© Berlinale (Visualisierung des Freiluftkinos Museumsinsel)

"Berlinale": Die Rückkehr des Roten Teppichs

Mittwoch, 09.06.2021

Das „Sommer Special“ der „Berlinale“ vom 9. bis 20. Juni 2021

Diskussion

Am 9. Juni beginnt das sogenannte „Sommer Special“ der 71. „Berlinale“, bei dem die Festivalfilme in Open-Air-Aufführungen endlich auch fürs Publikum zugänglich sind. Trotz aller Einschränkungen spricht viel für einen erfolgreichen Ablauf des zweiten „Berlinale“-Teils.



Die erste Etappe der 71. „Berlinale“ vom 1. bis 5. März 2021 war vieles, aber gewiss nicht glamourös. Ohne glanzvolle Premieren, ohne Stars auf dem Roten Teppich, ohne Eröffnungs- oder Abschlussgala, Fototermine, Pressekonferenzen oder Gesprächen mit Filmemachern. In Folge der Corona-Pandemie fand der erste Teil der „Berlinale“ weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die mit nur fünf Tagen äußerst knapp gehaltene März-Edition stellte die Filme zwar internationalen Jurys, Journalisten und Vertretern der Filmbranche vor und ließ bereits die wichtigsten Auszeichnungen vergeben; doch das treue „Berlinale“-Publikum musste sich in Geduld üben – und darauf hoffen, beim zweiten Teil im Juni unter besseren Bedingungen wieder in die Kinos zurückzudürfen. Was jetzt tatsächlich (fast) passiert.

Angesichts aktuell rapide fallender Infektionszahlen wäre es theoretisch wohl möglich gewesen, die Kinos in das sogenannte „Sommer Special“ einzubeziehen. Mit Blick auf die Planungsunsicherheit hatte die „Berlinale“-Leitung jedoch im Mai mit der Stadt ein anderes Prozedere ausgehandelt. Das Pilotprojekt einer reinen Open-Air-Ausgabe an 16 Spielstätten nimmt deshalb am 9. Juni mit der Eröffnung auf der Berliner Museumsinsel jetzt seinen Anfang. Als Eröffnungsfilm wurde das britisch-US-amerikanische Drama Der Mauretanier von Kevin Macdonald ausgewählt, das die Geschichte des angeblichen al-Qaida-Mitglieds Mohamedou Ould Salahi nacherzählt, der 14 Jahre ohne Beweise oder Anklage in Guantanamo Bay eingesperrt war.

Der Auftakt kann in der 3sat-Mediathek, der ZDF-Mediathek und auf www.berlinale.de live mitverfolgt werden. Neben Ehrengästen aus Politik und Filmbranche ist auch die im Film von Jodie Foster dargestellte Anwältin Nancy Hollander angekündigt; von Jodie Foster sowie von Co-Star Benedict Cumberbatch und Regisseur Kevin Macdonald gibt es digitale Grußworte.

Mit „Der Mauretanier“ wird die „Berlinale“ 2021 eröffnet (© Tobis)
Mit „Der Mauretanier“ wird die „Berlinale“ 2021 eröffnet (© Tobis)


Preisverleihung am 13. Juni

Die Museumsinsel gehört bis zum 20. Juni zu den wichtigen Freiluft-Spielstätten der „Berlinale“, die über ganz Berlin verteilt sind und auch die traditionellen Kiez-Vorführungen fortführen. Am 13. Juni werden auf der Museumsinsel dann auch die Preise im Wettbewerb sowie den Sektionen „Encounters“ und „Generation“ und bei den Kurzfilmen vergeben. Weitere Jurys verkünden im Laufe der Sommer-„Berlinale“ ihre Sieger. Dazu gehören unter anderem der „Caligari-Preis“ (vergeben vom „Bundesverband kommunale Filmarbeit“ und filmdienst.de) für einen Film der „Forum“-Sektion, der Preis für den Besten Erstlingsfilm, der „Berlinale Dokumentarfilmpreis“ und der „Teddy Award“ für einen herausragenden Film mit queerer Thematik. Auch einen Publikumspreis für den Wettbewerb gibt es, während die „Leserjurys“ von „Berliner Morgenpost“ und „Tagesspiegel“ in diesem Jahr pausieren. Auch eine Ökumenische Jury gibt es diesmal nicht; sie ist erst 2022 wieder am Start.

Da die Vorführungen überwiegend in den Abendstunden beginnen, kommt der Sommer-„Berlinale“ das entschlackte 2021er-Programm mit nur 126 Filmen sehr entgegen. Angesichts der hochwertigen Auswahl dürfte sich dies leichter verschmerzen lassen. Anders als erhofft, wurde aber die Retrospektive komplett ins nächste Jahr verschoben. Die 27 Filme von „No Angels – Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard“ über die drei vor allem in Komödien auftrumpfenden US-Schauspielerinnen der 1930er- und 1940er-Jahre werden erst 2022 zu sehen sein. Immerhin ist am 20. Juni um 22 Uhr im Schloss Charlottenburg mit der Mae-West-Komödie Ich bin kein Engel eines der restaurierten Werke vorab zu sehen.


