© Bertz+Fischer (Plakat zu "Eroberer der Lüfte")

Kunst der Überwältigung - DDR-Filmplakate

Dienstag, 18.05.2021

Der Bildband "Großes Kino. Monumentale DDR-Filmplakate der 1960er Jahre" von Patrick Rössler versammelt rund 160 Entwürfe zu monumentalen Plakaten, mit denen in der DDR Kinofilme beworben wurden

Diskussion

Die Gestaltung von Filmplakaten wurde in der DDR Grafikern anvertraut, die besonders bei querformatigen Großflächen-Plakaten künstlerisch beachtliche Freiheiten erhielten. Ein attraktiver Bildband versammelt rund 160 Plakat-Entwürfe aus dem Bestand der Universität Erfurt sowie aus Privatbesitz, in denen die Vielfalt der Kinobewerbung in den 1960er-Jahren aufscheint.



Das Plakat trotzt der Printkrise. Auch in Zeiten des Digitalmarketings kann das papierbasierte Werbemittel noch nicht als ausgedient gelten, insbesondere nicht im Bereich der Kinobewerbung. Noch immer gehört das Filmplakat auf Litfaßsäulen und Plakatwänden zum unverzichtbaren Standard, und die Schaukästen an den Lichtspielhäusern sind für viele Zuschauer weiterhin die ersten Verkünder kommender Neustarts. Das hochformatige, an durchschnittlichen Armspannweiten orientierte Plakat ist dabei zwar das verbreitetste Werbemittel, historisch aber längst nicht das Maß aller Dinge.

Im besten Sinne plakativ: Das Kinoplakat zu "Bitterer Honig" von Tony Richardson (Bertz+Fischer)
Im besten Sinne plakativ: Das Kinoplakat zu "Bitterer Honig" von Tony Richardson (© Bertz+Fischer)

Tatsächlich gab es Zeiten, in denen systematisch auch Filmplakate monumentalen Ausmaßes angefertigt wurden, die es schon durch ihre schiere Größe nahezu unmöglich machten, sie zu übersehen. Mit einer Breite von 2,5 Metern und einer Höhe von rund einem Meter waren diese Großflächen-Plakate etwa in der DDR gang und gäbe als Teil der Werbestrategie des staatlichen Progress-Verleihs. Die aufgehängten Exemplare dürften zweifellos eindrucksvoll gewirkt haben, trotz ihrer unbestreitbaren Nachteile: So standen naturgemäß nur in begrenzter Zahl Flächen für diese Dimensionen zur Verfügung und die Plakate wurden nach einmaligem Gebrauch überkleistert und gingen damit verloren.

Als Glücksfall muss man es daher sehen, dass sich im Archiv der Universität Erfurt noch 130 Großflächen-Plakate befinden, die nun mittels eines neuen Bildbands erstmals öffentlich zugänglich gemacht werden. Ergänzt um weitere Exemplare aus einer privaten Sammlung versammelt das Buch „Großes Kino“ von Patrick Rössler insgesamt 162 Beispiele für ostdeutsche Kino-Großflächen-Plakate aus den Jahren 1959 bis 1966. Der Erfurter Kommunikationsforscher konnte dabei auf die enzyklopädische Vorarbeit des Grafikers Detlef Helmbold zurückgreifen, der 2018 mit seiner Studie „Mehr Kunst als Werbung“ über das gesamte Bestehen der DDR hinweg die Geschichte der DDR-Filmplakatkunst aufgearbeitet und auch die verantwortlichen Grafiker benannt hatte. Nach dieser Publikation und mehreren Ausstellungen präsentiert Rössler im Vergleich zwar nur einen Ausschnitt, der aber die einzelnen Plakate stärker zur Geltung bringt: Präsentiert jeweils auf einer eigenen Seite mit knappen Informationen zu den beworbenen Filmen und teilweise anderen Werbematerialien zum Kontrast.


