Serie: Love, Death & Robots - Staffel 2

Dienstag, 18.05.2021

Die Fortführung einer Science-Fiction-Anthologie rund ums Verhältnis Mensch-Maschine, die in kurzen Episoden mit unterschiedlichen Animationsstilen arbeitet und eine Vielzahl von Fantasy- und Science-Fiction-Motiven verquickt.

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Dass große Geräte wie Autos, Heißmangeln oder Aufsitz-Rasenmäher gefährlich werden können, kennen wir aus diversen Horrorfilmen. Man darf aber auch das Mordpotenzial der kleinen Haushaltsgeräte nicht unterschätzen! Schonmal überlegt, was der Saugbot so denkt, wenn er den lieben langen Tag seine Runden zieht? Vielleicht grübelt er darüber, dass sein Besitzer einen furchtbaren Geschmack in Einrichtungsfragen hat oder dass der kleine Köter der Hauptgrund ist, warum seine Staubsaugerfilter ständig mit Haaren verstopfen, die ihm das Atmen so schwer machen? Das Regie-Trio Meat Dept hat nur 13 Minuten Zeit, um die ganze Tiefe des inneren Konflikts dieses Tech-Dienstboten klarzumachen. Daher geht es schnell in medias res: Alles, was ihn nervt, muss weg, und im Zweifel das Frauchen gleich mit, das immer hysterischer versucht, den sich langsam zu einem Todesstern wandelnden „Vaccubot“ via Kundenservice unschädlich zu machen. Dumm nur, wenn am Headphone ebenfalls nur eine Computerstimme schwurbelt. „Wenn Sie ihren Pudel opfern wollen, drücken Sie bitte die ‚1‘!“

Neues über das Mit-, oder Gegeneinander von Mensch und Maschine

„Automatisierter Kundenservice“, eine der besten Folgen der neuen Staffel von „Love, Death & Robots“, ist ein schöner, bissiger Hinweis darauf, dass wir uns gerade unser eigenes Hightech-Grab schaufeln. Die kleine, aber feine Animationsfilmübung nach einer Kurzgeschichte von John Scalzi („Krieg der Klone“) ist ein gelungener Auftakt für die Weiterführung der Animations-Reihe, für die sich als Produzenten Joshua Donen, David Fincher, Jennifer Miller und Tim Miller verantwortlich zeichnen. Dabei sind die neuen Folgen, die zwischen sieben und achtzehn Minuten lang sind, erneut jeweils eigenständig, sowohl stilistisch als auch erzählerisch. Gemein ist ihnen allen nur, dass es immer um das Mit-, oder besser Gegeneinander von Mensch und Maschine geht. Und dass Liebe nicht immer die Lösung des Problems darstellt.

Der Begriff „Maschine“ ist hier recht weit gefasst, fallen doch auch genetisch hochgezüchtete Menschen darunter, die, wie einst in Andrew Niccols Dystopie „Gattaca“, für eine bessere Welt „modifiziert“ wurden. In der Episode „Eis“ will sich ein unvollkommener Zögling mit seinem genetisch hochgerüsteten Bruder messen und den Beweis antreten, dass manchmal der Zufall das stärkste Überlebensargument sein kann.

Hinter den meisten der acht Kurzanimationen stehen Gedankenwelten, die so oder ähnlich schon einmal in Langfilmen ausgebreitet wurden. „Jäger und Gejagte“ könnte auch in der Welt von Blade Runner spielen. Und in „Snow in der Wüste“ fehlt nur der Puppet Master, um die Fusion zwischen Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker und dem Anime „Ghost in the Shell“ zu offenbaren. Der Kurzfilm „Im Hohen Gras“ wurde zwar durch Bestsellerautor Joe R. Lansdale („Bubba Ho-Tep“) inspiriert, könnte aber auch als Variation zu Stephen Kings gleichnamigen Mystery-Schocker durchgehen. „Der ertrunkene Riese“ gewinnt Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ eine erstaunlich pragmatische Seite ab. Und in „Rettungskapsel“ will eine helfende Roboterhand einmal mehr nicht so, wie ihr Gebieter es eigentlich programmiert hat.

Von bekanntem Genre-Terrain zu neuen Ufern

Solche Inspiration durch klassische Genre-Stoffe muss keinesfalls ein Manko sein, wenn sie originell, kurz und knackig vom bekannten Terrain durch Untiefen zu neuen Ufern führt. Die Kurzfilme von „Love, Death & Robots“ erfüllen das durchaus. Wenn die Pointen einmal nicht sitzen, wie bei „Eis“ und „Der ertrunkene Riese“, vom Mitschöpfer der Anthologie Tim Miller („Deadpool“) inszeniert, ist das ein wenig ernüchternd.

Das ist zu verkraften, weil ansonsten der Aufbau stimmt. „Der ertrunkene Riese“ glänzt durch atemberaubende Aufsichten auf einen reglosen Riesen am Strand. „Snow in der Wüste“ und „Rettungskapsel“ begeistern durch eine kluge Spannungsdramaturgie und eine gesunde Härte, wenn sie ihre Helden durch die Hölle schicken. „Automatisierter Kundenservice“ elektrisiert im wahrsten Sinne durch eine brillante Mischung aus Humor, Horror und Hintersinn.

