© Paramount/UPI (aus "Jäger des verlorenen Schatzes")

Apathie im Freizeitpark - Zur Indiana-Jones-Reihe

Freitag, 04.06.2021

Der Mann mit Hut und Peitsche, den Steven Spielberg 1981 in „Jäger des verlorenen Schatzes“ verwegene Abenteuer erleben ließ, wird 40. Revision einer Ikone der Popkultur

Diskussion

1981 ging der Archäologe und Abenteurer Indiana Jones, gespielt von Harrison Ford, erstmals auf die Suche nach einem magischen Artefakt; vier Jahrzehnte später ist der Mann mit Hut und Peitsche immer noch eine populäre Ikone. Aber gehört der Held, den Steven Spielberg einst als Hommage auf die Kolonial-Abenteuerserien der 1930er- und 1940er-Jahre schuf, nicht längst selbst ins Museum?


„Ein passendes Ende für die Bestrebungen ihres Lebens. Sie werden diesen Fund dauerhaft ergänzen. In tausend Jahren sind vielleicht selbst Sie etwas wert.“ So spottet einer von Indiana Jones‘ zahllosen Widersachen in „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981), kurz bevor er den Archäologen und Abenteurer in einer Gruft zurücklässt. Natürlich entkommt der Held diesem düsteren Schicksal. Ihn erwarten noch zahllose Abenteuer.

Ganz am Anfang: Harrison Ford in "Jäger des verlorenen Schatzes" (UPI)
Ganz am Anfang: Harrison Ford in "Jäger des verlorenen Schatzes" (© UPI)

Und dennoch ist der große Jäger archäologischer Kostbarkeiten, wie von seinem Gegenspieler vorhergesagt, selbst längst zum Artefakt geworden. Nicht erst ein Jahrtausend, sondern schon vierzig Jahre haben ausgereicht, um aus ihm eine Ikone zu machen. Er ist eine dieser Figuren der Popkultur, die man schon an der Silhouette erkennt. Mensch und Symbol gleichermaßen. Schon im ersten Film zeigt ihn Regisseur Steven Spielberg immer wieder als unverkennbaren Schattenriss. Als er nach langer Zeit auf seine alte Flamme Marion Ravenwood trifft, prangen seine Konturen fast leinwandfüllend über ihr. Hut und Peitsche, fertig ist das Kostüm. Im Kino werden Mythen aus Klarheit geboren.


Die Kultfigur

Man kann sich vorstellen, wie dieser überlebensgroß gezeichnete Held in steinernen Tempeln als Gottheit verehrt wird, aber auch, wie warnende Inschriften in einer alten Pagode ihn zum finsteren Teufel erklären. Noch heute scharen sich die Fans um ihren großen Schatz wie die Ureinwohner aus dem ersten Film, verteidigen diese goldene Götzenfigur mit Speeren und zornigen Rufen. In ihrer Kritik zu „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ schrieb die US-Kritikern Pauline Kael im New Yorker treffend: „In den 1920er- und 1930er-Jahren sprach man für eine Weile von Kunst als Ersatz für Religion; heute sind B-Movies ein Ersatz für Religion.“ Und natürlich sind die heutigen Blockbuster, die Steven Spielberg in den 1970er-Jahren miterfand, immer gewaltig aufgeblähte B-Filme. Multiplex trifft Mega-Church.

Von der Zeit des ersten „Indiana Jones“-Films ist man im Jahr 2021 so weit entfernt wie der erste „Indiana Jones“ von der Zeit der Abenteuer-Serials, die ihn inspirierten. Jones hat sich länger gehalten als diese Film-Serien, die vor allem in den 1930er- und 1940er-Jahren von Cliffhanger zu Cliffhanger hetzten. Popkultur altert mittlerweile anders; das große Geld und eine neue, gierige Nostalgie konservieren. Sehr selektiv natürlich, aber das versteht sich von selbst.

Man muss wohl nicht mehr detailliert nacherzählen, worum es in den vier zwischen 1981 und 2008 veröffentlichten Filmen geht. Es ist ja auch immer dieselbe Geschichte, minimal variiert. Ein Schatz, der nicht in die falschen Hände fallen darf: erst die Bundeslade, dann die Shankara-Steine, der heilige Gral und zuletzt ein mystischer Kristallschädel. Auf dem Weg dorthin: Feinde und Begleiter, Fallen, Verfolgungsjagden, Exotisches. Selbst wer „Indiana Jones“ nie gesehen hat, kennt sein Echo, seine zahllosen Imitatoren und Parodien.


