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Caligari Filmpreis 2021: Der Fluss der Bilder

Donnerstag, 10.06.2021

Der Caligari-Filmpreis des „Internationalen Forum des jungen Films“ bei der 71. Berlinale geht an den chinesischen Film „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“

Diskussion

Mit dem „Caligari Filmpreis“ wird seit 1986 ein herausragender Film im „Internationalen Forum des jungen Films“ der „Berlinale“ geehrt. Der Preis geht 2021 an den chinesischen Film „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ von Shengze Zhu. Das elegisch-vielschichtige Porträt der chinesischen Stadt Wuhan entwirft ein Bild der Metropolie jenseits der Nachrichtenbilder im Bann von Covid-19 und mit vielen Leerstellen, die die Pandemie hinterlassen hat.



Die Überwachungskamera ist auf den Eingang einer menschenleeren Fußgängerzone gerichtet. Der Timecode läuft, Wochen und Monate vergehen im Zeitraffer. Ein Polizist sperrt den Eingang ab. Sein Gesicht ist von einer medizinischen Maske verdeckt. Langsam kommen Menschen auf die Straße, vorsichtig, mit Maske. Es werden immer mehr.

Am 4. April 2020 endete die Ausgangssperre in der chinesischen Stadt Wuhan. Nach dem Tunnelblick der Überwachungskamera sieht man die Stadt Wuhan in langen, tableauhaften Totalen. Die breiten Wasser des Jangtsekiang trennen die beiden Stadtteile dies- und jenseits des Flusses. Dort brach im Dezember 2019 die Covid-19-Pandemie aus; die Bilder der leeren Stadt gingen um die Welt. Der 34-jährigen Regisseurin Shengze Zhu geht es aber um anderes; sie zeigt die belebte Stadt, den Fluss und die Menschen und erzählt von einer kollektiven Erstarrung, die sich erst langsam wieder löst, von Verlust, Trauer und dem Lauf der Zeit. Das ist schon im Titel angelegt: „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ ist kein Film, der einen leichten Zugang eröffnet, durch seine ungewöhnliche Bildgestaltung und die vielschichtige Tonebene aber unmittelbar in Bann schlägt.

"A River (Burn the Film)
"A River Runs, Turns, Erases, Replaces" von Shengze Zhu (© Burn the Film)

Der Film gehörte zu den Highlights im „Internationalen Forum des jungen Films“ der 71. Berlinale, deren Sommer-Ausgabe fürs Publikum am 9. Juni in Berlin startet; „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ wird am 17. Juni gezeigt und mit dem Caligari-Filmpreis geehrt. Der Filmpreis, dessen Namen an den Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ angelehnt ist, wird seit 1986 an einen stilistisch wie thematisch innovativen Film aus dem Programm des Forums verliehen; mit ihm wird die Bedeutung dieser „Berlinale“-Sektion für die kulturelle Kinoarbeit gewürdigt. Die von den Kommunalen Kinos und filmdienst.de gestiftete Auszeichnung ist mit 4.000 Euro dotiert. Die Regisseurin erhält 2.000 Euro, die andere Hälfte des Preisgeldes wird für Werbemaßnahmen verwandt, um Kinoaufführungen von „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ in Deutschland zu begleiten.


Bagger und Büffel

Die langen Einstellungen von „A River Runs, Turns, Erases,Replaces“ lassen dabei sehr unmittelbar in die Facetten der Stadt- und Flusslandschaft von Wuhan wie in ein Gemälde eintauchen: die Menschenmasse am Flussufer und ihr Jubel, als die Skyline der Stadt in der Abenddämmerung in bunten Lichtern erstrahlt. Die Passanten, die am großen Mao-Bild auf der Betonwand vorbeigehen. Die Bagger in der Flusslandschaft, die um halbfertige Autobahnbrücken herum das Erdreich aufreißen, Wasserbüffel am Ufer, die grasen und sich entleeren. Andernorts tanzen die Alten eng umschlungen zur Melodie der schottischen Ballade „Nehmt Abschied Brüder“. Im Wasser tummeln sich Schwimmer. Immer wieder sind in Totalen die Brücken, die großen Schiffe und der Himmel über der Stadt zu sehen.

In die Bilder werden Worte eingeblendet, Schriftzeichen, Fragmente von Abschiedsbriefen: an den Lebensgefährten, die Großmutter und den Vater. Abschiedsworte, die nie ausgesprochen wurden und durch Krankheit und Tod auch nie mehr gehört werden. Die Pandemie-Toten hinterlassen eine Leerstelle. Man spürt, dass die Weite der Einstellungen noch gefüllt werden muss, mit Erinnerungen, Trauer und neuen Perspektiven. Am Ende stehen Schwarz-Weiß-Fotos von Männern und Frauen in unterschiedlichen Phasen der chinesischen Geschichte, gelebtes Leben oder schon vergangenes; nur der Fluss zieht weiter. Vielleicht stehen die gigantischen, bunt angestrahlten Brücken über den Jangtsekiang ja für Hoffnung und Neubeginn.

Der Filmemacherin Shengze Zhu ist jenseits der Schlagzeilen um Corona eine poetische Hommage an ihre Heimatstadt gelungen, die insbesondere durch ihre stilistische Konsequenz überzeugt.