Stimmungsmalerei

Auffallend ist, dass die beauftragten Grafiker sich offenbar vor allem als Stimmungsmaler verstanden und in der Arbeit mit Farben und abstrakten Formen die Filmfotos teilweise extrem verfremdeten. So greift das Plakat zum tschechoslowakischen Spionage-Abwehrfilm „Verräter im Netz“ die Metapher aus dem Titel in der Grafik buchstäblich auf und zeigt eine nur ansatzweise skizzierte Figur inmitten eines Netzes, hinter dem auch eine Spirale in knalligen gelb-weißen Abschnitten zu sehen ist. In dunklen Vorausdeutungen schwelgt das Plakat zu Louis Malles „Privatleben“, dessen linke Hälfte vom Kopf Brigitte Bardots – in giftigem Grün mit Ausnahme des rot leuchtenden Mundes – eingenommen wird, während im rechten Teil die Schemen von Paparazzi vor rotem Hintergrund die Hölle auf Erden andeuten, die auf Bardots Filmstar-Figur durch die Sensationsgier hereinbricht.

Auch optisch eingefangen: "Verräter im Netz" von Jinrich Polak (Bertz+Fischer)
Auch optisch eingefangen: "Verräter im Netz" von Jinrich Polak (© Bertz+Fischer)

Noch eindeutiger tritt die Schwere des behandelten Themas in den Plakaten zu Werken hervor, die den Widerstand gegen den Faschismus behandeln: Aus der purpur-schwarzen Gestaltung zum bulgarischen Film „…und sie waren jung“ lässt sich ablesen, wie wenig Hoffnung man sich für die Protagonisten machen darf, während ein mitabgebildetes Filmstill unverbindlich wirkt und nur lapidar erklärt, der Film behandele „Junge Liebe in einer schweren Zeit“. Beim italienischen Film „Die Nacht von Ferrara“ rückt das Plakat eine vor Brutalität strotzende Faschisten-Figur in den Vordergrund und setzt auch hier auf abstoßendes Schwarz und Grün.

Auf der anderen Seite gingen die Grafiker aber auch bei den leichten und heiteren Stoffen mit Lust am poppigen und farbenfrohen Stil zu Werk. Auf dem Plakat der dänischen Komödie „Einesteils der Liebe wegen“ des später für die DDR so bedeutenden „Olsenbanden“-Regisseurs Erik Balling herrscht ausgelassene Fröhlichkeit mit tanzenden Hauptdarstellern und offenbar begeistert den Mund aufreißenden Nebenfiguren vor freundlich-pastellfarbenem Hintergrund; bei der tschechoslowakischen Satire „Die Diebe von Pavlov“ linsen die Stars bereits vielversprechend aus den Kreisen von i-Punkten und Os auf eine Reihe schwarzer Schatten unter sich; beim tschechoslowakischen Liebesfilm „Jugendtage“ zeichnen weiche Farbtöne die Zartheit der geschilderten Liebe zweier Jugendlicher nach.


Panorama der DDR-Kinostarts

Die überwiegende Zahl der Filme stammt naturgemäß aus der DDR selbst sowie aus den verbündeten sozialistischen Staaten. Bekannte und maßgebliche Werke der Zeit stehen neben etlichen anderen, die keinen Anspruch auf einen besonderen Platz in der Filmgeschichte erheben können, über ihre Plakate aber dem Vergessen entrissen werden. Die Kinoproduktion der „Ostblockstaaten“ erweist sich hier als wesentlich ausdifferenzierter als sie im Rückblick oft erscheint. Die Grafiker machten ohnehin keine Qualitätsabstriche. So ist die Bewerbung eines ungarischen Revuefilms wie „Strahlen auf dem Eis“ oder eines tschechoslowakischen Schwanks wie „Fußballfanatiker im Abseits“ nicht weniger sorgfältig gestaltet als die von herausragenden DEFA-Produktionen wie „Königskinder“ und „Auf der Sonnenseite“ oder die einer filmkünstlerischen Offenbarung wie Tarkowskis „Iwans Kindheit“.

