© IMAGO / Ronald Grant (Norman Lloyd mit Priscilla Lane in „Saboteure“)

Passionen: Hitchcocks „Saboteure“ und Norman Lloyd

Donnerstag, 27.05.2021

Eine Würdigung des US-Schauspielers Norman Lloyd (1914-2021) und seiner denkwürdigen Schurkenrolle in Alfred Hitchcocks „Saboteure“ (1942)

Diskussion

Am 11. Mai 2021 ist der amerikanische Schauspieler Norman Lloyd verstorben. Einen seiner denkwürdigsten Auftritte hatte er früh in seiner Karriere, in Alfred Hitchcocks „Saboteure“ (1942), in dem seine Figur im Auftrag amerikanischer Nazis eine Flugzeugfabrik in Brand steckt und danach vom Helden des Films gejagt wird. Für Jens Hinrichsen ein Musterbeispiel in Sachen Spannungskino.


Sein Leben hängt buchstäblich am seidenen Faden: Frank Fry (Norman Lloyd) baumelt in schwindelnder Höhe über Liberty Island. Quälend langsam reißt die Naht zwischen Frys Ärmel und seiner Anzugjacke. Am Ende seines Rettungsversuchs hält Barry Kane (Robert Cummings) den flatternden Ärmel des abgestürzten Bösewichts in der Hand. Alfred Hitchcock nannte es im Gespräch mit François Truffaut einen großen Fehler, den Schurken anstelle des Helden – also Barry – der Hängepartie auszusetzen. Paul Schrader zitierte die Szene 1980 in „Ein Mann für gewisse Stunden“, wo „American Gigolo“ Richard Gere nach dem tödlichen Balkonsturz eines Zuhälters, der ihn als Mordverdächtigen entlasten könnte, noch dessen Hose umklammert hält. Dramaturgisch ist das geschickter eingesetzt. Aber Hitchcock hat nun mal Pionierarbeit geleistet, im Thrillergenre und was filmische Ideen wie ihre Umsetzung angeht.


Spektakulärer Sturz von Lady Liberty

Das Finale von „Saboteure“ (1942) an der Fackel der Freiheitsstatue ist brillant inszeniert. Gemessen an der Entstehungszeit ist die Sequenz auch tricktechnisch clever realisiert, wie Fry-Darsteller Norman Lloyd in einem „Making of“ erläuterte. Während er auf einem Drehstuhl saß und Absturz-Verrenkungen markierte, wurde die Kamera per Flaschenzug hochgerissen. Der Studiohintergrund um Lloyd wurde per Maskentrick durch eine gemalte Vogelperspektive auf die Insel ersetzt. Lloyd freut sich in Laurent Bouzereaus „Saboteur: A Closer Look“ (2000) sichtlich darüber, dass der freie Fall immer noch so tödlich wirkt.


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Wie später in „Der unsichtbare Dritte“ (1959) spitzt sich das Drama an einem symbolträchtigen Ort zu. Was die politische Botschaft angeht, ist der spätere Film (der mit „39 Stufen“ und „Saboteure“ ein „Querfeldeinjagd“-Trio bildet), pessimistischer als sein Vorgänger: Während Eva Marie Saint von Cary Grant in letzter Sekunde aus dem Abgrund am Mount Rushmore gezogen wird, starren vier versteinerte Präsidentenköpfe teilnahmslos ins Weite. Staatsräson geht über Individualrechte. „Saboteure“, im Zweiten Weltkrieg gedreht, zeigt ein vergleichsweise positives Bild von Demokratie und Freiheit. Anders als in „Der unsichtbare Dritte“ (wo Grant mit einem erfundenen Agenten identifiziert wird) deutet die Verwechslung von Barry Kane mit dem wirklichen Saboteur Fry – der am Anfang die Fabrik in Flammen aufgehen lässt und den Tod von Barrys bestem Freund verschuldet – noch nicht auf ein systemisches Problem hin.

Der Schurke bedroht den Helden: Norman Lloyd und Robert Cummings in „Saboteure“ (© IMAGO / Everett Collection)
Der Schurke bedroht den Helden: Norman Lloyd und Robert Cummings in „Saboteure“ (© IMAGO / Everett Collection)

Wider die „America First“-Faschisten

Worin die Arbeit der Schurkenfraktion in „Der unsichtbare Dritte“ genau besteht, ist unklar. Die „Saboteure“ sind dagegen orientiert an realen amerikanischen Faschisten, die 1943 – also nach der Premiere des Films – sogar eine Partei gründeten, die „America First Party“. Trotz der rassistischen und antisemitischen Implikationen des Begriffs scheute Donald Trump in seiner Antrittsrede nicht davor zurück, den Slogan „America First“ 2016 zum Leitspruch seiner Präsidentschaft zu machen. Die antidemokratischen Drahtzieher sind bei Hitchcock (nicht nur in „Saboteure“) Leute aus der besten Gesellschaft, darunter der angesehene Bürger Charles Tobin (Otto Kruger) und die schwerreiche Witwe Henrietta Sutton (Alma Kruger). Nette Nazis. Die Pointe der Finalszene liegt darin, dass Fry – der die Drecksarbeit für die Faschisten erledigt, dessen Gedankenwelt uns aber verborgen bleibt – an der ausgestreckten Hand der personifizierten Freiheit hängt, nachdem er unglücklich über die Brüstung der begehbaren Fackel gestürzt ist. Barry nimmt sich die Freiheit, den skrupellosen Saboteur zu retten. Der Held setzt am Ende sein Leben aufs Spiel, um den Verbrecher vor dem Tod zu bewahren.

