© imago/Zuma Wire (Fred Hampton im Jahr 1969 )

Filmklassiker: „The Murder of Fred Hampton“ (1969)

Sonntag, 04.07.2021

Der Mord an dem Black-Panther-Aktivisten Fred Hampton hat bereit ein Jahr nach seinem Tod eine filmische Reflexion erfahren: im Dokumentarfilm „The Murder of Fred Hampton“ von Mike Gray und Howard Alk

Diskussion

Das biografische Politikdrama „Judas and the Black Messiah“ von Shaka King ruft aktuell die Geschichte der Black Panther Party und ihres Vorsitzenden in Illinois, Fred Hampton, in Erinnerung. Als Pedant dazu empfiehlt sich ein investigativer Dokumentarfilm, „The Murder of Fred Hampton“ aus dem Jahr 1969, der auf YouTube frei verfügbar ist.



Die letzten Worte dieses wortstarken Films tönen nicht heraus, sondern stehen geschrieben, in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund, ein letztes Zitat von Fred Hampton: „Ich glaube, ich werde als Revolutionär im internationalen, revolutionären, proletarischen Kampf sterben.“

Wie viel von dieser Rhetorik es hinüber geschafft hat in den Film „Judas and the Black Messiah“ von Shaka King, der in Deutschland gerade in den Kinos gestartet ist, weiß ich (noch) nicht. Dieser andere Film allerdings ist voll davon. Er heißt „The Murder of Fred Hampton“, wurde 1969 von Mike Gray und Howard Alk gedreht und ist frei auf YouTube verfügbar – ein zeitgenössisches, dokumentarisches Pendant zu Kings „Oscar“-nominierter Hollywood-Bearbeitung.

Gray und Alk begannen Ende 1968 damit, den Vorsitzenden der Black Panther Party in Chicago zu porträtieren. Den Aufnahmen, die den ersten Teil ihres Films ausmachen, merkt man ihre Faszination an: Hampton ist gerade mal 21 Jahre alt, aber dank seines Talents für politische Organisation schon an der Spitze der Black Panther Party. Und er befindet sich inmitten eines Kampfs, der sich täglich intensiviert. Die Zeiten der Bürgerrechtsbewegung sind vorbei, die Friedenslieder sind ausgesungen; vor allem in den großen Städten hat man genug von Polizeigewalt und Ausbeutung. „Black Liberation“ heißt das Gebot der Stunde, und das nicht nur kulturell, sondern auch materiell. Die Panther organisieren kostenlose Frühstücke in den Communities, sie bauen eine eigene kommunale Gesundheitsversorgung auf, ein eigenes Bildungssystem, und sie bewaffnen sich, weil die Polizei sie nicht schützt, sondern bedroht. Die Reaktion auf den institutionellen Rassismus, der in den 1960er-Jahren erstmals unter diesem Namen im öffentlichen Diskurs benannt wird, ist der Aufbau eigener Institutionen. Autonomie aus Notwehr.

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Fred Hampton bei einer Rede im September 1969 (© imago/ZUMA Wire)

Ringen um eine „Rainbow Coalition“

Auch rhetorisch verbirgt sich mehr hinter der Politik der Panther als die Sprache der Identität. Hampton ist Sozialist, er schert sich nicht um Hautfarben, aber umso stärker um Rassismus. Er sagt: „Wir hassen nicht weiße Menschen, wir hassen den Unterdrücker, ob er nun weiß, schwarz, braun oder gelb ist.“ Er sucht nach Allianzen in Chicago, gründet gemeinsam mit Interessenvertretungen von weißen Migrant:innen aus den Appalachen und von Puertoricaner:innen die erste „Rainbow Coalition“. Im „The Murder of Fred Hampton“ sieht man ihn bei Ansprachen, in denen er zum politischen Prediger wird, ebenso wie in Hinterzimmer-Diskussionen, in denen er zur Denkmaschine wird, die in einem Wahnsinnstempo politische Zusammenhänge herstellt und herauskatapultiert.

Die schwammige Oberfläche des Films, wie sie in der schwach aufgelösten YouTube-Version entgegentritt, verstärkt die raue, unmittelbare Ästhetik des Films nochmals. Hito Steyerl hat solche „poor images“ einmal als die Verdammten des Bildschirms bezeichnet, ein „Lumpenproletariat in der Klassengesellschaft der Erscheinungen“, das immer wieder in Richtung Abstraktion tendiert.

