© Rapid Eye Movies (aus „Berberian Sound Studio“)

Alles ist erlaubt - Peter Strickland

Mittwoch, 26.05.2021

Ein Porträt des britischen Regisseurs Peter Strickland

Diskussion

Der 1973 geborene britische Filmemacher Peter Strickland ist eine besondere Erscheinung im europäischen Kino. Als profunder Kenner des Genrefilms der 1970er-Jahre, insbesondere von Horrorfilmen und Krimis, gestaltet er eigentümliche Hommagen, die er in unerwartete Richtungen führt. Auch in seinem jüngsten Film Das blutrote Kleid, der in Deutschland auf DVD und Blu-ray erscheint, bleibt er sich mit einer Erzählung über ein Textil mit gefährlichem Eigenleben selbst treu.


„Ein Stoff, der an Berührung erinnert“, schwärmt die Verkäuferin (Fatma Mohamed) versonnen, während sie das rote Kleid liebevoll durch ihre Finger gleiten lässt. Sie ist eine eigentümliche Frau, den Kopf zur Seite geneigt, die Haare streng zurückgekämmt, weshalb die großen, braunen Augen noch neugieriger wirken, bekleidet mit einem pechschwarzen, aufgebauschten Rokoko-Kleid, das im Umfeld dieser Boutique im heutigen London eigentümlich deplatziert wirkt. Und dann dieser strenge osteuropäische Akzent, der die Fremdheit noch verstärkt. „Die Umkleide wartet darauf, dass Sie und das Kleid zu einer Einheit verschmelzen“, wird sie später die Kundin mit geschwollenen Worten zum Kauf verlocken.


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Der britische Regisseur Peter Strickland widmet sich mit seinem jüngsten Film Das blutrote Kleid (2018), der mehr als zweieinhalb Jahre nach seiner Uraufführung endlich auf DVD erscheint, wieder seinem Lieblingsthema Fetischismus. Ein rotes Kleid, gekauft in einer luxuriösen Boutique, hat für jeden Menschen, der es sich überstreift, unübersehbare und unangenehme Folgen, so wie schon der Mantel in Nikolaj Gogols gleichnamiger Erzählung seinen Träger veränderte oder die roten Schuhe aus Hans Christian Andersens Märchen die Ballerina in den Tod trieben. „Die Person, die mich trägt, lernt mich kennen“, steht auf einem eingenähten Label geschrieben. Drohung oder Versprechen? In jedem Fall wird die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, Körper und Kleidung, aber auch zwischen Leben und Tod noch einmal betont.

Peter Strickland beim Dreh zu „Katalin Varga“ (© IMAGO / Everett Collection)
Peter Strickland beim Dreh zu „Katalin Varga“ (© IMAGO / Everett Collection)

„Mir geht es eher um das erotische Potenzial eines unbelebten Objekts. Nicht viele Filmemacher haben diese Macht erkannt, Walerian Borowczyk und Luis Buñuel vor allem. Persönlich mag ich Filme, die die Macht eines Objektes anschauen. Jeder von uns hat das an sich, auch wenn der Fetischismus dies ins Extrem treibt. Manchmal reicht es schon, auf der Straße ein Parfum zu riechen oder eine Person hat denselben Geruch wie die ehemalige Geliebte. Im Film geht es um Atmosphäre, um Textur, um Anfassen“, sagt Peter Strickland, um seine Faszination für die Erotik der Dinge, seiner Bewunderung für das von Menschen Gemachte zu betonen.


Keine Berührungsängste vor dem Exploitation-Kino

Es gibt im zeitgenössischen Arthouse-Kino wohl keinen anderen Regisseur, der derart mutig seinen Obsessionen nachspürt. Häufig wird er wegen seiner Exkursionen ins Skurril-Fantastische mit David Lynch und wegen seiner prägnanten Farbdramaturgie mit Dario Argento verglichen. Dabei hat Strickland keine Berührungsängste vor dem Exploitation-Kino. Selbstsicher bewegt er sich zwischen Anspruch und Trash, Kunst und Genre. Er entführt den Zuschauer in andere Welten, wie es nur ganz wenigen Regisseuren gelingt.

