bewegung in ihrer ganzen Asynchronität mit.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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