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Filmklassiker: "Mandabi" von Ousmane Sembène

Freitag, 25.06.2021

Sein erster Langspielfilm etablierte Ousmane Sembène (1923-2007) als Ikone des westafrikanischen und postkolonialen Kinos.

Diskussion

Sein erster Langspielfilm „Mandabi“ etablierte Ousmane Sembène (1923-2007) als Ikone des westafrikanischen und postkolonialen Kinos. Der vermeintliche Geldsegen einer Postanweisung erweist sich für einen treuherzigen Familienvater als Fluch.


Zuhause ein König. Wie auf einem Thron sitzt Ibrahima Dieng (Makhourédia Guèye) vor seinen knienden Frauen und staucht sie zusammen. Der ganzen Nachbarschaft hätten sie von der Geldanweisung seines Neffen aus Paris erzählt, er sähe schon die Schnorrer vor der Tür. Er selbst hat das Ereignis verschlafen, wie auch das morgendliche Freitagsgebet. Ibrahimas Selbstbild als ehrbarer Patriarch und gläubiger Muslim steht in Wahrheit auf wackligen Füßen, seit vier Jahren ist er ohne Arbeit, und das mit zwei Frauen und sieben Kindern. Dass er als letzter von den 25.000 Franc erfährt, die er nur noch einzulösen braucht, hat seine innere Logik. Von seinen Frauen gewaschen und gefüttert wie die eigenen Kinder, mit denen man ihn nie sprechen sieht, ist er ein Fremdkörper im eigenen Haus. Zur Gesellschaft außerhalb der eigenen vier Wände, hier in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, dem Ort der tragikomischen Handlung, gehört er allerdings erst recht nicht – ein Schicksal, das er paradoxerweise mit dem ganzen Land teilt.

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Ein Film über und für die Menschen des Senegal

Seit seinem Erscheinen 1968 – Premiere hatte der Film beim Filmfestival in Venedig und wurde dort mit dem Spezialpreis der Jury geehrt – gilt „Mandabi“ (dt. Titel: Die Postanweisung), Ousmane Sembènes erster Langfilm, als Meilenstein des afrikanischen Kinos. Zu dessen Gründungsvater wurde der im Senegal geborene Fischersohn, Schriftsteller und Marxist auch durch die revolutionäre Entscheidung, seinen Film in der heimischen Sprache Wolof zu drehen. Es ist die einzige Sprache, die Ibrahima zur Verfügung steht, wie dem überwiegenden Teil der Bevölkerung – und damit beginnen seine Probleme. Die Einlösung des vermeintlichen Geldsegens nämlich erweist sich als nahezu unmöglich. Er hat weder einen Personalausweis noch eine Geburtsurkunde, um sich einen solchen ausstellen zu lassen. Die Behördensprache ist die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, die geforderten Schriftstücke sind französisch, genauso wie das Schulsystem, das der Analphabet nie durchlaufen hat. Überall findet er freundliche Übersetzer und sonstige Helfer, die allerdings ihren Teil verlangen. An jeder Straßenecke wird er angebettelt und in seiner Unwissenheit auch betrogen. Im Grunde ist der arme Mann ruiniert, bevor er einen einzigen Cent gesehen hat.

Sembènes umfassende Kritik an Bürokratie, Korruption und kolonialem Erbe stellt die Frage, was die Unabhängigkeit acht Jahre zuvor seinen Landsleuten gebracht hat. Eine neue frankophone Führungselite erweist sich als Ibrahimas schlimmster Gegner. Doch im gleichen Atemzug werden auch traditionelle Werte wie Religion, Polygamie und die damit verbundenen Geschlechterrollen aufs Korn genommen. Einen wirklich afrikanischen Film wollte Sembène machen, an einer Idealisierung afrikanischer Kultur hingegen war er nicht interessiert. Das vom damaligen sozialistischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor propagierte Ideal der „Négritude“ empfand er als identitätspolitische Sackgasse. Stattdessen verweist das Porträt von Ibrahimas Frauen Méty und Aram, alleinverantwortlich für den sozialen Zusammenhalt, bereits auf die starken Frauenfiguren späterer Filme bis hin zu seinem Anti-Beschneidungsmanifest „Moolaadé“ (2004), dem letzten Film vor seinem Tod.


Über all das informieren die hervorragenden Begleitinterviews zur restaurierten Neufassung des Films, die im letzten Jahr auf dem Filmfestival in Lyon präsentiert wurde. Darin erfährt man auch, dass Sembène tatsächlich zwei Sprachversionen drehte, um seine französischen Geldgeber zufriedenzustellen. Der Kulturminister André Malraux höchstselbst hatte sich für ihn eingesetzt. Falsch sind hingegen Gerüchte, jahrzehntelang sei nur die französische Fassung zu sehen gewesen. Diese wurde vielmehr umgehend vernichtet. Französisch spricht hier nur, wer das von Amts wegen muss – oder etwas zu verbergen hat.


Filmemachender Schriftsteller und brillanter Stilist

Sembènes eigene Legende als filmemachender Schriftsteller, der das Medium nur benutzte, um seine illiteraten Landsleute zu erreichen, verleugnet allzu oft seine stilistische Brillanz. „Mandabi“ ist, erst recht in restaurierter Form, ein umwerfend schöner Film mit sonnigen Farben – natürlich war es auch der erste westafrikanische Farbfilm – und exquisiten Einstellungen. In lebendigen Straßenszenen kontrastiert die bittere Armut fast sämtlicher Protagonisten mit deren prachtvollen Gewändern. Die sowjetische Montagetechnik und der italienische Neorealismus werden oft als Einflüsse genannt. Dass wir Ibrahima in seiner pompösen Robe zunächst auf den Leim gehen, lässt aber auch an Kurosawa denken – noch in der ärmsten Hütte inszeniert Sembène ein shakespearesches Königsdrama. Den endgültigen Bruch zwischen Schein und Sein markiert kurz darauf ein melancholisches Zwischenspiel in Paris. Es zeigt den Neffen, also den Urheber der unseligen Geldanweisung, als einsamen Straßenkehrer. Er wollte nicht wie sein Onkel enden, und ist nun fremd in einem anderen Land. Es ist, trotz eines einigermaßen hoffnungsvollen Endes, auch ein weiterhin aktueller Film.



Hinweise:

Mandabi (Le mandat/Die Postanweisung). Senegal 1968. Regie und Buch: Ousmane Sembène. Mit Makhourédia Guèye, Ynousse N’Diaye, Isseu Niang u.a. 92 Min. FSK: ab 12. Restaurierte Fassung.

DVD-Schuber mit Audiokommentar, u.a. Interview mit Ousmane Sembènes Sohn Alain Sembène, „Hinter den Kulissen von Mandabi“ – Filmmaterial von den Dreharbeiten, „Eine senegalesische Geschichte: Mandabi und die Geburtsstunde des westafrikanischen Kinos“, Booklet.

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