Peter Strickland, am 21. Mai 1973 in Reading, Berkshire, geboren, wollte immer schon Filme machen. Allerdings wurde er von jeder Filmhochschule, an der er sich bewarb, abgelehnt. 1992 adaptierte er Kafkas „Verwandlung“ für ein Amateurtheater und realisierte mehrere Super8-Filme. Zwei Jahre später gründete er seine eigene Produktionsfirma. Mit Freunden entstand das Kunstprojekt „The Sonic Catering Band“, das sich mit Body-Pop, Sound Poetry und entomologisch-akustischen Exkursionen einen Namen machte. Ein erster Hinweis auf die ausgetüftelten Sounddesigns, die seine Filme später prägen.

Kurz darauf gelang es ihm, den 15-minütigen Kurzfilm „Bubblegum“ auf die Beine zu stellen, mit dem Warhol-Star Holly Woodlawn als Supermarktkassiererin, die sich von dem Underground-Filmemacher Nick Zedd als vermeintlich berühmtem Rockstar (mit „Leningrad Cowboys“-Tolle) beeindrucken und zu einem Date überreden lässt. Der Film war 1997 im Kurzfilmprogramm des Panoramas der „Berlinale“ zu sehen. Mit „A Metaphysical Education“ folgte 2004 ein weiterer Kurzfilm.


Kalte Momente in Transsylvanien

2008 ermöglichte es Strickland eine große Erbschaft, endlich seinen ersten Spielfilm zu realisieren: Katalin Varga, gedreht in Transsylvanien auf Ungarisch. Der Film lief 2009 im Wettbewerb der „Berlinale“, wurde kontrovers diskutiert und gewann prompt den „Silbernen Bären“ für das Sounddesign. Das würdigte sehr treffend die Aufmerksamkeit, mit der sich der Regisseur den Geräuschen widmet, egal ob natürlicher Art oder von Menschen gemacht. Die isländische Sängerin Björk engagierte ihn aus diesem Grund, um ihre „Biophilia“-Show in London für den Konzertfilm Björk: Biophilia Live (2014) zu dokumentieren. Katalin Vargaerzählt die Geschichte der Titelheldin, die von ihrem Mann verstoßen wird, nachdem er erfahren hat, dass er nicht der Vater des zehnjährigen Orban ist. Katalin beschließt daraufhin, die beiden Männer zu suchen, die sie vor elf Jahren vergewaltigt haben. Einer von ihnen ist Orbans Vater; beide sind schuld an der Schande, die sie jetzt ertragen muss.

Hilda Péter in „Katalin Varga“ (© imago images/Everett Collection)
Hilda Péter in „Katalin Varga“ (© imago images/Everett Collection)

Mutter und Sohn brechen mit einem langen, schmucklosen Pferdewagen, der aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, auf eine Reise durch die Karpaten auf. Sie kommen auch am damaligen Tatort auf einer Lichtung vorbei. Zu sehen ist hier nichts mehr, keine Spuren verweisen auf das Verbrechen. Orban spielt hier unbekümmert. Fast eine Idylle, von der Kamera pittoresk eingefangen, mit einem einsamen Baum in der Mitte und einem majestätischen Berg im Hintergrund. Doch Katalin durchläuft es wie ein Schauder. In einem nahegelegenen Dorf erkennt die junge Frau einen der Angreifer wieder. Sie beginnt mit dem Ahnungslosen einen Flirt und tötet ihn dann mit einem Stein. Dabei ist nur zu sehen, wie sie den Stein senkt, nicht, wie er das Opfer trifft.

Mit einem Mal ist der Zuschauer, so scheint es auf den ersten Blick, mittendrin in einem „Rape and Revenge“-Thriller, jenem Untergenre des Selbstjustiz-Kinos, das mit Filmen wie Wer Gewalt sät (1971), Das letzte Haus links (1972) und Ich spucke auf dein Grab (1978) in den 1970er-Jahren hervortrat und für zwiespältige Aufmerksamkeit sorgte. Doch hier ist etwas anders. Strickland kennt die Vorbilder. Doch er wandelt sie ab. Die Vergewaltigung zeigt er nicht. Vielmehr manifestiert sie sich in den Worten einer Erzählung. Als Katalin den zweiten Täter Antal ausfindig gemacht hat, unternimmt sie mit ihm und seiner Frau eine Bootstour, auf der sie in allen Details von der Vergewaltigung berichtet. Ein schrecklicher, kalter Moment, weil die Worte so viel grausiger sind, als es Bilder jemals sein könnten. Weil Antal sich aber mit Orban angefreundet hat, verpuffen Katalins Rachegelüste. Sie fordern ein anderes, noch viel größeres Opfer.