Während Hitchcock mit Robert Cummings in der Hauptrolle des unschuldig Gejagten unzufrieden war („Sein Gesicht wirkt lustig, und wenn er in einer wirklich üblen Situation steckt, sieht man das seinem Gesicht nicht an“), begeisterte er sich für Norman Lloyd – vier Jahre jünger als Cummings –, den er den fiesen Fry spielen ließ.


Eine lange Karriere

Am 11. Mai ist Lloyd im biblischen Alter von 106 Jahren in Los Angeles gestorben. Die ganz große Schauspielkarriere hat Lloyd in Hollywood nicht machen können, was möglicherweise damit zusammenhing, dass er als Ensemblemitglied von Orson Welles Mercury Theatre die Rolle des seinem Chef treu ergebenen Bernstein in Welles’ folgenreichem Hollywood-Debüt „Citizen Kane“ (1941) zwar spielen sollte, aber aus Termingründen an Everett Sloane abgeben musste. Im Spielfilm debütierte Lloyd dann erst in „Saboteure“. Während sein Kollege Otto Kruger – wie so viele andere Hitchcock-Potentaten vor und nach ihm – den Typus des reifen, gebildeten, abgründigen Herrn mit hervorragenden Manieren ausfüllte, verkörpert der 1,65 Meter große Lloyd den ersten jungenhaften Verbrecher einer schmaleren Ahnenreihe. Da fallen einem Farley Granger und John Dall als schwules Mörderpaar in „Cocktail für eine Leiche“ (1948) ein oder auch Martin Landau, der in „Der unsichtbare Dritte“ in den Oberspion Vandamm verschossen ist (dessen Darsteller James Mason hasste Landaus Rollenauslegung als Homosexueller).

Die zentrale Ausprägung dieses Typs ist aber Norman Bates in „Psycho“ (1960). Man könnte sogar vermuten, dass die Besetzung der in Robert Blochs Roman unattraktiven „Psycho“-Hauptfigur mit Anthony Perkins von einer Darstellung Lloyds inspiriert ist. Hitchcock besetzte ihn noch einmal in „Ich kämpfe um dich“ („Spellbound“, 1945), wo er einen Psychiatriepatienten mit Ödipuskomplex spielt, der allerdings nur in seiner Fantasie mordet – zum Beispiel Psychoanalytikerin Ingrid Bergman mit ihrem eigenen Brieföffner – und der dann einen Suizidversuch unternimmt.

Norman Lloyd in einer späteren Rolle: Als Schuldirektor auf Konfrontationskurs mit den Methoden des Lehrers John Keating (Robin Williams) (© Warner Bros.)
Norman Lloyd als Schuldirektor auf Konfrontationskurs mit den Methoden des Lehrers John Keating (Robin Williams) (© Warner Bros.)

Noch 2015 als ältester aktiver Hollywood-Schauspieler präsent

Zwar hat der Schauspieler Lloyd keine große, aber dafür eine lange Filmkarriere machen können. Er spielte Nebenrollen in Jean Renoirs „Der Mann aus dem Süden“ (1945), Joseph Loseys amerikanischem Remake von Fritz Langs „M“ (1951), verkörperte 1952 den Ballettdirektor Bodalink in Charles Chaplins „Rampenlicht“, war der autoritäre Schuldirektor im „Club der toten Dichter“ (1989), Mr. Letterblair in Martin Scorseses „Zeit der Unschuld“ (1993) und ein Professor im Ensemble von „In den Schuhen meiner Schwester“ (2005). Noch 2015 stand Lloyd für Judd Apatows „Dating Queen“ vor der Kamera und wurde dafür von der Presse als ältester aktiver Hollywoodschauspieler gefeiert.

Ganz im Gegensatz zu dem Nazi-Handlanger Frank Fry war Norman Lloyd linksliberal, freundete sich im Krieg mit deutschen Exilanten wie Brecht, Eisler und Schönberg an und geriet in der McCarthy-Zeit in den Verdacht, ein Kommunist zu sein. Er landete zwar nicht auf der berüchtigten „Schwarzen Liste“, doch tauchte er auf der sogenannten „Grauen Liste“ auf, woraufhin Lloyd Mühe hatte, in Hollywood Arbeit zu finden. Hitchcock, mit dem er seit „Saboteure“ befreundet war, beschäftigte ihn zwischen 1957 und 1965 als Regisseur, Executive Producer und gelegentlichen Darsteller in seiner Fernsehserie „Alfred Hitchcock Presents“, was eine lange Reihe weiterer TV-Engagements nach sich zog. Miss Liberty hat Norman Lloyd also irgendwie doch gerettet.

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