© CG Cinéma International (aus "Annette", dem Eröffnungsfilm von Cannes 2021)

Cannes will’s wissen

Freitag, 04.06.2021

Bei der Programmpressekonferenz für das 74. Cannes Film Festival (6.-17. Juli 2021) spielt das Kino als Kulturmacht die erste Geige.

Diskussion



Mit einem kompromisslosen Bekenntnis zum Kino als dem einzigen Ort wahrer Filmkunst will das 74. Cannes Festival (6.-17. Juli) der siebenten Kunst zu einer glanzvollen Rückkehr verhelfen. Das von Thierry Frémaux und Pierre Lescure im UGC Normandie Cinema in Paris präsentierte Programm umfasst 64 Filme und eine neue „Cannes Premiere“-Reihe. Präsident der Jury ist der US-Regisseur Spike Lee.


Das UGC Normandie Kino in Paris war mit Bedacht gewählt, um das mit Spannung erwartete Programm des 74. Festival de Cannes zu präsentieren. Denn der elegante Saal mit seiner schmucken Spiraldecke strahlt genau jene Würde und Konzentration aus, die Festivalchef Thierry Frémaux ins Zentrum seiner Präsentation rückte: das Kino als sehnlich vermisste, geradezu lebensnotwendige Kunst, das nach einem bitteren Pandemie-Jahr endlich wieder neu erstehen soll. Die anwesenden Journalisten waren deshalb nicht nur Medienleute, um Auswahl und Bedingungen, unter denen das in den Sommer verschobene Filmfestival in diesem Jahr stattfindet, in alle Welt zu kommunizieren. Sie standen vielmehr für all jene, die sich in den letzten 15 Monaten nach echten Kinobildern verzehrten, ohne diese Sehnsucht stillen zu können. Denn für Cannes und seine Macher ist das Kino weit mehr als ein Abspielort für Filme; es ist der Tempel der siebenten Kunst, eine Sphäre des gemeinsamen Sehens und Fühlens, die durch keine technischen Alternativen ersetzt werden kann.

Dazu passt die Entscheidung, auch weiterhin auf Netflix-Filme zu verzichten, weil der US-Streaminganbieter nicht die Bedingungen des Festivals erfüllen will, seine Festivalfilme anschließend in Frankreich auch ins Kino zu bringen. Darauf aber kommt es Cannes entschieden an: die Geschichten und Werke des Filmschaffenden kollektiv mit anderen zusammen in einem großen Raum und auf einer großen Leinwand zu erleben. Das 74. Cannes Festival will deshalb nicht nur eine trotzige Fortsetzung einer Tradition sein oder der verzweifelte Kampf eines angeschlagenen Geschäftsmodells, sondern ganz im Gegenteil: ein Symbol für die Wiederkehr der Kultur, ein vitales Zeichen für die Selbstbehauptungskräfte des Kinos, das nach der langen Dürre jetzt umso mehr erstrahlt.

Die Treue zum Festival

Auch beim Blick auf die lange Liste der „Selection offizielle“ mit ihren insgesamt 64 Filmen spürt man die Entschlossenheit, mit alter und neuer Kraft an die Croisette zurückzukehren und dem Festival all jenen Glamour wiederzugeben, für den es gerühmt wird. Frémaux betonte bei der Programmpräsentation mehrfach, wie sehr das Festival in den vergangenen Monaten die Verbundenheit und Treue der Filmemacher erfahren habe, etwas die von Spike Lee, der auch bei der x-ten Verschiebung des Zeitplans immer wieder betonte: Keine Sorge, ich werde da sein und meinen Part als Jurypräsident übernehmen. Aus dieser Kollaboration von Festival und Filmemacher heraus klärt sich wahrscheinlich die neu eingeführte Sektion „Cannes Premiere“, in der Filme von etablierten Regisseuren, deren Werke in den Jahren zuvor schon in Cannes zu sehen waren, zur Aufführung kommen, etwa „JFK Revisited: Through The Looking Glass“ von Oliver Stone oder die neuen Filme von Andrea Arnold, Arnaud Desplechin oder Hong Sang-Soo. Im Gegenzug wird die Nebenreihe „Un certain regard“ neu ausgerichtet; ihr Fokus gilt nur wieder dem ursprünglichen Ziel, jungen, innovativen Filmschaffenden einen Sprung in das internationale Arthouse-Kino zu verschaffen.