Das Nebeneinander dieser Filme durch ihre Anordnung nach dem DDR-Kinostarttermin ist abwechslungsreich und erhellend, wie auch jene Plakate, bei denen die Propaganda-Bedürfnisse des Staates die Gestaltung erkennbar beeinflusst haben: Beim Plakat des bulgarischen Spionageabwehr-Films „Keine Chance für Spione“ unterstreicht eine selbstbewusst ins schwarze Bild gehaltene Hand mit Taschenlampe, die einem erschreckt blickenden Mann ins Gesicht leuchtet, dass anti-kommunistische Agenten sich wirklich keine Hoffnung bei ihren Plänen machen sollten. Oder auch die dokumentarische Kommunismus-Aufstiegssaga „Kampf um Deutschland“, wo die Rote Fahne und die Flagge der DDR über exakt gleich angeordneten historischen Bildausschnitten stehen und damit die Einheit der kommunistischen Gesellschaften betonen. Anderswo tritt die Ideologie weniger überdeutlich hervor, spiegelt sich aber dennoch in den positiven Abbildern kerniger junger Arbeiterinnen und Arbeiter oder ihrer Werkzeuge, Gerätschaften und Fahrzeuge.

Filme vom Klassenfeind: "Die Brücke" von Bernhard Wicki (Bertz+Fischer)
Filme vom Klassenfeind: "Die Brücke" von Bernhard Wicki (© Bertz+Fischer)


Auch das „feindliche“ Ausland ist vertreten

Umgekehrt scheinen die karikaturesken Züge bei den Grafiken zu Filmen, insbesondere Komödien, aus dem „feindlichen“ Ausland stärker einzufließen. Mitunter setzen die DDR-Plakate aber auch einfach andere Akzente: „Die Brücke“ zum Beispiel, mit fünf Jahren Verzug als einer der wenigen westdeutschen Filme vertreten, wird mit einer äußerst abstrakten Darstellung beworben, in der Waffen, Schutzzäune und Soldaten allesamt wie vom Kriegsfeuer aufgelöst scheinen, während von dem Schicksal der jungen Hauptfiguren und damit dem wichtigsten Aspekt der Antikriegsbotschaft in der Grafik nichts zu sehen ist. „Die glorreichen Sieben“, der einzige US-amerikanische Vertreter in dem Buch, kommt mit einer schlichten, von Gelb in Schwarz übergehenden Fläche daher, auf der allein der Titel und einige wenige Angaben zum Film stehen – ein enormer Kontrast im Vergleich zum entsprechenden BRD-Kinoplakat, wo Action und Spannung des Westerns und nicht zuletzt die Besetzung inklusive dem heimischen Star Horst Buchholz hervorgekehrt wurden.

Auffallend und aufschlussreich ist auch, welche Filme fehlen – in einigen Fällen, weil keine Plakate erhalten sind, überwiegend aber, weil ihnen in diesen Jahren kein Start in Ostdeutschland vergönnt war: Alles von der Nouvelle Vague, das italienische Arthouse-Kino von Fellini, Antonioni, Visconti & Co., Ingmar Bergman und Akira Kurosawa, amerikanische und britische Perlen von „Psycho“ bis „Lawrence von Arabien“, von „West Side Story“ bis „Dr. Seltsam“.

All diese Elemente machen Rösslers „Großes Kino“ zu einem hochinformativen, sehr vergnüglichen Bildband, der auch beim wiederholten Durchblättern immer wieder Überraschungen zutage fördert. Einzig der monumentale Charakter der Plakate vermittelt sich im Buchformat nicht ohne weiteres: Um sich die reale Überwältigungskraft bei den ums Zehnfache verkleinerten Abbildungen zu vergegenwärtigen, braucht es ein gewisses Abstraktionsvermögen.




Großes Kino. Monumentale DDR-Filmplakate der 1960er Jahre. Von Patrick Rössler. Verlag Bertz und Fischer, Berlin 2021. 184 Seiten, 314 Fotos. 29 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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