Die Reihe der Kolonial-Abenteuerhelden reißt nicht ab

Mit „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ und „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“ versuchte sich Michael Douglas als Schatzjäger, Jackie Chans Kung-Fu-Varianten hießen „Der rechte Arm der Götter“ und „Mission Adler“. Gut zwanzig Jahre später erschien mit „Chinese Zodiac“ sogar ein dritter Teil der Reihe. Der kam mit einem interessanten neuen Schwerpunkt daher: Chans „Asian Hawk“-Figur raubt nicht mehr die Schätze fremder Kulturen, sondern erobert Bronzestatuten zurück, die von Franzosen und Briten während dem zweiten Opiumkrieg entwendet wurden. Ein Anti-Indiana im Propaganda-Dienst der Volksrepublik China.

Die Videospiel-Archäologin Lara Croft tritt ab 1994 als „Tomb Raider“ immer wieder in seine Fußstapfen, später wird sie im Kino zwei Mal von Angelina Jolie verkörpert. Auch der Indy-Klon Nathan Drake aus der populären Playstation-Reihe „Uncharted“ kämpfte sich zuerst durch vier Konsolen-Abenteuer; Anfang 2022 soll die bereits abgedrehte Kino-Fassung mit Tom Holland erscheinen. Im selben Jahr wird auch der fünfte Teil der Indiana-Jones-Reihe veröffentlicht. Das ist durchaus bezeichnend für das Kino der Gegenwart: Verschiedene Generationen von nostalgischen Rückgriffen stehen gleichwertig nebeneinander. Kopien neben Kopien von Kopien.

Die Indiana-Jones-Filme haben ein seltsames Verhältnis zu Zeit und Geschichte – sie wollen unbedingt vermeiden, Teil davon zu werden. Der Archäologe wird damit eigentlich bedroht, wenn er in der Gruft eingesperrt werden soll: zum Objekt der Historie zu werden, statt mit ihr nach Gutdünken verfahren zu können. Spielball statt Spieler zu sein.


Wohldosierte Grausamkeit

Die eingangs zitierte Szene ist nur Echo einer früheren Begegnung zwischen Harrison Ford als Henry Jones Jr. und seinem finsteren Gegenspieler René Emile Belloq. Sie treffen in einer Spelunke in Kairo aufeinander und sagen sich die Sätze, die Schurken und Helden in solchen Geschichten einander eben sagen. Etwa: „Unsere Methoden haben sich nie so unterschieden, wie sie vorgeben. Ich bin ein schattiges Spiegelbild von Ihnen“. Nicht originell, aber auch nicht falsch: Jones braucht dringend Nazis, Kommunisten und irrsinnige Blutpriester, um im Kontrast zu ihnen gerade so als Held durchzugehen. Seine Feinde werden von Rotoren zerfetzt, zerquetscht, gesprengt, zermalmt, von Krokodilen und Ameisen gefressen, erschossen, mit Grillspießen erstochen, erhängt und in Alien-Portale gesaugt. Ihre Köpfe werden abgeschlagen, ihre Gesichter geschmolzen. Wohldosierte Grausamkeiten. Das verbindet Steven Spielberg mit Walt Disney: Ein klares Bewusstsein dafür, dass gerade die vermeintlich harmlose Familienunterhaltung oft das Abgründige und Schockierende braucht. Kinder lieben kaum etwas mehr als die Illusion, als Erwachsene angesprochen zu werden, Einblicke in die ihnen eigentlich verschlossene Welt zu erhalten.

Ein Blick in verschlossenen Welten: "Jäger des verlorenen Schatzes" (UPI)
Ein Blick in verschlossenen Welten: "Jäger des verlorenen Schatzes" ( ©UPI)

Im Anschluss zückt Belloq eine einfache Taschenuhr und erklärt Jones: „Sehen Sie sich das an. Es ist wertlos. Zehn Dollar bei einem Verkäufer in der Straße hier. Aber wenn ich es nun vergrabe und tausend Jahre im Sand liegen lasse, wird es unbezahlbar.“ Aber macht die Zeit alleine Dinge wertvoller? Eigentlich nicht. Artefakte sind wertvoll, weil es wenige von ihnen gibt, weil sie überdauert haben, weil Glück oder Planung sie gegen die Zeit immunisiert haben. Steven Spielberg ist heute wohl auch deshalb so angesehen, weil er so lange durchgehalten hat. Er hat den Marsch durch die Institutionen vollzogen, vom Fernseh- zum Genre- zum Blockbuster-Filmemacher, dann zum Chronisten der USA und zum Elder Statesman. Heute sind Filme wie „Die Verlegerin“ Wahlkampfhilfe und politische Intervention. Wer für die Vereinigten Staaten wirklich wichtig ist, erhält keine Medaille, sondern wird von Tom Hanks gespielt, zum Gegenstand eines Spielberg-Projekts oder sogar beides.