Das Programm des Wettbewerbs mutet vertraut an; europäische und asiatische Filmkunst dominieren, mit Werken von Leox Carax, Nanni Moretti, Mia Hansen-Love, Jacques Audiard, Asgahr Farhadi oder Apichatpong Weerasetakul und Ryusuke Hamaguchi; US-amerikanische Werke oder Genre-Filme sind eher spärlich vertreten; auch die deutsche Beteiligung beschränkt sich auf eine Co-Produktion: Maren Ade und Janina Jackowski haben die Romanadaption „The Story of my Wife“ von Ildikó Enyedi mitproduziert. Im 24 Filme umfassenden Wettbewerb sind Filme von Frauen weiterhin stark minoritär; nur vier Werke stammen von Regisseurinnen. Eröffnet wird das Festival am 6. Juli mit dem Musical „Annette“ von Leo Carax.

Das Festival findet vom 6. bis 17. Juli unter strengen Hygiene- und Pandemie-Bedingungen statt. Besucher müssten entweder geimpft sein, über einen negativen PCR-Test oder einen 48-stündigen Schnelltest verfügen; da in Frankreich die Kinos ab 30. Juni voraussichtlich wieder ohne Platzbeschränkungen in Betrieb sind, plant auch das Festival keine Einschränkungen; allerdings müssen in den Kinosälen Masken getragen werden; über die Modalitäten auf dem roten Teppich, ob dort die Maskenpflicht aufgehoben ist, wird mit den Behörden noch gerungen.


Das Programm des 74. Filmfestival Cannes


Wettbewerb

„Annette“ von Leos Carax (Eröffnungsfilm)

„Tre Piani“ von Nanni Moretti

„Everything Went Fine“ von François Ozon

„A Hero“ von Asghar Farhadi

„Bergman Island“ von Mia Hansen-Love

„Benedetta“ von Paul Verhoeven

„The Story Of My Wife“ von Ildikó Enyedi

„Flag Day“ von Sean Penn

„Titane“ von Julia Ducournau

„The French Dispatch“ von Wes Anderson

„Red Rocket“ von Sean Baker

„Petrov’s Flu“ von Kirill Serebrennikov

„France“ von Bruno Dumont

„Nitram“ von Justin Kurzel

„Memoria“ von Apichatpong Weerasethakul

„Lingui, The Sacred Bonds“ von Mahamat-Saleh Haroun

„Paris 13th District“ von Jacques Audiard

„The Restless“ von Joachim Lafosse

„La Fracture“ von Catherine Corsini

„Casablanca Beats“ von Nabil Ayouch

„The Worst Person In The World“ von Joachim Trier

„Compartment No.6“ von Juho Kuosmanen

„Ahed’s Knee“ von Nadav Lapid

„Drive My Car“ von Ryusuke Hamaguchi


Außer Konkurrenz

„Aline, The Voice Of Love“ von Valérie Lemercier

„Stillwater“ von Tom Mccarthy

„The Velvet Underground“ von Todd Haynes

„Emergency Declaration“ von Han Jae-Rim

„De Son Vivant“ von Emmanuelle Bercot

„Bac Nord“ von Cédric Jimenez

Where is Anne Frank" von Ari Folman


Midnight Screening

„Bloody Oranges“ von Jean-Christophe Meurisse

Tralala“ von Jean-Marie Larrieu

Suprêmesvon Audrey Estrougo


Cannes Premiere

„Hold Me Tight“ von Mathieu Amalric

„Cow“ von Andrea Arnold

„Love Songs For Tough Guys“ von Samuel Benchetrit

„Deception“ von Arnaud Desplechin

„Jane Par Charlotte“ von Charlotte Gainsbourg

„In Front Of Your Face“ von Hong Sang-Soo

„Mothering Sunday“ von Eva Husson

„Evolution“ von Kornél Mundruczo

„Val“ von Ting Poo, Leo Scott

„JFK Revisited: Through The Looking Glass“ von Oliver Stone

Vortex“ von Gaspar Noé


Special screenings

„H6“ von Yé Yé

„Black Notebooks“ von Shlomi Elkabetz

„Mariner Of The Mountains“ von Karim Aïnouz

„Babi Yar, Context“ von Sergei Loznitsa

„The Year Of The Everlasting Storm“ von Jafar Panahi, Anthony Chen, Malik Vitthal, Laura Poitras, Dominga Sotomayor, David Lowery, Apichatpong Weerasethakul