Strickland spielt hier bewusst mit der Zeitperiode. Glaubt man zu Beginn noch, der Film sei Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt, belehren mobile Telefone und Autos später eines anderen. Strickland hat eine expressionistische Form der Realität kreiert, irgendwo zwischen den Werken von Werner Herzog und Andrej Tarkowski. Darum entfaltet der Film so eine erzählerische Wucht.


Zerhacktes Gemüse im Tonstudio

Beim Europäischen Filmpreis 2009 wurde Peter Strickland wegen Katalin Varga als „Entdeckung des Jahres“ gefeiert. Trotzdem fand sein Spielfilmdebüt in Deutschland keinen Verleih; nicht einmal auf DVD ist er erschienen. Erst 2012 wurde Strickland einem cinephilen Publikum er mit Berberian Sound Studio (2012) bekannt. Der Film erzählt die Geschichte des britischen Sounddesigners Gilderoy, dargestellt von Toby Jones. Als Gilderoy 1976 nach Italien kommt, um einen Horrorfilm sachgerecht zu vertonen, ist er gleich mehrfach irritiert: von den arroganten Machos im Tonstudio, den schönen Synchronsprecherinnen und der blutigen Gewalt, die er auf der Leinwand mitansehen muss. „Il vortice equestre“, heißt der zu vertonende Film, Giancarlo Santini ist der Regisseur. Gilderoy nimmt penibel auf, wie Wassermelonen platzen und Gemüse zerhackt wird, um die akustische Illusion von grausam verstümmelten Körpern herzustellen. Doch der Protagonist verliert sich immer mehr in der albtraumhaften Klangwelt des Films – bis sich Realität und Fiktion vermischen, so als sei dies ein Film von David Lynch, Lost Highwayoder Mulholland Drive vielleicht. Das Unerklärliche wird zum Faszinosum.

„Berberian Sound Studio“ (© Rapid Eye Movies)
„Berberian Sound Studio“ (© Rapid Eye Movies)

Peter Strickland inszenierte mit satten Farben (rot vor allem), gewagten Schnitten und unheilverkündendem Soundtrack eine Hommage an den italienischen Giallo – mit einer Verbeugung insbesondere vor Mario Bava und Dario Argento. Auf die Frage, ob er für eine Szene in seinem nachfolgenden Film The Duke of Burgundy (2014) durch Massimo Dallamanos Das Geheimnis der grünen Stecknadel, einen späten Beitrag zur „Edgar Wallace“-Reihe der 1960er-/1970er-Jahre in deutsch-italienischer Produktion, beeinflusst sei, verneinte er zwar, brach aber gleichzeitig in Begeisterung für den Krimi aus.

Strickland liebt das Genre-Kino, vor allem das italienische, und er kennt es gut. Das wird auch in Berberian Sound Studio deutlich. Die blutrünstigen Szenen wie überhaupt den ganzen Film im Film spart Strickland aus; man hört nur, wie Obst und Gemüse zerquetscht und zerstochen werden, und denkt sich seinen Teil. Das eigentliche Grauen, der eigentliche Film, findet im Kopf des Zuschauers statt, so wie zuvor in Katalin Varga oder danach in The Duke of Burgundy. Strickland macht das Unsichtbare sichtbar, er animiert die Vorstellungskraft. Das ist verdammt clever. Mehr noch: Er verleiht seiner Liebe zum Handwerk des Geräuschemachens Ausdruck. Hier gibt es keine Laptops mit Soundprogrammen, die alles können. Hier gibt es noch große Automaten mit verschiebbaren Knöpfen und Tonbandgeräte, deren Bänder sich langsam drehen.


Dominanz und Unterwerfung

Mit The Duke of Burgundy (2015) festigte Strickland seinen Ruf als einer der interessantesten und aufregendsten Regisseure Europas. Zwei lesbische Frauen (Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna) spielen in einem einsam gelegenen Landhaus Herrin und Zofe. Doch weil die Ältere, eine Insektenforscherin, mit ihrer Rolle als strenger Domina hadert, drohen sich die beiden Frauen zu entfremden. Strickland führt hier seine Beschäftigung mit dem Exploitation-Kino weiter. Nach dem „Rape and Revenge“-Thema vonKatalin Varga und der liebevollen Hommage an den italienischen Giallo in Berberian Sound Studio ließ er sich nun vom erotischen Kino der 1970er-Jahre, von den Filmen eines Jess Franco oder Just Jaeckin inspirieren, aber auch Luis Buñuel kommt in den Sinn, mit der Fügsamkeit des Dienstmädchens in Viridiana (1961), dem Stiefel-Fetischismus in Tagebuch einer Kammerzofe (1963) und der körperlichen Züchtigung in Belle de Jour (1966).