Wegbereiter des reaktionären Reagan-Kino

Jahrzehntelang galt der Regisseur aus Cincinnati einem erheblichen Teil der Filmkritik als eine Art Antichrist. Es fällt nicht schwer, sich in ihre Lage zu versetzen: Die Dekade des düsteren, zornigen New Hollywoods war vorbei und Wellen von aggressiv-sorglosem Spielzeugkino spülten über die Leinwände. Filmemache wie George Lucas und Steven Spielberg waren ein Rückschritt mit Ansage, Wegbereiter und wichtige Figuren des reaktionären Reagan-Kinos. Indiana Jones passt in diese Zeit, gerade als anti-intellektueller Intellektueller und zivilisationsmüder Zivilisierer der Barbaren.

Man kann immer nur spekulieren, aber es ist nicht abwegig anzunehmen, dass bestimmte Bilder und Klischees ohne den Welterfolg von Indiana Jones heute nicht denselben Resonanzraum in der Popkultur hätten. Die grotesken Karikaturen, in die Chinesen, Inder, Peruaner, Ägypter und eigentlich alle Nicht-Amerikaner verwandelt werden, waren nie unschuldig. Sie waren kalkuliert, letztlich die Voraussetzung und Existenzgrundlage der Reihe. America first: endlich wieder jemand sein nach Watergate und Vietnam. Man erkennt es auch daran, dass Spielberg und seine Autoren diese vielerorts kritisierten Elemente zwar aktiv reduzieren, aber nie ausmerzen konnten. Kein Gebäude kommt ohne seine tragende Säule aus.

Heute blicken viele wehmütig auf diese Generation von Massenunterhaltung zurück – als hätte nicht sie alles vorbereitet, was heute in den Multiplex-Kinos für Frust sorgt. Denn Indiana Jones war immer die Avantgarde der schlechtesten Tendenz des Mainstream-Kinos.

Lange bevor jede große Figur der Popkultur in fragwürdigen Prequels auf ihre Urszenen abgeklopft wurde, versetzte Spielberg seinen Helden in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ in das Jahr 1912. Hier lässt er sich von einem Grabräuber zu seiner künftigen Hutwahl inspirieren, hier rettet er sich in einem Zirkus-Zug (?) mit einer Peitsche vor einem Löwen. Man kann schwer über die Erfindung von Han Solos Namen in „Solo“ oder Cruella De Vils Dalmatiner-Trauma in „Cruella“ spotten, ohne auch auf diese Szene zu verweisen.


Ein Kino, das sich verzweifelt an die Kindheit klammert

Früher als die meisten brachte die Filmreihe auch das hervor, was der Filmkritiker Matt Singer später als „Legacyquel“ bezeichnete. Eine Fortsetzung, die dem Publikum gleichzeitig eine neue, jüngere Hauptfigur vorstellen will. Doch wie so oft scheiterte auch hier die Übergabe der Fackel von einer Generation zur nächsten. Der Indiana-Jones-Film mit der von Shia LaBeouf gespielten Figur Mutt aus „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ in der Hauptrolle ist bis heute nicht erschienen. Jetzt muss der fast 80-jährige Harrison Ford noch einmal antreten. Man sieht das und glaubt sofort, dass das Kino in Teilen zu einer geriatrischen Kunstform verknöchert ist. Maßlos trinkt es, wie in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, aus dem goldenen Kelch, in der Hoffnung auf ewiges Leben. Wie im Film gilt: „Seine Wahl… war schlecht.“

Die verzweifelt an die Kindheit geklammerte Popkultur akzeptiert kaum noch neue Helden. Nicht umsonst spielen Darsteller heute fast bis zum Ende ihres Lebens die ewig gleichen Rollen: Stallone ist immer noch Rocky und Rambo, Schwarzenegger bleibt bis zum bitteren Ende Terminator und Conan, Harrison Ford verkörpert eisern weiter Rick Deckard, Han Solo und eben auch Indy. Schon in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ zielen viele Witze darauf ab, dass Jones eigentlich zu alt für den Job ist. Das war vor über 30 Jahren. Die ewigen Kinder Spielberg und Lucas haben eine Generation von Kinofans mit ihren Geschichten von abwesenden Vätern in Angst versetzt. Diese Filme glauben an wenig, aber wenn sie an etwas glauben, dann an die zwingende Notwendigkeit des Patriarchen. „Ich kam nicht wegen des Kelches, sondern um meinen Vater zu finden“, erklärt Jones in diesem Film. Der Vater als wirklicher Heiliger Gral.