Reduzierte Zuschauerzahl und Hygiene-Konzepte

Der Vorverkauf für alle Filmvorführungen begann am 3. Juni; bislang deutet alles darauf hin, dass die 60.000 Tickets mühelos Abnehmer finden. Das sind im Vergleich zu den weit über 300.000 verkauften Karten bei einer normalen „Berlinale“ zwar erheblich weniger, was das Festival finanziell durch Unterstützung des Bundes auszugleichen hofft. Doch vergessen lässt sich die Corona-Realität auch im Sommer nicht. Dafür sorgt schon das Hygienerahmenkonzept, mit dem die Open-Air-Ausgabe bestritten wird. Neben reduzierter Zuschauerzahl, Abstand zwischen den Sitzen, Händehygiene und dem Vermerken der Kontaktdaten gehören auch eine FFP2-Maskenpflicht überall außer am Sitzplatz sowie die Vorgabe, den Einlass nur mit einem höchstens 24 Stunden alten negativen Test beziehungsweise nachgewiesener vollständiger Impfung oder Genesung zu erlauben, dazu.

Die „Goldenen“ und „Silbernen Bären“ werden am 13. Juni den Gewinnern der Jurypreise überreicht (© Sandra Weller/Berlinale 2020)
Die „Goldenen“ und „Silbernen Bären“ werden am 13. Juni den Gewinnern der Jurypreise überreicht (© Sandra Weller/Berlinale 2020)

Attraktiv an der „Sommer-Berlinale“ dürfte für die glücklichen Besucher allerdings nicht nur sein, dass nach vielen Monaten überhaupt wieder Kulturerlebnisse möglich sind. Auch die Filme sind dazu angetan, wohltuende Ablenkung von der Realität des Corona-Jahres zu bieten. Denn schon im März ließ sich das Fazit ziehen, dass die allermeisten Filme es vermeiden, die Corona-Pandemie zu thematisieren. Stattdessen entführen sie oft in Geschichten, in denen der Wert von Kontakten und menschlicher Nähe hochgehalten wird und teilweise geradezu utopische Züge erhält. Eine völlige Unbeschwertheit mag dieser „Berlinale“ vielleicht noch nicht zu eigen sein; trotzdem spricht viel dafür, dass auch der Filmbranche als Ganzes mit dem „Sommer Special“ einen wichtigen Schritt in Richtung normalere Verhältnisse gelingt.


Auf www.filmdienst.de sind zur 71. „Berlinale“ schon im März zahlreiche Artikel und Kritiken erschienen. Hier finden sich alle Texte noch einmal in der Übersicht:


„Berlinale“ 2021 – Das komplette Programm

„Berlinale“: Feier des Unvorhersehbaren (Fazit)

„Berlinale“: Nicht das Ende, sondern der Anfang (Preisträger)

„Berlinale“: Das Versprechen von Nähe (Zwischenbericht)

„Berlinale“: Es muss anders werden! (Serien-Special)

„Berlinale“: Warum ist Gerson Liebl kein Deutscher? (Forum Expanded)

To stream or not to stream (Woche der Kritik)

Anders als im Gewinner des „Goldenen Bären“, „Bad Luck Banging or Loony Porn“, ist die Corona-Pandemie in den meisten Festivalfilmen kein Thema (© Berlinale/Silviu Ghetie & Micro Film 2021)
Anders als im Gewinner des „Goldenen Bären“, „Bad Luck Banging or Loony Porn“, ist die Corona-Pandemie in den meisten Festivalfilmen kein Thema (© Berlinale/Silviu Ghetie & Micro Film 2021)



Filmkritiken:

A Cop Movie

A River Runs,Turns, Erases, Replaces

As I Want

Azor

Bad Luck Banging or Loony Porn

Blutsauger

Brother’s Keeper

Fabian oder Der Gang vor die Hunde

From the Wild Sea

From Where They Stood

Herr Bachmann und seine Klasse

Ich bin dein Mensch

In Bewegung bleiben

Instructions for Survival

Introduction

Jesus Egon Christus

Last Days at Sea

Das Mädchen und die Spinne

Der Mauretanier

Memory Box

Mission Ulja Funk

Nebenan

Petite Maman

Die Saat

Short Vacation / Bis ans Ende der Welt

Sozialhygiene

Stop-Zemlia

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?

We

Wheel of Fortune and Fantasy

When a farm goes aflame

Wood and Water

Kommentar verfassen

Kommentieren