Chiara D'Anna in „The Duke of Burgundy“ (© IMAGO / Everett Collection)
Chiara D'Anna in „The Duke of Burgundy“ (© IMAGO / Everett Collection)

Der Eindeutigkeit eines Films wie Barbet Schroeders „La maitresse“, in dem echte Dominas ihr schmerzhaftes Handwerk verrichten, verweigert sich Peter Strickland. Wie in den vorangegangenen Filmen überlässt er vieles der Fantasie des Zuschauers. Als die Hausherrin die Zofe ins Badezimmer zerrt und hinter geschlossener Tür bestraft, kann der Zuschauer nur hören, was passiert. Die Abscheu ist darum umso größer. Strickland geht es hier um das Verhältnis von Macht und Unterwerfung, um die Fähigkeit, sexuelle Bedürfnisse zu artikulieren, um die gesellschaftliche Akzeptanz von BDSM. „Als der Film herauskam, gab es einige Missverständnisse. Einige sagten, es sei ein lesbischer Film – was so nicht stimmt. Es ist natürlich auch kein heterosexueller Film – es ist keins von beiden. Es ging mir vor allem um eine parallele Welt. Wenn man einen richtigen lesbischen Film sehen will, sollte man sich die Filme von Monika Treut anschauen. „The Duke of Burgundy“ ist eine männliche Konstruktion von weiblicher Begierde – das kann nicht authentisch sein“, so der Regisseur.

Die eigentliche Bedeutung dieses Films liegt in seiner traumähnlichen Inszenierung. Die Schönheit der Natur, von Kameramann Nic Knowland betörend eingefangen, das eindrucksvolle Herrenhaus und die efeuumrankten Häuser der Nachbarschaft machen jene parallele Welt aus, von der Strickland spricht. Nicht zu vergessen das nuancierte Sounddesign mit all seinen Naturgeräuschen sowie die eindrucksvolle Musik des Duos Cat's Eyes. „The Duke of Burgundy“ ist dadurch ein sehr sinnlicher Film, glänzend inszeniert, mit bizarren, surrealen und komischen Einschüben.


Das Kleid sprengt die Waschmaschine

Dem folgte Das blutrote Kleid(2018), skurril und elegant, ironisch und teuflisch. Und irgendwie anders. Sie schon in Berberian Sound Studio nimmt Strickland wieder Anleihen beim italienischen Giallo und beim Horrorfilm. Er lässt sich inspirieren und scheut nicht vor Momenten zurück, die die Engländer „kinky“ nennen: Einmal lässt sich eine junge Frau beim Sex mit ihrem Freund ans Bett fesseln, ein anderes Mal streift sich ein Mann beim Junggesellenabschied das rote Kleid über. Ob Fetischismus oder Transvestismus: bei Strickland ist alles erlaubt. „Das blutrote Kleid“ gleicht einem Albtraum: Ein Kleid, das zu leben scheint und einen eigenen Willen hat, das wie ein Geist durchs Schlafzimmer fliegt und sogar die Waschmaschine sprengt.

„Das blutrote Kleid“ (© Koch Films)
„Das blutrote Kleid“ (© Koch Films)

Die Boutique hingegen ist ein Ort der Groteske, den David Lynch ersonnen haben könnte. Die eigentümlichen Verkäufer – sind es Geister, Untote oder Hexen? – winken die Kunden mit ausladenden Armbewegungen heran, die daraufhin die Boutique wie beim Sommerschlussverkauf stürmen; einmal kommt es sogar zur Schlacht am Wühltisch. Die rumänische Schauspielerin Fatma Mohamed müsste mit ihrer Darstellung eigentlich zum Kultstar des englischen Horrorkinos avancieren, ähnlich wie früher Barbara Steele oder Valerie Leon. Einmal nimmt sie sich die Perücke ab und präsentiert eine Glatze, so wie Constance Towers in Samuel Fullers Der nackte Kuss. Ein unheimliches Bild, wild und bizarr. Peter Strickland ist sich einmal mehr treu geblieben.


Die Zitate stammen aus einem Gespräch, das Michael Ranze 2015 anlässlich des Kinostarts von „The Duke of Burgundy“ mit Peter Strickland führte.


Hinweis:

Katalin Varga“ kann auf Youtube oder als Import-DVD geschaut werden, die anderen Filme sind in Deutschland auf DVD erschienen.

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