Will man die Entwicklung der Tetralogie über die Jahrzehnte hinweg beschreiben, reicht ein Blick auf einen wiederkehrenden Gestus der Reihe. Alle vier Filme beginnen gleich: Vom Logo des Filmstudios Paramount wird auf Berge in der Filmwelt überblendet. Treffender könnte man die maximale Warenförmigkeit der Filme, die bruchlose Übertragung von Studiowünschen auf die Leinwand, nicht darstellen. Sie spielen in Erzähluniversen, in denen Corporate Identity so real ist wie uralte Felsmassive. Doch schon im zweiten Teil „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ wird dann von einem Symbol auf ein anderes überblendet: Der Berg im Film, der auf das Logo folgt, verziert als Relief einen großen Gong. Die Distanz zur Realität wächst; in diesem Film wird alles noch abstrakter und cartoonhafter. Im vierten Teil wird vom Paramount-Logo auf einen computeranimierten Murmeltier-Hügel überblendet. Als wollte man sagen: Der alte Nimbus ist dahin, wir sind nur noch ein Schatten unserer selbst.

Denn „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ aus dem Jahr 2008 ging selbst den Fans in seiner Suche nach verwertbaren Attraktionen einen Schritt zu weit. In Anlehnung an eine Szene, in der Jones den Test einer Atombombe in einem Kühlschrank überlebte, wurde die Formulierung „Nuking the fridge“ geprägt. Eine Terminologie, um den Niedergang einer einstmals populären Filmreihe zu beschreiben. Natürlich überlebte der strahlende Held den Atomschlag im doppelten Sinn.

Shia LaBeouf und Karen Allen in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" (UPI)
Shia LaBeouf und Karen Allen in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" (© UPI)

Das in Marvel-Zeiten eingeläutete Ende des Endes in der Popkultur macht auch vor diesen Filmen nicht halt. So etwas wie Finalität kann Hollywood immer seltener anbieten. Die Indiana-Jones-Reihe musste sich jetzt eben 13 Jahre lang sammeln für die nächste Episode. Was in Teil 5 wohl auf das Paramount-Logo folgt. Ein Maulwurfshügel? Ein Kieselstein?


Ein Panzer aus Ironie

Natürlich ist es schwer, diese Art von Blockbuster zu kritisieren, weil sie im vorauseilenden Gehorsam jeden möglichen Kritikpunkt selbst formulieren. Alles, was Kritiker oder Fans bemängeln, wird irgendwann in den Filmen selbst kommentiert. Und immer auf eine Weise, die diese Kritik einhegt und neutralisiert. Im dritten Teil darf Jones sich von einem Feind anhören, nicht die Schätze, sondern er gehöre in ein Museum. Man schreibt das ins Drehbuch, damit es die Zuschauer nicht mehr sagen können. Die meisten der gerade aufgeführten Althelden wissen um ihre eigene Obsoleszenz, aber lachen das dann eben mit ein paar müden Kommentaren weg. Indiana Jones geht permanent so vor. Jede Szene endet mit einem Witzchen, nichts darf ernst gemeint sein. Nichts darf Gewicht haben.

Fortsetzung für Fortsetzung wird der Panzer aus Ironie massiver, bis eigentlich keine Bewegung mehr möglich ist. Doch auch das tausendste Sprüchlein täuscht nicht darüber hinweg: Indiana Jones ist im Kern ein ungemein langweiliger Held. Noch seine größte Reaktion wirkt träge und stoisch; Harrison Ford spielt ihn mit einem existenziellen Desinteresse. Mit kosmischer Teilnahmslosigkeit. Natürlich reagiert er hier und da auf seine Umgebung. Vor Schlangen hat er Angst, Frauen verärgern ihn. Ohnehin, Frauen – für Jones im besten Fall nervig, im schlimmsten Fall Verräter und Nazis. Aber letztlich lassen die Dinge ihn kalt, sie dringen kaum zu ihm durch.