Das „Forums“-Programm und die Pandemie

Das „Internationale Forum des jungen Films“ bei der 71. Berlinale präsentierte in einem durch die Pandemie begrenzten Programm insgesamt 17 Filme, in denen es immer wieder um Fragen nach der Entstehung von Bildern ging, nach der Konstruktion von Wirklichkeit oder danach, wie sich Schlagwörter und Vorstellungen mit dem kollektiven Bildgedächtnis verbinden. So handelt der Film Anmaßung von Chris Wright und Stefan Kolbe nicht nur von dem Frauenmörder Stefan S., sondern auch davon, wie sich das Bild der Filmemacher im Blick auf den Protagonisten verändern. Der verurteilte Mörder, der sein Gesicht im Film nicht zeigen will, wird dabei streckenweise von einer großen Puppe mit leuchtenden Augen dargestellt; dazu werden Interviews mit dem Straftäter rezitiert oder eingespielt.

"Anmaßung" von Chris Wright, Stefan Kolbe (ma.ja.de)
"Anmaßung" von Chris Wright, Stefan Kolbe (© ma.ja.de)

Der französische Regisseur Christophe Cognet spürt in „From Where They Stood“ den KZ-Häftlingen nach, die in den NS-Vernichtungslagern unter Lebensgefahr den Schrecken fotografisch festhielten; ihre Schwarz-Weiß-Fotografien werden im Film mit Aufnahmen der heutigen Gedenkstätten verbunden. Der spanische Regisseur Alvaro Gurrea geht nach Java und erzählt in „Ancient Soul“ dreimal die gleiche Geschichte von einem jungen Mann, der im Steinbruch gelben Schwefel abbaut und vergeblich versucht, Krankheit und Tod zu stoppen. Doch weder die Heilsversprechungen des Naturglaubens noch des Islam und erst recht nicht die des Finanzkapitalismus können ihn retten.


Bilder graben sich ins Gedächtnis ein

Night Nursery“ ist ein Meisterwerk der teilnehmenden Beobachtung. Der Filmemacher Moumouni Sanou zeigt ein Haus in Burkina Faso, wo Prostituierte ihre Kinder über Nacht in der Obhut einer alten Frau zurücklassen. Die Natürlichkeit des Films und die Unbefangenheit der Protagonistinnen, die Bilder der Mütter und der Kinder, die Dynamik und Lebensfreude, mit der sie ihren schwierigen Alltag bewältigen, bleiben lange im Gedächtnis.

Wie Bilder gesellschaftliche Zusammenhänge kompakt auf einen Punkt bringen, fängt die georgische Filmemacherin Salomé Jashi in Taming the Gardenein. Der Film dokumentiert den Abtransport jahrhundertealter Bäume aus georgischen Dörfern; ein Finanzmogul hat sie für seinen Naturpark gekauft. Die Dorfgemeinschaften sind gespalten; viele trauern den alten Bäumen nach, andere freuen sich über das Geld. „Taming the Garden“ begleitet die Bäume auf dem Weg zum Meer und dann weiter mit dem Schiff. Das Bild des großen Eichenbaums, der über Land und Wasser seinem Ziel entgegentreibt, verdichtet sich zur Frage nach den Grenzen der Käuflichkeit und dem Wert gesellschaftlicher Traditionen.

"Taming the Garden" von Salomé Jashi (Mira Film)
"Taming the Garden" von Salomé Jashi (© Mira Film)

Bilder wie die Weite von Wuhan, die blauen Augen der Puppe in „Anmaßung“, die ebenso prosaischen wie erschreckenden Fotografien aus den NS-Konzentrationslagern, der gelbe Schwefel im Dschungel, die leuchtenden Gesichter im Kinderhort und der aus seiner Umgebung gerissene uralte Baum graben sich tief ins Gedächtnis ein. Dort harren sie auf gesellschaftliche Diskurse.


Die Jurybegründung zum Caligari Filmpreis 2021

A River Runs, Turns, Erases, Replaces ist kein Film, der das Publikum gleich mit der ersten Einstellung mitnimmt. Die außergewöhnliche Bildgestaltung und die vielschichtige Tonebene schlagen in der Folge aber umso mehr in Bann. Der Film überzeugt durch stilistische Konsequenz: in tableauhaften, langen Totalen erfasst er die Trauer und Stagnation während und nach der Corona-Pandemie. Den Momenten der Einsamkeit und Isolation, selbst bei Feiern und inmitten von Menschenansammlungen, entspricht die Trauer und innere Leere der eingeblendeten Schriftzeichen. Über den Fluss, seine Ufer und Brücken entwirft die Regisseurin Shengze Zhu ein poetisches Bild ihrer Heimatstadt Wuhan. Steht am Anfang die Kälte der Überwachungskamera, mündet der Film nach der Verzweiflung in die Hoffnung. Künstliches Licht lässt die Stadt in Regenbogenfarben erstrahlen.“


Mitglieder der Caligari-Preisjury 2021 waren Elena Baumeister (Filmmuseum Potsdam), Wolfgang Hamdorf (filmdienst.de) und Antonia Papagno (Kommunales Kino Trossingen)

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