New Worlds, the craddle of a civilzationvon Andres Muscato

Mi iubita, mon amour von Noémie Merlant

Are you lonesome tonight?von Wen Shipei


Un Certain Regard

„The Innocents“ von Eskil Vogt

„After Yang“ von Kogonada

„Lamb“ von Valdimar Jóhannsson

„Noche De Fuego“ von Tatiana Huezo

„Bonne Mère“ von Hafsia Herzi

„Blue Bayou“ von Justin Chon

„Moneyboys“ von C.B Yi

„Freda“ von Gessica Généus

„Un Monde“ von Laura Wandel

„Commitment Hasan“ von Hasan Semih Kaplanoglu

„House Arrest“ von Alexei German Jr.

„Let There Be Morning“ von Eran Kolirin

„Unclenching The Fists“ von Kira Kovalenko

„Women Do Cry“ von Mina Mileva, Vesela Kazakova

„Rehana Maryam Noor“ von Abdullah Mohammad Saad

„Great Freedom“ von Sebastian Meise

„La Civil“ von Teodora Ana Mihai

„Gaey War“ von Na Jiazuo

Mes frères et moi“ von Yohan Manca


Quinzaine des Réalisateurs

Murina“ von Antoneta Alamat Kusijanović

Clara Sola“ von Nathalie Álvarez Mesen

The Hills Where Lionesses Roar“ von Luàna Bajrami

Ali & Ava“ von Clio Banard

Magnetic Beats“ von Vincent Maël Cardona - Magnetic Beats

A Chiara“ von Jonas Carpignano

Between Two Worlds“ von Emmanuel Carrère

The Sea Ahead“ von Ely Dagher

The Tsugua Diaries“ von Miguel Gomes“ von Maureen Fazendeiro

The Souvenir Part II“ von Joanna Hogg

A Night of Knowing Nothing“ von Payal Kapadia

Our Men“ von Rachel Lang

Integralded“ von Radu Muntean

The Employer and the Employee“ von Manuel Nieto Zas -

Hit the Road“ von Panah Panahi -

Fragments“ von Jean-Gabriel Périot -

A Brighter Tomorrow“ von Yassine Qnia

Europa“ von Haider Rashid

The Tale of King Crab“ von Alessio Rigo de Righi, Matteo Zoppis

Medusa“ von Anita Rocha da Silveira

Furuta“ von Alice Rohrwacher, Pietro Marcello, Francesco Munzi

The Braves“ von Anaïs Volpé

Ripples of Life“ von Shujun Wei

Neptune Frost Saul Williams“ von Anisia Uzeyman


Semaine de la Critique

Robuste“ von Constanze Meyer

The Gravedigger's Wife Khadar“ von Ayderus Ahmed

Feathers“ von Elie Grappe

Zero Fucks Given“ von Julie Lecoustre & Emmanuel Marre

Amparo“ von Simón Mesa Soto - Amparo

Libertad“ von Clara Roquet

Small Body“ von Laura Samani

Olga“ von Omar El Zohairy

A Tale of Love and Desire“ von Leyla Bouzid


Special Screenings

Anaïs in Love“ von Charline Bourgeois-Tacquet

A Radiant Girl“ von Sandrine Kiberlain

Bruno Reidal - Confessions of a Murderer“ von Vincent le Port

Petite Nature“ von Samuel Theis


L'acid

Little Palestine, Diary of a Siege“ von Abdallah Al-Khatib

Vedette“ von Claudine Bories, Patrice Chagnard

Aya“ von Simon Coulibaly Gillard

Down With the King“ von Diego Ongaro

The Candidate“ von Thomas Paulot

Ghost Town“ von Nicolas Peduzzi

Soy Libre“ von Laure Portier

A Corsican Summer“ von Pascal Tagnati

Venus by the Water“ von Lin Wan



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