Gleich mehrfach wird er mit göttlichen Mächten konfrontiert, mit den höchsten Wesenheiten verschiedenster Religionen von Judentum bis Hinduismus. Doch ein Box-Office-Gott duldet keine anderen neben sich. Indy sieht Aliens, trifft auf Adolf Hitler. Er durchlebt Dinge, die jeden anderen Menschen für immer verändern würden. Gerade für einen Wissenschaftler sollten sie essenziell sein; jede einzelne wäre die Krönung eines forschenden Lebens. Er entkommt hunderte Mal dem Tod, er töte hunderte Menschen. Doch das ist alles egal, für ihn wie für den Zuschauer. Die Jones-Filme sind erfüllt von einem kuriosen Nihilismus. All ihre Stereotypen und Klischees speisen sich auch aus einem Mangel an Faszination. „Du glaubst, es geht hier um Flaggen? Um Uniformen? Um Striche auf einer Karte?“, wird Indy einmal von einem ehemaligen Verbündeten gefragt. Indy antwortet: „Es geht nur um Geld, stimmt’s?“ Ein Moment der Selbstreflexion. Wenn in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ einem Mann das Herz herausgerissen wird, und er trotzdem weiterlebt, zweifelt man daran zu keiner Sekunde – die Filme kommen schließlich auch ohne sehr gut zurecht.


Rummelplatz-Kino

Allen diesen Filmen sind das Leben und vor allem die Welt letztlich gleichgültig. Karten mit roten Linien reduzieren sie auf austauschbare Schauplätze, Flugzeug, Zeppelin und Automobil lösen jedes Dazwischen in Luft auf. Der Filmschnitt bricht die Welt auf 3-5 Regionen pro Film herunter. Die Welt als Spielzeug und Kulisse. Alles flieht nach vorne, ohne Geschichte, durch eine ewige Gegenwart. Durch ein Jetzt!!! mit drei Ausrufezeichen. Die Heldenreise als Achterbahnfahrt.

Man stellt dies schon in der ersten Szene des ersten Films fest. Im Jahr 1936 zieht Jones mit einer Gruppe von Schatzsuchern durch Südamerika. Welches Land genau, das ist egal. Sie sind alle gleichermaßen Kulisse, exotische Dekoration, mit der man die immer gleichen Actionszenen verziert. Auf dem Weg in einen uralten Tempel überwindet er Spinnen, Stachelfallen, Abgründe und noch mehr Fallen, nimmt den goldenen Götzen an sich und löst dadurch noch mehr Fallen aus. Sein Begleiter verrät ihn, dann muss er vor einer Steinkugel, speerwerfenden Uhreinwohnern und einem fiesen Schurken fliehen. Selbst im rettenden Flieger findet sich noch eine Schlange.

Ein Jetzt mit drei Ausrufezeichen: "Indiana Jones und der Tempel des Todes" (UPI)
Ein Jetzt mit drei Ausrufezeichen: "Indiana Jones und der Tempel des Todes" (© UPI)

Zehn Minuten dauert diese Szene, dann sind Indiana Jones und sein Leben eigentlich auch auserzählt. Sie zeigt, wie die Filme auch im Großen funktionieren: durch schiere Addition. So wird die Modularisierung des Blockbuster-Kinos von Vorbildern wie James Bond auf die Spitze getrieben. Jede Gefahr wird durch fünf weitere ergänzt, am besten soll alles gleichzeitig passieren. Jede Szene sehnt sich nach brennendem Wasser und Wolken aus Beton. Es werden tausend bunte Bälle in die Luft geworfen, und am Ende bleibt beim Zuschauer hängen: Das waren wirklich, wirklich viele bunte Bälle. Es sind Filme, die greifbar machen, wieso Kinofilme für eine Weile so oft mit den Fahrgeschäften von Freizeitparks verglichen wurden.


Der Poptimismus der Gegenwart

Natürlich ist Steven Spielberg ein begabter Handwerker. Außerdem umgibt er sich mit anderen begabten Handwerkern. Einige der Matte Paintings sind traumhaft. Spielbergs Bilder sind von bemerkenswerter Klarheit, eindrücklich und lesbar wie Comic-Panels. Er weiß, wie er Ereignisse auf eine schlichte Kamerabewegung reduziert. Ein Messer wird gezogen, die Kamera fährt hinauf zu zwei gezückten Pistolen, die Lage ist klar. Das meiste würde man wohl auch verstehen, ohne die Dialoge zu hören.

Doch das allein erklärt nicht, warum sein indifferentes, infantilisierendes Rummelplatz-Kino heute oft selbst wie ein heiliger Gral behandelt wird. Tausende kluge Köpfe haben sich zu hymnischen Apologien aufgeschwungen, und dabei eigentlich immer nur ihre Kindheit besungen. Man kann sich auch zu sehr am Poptimismus der Gegenwart berauschen. Nein, Indiana Jones gehört nicht in ein Museum. Wir sollten uns für ihn höchstens so sehr interessieren, wie er für die Welt. Indiana Jones, dieser angebliche Archäologe, will Zeit und Geschichte nicht ordnen oder dokumentieren, sondern uns von ihrer Last befreien. Und wenn es keine Geschichte mehr gibt, macht endlich die Zeit allein die Dinge wertvoll.

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