Entscheidender als die Geschichte ist aber die kreative Umsetzung. Expressionistischer Pinselstrich versus Fotorealismus. „Malen nach Zahlen“ versus 36-Bit-HDR10+-Farbtiefe. „12 Zeichnungen pro Sekunde“ versus „120 fps -High Frame Rate“. Während die meisten der acht Beiträge sich darin zu übertreffen suchen, den Zuschauer mit möglichst illusionistisch-lebensechten Settings zu erstaunen, gehen drei Beiträge andere Wege. „Automatischer Kundenservice“ gibt seiner menschlichen Protagonistin, die in einer US-amerikanischen „Gated Community“-Vorstadt lebt, eine geradezu grotesk überzeichnete Physiognomie, die eher an die riesigen Pappmaché-Figuren der Karnevalsumzüge erinnert als an reale Menschen. „Eis“ mit seiner grafisch-scharfen, flächigen, aber ungemein schwungvoll animierten „Comic-Cell“-Optik erinnert wohltuend an das künstlerische Segment 14 „Zima Blue“ aus der ersten Staffel. „Im Hohen Gras“ fasziniert durch eine CGI-Technik, die die Protagonisten als fotorealistisch animierte Holzmarionetten erscheinen lässt.

Ausgerechnet die kürzeste Episode ist auch die rundherum eindrucksvollste der neuen Staffel. Episode 6 heißt schlicht „Bescherung“ und öffnet uns die Augen mit der Erkenntnis, dass der Weihnachtsmann, so wie ihn uns die Werbung vorgaukelt, nicht zwangsläufig etwas mit jenem Wesen zu tun haben muss, das uns tatsächlich die Geschenke bringt. „Bescherung“ konterkariert seine possierliche „Disney-CGI-Animation“ wirkungsvoll mit einer sinistren kleinen Geschichte und wird zum auf den Punkt gebrachten Horror-Kabinettstückchen, das alle dazu ermahnt, das Jahr über besser lieb und artig zu sein. Denn was sonst hinterm Weihnachtsbaum lauert, ist schrecklich!


Die acht Episoden des Jahres 2021 im Überblick:

1. „Automatisierter Kundenservice“ (13 Min. Regie: Meat Dept (Kevin Dan Ver Meiren, David Nicolas, Laurent Nicolas)

Ein Reinigungsroboter nimmt die Geschicke „seines“ Haushalts in die eigene Hand und erklärt Besitzerin und Pudel zu Ungeziefer.

2. „Eis“ (13 Min. Regie: Robert Valley)

In einer Welt, in der modifizierte Menschen die Regel darstellen, will ein normaler Jugendlicher mit seinem Athletenbruder und seiner Posse beim Freizeitsport auf Leben und Tod bestehen.

3. „Jäger und Gejagte“ (18 Min. Regie: Jennifer Yuh Nelson)

Die Geister der nach Dienstplan getöteten Kinder machen es einem Polizisten zunehmend unmöglich, in einer futuristischen Welt zu leben, in der „nicht nach Plan“ gezeugtes Leben nicht existieren darf.

4. „Snow in der Wüste“ (18 Min. Regie: Leon Berelle, Dominique Boidin, Remi Kozyra, Maxime Luere)

Weil sich seine Körperzellen durch einen Gendefekt immer wieder regenerieren, wird ein Albinomensch auf seinem heimatlichen Wüstenplanet von Kopfgeldjägern gejagt. Doch er bekommt Hilfe von einer Frau, die trotz aller Unterschiede mehr mit ihm gemein hat, als es sich der Einzelgänger erträumen konnte.

5. „Im hohen Gras“ (11 Min. Regie: Simon Otto)

Ein Zug kommt in einer Schilflandschaft unplanmäßig zum Halt und beschert einem sich die Beine vertretenden Passagier einen grauenvollen Einblick in die Fauna inmitten der Gräser.

6. „Bescherung“ (7 Min. Regie: Elliot Dear)

Zwei Kinder können vor Aufregung ob des bevorstehenden Heiligabends nicht schlafen und machen den Fehler, nachschauen zu wollen, wer denn nun wirklich die Geschenke bringt.

7. „Rettungskapsel“ (14 Min. Regie: Alex Beaty)

Das Erreichen der Rettungskapsel bedeutet für einen im Luftkampf abgeschossenen Weltraumpiloten nicht die erhoffte Erleichterung, da der in ihr harrende Wartungsroboter eine eigene Vorstellung von Freund und Feind hat.

8. „Der ertrunkene Riese“ (14 Min. Regie: Tim Miller)

Eine Forschungsgruppe wird beauftragt, einen am Strand angespülten menschenähnlichen Riesen zu observieren. Einer der Wissenschaftler beginnt, über die vermeintliche Jahrmarktssensation ein Tagebuch des Verfalls zu führen.

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