So auch hier: Verpixelte Archivaufnahmen in Schwarz-Weiß, mal so dunkel, dass alles vage flächig ist, bis auf die Münder, aus denen die Einsichten schießen; mal alles gleißend hell, wenn auf einer Demo vor dem Gefängnis die Freilassung Huey Newtons gefordert wird. Die Affekte finden auf der Tonspur statt, das Bild ist dagegen leicht asynchron, kommt nicht hinterher. Im Bild scheint die Vergangenheit längst geschehen, auf der Tonspur wirkt sie aufregend und gegenwärtig.


Ein historischer Riss

Das ändert sich etwa zur Hälfte des Films. „The Murder of Fred Hampton“ ist entzweigerissen, weil ein Riss durch seinen Produktionsprozess ging. Am 4. Dezember wird das Quartier der Panther in Chicago gestürmt, über 80 Schüsse werden abgefeuert, Hampton per Kopfschuss hingerichtet. Der Film wird jetzt zu einem Stück des investigativen Journalismus, befasst sich mit der Rekonstruktion dieser Nacht, begeht den Tatort, schneidet die Aussagen der Polizisten, die jede Schuld von sich weisen, gegen die Augenzeugenberichte der Überlebenden, darunter auch Hamptons schwangere Freundin Akua Njeri. Der Film kommt hier bereits zu dem Schluss, der ihm seinen Namen gibt, und der erst in den folgenden Jahren endgültig bestätigt wird: dass die Stürmung des Quartiers eine minutiös geplante FBI-Operation war, mit einem einzigen Hauptziel: dem Mord an Fred Hampton.

"Die Ermordung Fred Hamptons" (imago/ZUMA Wire)
"Die Ermordung Fred Hamptons" (© imago/ZUMA Wire)

So steht der Riss, der durch „The Murder of Fred Hampton“ geht, auch für einen historischen Riss, der durch die Geschichte des Antirassismus in den USA geht. Denn wenn der erste Teil des Films angesichts aktueller müßiger Debatten um Identitätspolitik fast wehmütig wirkt mit seiner revolutionären Rhetorik, dem Bemühen um eine Allianz der Unterdrückten, mit seiner Politik der Farbenblindheit im besten Sinne, zeigt der zweite Teil, dass das Ende dieser revolutionären Politik nicht einfach nur das Ergebnis von Spaltungen der Bewegungen oder einer neuen Logik der Identität ist. Sondern dass diese Politik in den Augen der Herrschenden so gefährlich geworden war, dass sie zum Ziel staatlicher Gewalt wurde.


Macht ist die Fähigkeit, soziale Phänomene zu definieren

Der Berater von US-Präsident Nixon, John Ehrlichman, erklärte 2016 in einem Interview, wie das Regime ab 1968 gegen ihre zwei Hauptfeinde, „die Anti-Kriegs-Linke und die Schwarzen“, vorging: „Wir konnten es nicht einfach verbieten, gegen den Krieg oder schwarz zu sein, aber wir konnten diese Communities sprengen, indem wir die Hippies mit Marijuana assoziierten und die Schwarzen mit Heroin. Dann konnten wir ihre Führungspersonen verhaften, ihre Häuser stürmen, ihre Treffen auflösen, und sie Nacht für Nacht in den Nachrichten diffamieren. Ob wir wussten, dass das mit den Drogen gelogen war? Natürlich wussten wir das.”

Es sind Geschichten wie diese, die in den Debatten heute mitunter verloren gehen. Nach den 1960er-Jahren war es nicht zuletzt die US-Regierung, die eine identitätspolitische Strategie fuhr. Sie erfand Mittel und Wege, über „race“ zu sprechen, ohne „race“ zu sagen, sie spielte afroamerikanische Sozialhilfe-Empfänger:innen gegen die weiße Arbeiterklasse aus, sie wertete den Begriff der Farbenblindheit um: von Martin Luther Kings Utopie zu einer juristischen Prämisse. Das Gesetz ist farbenblind, hieß es fortan vor allem, wenn es darum ging, Versuche abzuwehren, der real existierenden Segregation und Benachteiligung entgegenzuwirken. Es ist, wie Fred Hampton einmal sagt in diesem Film: „Macht ist nicht zuletzt die Fähigkeit, soziale Phänomene zu definieren.“

"Die Ermordung Fred Hamptons" (imago/ZUMA Wire)
"Die Ermordung Fred Hamptons" (© imago/ZUMA Wire)

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